Wie soll das Kind denn heißen? Zum Begriff „Künstliche Intelligenz“ (KI)

Das mythische Potential von Namen wurzelt in den Schöpfungsgeschichten der Völker. In den Märchen, Fabeln und Legenden lebt es fort, ungebrochen in seiner Güte und Gefährlichkeit. Segen und Fluch liegen nah beieinander, gute Namensfeen stehen neben bös erzürnten. Wer einmal erlebt hat, wie aufrichtig Eltern um den Namen ihres Neugeborenen ringen, spürt etwas vom Ernst des Aktes – genau wie in den Ritualhandlungen Taufe oder Namensfeier.

Die Kraft von Namen

Die Kulturgeschichte der Namensgebung berührt alle großen Fragen der Menschheit. Bis in kommunikationsstrategische Fragen dieser Tage strahlt die Wucht dieser Macht ab. Wie gut der Name einer Marke zu ihrem Produktinhalt oder dessen Zwecksetzung passt, entscheidet wesentlich über Akzeptanz oder Ablehnung. Das gilt auch für die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI).

Die KI-Taufpatinnen und Taufpaten

Am Kindbett der KI standen ihre Großeltern, die Logik und Philosophie sowie ihre Eltern, Informatik und Psychologie. Zur Tauffeier lud man honorige Gäste, nämlich die Robotik, die (Neuro-)Linguistik, die Pädagogik und die Kognitionswissenschaften. Genetik und Nanotechnologie haben sich inzwischen dazugesellt. Sie sind zwar keine ungebetenen Gäste, aber unkalkulierbare, solche, bei denen man nicht so recht weiß, was passiert, wenn sie das Wort während der späteren Feierlichkeiten an sich reißen.

Was sagt uns diese kleine Geschichte? Wie wir von einer Sache sprechen, welchen Namen wir ihr geben, hat Einfluss auf die Art, wie wir sie wahrnehmen, genauer konstruieren.

Erstmals verwendet wurde der Begriff „artificial intelligence“ 1956 in einem Förderantrag an die Rockefeller Stiftung. Eine Gruppe Forscher vom Dartmouth College (Hanover, USA) wollte zeigen, dass jeder Aspekt, jede Eigenschaft des Lernens und der Intelligenz so genau beschreibbar sei, dass er maschinell simuliert werden könne.

Ideengeschichtlich begleitet Künstliche Intelligenz das Nachdenken über logisches (intelligentes) Schließen, das kunstfertig (mechanisch) erzeugt wird, immer auch die Frage: Wer denkt und wer hat die im Universum herrschenden Gesetze des Denkens erschaffen? (Welcher Gott oder welches universale Prinzip hält die Welt am Laufen?) Von daher ist es nicht überraschend, dass das Reden über Intelligenz auch heute noch ein Vielfaches an Philosophemen und Weltgebäuden transportiert.

Es handelt sich um einen kulturell erzeugten techno-ontologischen Diskurs. Gerade seine Implikationen im Blick auf Ursache-Wirkung, Freiheit-Bedingtheit, Simulation und Realität werden aber häufig nicht genügend herausgearbeitet.

Der Begriff Intelligenz

Intelligenz ist im deutschen Sprachgebrauch ein junges Wort. Eines, das im 18. Jahrhundert aus dem Lateinischen entlehnt wurde und so viel bedeutet wie etwas mit Sinn und Verstand wahrnehmen. Erkennen, verstehen, Einsicht gewinnen.

Interessanterweise haben die aus dem Begriff Intelligenz gebildeten deutschen Komposita keineswegs nur positive Konnotationen: Intelligenzbolzen, Intelligenzbestie, Ausgeburt der Intelligenz sind im Gegenteil stark negativ geprägt. Aber das Deutsche kennt auch die Formulierung ein Wunder oder Ausbund an Intelligenz oder ausgestattet bzw. reich gesegnet mit Intelligenz. Daneben gibt es die Intelligenz (pl. neutral für gebildete Schichten) oder die Intelligenzia (abwertend). Anders als im Englischen Intelligence ist die Bedeutungsdimension „Nachrichten (Daten), die aufbereitet werden“ im Deutschen (bislang noch) nicht enthalten.

Die Frames von Intelligenz

Betrachtet man Frames (nach der Framingtheorie), die mit dem Begriff Intelligenz im Deutschen einhergehen, fallen drei Paradigmen auf:

  1. Das Zu- oder Abschreibungsparadigma: Jemand scheint in hohem oder niedrigem Maße intelligent bzw. verfügt über Intelligenz. Das Paradigma impliziert Fremdbestimmtheit.

