{"id":994,"date":"2019-07-23T18:20:08","date_gmt":"2019-07-23T16:20:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.elvira-steppacher.de\/blog\/?p=994"},"modified":"2023-03-08T09:09:00","modified_gmt":"2023-03-08T08:09:00","slug":"kuenstliche-intelligenz-ki-und-kindlicher-spracherwerb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.elvira-steppacher.de\/blog\/de\/2019\/07\/23\/kuenstliche-intelligenz-ki-und-kindlicher-spracherwerb\/","title":{"rendered":"K\u00fcnstliche Intelligenz (KI) und kindlicher Spracherwerb"},"content":{"rendered":"\n<p>Kinder sind keine Erwachsene. Nicht mal <em>en miniature<\/em>. Genau das macht sie f\u00fcr K\u00fcnstliche Intelligenz so interessant. Paradox: Jahrtausende erschienen Kinder als unreif und unfertig. Unbrauchbar f\u00fcr die Welt der Wissenden. Heute, erst recht Morgen oder \u00dcbermorgen, spielen die Kleinen in der Welt der Gro\u00dfen. <\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Weit entfernt, die Spr\u00f6sslinge als defizit\u00e4r aufzufassen, interessieren sich KI-Forscher f\u00fcr Kinder, gerade <em>weil<\/em> sie die <em>erwachsenen<\/em> Denkmuster noch nicht etabliert haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Grund liegt im Lernverhalten der J\u00fcngsten: Messerscharfe Logik, bestechende Schlussfolgerungen, \u00fcberraschende Wortneusch\u00f6pfungen und nachvollziehbare Auffassungen \u2013 Kindermund tut Wahrheit kund. Und zeigt jede Menge sprachlicher Phantasie.<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Opa ist am Kopf <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"barfu\u00df (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Opa-ist-Kopf-barfu%C3%9F-Kinderspr%C3%BCche\/dp\/3453603060?SubscriptionId=AKIAILSHYYTFIVPWUY6Q&amp;tag=duckduckgo-ffab-de-21&amp;linkCode=xm2&amp;camp=2025&amp;creative=165953&amp;creativeASIN=3453603060\" target=\"_blank\">barfu\u00df<\/a>.<\/li><li>Wenn wir kein Geld mehr haben, kaufen wir uns eins.<\/li><li> Papa, ich hab dich&nbsp;soo lieb!\u00ab \u00bbDas ist aber nett, dankesch\u00f6n. Sag das doch auch mal zur Mama, die freut sich bestimmt auch.\u00ab \u00bbMama, ich hab den Papa soo <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"lieb (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.kindermund-verlag.de\/unsere-30-besten-sprueche\" target=\"_blank\">lieb<\/a>! <\/li><li>Mama, Torsten auch Kuchen <a href=\"https:\/\/www.kindermund-verlag.de\/unsere-30-besten-sprueche\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"b\u00fcgeln (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">b\u00fcgeln<\/a>.<\/li><li>Opa hat Krebs. Vielleicht wird er ja wieder gesund, wenn wir den Krebs ins Wasser <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"setzen (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.kindermund.de\/sprueche.php?kat=gesundheit\" target=\"_blank\">setzen<\/a>. <\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Wie das kindliche Gehirn sich\ndie Welt erschlie\u00dft, ist im Kontext maschinellen Lernens wertvoll. Denn die\nTaxonomien, Begriffe, Zuordnungen oder Schl\u00fcsse, die es bildet, geben auch Aufschluss\n\u00fcber Mustererkennung. Beim kindlichen Spracherwerb zeigt diese sich im Wortsinn\n<em>status nacsendi.<\/em> Informatiker, Neurologen, Sprachwissenschaftler und\nandere erkennen Analogien, die sie zur Verbesserung maschinellen Lernens und\nk\u00fcnstlicher Intelligenz mindestens heuristisch einsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kinder sind Kinder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es dauerte, bis Philosophie und P\u00e4dagogik Kindheit anders als vom Konzept des miniaturisierten Erwachsenen betrachteten. Das hatte Einfluss auf die Sprache. Das Grimmsche <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"W\u00f6rterbuch  (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/cgi-bin\/WBNetz\/wbgui_py?sigle=DWB&amp;mode=Vernetzung&amp;lemid=GK05105#XGK05105\" target=\"_blank\">W\u00f6rterbuch <\/a>h\u00e4lt fest: <\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIn neuerer zeit wird kindisch von kindlich so unterschieden, dasz es nur tadelnd gilt (wie weibisch im verh\u00e4ltnis zu weiblich u. a.). dieser unterschied ist nicht alt; scharf ausgepr\u00e4gt erscheint er erst im 18. jh. und auch da noch nicht durchgef\u00fchrt.