Wie Frieden & Freundschaft auf den Hund kamen oder wozu noch Gedichte?

Wer die feinen Klänge in der Nacht zum 4. Oktober 1957 registrierte, mochte Tiefsee-Sonar vermuten, einen surrealen Unterwassertraum annehmen, doch das Geräusch war echt. Den Hall im All erzeugte SPUTNIK EINS, der erste russische Satellit. Sein Sound, eine Zeitenwende.

Es war ein Coup ohnegleichen: Obgleich der Satellit wenig mehr konnte, als Signale auszusenden, verpasste er der westlichen Welt einen tiefgreifenden SPUTNIK-Schock. Und überließ die USA journalistischer Häme: Mochten die Amerikaner noch so eilig ihren eigenen Satelliten auf die (Umlauf-)Bahn bringen, er bleib ein verspotteter „SPÄTNIK“.

Man kann sich den Effekt kaum wirkungsvoll genug ausmalen. Der Rätselort schlechthin, mit einem Mal erschlossen. Seit Menschheitsgedenken war der Weltenraum (wie man einst Plural formulierte) immer auch Ort von Sehnsucht, Hoffnung, Weissagung, Staunen und Schauder gewesen. Offener Überhorizont für mystische Versenkung, kosmisches Verstehen und metaphysische oder szientistische Spekulationen. Die Freiheit des Unerreichbaren verkehrte sich jählings. Einigen mochte ein Gefühlt desperater Freiheitsberaubung dämmern. Vollkommen unerwartet jedenfalls wähnte sich die Öffentlichkeit nun von roten Sonnen, Sternen und Raketen ausspioniert.

Dank der fernen Signale konnte die Spur des Sputnik gut verfolgt werden. Mit den damals zur Verfügung stehenden Medien freilich, also Funkempfängern, Teleskopen, Ferngläsern. Wer meinte, die Bahn mit bloßem Auge verfolgen zu können, sah vermutlich verglühende Teile der abgetrennten Raketenstufe.

Für die bis heute faszinierende technische Leistung zeichnete Sergei Pawlowitsch Koroljow verantwortlich. Seine Biografie lohnt, studiert zu werden. Er wurde denunziert, gefoltert, zu zehn Jahren Haft im Gulag verurteilt, erkrankte an Skorbut, verlor sämtliche Zähne, wäre beinahe verhungert.

Mein Punkt heute ist, dass er in einem bestimmten Aspekt mit #SteveJobs verglichen werden kann. Denn es war #Koroljow, der die semiotisch-psychologische Bedeutung der #Kugel als Form erkannte und dafür sorgte, dass der #Satellit aus Aluminium glänzte wie ein Kinderpopo. Die Crew hatte das Ding zu wienern, bis nicht ein Fleck mehr daran zu sehen war. Auch die vier langen Antennen waren nach seinen Plänen angebracht.

Die ästhetische Meisterleistung war russisches #Storytelling im besten Sinn. Denn so trat der künstliche Satellit von Anfang an als argloser Baby-Mond auf den Plan, als kleiner Trabant, wörtlich, als Begleiter der Erde und nicht als technisches Objekt, das einen Himmelskörper umkreist.

Man erinnert sich an Jobs bahnbrechend innovativen Ansatz, dem PC seine Techniklastigkeit auszutreiben. Indem er die langweiligen grauen Kisten rekonzipierte, eben mit ästhetisch-mathematische Grundformen wie den Würfel („Cube“) oder den organisch-eiförmigen iMac umwertete, schuf er die Basis für eine neue, emotionale Zugänglichkeit seiner Apparate. #ElonMusk ist ein veritabler Nachfolger im Geiste, wenn man sich die Redesigns der Astronautenanzüge und Raketen anschaut.

Einstweilen die Welt 1957 noch TASS-Nachrichten debattierte, Risiken abschätzte und die 500. Umkreisung von SPUTNIK EINS, verfolgte, legte Koroljows Team nach. Abgelegen, in der Nähe von #Baikonur in #Kasachstan, nahe der Siedlung #Tjuratam war der Weltraubahnhof, Kosmodrom genannt, entstanden. Und eine Art Hundezuchtstation.

Denn als die Sowjets am 4. November 1967 die Rakete R-7 mit SPUTNIK ZWEI ins All zündeten, befand sich nicht nur Funktechnik an Bord. Erstmals schossen sie ein lebendiges Wesen, die Hündin #Laika mit in den Erdorbit.

Wer die Geschichte der Weltraumtiere erforscht, kommt an Laika, aber auch an #Belka und #Strelka nicht vorbei. Letztere waren die ersten beiden Tiere, die am 19. August 1960 wohlbehalten aus dem All zurück kehrten und den Raumflug Juri Gagarins (am 12. April 1961) ebneten.

Die symbolischen Held:innen-Geschichten um die sogenannten Kosmonauten-Hunde oder Space-Dogs haben allerdings Webfehler. Sie stimmen nur sehr bedingt und sind ein Lehrstück für Ideologiekritik, Technologiefundamentalismus und die Verselbständigung von #NiceStories. Die russische PR hatte ganze Arbeit geleistet. Doch wie perfide man sich der Tiere bemächtigte, erschließt sich erst Jahrzehnte später.

