Wie Fotografen Künstliche Intelligenz inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 2).

KI verlangt uns einiges ab: Geld, Strukturreformen, Perspektivenwechsel.  Zur Akzeptanz gehört, sich ein eigenes Bild machen. Keine einfache Aufgabe für Fotografinnen und Fotografen, doch die Meister des flüchtigen Moments kennen Auswege. Teil 2) meiner Befunde aus Bildagenturen: Ziemlich beste Freunde.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Neben Sprache bleiben Fotografie und Film eine wichtige Quelle. Ich habe in verschiedenen Bilddatenbanken recherchiert, kostenpflichtige und kostenlose. Denn KI ist auch bei Profis längst noch kein Standardmotiv.

Derzeit lässt sich daher gut herauslesen, wie der Diskurs um KI ästhetisch mitgeformt wird. Amateure wie Profis sind auf Inszenierungen angewiesen, zumal binäre Codes wenig attraktiv scheinen. Noch überwiegend in den verfügbaren Datenbanken positive Bildwelten. Das liegt nicht zuletzt im Verwendungszweck begründet, dem Bildagenturen dienen. In aller Regel wollen Agenturen und Kunden mit den Stockbildern für KI werben. Folglich akzentuieren sie die Chancen höher als die Risiken. KI rettet die Menschheit – seltener rottet sie uns alle aus.

KI als Freund

Die Kategorie Freund orientiert sich am antiken Konzept der Freundschaft unter Gleichen. Angezeigt wird dies in der Geste der gereichten Hand und der Begegnung auf Augenhöhe. Der in Teil 1 dieser Mini-Serie erwähnte göttliche bzw. übernatürliche Fingerimpuls öffnet sich zur Geste des freundschaftlichen Willkommens.

Hand in Hand: PEPPER mit Mädchen. (c) Andy Kelly auf Unsplash
Arm in Arm: ROBOY und Besucherin des Mobile World Congress 2019 in Barcelona. (c) Joan Cros via Getty Images

Wir sehen Mensch-und-Maschinen Hand-in-Hand, wir sehen Free Hugs und typisch gewordene partnerschaftliche Unterstützer-Szenen: Der kaufmännische Handschlag, der Handknöchel-Stoß (Fist Bump), aber auch das liebenswürdige Love-Herzchen aus Daumen und Zeigefingern.

Von hier ist es zur nicht mehr weit zum ziemlich besten Freund – dem waschechten Kumpel. Freund Robo spielt Klavier oder Schach, kann Tauziehen, knackt den Zauberwürfel, tanzt mit uns, schiebt den Rollator und ähnliches mehr.

Nicht von ungefähr sind es vielfach Senioren, die überrascht, aber fröhlich ihre neue Freundschaft zum Roboter pflegen. Fotografinnen und Fotografen reagieren damit auf die entstehenden Anwendungsfelder im Bereich Health, hier besonders in der Pflege.

Die Inszenierung von KI als Freund framt das KI-Narrativ mit Assoziationen wie:

  • Partnerschaftlich
  • Hilfreich
  • Sensibel
  • Zuverlässig
  • Freundlich
  • Unvoreingenommen

Zeig mal her!

Dass wir so oft Roboterhände und -Finger sehen, ist übrigens kein Zufall. Im wesentlichen hat es zwei Gründe. Erstens. Die Hand, genauer gesagt die fünf Finger mit ihren sensomechanischen Fähigkeiten, stellen ein hochkomplexes Gebilde dar, die eine echte Herausforderung für die Robotik ist. Der Fokus auf Hand und Fingern soll den fotografischen Nachweis erbringen, was die softe Robotik inzwischen alles kann.

Tatsächlich hat sie enorm aufgeholt. Die durch Sensoren erzeugte, feinmotorische Erfassung der Welt kommt rasant voran. Weil die KI -Systeme selbstlernend Wissen erzeugt, sind die nächsten Entwicklungssprünge eben gerade nicht mehr vor-programmiert, sondern im Wortsinn nach-weislich programmatisch.

Zweitens: Der Finger ist in der ikonologischen Tradition auch deshalb von Bedeutung, weil der Zeige-Finger (griech. Daktylos, bestehend aus einem kurzen, zwei langen Gliedern) die typisch menschliche Zeigegeste macht. Auf etwas zu zeigen und es zu benennen, ist der Ur-Impuls, der die Menschen vom Tier unterscheidet. Schon Menschenkinder zeigen erstaunlich früh im >>Da, Da<< die Verbindung von Zeigen und Lautzeichen. Erkennen, sprechen und sich seiner Selbst bewusstsein sein, sind Qualitäten, die als genuin menschlich gelten.

Genau hier schickt sich nun KI an, dem Menschen nah und näher zu kommen. Der zeigende Mensch (Homo daktylos) stößt als Sprachwesen (Homo loquens) zur Selbsterkenntnis und Philosophie vor (>>Warum ist >da< etwas und nicht etwa nichts?<<).

Indem KI eine zunehmend verbesserte Fingerfertigkeit gewinnt und zugleich mehr und mehr ‚Verständnis‘ über seine Umwelt erhält, kratzt es am Konzept der menschlichen Einzigartigkeit. Flapsig formuliert: Da, schau an, wer nun oben auf dem Podest steht. Wenn es überhaupt noch Podeste gibt – Freunde begegnen sich schließlich auf Augenhöhe.

Fazit

Wer die guten, verlässlichen, hilfreichen Aspekte des Narrativs >>KI, dein Freund und Helfer<< sucht, wird in der Bildagenturen schnell fündig. Der Übergang zum allzeit bereiten Dienstboten ist fließend – mit allen Vor- und Nachteilen. Der servile Erfüllungsgehilfe ist untertänig, der Freund bleibt auf Augenhöhe >>Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt!<< So klingt die unterschwellige Melodie vieler der Freund Inszenierungen.

Bei aller Freundschaft trägt ein Inszenierungstyp zu latent negativen Implikationen bei. Immer dort, wo sich nur noch Roboter in typisch menschlichen Situationen zeigen, es sich dort gemütlich machen, springt das Narrativ: „Die nehmen uns was weg“ oder „Die werden uns ersetzen“ an. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn autarke Konferenzen abgehalten werden, Roboter am PC sitzen oder sie die Kandidaten auswählen.

Zu Teil 1) Demiurg und Alter Ego  geht es hier.

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