{"id":2116,"date":"2020-12-15T21:50:11","date_gmt":"2020-12-15T20:50:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.elvira-steppacher.de\/blog\/?p=2116"},"modified":"2023-03-08T09:08:58","modified_gmt":"2023-03-08T08:08:58","slug":"haette-haette-fahrradkette-gemmings-lebensweisheiten-zwischen-humor-und-heiterkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.elvira-steppacher.de\/blog\/de\/2020\/12\/15\/haette-haette-fahrradkette-gemmings-lebensweisheiten-zwischen-humor-und-heiterkeit\/","title":{"rendered":"H\u00e4tte, h\u00e4tte Fahrradkette\u2026  Gemmings  Lebensweisheiten zwischen Humor und Heiterkeit"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>August Gemming hat in seinem Leben herbe Entt\u00e4uschungen hinnehmen m\u00fcssen. Dass er jedes Mal weich gelandet w\u00e4re, l\u00e4sst sich genau so wenig belegen wie das Gegenteil. Allerdings hat sein Humor mit Sicherheit einiges abgefedert.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>Und wenn die Welt in Tr\u00fcmmern geht<br>Und alles heult\u2018 in N\u00f6then \u2013 <br>Egal \u2013 ob\u2018s grad geht oder krumm, <br>Ich scheer\u2018 mich einen Teufel d\u2019rum \u2013 <br>Ich blas\u2018 fidel mei\u2018 Fl\u00f6ten.<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dem Schlechten mit Ironie, Humor, Komik, Witz, Klamauk, Parodie oder Posse zu begegnen, darf als Akt der Selbstbehauptung gelten. In Gemmings Fall scheint es naheliegend, seinen Humor auch im Kontext von Resilienz deuten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Humor ist nicht gleich Humor<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Humor eignet etwas zutiefst Diesseitiges, er bekennt sich zu den Schw\u00e4chen des Realen und den Unvollkommenheiten des Lebens. &nbsp;Humor im engeren, neuzeitlichen Sinn hat sich vom medievalen Ver-Lachen gel\u00f6st. Cum grano salis ging es im Mittelalter darum, die als s\u00fcndhaft interpretierten Spielarten der Narretei zu verurteilen. Dies geschah einerseits auf Basis der Humoralpathologie, der antiken Vier-S\u00e4ftelehre (lat. Humores) Galens, die in Teilen in der ganzheitlichen Medizin unserer Tage fortlebt. Andererseits aufgrund der&nbsp;christlichen Weltordnung. Aus der Logik, dass das irdische Leben als Bew\u00e4hrung f\u00fcr das ewige aufgefasst wird, gilt der Narr als lasterhaft und gottvergessen. <\/p>\n\n\n\n<p>In der (Fr\u00fch-)Renaissance kippt der Ordo-Gedanke ins Diesseitige, der (derbe) Humor macht die in Schwank- und Spottgedichten neu erfasste Sinnenlust auch in ihrer Ambivalenz, als enthemmte gesellschaftliche Blo\u00dfstellung und Diffamierung, erlebbar.  J. Kristeva und M. Bachtin haben mit Recht das anarchische Potential hervorgehoben. Die Aufkl\u00e4rung  wiederum appelliert mit ihrem Humorverst\u00e4ndnis vor allem an die Vernunft. Erst die Romantiker \u2013 voran Jean Paul \u2013 verbinden in ihren anspruchsvollen, philosphisch aufgeladenen Humorkonzepten den Kontrast zwischen Endlichem und Unendlichem. Es sind die zerrissenen Figuren wie Leibgeber oder Roquairol, die den Abgr\u00fcnden und Aporien des romantischen Humors Gestalt verleihen. Allein ihre Namen sind in diesem Sinn beredt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Humor in den Mottoversen von August Gustl Gemming<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Demgegen\u00fcber redet Gemming einer vergleichsweise einfachen Humorauffassung das Wort. Etwa in jenen Motto-Gedichten und Merkspr\u00fcchen, denen durchaus Wurstiges anhaftet (vgl. \u201eUnd wenn die Welt in Tr\u00fcmmern geht\u2026\u201c ). Der R\u00fcckzug ins sinnenfroh Beschr\u00e4nkte passt zum selbstzufriedenen Deutschen Michl, der auch in unseren Tagen gr\u00fc\u00dfen l\u00e4sst: &#8222;Macht ihr da oben doch, was ihr wollt, ich halt mich raus, blas euch (und mir) eins und habe wenigstens eine gute Zeit.