Einem Kalkül Koroljows entsprechend, erwiesen sich Moskauer Straßenhunde als sehr viel widerstandsfähiger als jene Primaten, mit denen die Amerikaner experimentierten. Das russische „Institut für Luftfahrtmedizin“ erhielt daher Hunde, die einem vorgegebenen Standard entsprachen: Nicht schwerer als 6kg und nicht höher als 35cm Wuchshöhe. Kidnapping nach der optimalen Größe für die hermetische Kabine.

Niemand wusste seinerzeit, wie der Organismus den Aufenthalt im Weltraum verkraften würde. Von Ausdehnung der inneren Organe bis hin zu kochendem Blut in den Arterien schien alles möglich. Laika und viele andere Tiere starben wie es euphemistisch gerne heißt ‚im Dienst‘ für die Menschheit.

Mittels Gewöhnungsprozeduren versuchten die Forscher, die Tiere vorzubereiten und die Grenzen des Machbaren auszuloten. Doch das vermeintliche Gewöhnen war weiten Teils das Aussetzen an qualvolle Bedingungen wie Isolation, Vibration, Lärm, Dekompression, Zentrifugalkräfte, Schwerelosigkeit, Assanierungsanlagen, Schleudersitz- bzw. Katapultvorrichtung usw. ging voll auf Kosten der Tiere. Planvoll geduldete Tierquälerei.

Das popkulturell wirksame Nachbild des niedlichen kleinen Hundes, der im Weltraumanzug mit gläserner Kugel munter Richtung Mond fliegt, zeigt in Wahrheit erhebliche Risse.

Auch die Positionen von Belka und Strelka , die als Präparate verträumt sehnsuchtsvoll den gestirnten Himmel über sich, das moralische Gesetz in sich, anhimmeln, sind schlimmste Tatsachen-Klitterungen, ideologische Verkehrung und rechtfertigen in keiner Weise, was Laika und ihre Gefährtinnen erduldeten. Das bekannte Titelfoto zeigt sie angeblich kurz vorm Abflug, was ganz sicher nicht der Fall ist. Auch wurden die offiziellen Pressefotos geschönt, die struppigen Straßenhunde sollten – Instagram lässt von ferne grüßen – fotogener erscheinen.

„Ich erinnere mich, dass die Hunde für die Zeitungen schöner, besser gebaut und mit intellektuellem Schnäuzchen erscheinen mussten.“ (Oleg Georgiwitsch Gasenko) 

Es war #OlegGasenko, der 1998 selbstkritisch den Tierversuch mit Laika so auf den Punkt brachte:

„Die Arbeit mit Tieren ist für uns alle eine Quelle ständigen Kummers. Wir behandeln sie wie Babys, die nicht reden können. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr tut mir das Ganze leid. Wir haben zu wenig aus dieser Mission gelernt, um den Tod des Hundes zu rechtfertigen.“

Oleg Georgiwitsch Gasenko

#Perestroika#Wiedervereinigung nebst Zerfall der #UDSSR öffneten Archive, die lange unzugängliches Material zutage brachten. Bezeichnenderweise sind es nicht wissenschaftliche Texte, die das heile Bild des menschlichen Fortschritts konterkarieren:

#NickAbdazis Graphic Novel Laika, genau wie der Dokumentarfilm #Spacedogs von #ElsaKremser und #LevinPeter versuchen künstlerische Annäherungen, um uns die Stoffe in ihrer Komplexität näher zu bringen. Dabei haben Kremser und Peter dank hartnäckiger Recherche, verlässlicher Transparenz und überzeugender Bildsprache Vertrauen für ihr filmisches Projekt erzeugen können. Auch Abdazis konnte erstmals die Ambiguität der damaligen Akteur:innen – nicht zuletzt Koroljows eisernen Willen und der Kreis der für die Tiere Verantwortlichen, wie Gasenko und andere – in die Sprechblase der Graphic Novel bringen.

Technik hat zu allen Zeiten die Reichweite der Menschen verändert, meist ihren Radius vergrößert. Prinzipiell ist gegen technische Errungenschaften auch solange nicht zu sagen, solang ihre Balancen und Dysbalancen transparent bleiben und ihre Auswirkungen nicht von einigen (happy) fews über (sadly) manys vorgegeben und in closed shops verhandelt werden. Im Fall von Laika nicht zuletzt von Menschen über bloße ‚Versuchstiere‘ (Hunde nebst Affen, Kaninchen, Mäusen, Ratten, Schildkröten). Nur, weil wir es können, dürfen wir „die kleinen ergebenen Brüder“ nicht rechtlos einspannen für unsere Zwecke. 

Dass das #SpaceRace der 50er und 60er in unserer Zeit Fahrt aufgenommen und an Brisanz gewonnen hat, wird niemandem entgangen sein. Dass die Raumfahrt in Teilen privatisiert wird und sich damit privilegierte Zugänge sichert, stößt auf so geringe Resonanz, dass es mich wirklich befremdet. Wem gehört denn eigentlich das All? fragte ich in einem Exposé mit Null Resonanz.