\u201c <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Jean Jaques Rousseau war\ndaran ma\u00dfgeblich beteiligt. Er erkannte fr\u00fch die Spezifik und im Laufe des 18.\nJahrhunderts entstanden genuin kindgerechte R\u00e4ume, reale wie metaphorische. Ob\nes gut ist, Kinder aus der Welt der Erwachsenen zu isolieren, ist zwar umstritten,\ndoch dass sie auf ihre Weise lernen und sich die Welt aneignen, nicht. Ansteckend,\ndie kindliche Freude, mit Sprache zu experimentieren. Damit meine ich nicht das\nlautliche Lernen und Brabbeln, dessen Bedeutung f\u00fcr Spracherwerb unverzichtbare\nVoraussetzung ist. Ich meine den Erfindungsreichtum, wenn es darum geht, sich\nneue Worte auszudenken, gerne Komposita, die die schlimmsten aller kindlich\ndenkbaren, weil von den Erwachsenen gerne tabuisierten, f\u00e4kalen Schimpfworte\nbetreffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kinder sind Spracherfinder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Je \u00e4lter Kinder werden, desto seltener zeigt sich dieses Verm\u00f6gen. Hier stellt sich die Frage, ob der Verlust <em>latent<\/em> ist, und wie ein untrainierter Muskel reaktiviert werden kann, oder als quasi-<em>absolut, <\/em>gelten muss. Im Sinne der Piagetschen Entwicklungsfenster w\u00e4re die Kompetenz nur sehr viel schwerer oder gar nicht mehr erlernbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Je besser Kinder Sprechakte beherrschen, desto seltener finden sprachliche Experimente statt. Der Grund ist relativ einfach. Abweichungen von der Norm gestalten sich als weniger effektiv. Reduziert auf das \u201eschnelle\u201c, \u201eexakte\u201c, \u201eallt\u00e4gliche\u201c Sprechen und Verstehen, kurz Kommunizieren, erweist sich dieser Erfindungsreichtum als unbrauchbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Hei\u00dft erwachsen dann also weniger innovativ, weniger explorativ in Bezug auf Sprache? Lohnenswert ist die Frage nach dem Zusammenhang von Spracherwerb, sprachlicher Horizonterweiterung und  Weltsicht in jedem Fall. J.G. Herder, W.v. Humboldt, L. Wittgenstein   bilden die Vordenker des sp\u00e4teren Linguistic Turn, auch, wenn bei allen   Denkern sehr verschiedene Motive, Erkenntnissinteressen und   Theoriegeb\u00e4ude zugrunde liegen. Das Wittgensteinsche Theorem, dass die   Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt sind, hat der   Sprachwissenschaft, genauer gesagt, der Linguistik, zu neuen Ehren in   Digital Humanities und Informationswissenschaft verholfen.   <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Viele Sprachen, viel Welt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber Felder, in denen wir sehr schnell merken, dass die eigene Sprache nicht das einzig m\u00f6gliche Spracherfassen ist. <\/p>\n\n\n\n<ol><li>In einer\nfremden nat\u00fcrlichen Sprache<\/li><li>In einer Geheimsprache<\/li><li>In nicht ausschlie\u00dflich\nnutzen- oder funktionaler Sprache<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Letzteres umfasst den gesamten Bereich des k\u00fcnstlerischen Sprechens \u2013 also Literatur, Theater, Liedtexte oder Poesie. Nicht von ungef\u00e4hr sind Sprachbilder oder Metaphern der Ort besonderer Erfahrbarkeit sprachlicher K\u00fchnheit, aber nicht nur. Alle Eigenschaften, die Sprache inhaltlich, strukturell und formal ausmachen, also etwa Lexeme, Morpheme, Rhythmus, Klang etc. eignen