Kreativität, Kunst, KI und Neue Narrative

Was Kreativität kann und soll, darauf gibt es zum Glück keine abschließende Antwort. Als Inbegriff kreativen Schaffens gilt noch immer >>Kunst<<. Noch, möchte man hinzufügen, wenn man die komplexen Fortschritte des maschinellen Lernens in diesem Feld betrachtet.

Was KI inzwischen alles kann, kompositorisch, zeichnerisch, literarisch und demnächst wahrscheinlich auch bildhauerisch bzw. additiv, beeindruckt wirklich.

Raubt KI dem Menschen eines der letzten substanziellen Refugien?

Ja, nein, vielleicht. Was denn nun? Im Erleben ist kreative Energie unteilbar. Theoretisch betrachtet, neigen wir dazu, sie zu klassifizieren. Grob vereinfacht unterscheidet die westliche Welt mindestens zwei Variationen: die Kreation (Erschaffung von etwas, das es vorher überhaupt noch nicht gab) und die Rekombination (das Umgestalten oder Re-Arrangement zu etwas, das es so noch nicht gab).

Welche Kreativität in der Wertepyramide gerade oben steht, hat auch mit Leistungszuschreibungen zu tun. Diese unterliegen geschichtlichem Wandel. Denken wir an das im 18. Jahrhundert entstandene Genie-Paradigma mit seiner Leitkategorie absoluter Neuschöpfung. Noch im 17. Jahrhundert war dies unvorstellbar, es hätte als regel- und folglich kulturlos gegolten.

Alles menschlich Erschaffene unterliegt Gestalt- und Formprinzipien, die reproduziert werden können. Anders wären, um im Beispiel der Malerei zu bleiben, bestimmte stiistische Massenproduktionen gar nicht denkbar. Schon immer gab es Mal-Schulen, in denen „im Stil von“ gefertigt wurde. Warum sollte das also jetzt ein Problem, nur weil eine Maschine epigonal zu malen beginnt?

Wo es primär darum geht, schöpferische Energie zu verwerten, sie also im Kontext von Gebrauchsnutzen zu definieren, sind Re-Uses (verwertungs-)logisch betrachtet, bester Ausdruck von Kreativität. Sind sie auch Kunst?

Hier berühren wir den anspruchsvollen Raum dessen, was Kunst überhaupt sein soll oder kann. Das näher auszuführen, sprengt dieses Format. Doch, es stellt sich die Frage, ob KI-Kunst nicht auch hier der Zeit und dem zeitgenössischen Kunsturteil voraus sein kann?

Zunächst mal, ja, sie kann. Wo sie alle möglichen Formen der Gestaltsprache beinhaltet, kann sie auch alle möglichen produzieren. Bekanntlich ist die Rezeptionsgeschichte Teil der Wertzuschreibung von Kunst. Das heißt, Kunst kann der eigenen Zeit weit voraus sein und deshalb zeitgenössisch verpönt bleiben. Könnte also einer von KI erzeugten Kunst dieses Schicksal drohen? Ja, es könnte.

Wie eine Gesellschaft Kreativität und Kunst bewertet, ist nicht ohne Belang. Welche Kraft sie ihr zuschreibt, welche Räume sie ihr zugesteht und mit welchen Narrativen sie belegt wird, lässt Erkenntnisse über eine Gesellschaft zu. Über Jahrhunderte galt Kreativität als etwas, das im Bereich der Muße, verortet war, wenn, dann im otium, nicht im negotium. Schon seit langem hat der Diskurs der Kreativität das unternehmerische Handeln erreicht.

Das Konzept kreativer Selbstzerstörung (W. Schumpeter) bekam durch das der Disruption (C. Christiansen) neue Vitalität. Seither wird Kreativität in allen möglichen Feldern (Bildung, Gesellschaft, Kunst) überraschend stark von Elementen ökonomischer Kreativkonzepte genährt.

Die Geschichte der Menschheit ist voll von Versuchen, Kunst für Zwecke zu vereinnahmen. Einmal von Seiten der Künstler_innen, die eine Fülle an Manifesten und ästhetischen Theorien neben ihren Werken selbst hervorgebracht haben, gleich, ob sie avantgardistisch, konservativ oder retrospektiv argumentieren.  Sodann aber auch von Seiten anderer Interessensgruppen, seien diese nun (kunst-)merkantil, religiös-kultisch, erziehungsbildnerisch, politisch oder sonst wie geprägt. Sie kommen darin überein, dass die Kunst etwas leisten soll. Was sie leisten soll, ist letztlich eine Variable.

Unverzweckt – nicht banal, beliebig oder manipulativ

Wenn sie im engeren Sinne nichts leisten soll, bleibt Kunst unverzweckt. Nur dann handelt es sich überhaupt um Kunst, nicht um Design, Kunsthandwerk, angewandte Technik oder Politik.

Zweckfrei entfaltet Kunst jene Widerständigkeit, die ein spezifisches Erleben ermöglicht. Ein Erleben, das soweit als möglich hinter die Bedingungen des Möglichen reicht. Das sich wohlfeiler Zuschreibungen entzieht und die eigenen Maßstäbe hinterfragt. Das sich seine unvorhersehbare Wucht und radikale Ehrlichkeit bewahrt.

Getränk zur Unzeit, statt altem Wein in neuen Schläuchen

Das kann die Möglichkeit enthalten, sich selbst (nicht nur im Happening) zu zerstören, sondern als eine immanente Option, die als Leer- wie als Lehrstelle offengehalten wird. An dieser Stelle entstehen dann auch wirklich neue Narrative, nicht nur neu verpackte altbekannte Stories. Mit durchaus bitteren Wahrheiten, genau wie süßen Experimenten könnten die Künste (un)zeitgemäße Verbindungen eingehen. Das ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe oder das V2 Lab for unstable media in Rotterdam etwa bereiten in diesem Sinne das Feld. Es betreten und darüber reden müssen wir schon selber. Oder reinschauen in den Spiegel – zum Beispiel in das Mirror Piece von Marnix de Nijs.

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