Dominiert von Technologiekonzernen, Militärvertretern, Agencys, Lobbyisten, werden die Diskurse bislang recht einseitig geführt. Die Vision, einst auf anderen Planeten leben zu können (womöglich in gar nicht so ferner Zukunft zu müssen), fegt alles, was die instrumentelle, taktische, zweckdienliche Vernunft stören könnte, hinweg. Fragen in dieser Hinsicht sind lästig. Claims und wirtschaftlichen Interessen (#Rohstoffe#Besiedelung etc.) dominieren und verweisen berechtigte Einwände als problem- statt lösungsorientiert.

Dabei verpufft die Warnung, im #Weltraum nicht die gleichen Fehler zu begehen wie auf der Erde. Wenn überhaupt (!), handelt es sich um eine #Allmende und kein nationales Privateigentum. Die Erforschung des Alls war nie frei von militärischen und wirtschaftlichen Interessen.

Als den Sowjets bei Kriegsende die Hinterlassenschaften der nationalsozialistischen Raketenforschung in die Hände fielen, hatten sie immerhin den Anspruch, die Geschichte möge sich nicht wiederholen; eine verzweckend missbräuchliche Verwendung wissenschaftlicher Forschung sollte im (kapitalismusbefreiten) Sozialismus ausgeschlossen, statt dessen alle Kräfte der besseren Zukunft, der neuen Menschheit gewidmet sein. Beim VI. Weltjugendfestival 1957 in Moskau wurde folgende Eröffnungsrede gehalten:

„Sie sind zum Festival aus allen Ländern (…) gekommen und wir begrüßen Sie so wie Sie sind. Wir sind der Ansicht, dass jedes Volk das Recht hat, sein Leben so aufzubauen wie es das wünscht: Wir haben unsere Ideen und Anschauungen niemals jemandem aufgezwungen und beabsichtigen nicht, dies zu tun. (…) Wachen Sie über den Frieden, vereinigen Sie Ihre jungen Kräfte zu seinem Schutz, zur Festigung der Freundschaft und des wechselseitigen Verstehens zwischen allen Völkern, kämpfen Sie für eine bessere Zukunft der ganzen Menschheit! Es lebe die Jugend – der herrliche Frühling der Menschheit! (…) Es lebe und gedeihe der Weltfrieden.“

Klement Woroschilow

Bittere Realität war: Die Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn durch Moskau und das bewaffnete Einschreiten gegen Reformen lag kaum ein Jahr zurück. Dem Redner, Klement Woroschilow, einem engen Vertrauten Stalins, klebte Blut an den Händen.

Und doch, darf die Absicht, der Festigung der Freundschaft und des wechselseitigen Verstehens zwischen allen Völkern zu dienen, nicht per se eine Hohn-Rede sein. Frieden zu schaffen, bedarf der Bereitschaft, anzuerkennen, was war und was nicht war.

Das betrifft insbesondere auch die Satelliten-Forschung: Ohne Satelliten hätten wir heute keine Wettervorhersagen, keine Navigationsgeräte, keine Telemedizin und keine satellitengestützte Dokumentation des Klimawandels (Permafrost-Schwund). Aber freilich auch kein Mega-Farming, keine XXL-Rinderzucht, keine Überwachung und anderes mehr.

Hier setzt mein Satelliten-Zyklus an. Mich interessierte an dem Material zunächst einmal das vielstimmige Sprechen, angefangen von den toten Tieren selbst, über die Mauern und Pilaster der Räume, die offiziellen Verlautbarungen der Funktionäre, bis hin zu den kulturellen Subtexten. Als solches verstehe ich etwa die bis heute Wirkung zeitigenden Konzepte des anthropozentrischen Fortschrittsglaubens, der alle Begrenzungen in Zeit und Raum überwindet – auch um einen hohen Preis. Was Langgedichte mit einem episch-balladesken Ton leisten können, bleibt abzuwarten. Wozu es sie in der Moderne gibt? Eine Frage, die neben inhaltlichen Sachverhalten das Thema Zeugenschaft dokumentarischen Materials berührt. Darüber hinaus als Live-Erlebnis aber auch Aspekte wie Rhytmus, Puls, Klang usw. angehen. Eigenschaften, die unsere Naturhaftigkeit berühren und erlebbar machen.

Wo wir – im weitesten Sinn – zuhause sein können, welche Bedingungen es braucht und wie wir uns einrichten können, dazu kann der Abend am 3.11.22 im Kunstverein München vielleicht Inspirationen geben. Die Texte von #LubiBarre und #JudithKeller sowie die Bilder von #FelicitasKirgis sind auf jeden Fall anregend und vielversprechend.