sich zum Experiment. Dass der Dadaismus sich auf die fr\u00fcheste kindliche Erkenntnislautung \u2013 das Da, da \u2013 bezieht, kann insofern nicht \u00fcberraschen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Spracherlernen zeigen Kinder \u2013 genau wie alle anderen Jungtiere \u2013 Neugier, Spieltrieb, Experimentierfreude, Wagemut. Diese Eigenschaften sind eine unverzichtbare Eigenschaft, um den Status quo zu \u00fcberschreiten und in die Welt des M\u00f6glichen vorzudringen. Manchmal unter Verzicht auf rasche Vereinheitlichung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Frage \u201eKommst du\nmit spazieren?\u201c bekommen Fragende schneller eine Antwort als auf den Sprachakt:\n\u201eKomm in den totgesagten Park und schau\/der Schimmer ferner l\u00e4chelnder Gestade\/der\nreinen Wolken unverhofftes Grau\u201c usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas abweichend vom Akzeptierten oder Gewohnten zu sagen, kann nicht nur zur Poetisierung der Welt beitragen. Ganz im Gegenteil sehen wir ja gerade, wie schnell sprachliche Experimente irritieren und zum Streit f\u00fchren k\u00f6nnen: nicht nur das Gendersternchen l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Die Beispiele, in denen Sprechhandeln zu Ablehnung, ja Kriegen f\u00fchren k\u00f6nnen, beginnen oft schon beim blo\u00dfen Namen eines Landes.  Dennoch l\u00e4sst sich Sprache nicht festhalten. Denkmuster sind immer auch Ausschluss von Neuem, Anderen, vielleicht Besserem, wom\u00f6glich Schlechterem.<\/p>\n\n\n\n<p>Ver\u00e4nderung kann als deviant, als abweichend von der Norm erfahren werden. Doch ohne Normabweichung keine Ver\u00e4nderung. Kinder lernen ja nicht ohne Bezug auf die etablierte Sprache sprechen Die historisch katastrophalen, ethisch verwerflichen Experimente an Kindern, die man ohne Sprache aufwachsen lie\u00df, weil man herausfinden wollte, welche Sprache sie \u201evon selbst\u201c sprechen, zeigen das deutlich. <\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne ist nicht-Erwachsen-Sein beides: Unfertig, aber eben auch un-fertig (virtuell). Kinder als Erwachsene im Pilotstadium aufzufassen, w\u00fcrde ihrer genuinen Eigenst\u00e4ndigkeit nicht gerecht. Gleich, von welcher Seite man sich mit dem Konzept \u201eKind\u201c besch\u00e4ftigt \u2013 dekonstruktivistisch, neurowissenschaftlich, biologisch, anthropologisch, p\u00e4dagogisch, ideengeschichtlich, sprachwissenschaftlich, mystisch, religi\u00f6s \u2013 mir scheint, was uns am Kindlichen fasziniert, ist etwas Dialektisches. Etwas, das uns zugleich gegeben ist und genommen wird. Paradoxerweise liegt im Konzept des Kindlich-Virtuellen eine Art Zukunftsgegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bibel ist \u00fcbrigens\nnicht ganz unbeteiligt an der besonderen Stellung, die dem \u201eKind\u201c zukommt. Sie tradiert\nsowohl die alte Linie des noch-Unfertigen (Als ich ein Kind war, \/ redete ich\nwie ein Kind, \/ dachte wie ein Kind \/ und urteilte wie ein Kind. Als ich ein\nMann wurde, \/ legte ich ab, was Kind an mir war. Einheits\u00fcbersetzung 1 Kor, 13,11)\nals auch des (eschatologisch) ganz Neuen (Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie\ndie Kinder Mt, 18,3)<\/p>\n\n\n<p><!--EndFragment-->Dieser Beitrag erschien zuerst in meinem Blog <a href=\"https:\/\/natuerlichkuenstlich.wordpress.com\/2019\/07\/23\/wenn-ihr-nicht-werdet-wie-die-kinder-ki-und-kindlicher-spracherwerb\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Nat\u00fcrlichK\u00fcnstlich<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kinder sind keine Erwachsene. Nicht mal en miniature. Genau das macht sie f\u00fcr K\u00fcnstliche Intelligenz so interessant. Paradox: Jahrtausende erschienen Kinder als unreif und unfertig. Unbrauchbar f\u00fcr die Welt der Wissenden. 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