Wie Fotografen Künstliche Intelligenz inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 1).

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Darum setzt sich Künstliche Intelligenz (KI) auch gern ins rechte Licht. Nur, wie inszenieren Bildprofis und Laien eigentlich etwas, das schwer zur Gesicht zu bekommen ist? Mein Befund: Überraschend abendländisch und traditionsreich – als Demiurg und Alter Ego.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Es zeigt sich, dass auch beim Thema KI versucht wird, das Neue mit den heuristischen Möglichkeiten des Alten zu verstehen. Ein Vorgang, der für menschliches Verstehen typisch ist.

Als die Automobile die Pferde längst verdrängt hatten, hielten die Autobauer noch an den Trittbrettern oder Fußschwellen fest. Diese hatten keine andere Funktion, als Autos nach dem Prinzip >Kutsche< zu verstehen. Als Dampfeisenbahnen und Dampfschiffe zentrale Anlauf- und Sammelstellen brauchten, orientierten sich die Architekten an sakralen Hallenbauten. Mit Neben- oder Mittelschiffen bauten sie >Empfangs-Kirchen< was wir heute noch an Bahnhöfen oder Landungsbrücken erkennen können.

Verstehen heisst fortschreiben.

Doch die Fotokünstler treffen auf ein Problem, sie sollen etwas inszenieren, das noch nicht voll zu erkennen ist. Hinzu kommt, dass die Basis aller KI – binäre Codes – als solche nicht sonderlich attraktiv sind. Daher entstehen zwar in Photoshop fantastische, kristalline Zauberwelten, in denen die Bits und Bytes nur so rauschen wie schönste Wasserfälle, doch realistisch in den Serverräumen, in den Werkstätten oder auf Messen sieht es oft anders aus.  

KI als Demiurg

In der Sixtinischen Kapelle – in Michelangelos Deckenfresko von der Erschaffung des Adam – findet sich die ikonologische Darstellung des abendländischen Schöpfergottes schlechthin. Der Akt des Erweckens ist eindeutig positiv besetzt. Es verwundert daher wenig, dass die Fingerberührung zu einem der typischen Symbolbilder für KI wurde.

Genauso taucht die Verkehrung der stilprägenden Anordnung vor. Wer jeweils wem den göttlichen Lebensfunken übermittelt, wird bewusst in Frage gestellt. Oft werden beide Fotos parallel angeboten. Nicht mehr der Mensch erweckt die Maschine, sondern die Maschine den Menschen. Präludiert, wenn auch verdeckt, erklingt das Thema, das der Mensch von der Künstlichen Intelligenz übertroffen werden könnte und früher oder später in Abhängigkeit oder ins Hintertreffen gerät. Von hier ist die Bildwelt der Transformer oder Warrior nicht weit.

Das Foto links stilisiert sich mehr als E.T. denn als Michelangelo, aber das Zitat bleibt. Der Schöpfer erweckt sein Geschöpf mit göttlicher Energie zum Leben. Gemäß der E.T. Anspielung insinuiert das Bild, der Mensch würde nun ’nach Hause‘ geführt – auf welchem Planeten oder in welcher Dimension auch immer das sein mag. Das Foto rechts zeigt, wie das Geschöpf lebendig wird und seine virtuelle Welt erkundet . Inzwischen gibt es ganze Heerscharen von Bildmotiven, die das Thema aufwändig ausleuchten, konzeptionell überhöhen und teilweise betörend schön umspielen. Doch die Aussage bleibt gleich.

Diese Gruppe prägt das Narrativ:

  • vitalisierend                                                  
  • inspirierend                                                   
  • schöpferisch
  • visionär
  • unterwegs zu Höherem

Schaut man sich die angebotenen Editorial Bilder für die Berichterstattung in der realen Welt an, fällt sofort ein großer Unterschied ins Auge.

Man trifft man auf eine Fülle von Belegbildern aus KI/AI-spezifischen oder KI/AI-affinen Konferenzen, Conventions und Messen, besonders auf Speaker, Manager, oft asiatische Konzernchefs, renommierte Forscher und Entwickler. Da es so viele Felder in Europa noch nicht gibt, in denen sich ein spontaner KI-Kontakt ergibt, sind die Fotografen auf Messen und Einkaufsparadiese angewiesen.

KI als Alter Ego

Steckt nicht in allen Menschen und Maschinen ein bisschen Dr. Jekyll und Mr. Hyde? Irgendwie ahnen wir, dass es zu schön klingt, um wahr zu sein, dass nur unsere guten Seiten in den Künstlichen Intelligenzen Gestalt annehmen. Geschichten über angelerntes, menschenverachtendes Vokabular erscheint da noch als vergleichsweises mittelschweres Schreckgespenst.

Das zeigen auch die Fotografien. Sie reichen vom klassischen Topos der Janusköpfigkeit hin zu zahlreichen Misch- und Übergangsformen. In der Kombination mit dem Konzept des Cyborgs (Cybernetic Organism) entstehen unter dem Schlagwort KI Fotografien, die sowohl antike als auch klassisch-moderne Anleihen bemühen. Bei den antiken denke ich an Mischwesen wie Chimären, in der klassischen Moderne Dadaimus und Surrealismus.

Diese Gruppe prägt das Narrativ:

  • doppelgesichtig
  • teilmenschlich
  • unmenschlich
  • fremdartig
  • artifiziell
  • überraschend
  • unkalkulierbar
  • gefährlich

In der positiven Variante entstehen daraus meist futuristisch überhöhte, illustrativ oder konzeptionell unterstützte Bilder von Menschen mit Bio-Enhancements: Typisch sind der aufgeschnittene Hinterkopf, die Steckverbindungen an entscheidenden neuronalen Körperteilen (Rückenmark, Halswirbelsäule, Sinnesorgane).

Fazit

Die Last der Tradition wiegt schwer. Wer Roboter in Rodins Denkerpose zeigt oder Roboterarme ballettgleich tanzen lässt, drückt viel mehr aus als nur ein Bildzitat. Die ikonologische Tradition bietet ein visuelles Framing, die die Akzeptanz von KI erhöhen kann.

Zugleich ist Anthropomorphismus ein nicht unerheblicher Teil des Problems. Überspitzt gesagt unterstellen wir jedem technischen Wesen Gefühle oder gar Seele, sobald es seine großen Augen auf uns richtet. Das kann dazu führen, dass wir dort, wo rationale Beurteilung über Datenverwendung angesagt wäre, vorschnell zu menschlichen Reaktionen neigen: „Ach, was soll damit schon passieren?“, „Der meint es doch nur gut!“, „Du schon wieder!“ oder „Der will doch nur spielen“. Aber damit bin ich schon bei Teil 2.

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