* Ein Auszug aus dem Satelliten-Zyklus, das Gedicht „Sputnik Eins“ findet sich im Jahrbuch der Lyrik 2022

Dieser Blogpost erschien am heutigen Datum zuerst auf LinkedIn. Ich habe mir diese Gedanken anlässlich der #Lesung am 3.11.22 um 20 Uhr im #KunstvereinMünchen in der Reihe MeinedreilyrischenIchs gemacht. #Lyrik von #LubiBarre (Hamburg) #JudithKeller (Zürich) #ElviraSteppacher (München) und #Kunst von #FelicitasKirgis (München).

(Er-)Zähl mal… Meine Story als Beisitzende zur #Kommunalwahl 2020

Eins-zwei-drei-vier-fünf….Sekunden fuhr die Rolltreppe an den Plakaten vorbei. Bis ich gecheckt hatte, worum es ging, mein Handy gezückt und das letzte der Poster zu erwischen versuchte, stand ich schon wieder unten. Das Foto unscharf, passte zu meiner Erwartung: Keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Beisitzende, sind das nicht die, die im Wahllokal Personalien abgleichen und sich im Übrigen freuen, wenn die Wahlbeteiligung hoch ist?! #Spoiler: Jaaaa, auch…

Weiterlesen

Wie soll das Kind denn heißen? Zum Begriff „Künstliche Intelligenz“ (KI)

Das mythische Potential von Namen wurzelt in den Schöpfungsgeschichten der Völker. In den Märchen, Fabeln und Legenden lebt es fort, ungebrochen in seiner Güte und Gefährlichkeit. Segen und Fluch liegen nah beieinander, gute Namensfeen stehen neben bös erzürnten. Wer einmal erlebt hat, wie aufrichtig Eltern um den Namen ihres Neugeborenen ringen, spürt etwas vom Ernst des Aktes – genau wie in den Ritualhandlungen Taufe oder Namensfeier.

Weiterlesen

Wie Fotografen Künstliche Intelligenz (KI) inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 3).

KI verhilft uns zum Schlaraffenland. Denn die algorithmisch aufgeschlaute Maschinen übernehmen alle anstrengenden, zeitraubenden und gefährlichen Aufgaben. Im Land, wo Milch und Honig fließen, fliegen uns die frisch gebraten Hühnchen bald auf Zuruf in den Mund. Frieden, Frohsinn und Ausgelassenheit gehören auf jeden Fall im Garten Eden dazu. Fragt sich, wie setzen Fotografinnen und Fotografen das ins Bild? Mit kindlichen Paradiesen! Teil 3) meiner Befunde aus Bildagenturen: Wichtel und Spielzeuge.

Weiterlesen

#Blogswirken, als erstes beim Bloggenden selbst

Bloggerin Katrin Hilger von Hilgerlicious hat zur mehr Wertschätzung für’s Bloggen eingeladen und eine #Blogparade ausgerufen. Weil schon so viel Kluges dazu geschrieben wurde und bald ein Update, ach, was – ein ganz neu verfasstes schlaues Buch von Bloggerexpertin Meike Leopold von start talking erscheint, möchte ich hier ganz eng am Wort bleiben. Etymologie wirkt nämlich auch.

Ja, stimmt, wir alle wissen, dass es sich bei „Blog“ um ein Kunstwort, eine Neuschöpfung, einen Zwitternamen aus „Web“ und „Logbuch“ handelt, aber was ist eigentlich genau ein „Log“?

Ein Log (auch Logge; v. engl. Log = (ursprüngl.) Holzklotz) ist in der seemännischen Navigation ein Messgerät zur Bestimmung der Fahrt, der Geschwindigkeit von Wasserfahrzeugen. Es zeigt die im Wasser zurückgelegte Strecke an. (Zitat Quelle: Wikipedia)

Das an einem Seil hängende Holzbrett wird, verbunden mit einem Senklot, aus dem fahrenden Schiff geworfen. Da das so beschwerte Holz an der Stelle verharrt, das Schiff jedoch weiterfährt, lassen sich gefahrene Meter und Zeit ins Verhältnis setzen. Was unverzichtbar ist, um die (relative) Geschwindigkeit auszurechnen, ist die abgespulte Logleine.

Ein sehr sprechendes Bild – jedenfalls für mein eigenes Bloggen. Wenn mich ein Thema interessiert, werfe ich neben meinem Schiffchen das Senkblei mit dem Holz aus. Ich fahre also erst mal auf Sicht und in gewisser Weise blind für meine Geschwindigkeit. Der so entstehende Text ist ein Rohling, ausschließlich für mich und nicht zur Veröffentlichung gedacht. Mir wird klar, was ich alles noch nicht weiß, was ich nochmal durchdenken möchte usw.

Fahre ich weiter, führt das dazu, dass ich erneut Seil abrollen muss. Meist bin ich jetzt schon weit entfernt – zumindest von den Empfehlungen zweier wichtiger Gruppen: den Datenanalysten mit ihren für Blogs empfohlenen Zeichenzahlen und den Finanzanalysten mit ihren für Wirtschaftlichkeit empfohlenen Aufwandsangaben.

Als Steuerlotsin nehme ich mir die Freiheit, selbst zu vermessen, wie lang meine Leine sein muss. Stelle ich fest, dass die Geschwindigkeit zu bestimmten Themen schneller ist als ich fahren kann, hole ich das Log aus dem Wasser und publiziere – nichts.