&#8220; Der R\u00fcckzug auf die private Scholle als Empfehlung?!<\/p>\n\n\n\n<p>Jean Paul hat in seiner \u201eVorschule der \u00c4sthetik\u201c die Idylle definiert. Er fasst sie als \u201eVollgl\u00fcck in der Beschr\u00e4nkung\u201c. Der Idylliker lebt ein zufriedenes Leben um den Preis, dass er die eigene Ackerfurche zu keiner Zeit verl\u00e4sst. Die Zeitl\u00e4ufte, das Weltgeschehen, ja nicht einmal das Duodezf\u00fcrstentum gehen ihn etwas an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom fr\u00f6hlichen Zecher<\/strong> <strong>zum<\/strong> <strong>zuversichtlichen Pragmatiker<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch der historische Gemming ist kein Idylliker, daf\u00fcr strebt er viel zu sehr in die N\u00e4he des Hofes, um sich mit den Niederungen einer Furche zufriedenzugeben. In seiner Lyrik allerdings probiert er verschiedene Sichtweisen aus: Dort zeigt sich ein lyrisches Ich, das vorgibt, sich einen Deubel darum zu scheren. Rezeptionsgeschichtlich war es sicher pr\u00e4gend, dass gerade diese Postkarte von August Gemming in Umlauf gelangte. Wahrscheinlich entstand sie nicht ohne sein Wissen, doch da der Name &#8222;Gustav&#8220; hier falsch von &#8222;Gemming Gustl&#8220; abgeleitet wird, d\u00fcrfte es wahrscheinlich keine finale Abnahme gegeben haben. Von nun an galten diese Verse als sein &#8222;Leibspruch&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img data-attachment-id=\"1292\" data-permalink=\"https:\/\/www.elvira-steppacher.de\/blog\/de\/2020\/03\/08\/tagderarchive2020-feste-bleibe-warum-ich-august-gemmings-adressen-digital-und-analog-finden-will\/august-gemming-c-stadtarchiv-muenchen-de-1992-fs-nl-kv-2183\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.elvira-steppacher.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/August-Gemming-c-Stadtarchiv-M\u00fcnchen-DE-1992-FS-NL-KV-2183-e1583661855972.jpg?fit=320%2C483&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"320,483\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"August-Gemming-c-Stadtarchiv-M\u00fcnchen-DE-1992-FS-NL-KV-2183\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.elvira-steppacher.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/August-Gemming-c-Stadtarchiv-M\u00fcnchen-DE-1992-FS-NL-KV-2183-e1583661855972.jpg?fit=199%2C300&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.elvira-steppacher.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/August-Gemming-c-Stadtarchiv-M\u00fcnchen-DE-1992-FS-NL-KV-2183-e1583661855972.jpg?fit=320%2C483&amp;ssl=1\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"320\" height=\"483\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.elvira-steppacher.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/August-Gemming-c-Stadtarchiv-M\u00fcnchen-DE-1992-FS-NL-KV-2183-e1583661855972.jpg?resize=320%2C483\" alt=\"August-Gemming-c-Stadtarchiv-M\u00fcnchen-DE-1992-FS-NL-KV-2183-e158366185597\" class=\"wp-image-1292\" data-recalc-dims=\"1\"\/><figcaption>Gemmings Schwergelpfeife l\u00e4sst sich noch heute im Heimatmuseum Schnaittach besichtigen. Zusammen mit anderen Dingen aus dem pers\u00f6nlichen Besitz des Autors und seiner Familie.  <br>Quelle: (c) Stadtarchiv-M\u00fcnchen-DE-1992-FS-NL-KV-2183-e158366185597<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die \u201ewas geht mich das an?\u201c-Attit\u00fcde ist die Haltung des fr\u00f6hlichen Zechers. Richtig ist, dass dieser Humor nichts blo\u00dfstellen, anprangern oder verbessern soll. Er zeigt schlicht und pragmatisch, wie man mit heiler Haut durchkommen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemming hat allerdings noch andere Konzepte <em>in petto<\/em>. Zun\u00e4chst einmal f\u00e4llt auf, dass er die Satire in ihrer \u00e4tzenden oder gar zynischen Variante meidet. Gemming ist kein Lebenshasser, der an der \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden irre wird. Dazu verhilft ihm sicher seine Resilienz \u2013 und last but not least ein gutverdienender, angesehener Herr Papa, der den Sohn \u2013 trotz aller Strenge \u2013 mit den sch\u00f6nen Seiten des Lebens bekannt macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits in seinem lyrischen Deb\u00fct \u2013 den Poetischen Verbrechen (1874) \u2013 findet sich an drittletzter Stelle der Sammlung, mithin durchaus exponiert,  ein Gedicht mit dem Titel:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;Ein Wort f\u00fcr Jedermann.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>Geht\u2019s oft im Leben manchmal krumm<br>Und nicht nach unser\u2019m Willen \u2013<br>und l\u00e4\u00dft sich das, was wir gehofft \u2013<br>Nicht jedesmal erf\u00fcllen, \u2013<br>So lasse man den frohen Muth<br>Und den Humor nicht sinken. \u2013<br>Wo ist der Mensch \u2013 wo? frage ich \u2013<br>Dem immer Freuden winken?<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>[\u2026]<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>\u201eWenn dies und das geschehen w\u00e4r\u2018, \u2013<br>Oh wenn! \u2013 (h\u00f6rt man stets sagen), \u2013<br>Ja \u2013 wenn das W\u00f6rtlein w e n n nicht w\u00e4r\u2018<br>So g\u00e4b\u2019s nie Leid und Klagen. \u2013<br>Wenn nicht der Jagdhund h\u00e4tt ge-nie\u00dft <\/em>[sic!]<em>,<br>H\u00e4tt\u2018 er gefangt den Hasen, \u2013<br>Wenn alles ich vorher gew\u00fc\u00dft,<br>H\u00e4tt\u2018 ich nie kriegt \u201ea Nas\u2019n.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ein gewisser `Realismus` pr\u00e4gt auch diese Zeilen, erneut findet sich der implizite Verweis auf das pragmatische Arrangement. Man muss das Beste draus machen \u2013 mit dem Leben, mit dem Stand, mit den Verh\u00e4ltnissen. Beides, der Ton in seiner Sprechh\u00f6he wie die Worte in ihrer Auswahl, versuchen sich pseudo-allgemeing\u00fcltig in einer Schrumpfform der praktischen Vernunft (\u201e<em>oft<\/em>, \u201e<em>manchmal<\/em>\u201c, \u201e<em>Nicht jedesmal<\/em>\u201c, \u201e<em>Wo<\/em>?\u201c). Aus den Versen klingt eine wohlfeile Vern\u00fcnftigkeit, mehr Wirklichkeitssinn als Weisheit, ein &#8218;gesunder&#8216; Menschenverstand, der akzeptiert, dass es zum Leben nun einmal geh\u00f6rt, den Menschen Auf und Abs zuzumuten. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf Regen folgt Sonnenschein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die eminent nutzen- und vorteilsorientierte Logik dieses Denkens schl\u00e4gt sich auch in den aufkommenden Poesiealben und Kalenderspr\u00fcchen der mehr und mehr restaurativen Zeit nieder: \u201eAuf Regen folgt Sonnenschein.