Oder ich publiziere etwas, das so lang ist, wie ein Sachverhalt aus meiner Sicht braucht. Der Preis, den ich dafür in Kauf nehme, sind verstörend lange Zeiten, in den ich nichts blogge und vermutlich zwischendurch als verschollen auf hoher See gelte.

Insofern: Ja, bloggen wirkt, und zwar erst mal bei mir selbst.

Um ein Beispiel zu geben: Zum Thema Künstliche Intelligenz habe ich ein Blog mit dem Namen NatürlichKünstlich eröffnet, das ich gerne schneller befüllen würde, was aber im Zielkonflikt mit meinen Blogansprüchen steht. Das Thema ist zwar sehr en vogue und es gäbe sicher ein Forum für steile Thesen. Dummerweise hat Anspruch beim Bloggen mit Wasser und Holz zu tun.

Die Feststellung, dass andere nur mit Wasser kochen, ist weder beim Bloggen noch auf See wirklich hilfreich. Es fördert kein Vertrauen. Holz ist im Wasser wichtiger als manch einer, der schwimmen kann, denken mag und deshalb gerne kopfüber in kalte Wasser springt.

Im Wasser, erst recht auf hoher See ist Holz überlebenswichtig. Zum Bau von Kanu, Karavelle oder Floß, braucht es dicke Bretter, übrigens genau jene, die sich auch unter den besten Bloggenden finden, weil sie sich den Luxus leisten, dicke Bretter zu bohren. Tl;dr kokettiert damit in gewisser Weise, weil sich Tl;dr nur erlauben kann, wer im vermeintlich Trockenen sitzt.

Ein Longread, das seinen Namen verdient, fesselt seine Leser_innen gerne und langanhaltend. Es hat nicht nur für den Augenblick, sondern mitunter für sehr lange Zeit Bestand. Blogger können Aufgaben wahrnehmen, die für eine Demokratie unverzichtbar sind.* Voraussetzung dazu ist die Bereitschaft, erst mal bei sich selbst mit dem Blog etwas zu bewirken.

Dann lohnt sich auch die Energie, die es zweifellos kostet, Fahrt aufzunehmen: Um sich und andere mit hinauszunehmen zur Fahrt ins Offene, meinetwegen auch auf zu „Neuland“.

So heißt “to log something.” auf Englisch „etwas abholzen“, im Sinne von Bäume fällen („to cut down trees in a forest for their wood”). Wohingegen “to log on/off” bekanntlich ein elektronisches sich Ein/Auswählen oder Ein-/Ausschalten bedeutet. Auch dies eine bemerkenswerte Etymologie, die einiges über den Zusammenhang von Holz und Strom – metaphorisch vom Zusammenhang  zwischen Print und Digital – verraten könnte.

Volle Fahrt voraus heißt immer öfter Kollisionsgefahr mit Unvorhersehbarem. Bei der Akzeptanz von Künstlicher Intelligenz spielen Geschwindigkeit, Geländegewinn und Genauigkeit jedenfalls mal mit-, mal gegeneinander. Gefahr und Gewinn hängen, so gesehen, am selben Faden oder Seil.

In einem Blog präzise an seinem Tau zu ziehen kann darum mehr bringen als das beliebte Tauziehen.

Blogs können wirken, jedenfalls beim Bloggenden selbst.

 

*******

*Vgl. dazu einen älteren Beitrag von mir „Können Blogs den klassischen Journalismus ersetzen?“

https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0010-3497-2006-2-117/koennen-blogs-den-klassischen-journalismus-ersetzen-zum-strukturwandel-durch-den-journalismus-der-buerger-jahrgang-39-2006-heft-2

Make Munich 2017. Disruptivität und digitale Moderne im DIY- und Open Source-Modus

Was intelligente Straßenlaternen mit Tierschutz zu tun haben, wie Kokosnüsse smart werden oder warum Einhörner bei Autismus helfen können. Die Make Munich, Süddeutschlands größtes Maker- und Do It Yourself Festival für Low- und High-Tech, präsentierte am Wochenende wieder mal Visionen zum Anfassen. Unter dem Motto „Making Connections“ luden Maker, Tüftler, Bastler, Nerds, Elektronik-Geeks, Designer und Biologen ihr Publikum zur Werkschau ein. Weiterlesen

#mythosmultitasking: Du warst einfach weg!

Ich weiß noch, was ich dachte, als ich den Hashtag las: Jetzt übertreiben sie’s aber. Erst die Unterzeile: „#mythosmultitasking. Im Alltag schwierig. Im Straßenverkehr tödlich“ machte mich auf meinen Irrtum aufmerksam. Nicht positiv, als Ikone, sondern negativ, als Chimäre, wurde der Begriff Mythos hier gebraucht. Ausgeschrieben war ein Pro Bono Wettbewerb für mehr Verkehrssicherheit. Unser eingereichter Film „Du warst einfach weg“ erzielte Platz 6.

Weiterlesen

Most wanted: Chief Content Curator

Mögen Verlagshäuser aufgrund sinkender Erlöse auch in ihren Redaktionen sparen, so zeichnet sich unter dem Stichwort Content-Kuratierung in großen Kommunikations-abteilungen und -agenturen eine interessante Entwicklung ab. Content, also auch redaktioneller Inhalt, ist in zahlreichen Unternehmen als wichtige Ressource zur Steigerung der „Brand Equity“ angekommen. Die Veränderungen, die die Medienwelt durch die Digitalisierung und das Social web ergriffen haben, machen auch vor ihnen nicht halt. Hier einige der wichtigsten Konsequenzen:

  1. Journalisten sind für Unternehemen nicht  mehr die Gatekeeper, um ausgewählte Dialoggruppen zu erreichen
  2. Unternehmen haben über das Internet direkte Mittel und Wege gefunden, sowohl ihre Inhalte zu publizieren als auch via Social Web in unmittelbare Interaktion mit ihren Dialoggruppen zu treten
  3. Diese steuern selbst Inhalte bei – sei es durch Kommentierung oder Weiterverarbeitung vorhandener Inhalte, sei es durch völlige Neuerzeugung
  4. Big Data sorgt dafür, dass Unternehmen über Content verfügen, den Journalisten zwar prinzipiell auch recherchieren könnten (Stichwort: open source, data-journalism), der aber für die Unternehmen bereits vorliegt und exklusiv genutzt werden kann.
  5. Big Data kombiniert mit dem „long tail“ des Internets schafft für Unternehmen ungeahnte „Touchpoints“, also Ansatzpunkte zu Kommunikation mit vielfältig clusterbaren Zielgruppen
  6. Storytelling-Konzepte, die aus der jeweiligen Markenwelt heraus, Geschichten erzeugen, fördern weiteren originellen Content


Most w
anted: Chief Content Curator 

Was bedeutet das für die Unternehmen, wenn Content immer wichtiger wird? Wie veredeln sie ihre exklusiven Informationen, die sich durch blosses Auswerten von ohnehin erhobenen Daten in Unternehmen handelt? Etwa:   „Content, Content, Content – und immer an die Marke denken…“ – um einen berühmten Slogan abzuändern?! Das mögliche Szenario sähe so aus:

  1. Das Content-Volumen nimmt zu, damit auch die Unübersichtlichkeit.
  2. Die Anforderung, vorhandenen und neu eingehenden Content zu sortieren, redaktionell zu bearbeiten und in den verschiedenen Kanälen – dialoggruppengerecht – einzusetzen, steigt
  3. In Unternehmen entwickeln sich über kurz oder lang eigene Redaktions- oder Kuratorenpools, die analog zu Medienhäusern mit spezialisierten Content-Einheiten – also Redaktionen inklusive Chefredakteure oder Chef-Kurator, Reportern, Planern, Community Managern etc. – operieren
  4. Der Einsatz von Content muss strategisch geplant werden, um die Marke anzureichern und die Unternehmensziele zu unterstützen.
  5. Zwischen Redaktions- und Strategieabteilung wird enger gearbeitet, um Content gezielt als Botenstoff  zur Profilierung und Interaktionsträger einzusetzen
  6. Content Management wird ein wichtiger Managementbereich mit eigenem CCC (Chief Content Curator)

„Bühnenperformanz gehört ins erste Semester!“ Was Musiker von Schauspielern lernen können

Herr Professor Kopiez, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Kollegen Friedrich Platz eine Studie mit dem Titel „Wenn das Auge Musik hört“ durchgeführt. Was genau haben Sie untersucht? Wir haben erforscht, wie stark unsere Wertungen von Musikerauftritten durch die sichtbare Komponente beeinflusst wird. Das Ergebnis ist relativ einfach: Um eine Schulnote wird es besser bewertet, wenn wir die Spieler sehen und hören im Vergleich mit einer nur gehörten Darbietung.

Hat sie das überrascht oder war das Ihre Ausgangshypothese? Wir ahnten schon, dass es in diese Richtung gehen wird, weil wir in der Musikgeschichte eine lange Tradition von Berichten haben, in denen es um Live-Auftritte geht. Denken Sie an Paganini und Liszt, es ist gut dokumentiert, wie fasziniert die Menschen davon waren, wenn diese großen Virtuosen live spielten. Es gab daher schon eine gewisse Vorannahme in unsrer Studie über die Richtung des Effekts, allerdings wusste niemand bisher, wie stark quantifiziert dieser Einfluss sein würde. Wir können es nun konkret umrechnen: in genau eine Schulnote.