\u201c &nbsp;\u201eUnd wenn du denkst, es geht nicht mehr\u2026\u201c <br><br>In diesem Kosmos, sind Widrigkeiten l\u00e4stig, aber unvermeidlich. Sie mit R\u00e4son zu ertragen, ist dem braven B\u00fcrger genau wie dem aufgekl\u00e4rten Adelsspross auferlegt. Letztlich ist das Schicksal dem Verst\u00e4ndigen nicht feindlich gesinnt. Die M\u00f6glichkeit, dass der Wohlstand auf dem R\u00fccken anderer St\u00e4nde erkauft wird, f\u00fcr die es nicht wieder aufw\u00e4rts gibt, findet in diesem Kosmos keine Erw\u00e4hnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Strophe zwei bem\u00fcht &nbsp;denn auch explizit \u201e<em>usus<\/em>\u201c und <em>Vernunft<\/em>\u201c. Strophe drei versucht sich am Modell des vermeintlichen Ungl\u00fccks, das sich &#8222;<em>im Nachhinein&#8220; <\/em>\u2013 was Wunder \u2013 als Gl\u00fccksfall erweist. Auch dies ein deutliches Signal auf eine letztlich positive Weltsicht. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer nicht h\u00f6ren will, muss f\u00fchlen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch stellt die vierte und &nbsp;letzte Strophe eine Art Steigerung dar. Sie variiert das Motiv des \u201eAuf Regen folgt Sonnenschein\u201c, aber diesmal mit dem Kalk\u00fcl des Konditionalis und Irrealis. Wen die Vernunft bis jetzt noch nicht auf Seiten des Pragmatismus gebracht hat, der wird mit Spott bedacht. Die letzten Ungl\u00e4ubigen, die nicht h\u00f6ren wollen, m\u00fcssen eben f\u00fchlen. Mal hat man Gl\u00fcck, mal Pech, mal hat man R\u00fcckenwind, mal setzt es einen Nasenst\u00fcber. Schicksal eben, die Parzen hier von betulicher Gestalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem sich das lyrische Ich selbst nicht ausschlie\u00dft und manchen Nasenst\u00fcber gesteht, gibt es sich als bejahender Teil dieser Weltanschauung zu erkennen. Der an keiner Stelle aufgebrochene Zusammenhalt muss allerdings wiederholt mit sprichworthaftem, maximen- &nbsp;und sentenzhaftem Sprechen durchgeholt werden. Die in sich geschlossene Weltsicht festigt sich ihrem Duktus nach selbst. Das B\u00fcndige `beglaubigt` das Behauptete.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom Motto-Gedicht zum Aphorismus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gemmings \u00fcberliefertes, zu gro\u00dfen Teilen im Selbstverlag publiziertes Werk liegt nicht historisch ediert oder kritisch aufbereitet vor. Chronologische Aussagen zur Entstehung seiner Lyrik und Prosa lassen sich nur unter Vorbehalt treffen. Doch scheint es, dass Gemming zwei Motti oder besser Aphorismen f\u00fcr sich reklamiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Gefolge der Heiterkeit <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zusammen erscheinen beide Lebensweisheiten erst in der 3. &nbsp;Auflage der <em>Poetischen Verbrechen<\/em> (1880, i.e. 1879\/80), Wegen allzu renitenter Streiche und Sottisen ist ihm das Ausscheiden aus dem aktiven Milit\u00e4rdienst nahegelegt worden. Gemming, jetzt 43, bemerkt: die Gesundheit nimmt ab, die Zahl der Freunde auch. Er schreibt einem Freund: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>Motto.<\/em><br><em>Neben dem Ernst des Lebens geht die Heiterkeit als unzertrennliche Gef\u00e4hrtin, \u2013 ohne sie w\u00e4re mit dem Ernst kein Fertigwerden.<\/em><\/p><cite><em>Gemming<\/em>.