Gibt es denn Juries, die rein auditiv urteilen? Sieht man als Juror bei einem Wettbewerb nicht immer den jeweiligen Künstler spielen? Nein, das  ist leider nicht so, denn es wird unterschiedlich gehandhabt. Bei den Orchesterprobespielen finden die ersten Vorrunden häufig hinter einem undurchsichtigen Vorhang statt. Da sieht man keine Details, man weiß nicht, ob es sich um einen Mann oder Frau handelt, oder welche regionale Herkunft die Person hat. E wird damit versucht, so etwas wie eine Unabhängigkeit vom Sehen herzustellen. Aber das Widersprüchliche ist dann, dass in den Endrunden tatsächlich die ganze audiovisuelle Person bewertet wird. Ich glaube, man muss auch beides bewerten, weil der Konzertbesucher am Ende auch für beides bezahlt. Die Spieler müssen visuell präsent sein, sie müssen akustisch präsent sein, sie müssen auch als Person auf der Bühne wirken können, ansonsten haben sie im Live-Konzertbetrieb kaum eine Chance.

Welche Konsequenzen leiten Sie aus diesen Befunden ab? Die Bühnenperformanz ist ein Bereich, der noch nicht voll entwickelt ist!  An den Hochschulen, an denen die Musikerausbildung stattfindet, ist es häufig sogar so, dass man sehr viel Zeit in das instrumentale Training investiert, dort die großartigsten Ideen entwickelt aber dann kommt der Moment, in dem der junge Musiker die Bühne betreten muss und relativ allein gelassen ist. Ich glaube, dass man an der Stelle viel professioneller agieren könnte und zwar in Analogie zum Instrumentalunterricht, der ja auch auf höchstem Niveau stattfindet.

Also ein Plädoyer für verbesserte Bühnenperformanz? Man sollte mal überlegen, wie man mit Hilfe von Schauspielern und deren Bewegungslehre eine Bewusstheit für die Körpersprache entwickelt. Für das Gehtempo, für den eingenommenen Stand, dafür, wie die Spielposition erreicht wird, wie der Kontakt zum Publikum aufgenommen wird. Bisher sind das mehr oder weniger Zufallsprozesse. Wir plädieren dafür, das Wissen anderer Disziplinen, etwa der Bewegungslehre zu verwenden, um die Person als ganze Person zu entwickeln, die ja letztlich überzeugend tätig sein muss.

Ist damit auch Training gegen Lampenfieber gemeint? Eher nicht. Wir denken eher daran, die  Stärken zu verstärken  damit die künstlerische Person wirksam und sichtbar wird. Worum es in dieser Livesituation geht, ist doch letztlich Persuasion. Ich will jemanden überzeugen, und zwar mit dem, was ich an Ideen habe und, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. Daher sollte herausgefunden werden: Was sind meine persönlichen Wirkungsmittel, mit denen ich arbeiten kann? Intervention gegen Lampenfieber überlassen wir den Kollegen aus dem musiktherapeutischen Bereich.

Welchen Umfang sollte die Schulung der Bühnenperformanz im Curriculum einnehmen? Man  sollte sehr früh, gleich im ersten Semester, damit anfangen. Es ist ja ein Bewusstheitstraining, weshalb es ein fester Bestandteil des Curriculums sein sollte.

Gibt es im Ausland schon Erfahrung mit dem Training der Bühnenperformanz? Soweit ich sehe, ist das bisher nicht der Fall, allerdings ist das Performanztraining im Bereich der populären Musik schon viel weiter, denn dort gibt es das Bühnencoaching als festen Bestandteil der Ausbildung. Dort geht man viel offensiver mit dieser Herausforderung um: in der Rock- und Popmusik kann man sich überhaupt nur noch durchsetzen, wenn man ein gutes Live-Konzept hat, das zur Band, zum Performer passt.

Also Dieter Bohlen & Co auch für Klassik und Jazz? So geht das natürlich nicht in jedem Bereich. Das Konzept ‚Bühnencoach‘  funktioniert nicht normativ. Das Neue, das wir hinzufügen, ist der Begriff der „Angemessenheit“. Die Bühnenperformanz muss sowohl an die Erwartungen des Publikums als auch an das Genre angepasst sein. Das sieht im Klassikbereich anders aus als in der Jazzmusik und in der Kammermusik anders als beim Klavierabend. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Gerade im Jazz und in der Klassik ist die Bühnenperformanz enorm wichtig, weil eine viel größere Nähe zwischen Aufführendem und Publikum besteht als bei einem Rock-oder Popkonzert. Dort liegen ja oft noch 20 oder 30 Meter Abstand dazwischen.

Was raten Sie Musikern, die Ihre universitäre Ausbildung abgeschlossen haben, die sich aber gerne weiter entwickeln würden? Gibt es Workshops? Ja, das gibt es tatsächlich. Man muss sich da am Schauspiel orientieren. Dort spielt die Bewegungslehre als ein Mittel der Kommunikation neben dem gesprochenen Wort eine ganz zentrale Rolle. Schauspieler arbeiten viel bewusster mit dem Einsatz von Körpersprache, Mimik, Gehgeschwindigkeit, also viele kleine Mikrosignale, die Professionalität vermitteln und auf die Zuschauer ganz schnell anspringen. Da kann man sich beim Schauspiel schon mal guten Rat holen.

Kann das auch jemand tun, der kein Charismatiker ist? Ja, ich denke, alle können davon profitieren, denn am Ende wissen wir ja gar nicht, was Charisma eigentlich genau ist. Für viele scheint es so zu sein, als sei das ein Geschenk des Himmels. Wir vertreten da eine nüchterne Position und glauben eher, dass man durchaus lernen kann, Leute, mit den persönlich verfügbaren Mitteln zu faszinieren. Diese Wirkungsmittel muss ich aber freilegen, wie das Nugget im Gestein, dann kann es auch zu seiner Wirkung kommen.

Was bedeutet das Ergebnis Ihrer Studie für den Einsatz von You Tube? Sollten Musiker in gute Videos investieren, um an Gigs zu kommen? Ja, da gehen wir sogar noch einen Schritt weiter. Bei Bands  ist es ja häufig so, dass hier nicht nur die Einzelperson wirkt, sondern dass der gesamte Raum ‚Bühne‘ genutzt werden muss. Die Stage Performance und das Show-Konzept müssen gut bedacht werden. Da kann man viel von großen erfolgreichen Bands, die schon lange im Geschäft sind, lernen. Die wissen, dass das Publikum  am Ende auch unterhalten werden will, es muss eine Präsenz vorhanden sein im visuellen und im auditiven Bereich. Es gilt, gute Ideen zu entwickeln und es gibt Profis in diesem Bereich, mit denen kann man zusammen auch eine gute Live-Performanz erarbeiten kann.

Welche Forderungen ergeben sich aus Ihren Befunden für die Ausstrahlung von Konzerten etwa durch den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk? Bei Fernsehübertragungen von Musik, unabhängig vom Genre, sollten die Aufnahmeleiter darauf hinwirken, dass es nicht nur die Totale als Einstellung gibt oder die übliche Bildkreuzung von Fagott und Oboe, sondern dass häufig eben auch Details eine große Rolle spielen, so etwa die Mimik des Spielers oder das Aufzeigen von, wie wir das nennen, Signalen des Engagements: das kann das Schwitzen sein, das mir als Zuschauer zeigt, dass jemand 100%igen Einsatz gibt, das kann aber auch schon der Gang zum Spielort sein auf der Bühne.

Im Jazz ist es ja häufig so, dass die Musiker eine sehr legere Form des Auftritts anstreben, angefangen vom Kleidungsstil bis hin zum Gespräch mit  ihrem Publikum. Haben Sie in Ihrer Studie etwas darüber herausgefunden, ob das Outfit der Musiker eine Rolle spielt? Ja, das spielt es, aber nicht normativ. Kleidung  muss angemessen sein. Natürlich wird keine klassische Geigerin auf der Bühne im Nachtclubdress spielen, das geht eben nicht. Aber beim Jazz kann das Legere auch das Angemessene sein, das von der Mehrheit des Publikums auch geschätzt wird. Das wissen wir aber noch nicht genau, weil das Jazz-Publikum in dieser Hinsicht noch relativ wenig untersucht ist.

Sie planen bereits eine neue Studie, in der untersucht werden soll, wie das Konzertpublikum Musiker bewertet. Sie vermuten, dass es verschieden Typen unterscheidet. Ja, es gibt schon Hinweise darauf. Wir können bisher nur sagen, wie es in der klassischen Musikkultur bei Geigensolisten funktioniert. Es geht in unserer Studie um einen Violin-Wettbewerb, bei dem wir die Teilnehmer und ihre Auftritte videografiert haben. Grob gesagt können wir zwei große Gruppen unterteilen: die mit dem akzeptablen Auftritt und die mit dem weniger akzeptablen. Die unterscheiden sich in relativ wenigen, aber gut sichtbaren Merkmalen. Beim Geigenspielen zum Beispiel sind schwitzige Finger in der linken Hand ein Problem. Wenn sich aber die Spieler zur Beruhigung immer an die Hosennaht fassen oder ans Kleid fassen, um ihre linke Hand abzuwischen, dann sind das keine besonders guten Signale. Sie vermitteln eher Unsicherheit und fehlende Dominanz, der Spieler ist nicht so richtig Herr der Situation. Das ist etwas, was nicht angemessen ist.

Das heißt, man sollte entweder lernen, seine Körperfunktionen besser zu regulieren oder ein Hilfsmittel wie ein Taschentuch verwenden? Ja, ein Taschentuch ist kein Problem. Angemessene Hilfsmittel, das kann auch ein kleines Tuch sein, sind ok und dem Publikum durchaus vermittelbar. Das ist bei Pianisten auch der Fall, das versteht das Publikum.

Welche anderen Signale gelten als souverän? Einen großen Effekt erzielen Spieler mit einer ordentlichen  Standposition. Also weder zu breit – wie bei John Wayne – noch zu schmal. Man muss dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, dass man eine Erdung hat. Das sind Signale, die werden als souverän und resolut vom Publikum eingestuft. In der Regel werden diese resoluten Spieler auch positiver bewertet und man möchte ihnen länger zuhören.

Prof.  Dr. Reinhard Kopiez ist Professor für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (MTHMH).

Das Gespräch führte Elvira Steppacher.

 

Hier ein interessanter Link: Die Studienmacher im Hörfunk-Interview