<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>und:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>Das eben ist des Daseyns<\/em> [sic!] <em>sch\u00f6nste Kunst: Des Lebens heitere Seite nur zu schauen.<\/em><\/p><cite><em>Gemming.<\/em><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die erste Sentenz, unterhalb des Vorworts l\u00e4sst er explizit als \u201eMotto\u201c drucken, das zweite nebst Widmung auf dem Schmutztitel schreibt er von Hand, nebst Widmung, dazu. Beide Sentenzen werden mit \u201eGemming.\u201c unterzeichnet. Ein klarer Anspruch auf Autorschaft und damit neben der personalen auch ideelle Zuschreibung: Die in den Aphorimsen genannte Gesinnung gibt sich als  wichtig oder angestrebt zu erkennen, so in etwa lautet ihr unausgesprochener Subtext.<\/p>\n\n\n\n<p>Motto eins findet sich allerdings schon in Gemmings <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.elvira-steppacher.de\/blog\/de\/2020\/03\/24\/krieg-und-kopfkino-die-bilder-festhalten-die-unaufhoerlich-unsere-kopfstation-umkreisen\/\" target=\"_blank\">Kriegstagebuch<\/a> \u201e<em>Vor der Etappe<\/em>\u201c, das er unmittelbar w\u00e4hrend und nach seinem Einsatz im Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg (1870\/71) verfasst. In der Schlacht bei Balan war Gemmings \u00e4lterer Bruder Theodor get\u00f6tet worden. Aus logistischen, wom\u00f6glich auf tragische Weise banalen Gr\u00fcnden wurde dessen Leichnam nicht nach N\u00fcrnberg \u00fcberf\u00fchrt, sondern in einem Gruppengrab mit anderen Gefallenen seines Regiments in Frankreich beerdigt. Dem Journal voraus schickt der Autor diesen Aphorismus.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Offenkundig erf\u00e4hrt der Humor hier eine Transzendierung ins Heitere. Als Grundierung der ersten, sp\u00e4ter zum <em>Motto <\/em>stilisierten Lebensweisheit, k\u00f6nnen Trauer und Verzweiflung wegen Theodors Tod unterstellt werden.  Doch dann, scheint es, h\u00e4tten sich diese verfl\u00fcchtigt. Oder wird der sprichw\u00f6rtliche <em>Ernst des Lebens<\/em> aus dem <em>Motto <\/em>im zweiten Sinnspruch verleugnet? Zun\u00e4chst einmal liest sich die (wahrscheinlich sp\u00e4tere) Sentenz wie ein handschriftlicher Kommentar zum wohlgesetzen Motto fr\u00fcherer Zeiten. Doch es k\u00f6nnte auch sein, dass sich die mit dem &#8222;<em>Ernst des Lebens<\/em>&#8220; verbundene Schmerzlichkeit mit der Zeit gel\u00f6st hat. Wie? Wohl durch eine Praxis der Ein\u00fcbung. Diese wird als eine \u201e<em>Kunst<\/em>\u201c bezeichnet. Von der Verleugnung zur Entsagung? Aufgrund der Quellenlage muss dies offen bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>August Gemming hat in seinem Leben herbe Entt\u00e4uschungen hinnehmen m\u00fcssen. Dass er jedes Mal weich gelandet w\u00e4re, l\u00e4sst sich genau so wenig belegen wie das Gegenteil. 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Vignette, Signatur, Lebenschiffre","author":"Elvira Steppacher","date":"13. April 2020","format":false,"excerpt":"August Gustl Gemming betitelt seinen lyrischen Erstling \u201ePoetische Verbrechen.\u201c Den Buchdeckel zieren zwei Feldhasen. Sie sitzen Seit an Seit unter dem Namen des Autors. Der rechte fixiert den Leser mit durchdringenden Augen, der linke kehrt ihm den Stummelschwanz zu. Die Vorlage zu dieser Vignette hat Gemming vermutlich selbst gezeichnet. 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