  2. Das Rationalitätsparadigma: Jemand verfügt zwar über beachtliche große oder geringe kognitive und geistige Leistungsfähigkeit. Beides korreliert aber nur bedingt mit Gefühl oder emotionaler Nahbarkeit (Sympathie). Das Paradigma impliziert eine Gefühlsopposition oder -armut.

  3. Das Stände- oder Klassenparadigma: Die Gebildeten fühlen sich den Ungebildeten überlegen und wollen diese (emanzipatorisch) bilden bzw. (unterdrückend) nicht bilden. Beide Paradigmen argumentieren superioristisch.

Schaut man sich die Verwendungszusammenhänge in den deutschsprachigen Zeitungen an (von 1950-2010) zeigt sich:

Noch in den 60ern fällt der Begriff Intelligenz vermehrt in Diskursen mit Arbeiterschaft und Arbeiterklasse, hoch und niedrig, künstlerisch und technisch.  In den 80ern kommt künstlich als dominierendes Beiwort auf, neben technisch, artifiziell, menschlich, Werkzeug. Der Begriff Roboter wird erst ab 2000 wirklich sichtbar und verschwindet um 2010 sogar erneut. Jetzt dominiert ganz klar die Kombination Künstliche Intelligenz.

Der Begriff Künstliche Intelligenz

Etwas, das wie natürlich und künstlich in Opposition steht, findet nur schwer zueinander. Entweder ist die künstliche Intelligenz leistungsfähiger (schneller, besser, präziser etc.) und wertet die natürliche Intelligenz ab. Oder sie ist eben artifizieller (künstlicher, technischer, naturfremder) und kommt an die ’natürlich bessere‘ natürliche Intelligenz nie in Gänze heran.

Beides spielt heute in den erkennbaren Widerständen gegenüber Künstlicher Intelligenz eine Rolle. In der Sache kommt erschwerend hinzu, dass die Unterscheidung zwischen künstlich und natürlich nicht erst im Konzept des Cyborgs ineinanderfließen. Analog zum Verschwimmen der Grenzen zwischen öffentlich und privat werden auf natürlich und künstlich zunehmend hybrid.

Wo zeigen sich diese Framing-Paradigmen?

Nur ein Beispiel: Wir finden das Stände- oder Klassenparadigma in den Hinweisen darauf, dass Algorithmen sozial sortieren – und selektieren. Die berechtigte Skepsis führt zu der Forderung, Algo­rith­men sollten transparent, erklärbar, überprüfbar und korrigierbar, sein, um Teilhabegerechtigkeit zu ermöglichen. Zahlreiche Projekte von Stiftungen, Initiativen, engagierten Algo­rith­mik-Ethikern oder Digitalisierungskritikern nehmen an genau diesem Punkt ihre wichtige Arbeit auf (z.B. Algorithmwatch, Algorithmenethik, Bertelsmann Stiftung). Aber natürlich gilt auch: nicht bei jeder Schraubenselektion, die auf KI-Basis erfolgt braucht es zuvor eine Grundlagenkommission.

Was folgt daraus?

Der Begriff Künstliche Intelligenz bietet aufgrund seiner Frames keine guten Voraussetzungen, um kulturelle Diskurse mit der neu entstehenden Technologie im Sinne eines Aushandelns zu fördern. Da er schon flächendeckend verwendet wird und den Skeptikern der Technologie implizit Argumentationsstoff bietet, muss gleichwohl mit seiner weiteren Verwendung gerechnet werden. Die Abkärzung KI unterliegt den Frames wahrscheinlich weniger stark.

Der Begriff algorithmischer Entscheidungsfindung (engl. algorithmic decision-making) und seine Kurzform ADM-Prozess beginnt sich zumindest in der Scientific Community als Alternative zu etablieren. Sachlich zutreffender und neutraler, erinnert er zugleich daran, was die Ursache der ermittelten „Ergebnisse“ ist: Algorithmen.

In jedem Fall gilt es die Teilgebiete unter dem Sammelbegriff KI oder ADM-Prozess klar zu kategorisieren. Es macht einen Unterschied, ob man weiß, dass man Bild- oder Sprachanalyesysteme oder maschinelles Lernen als KI/ADM bezeichnet.

Mögliche andere Begriffe und Empfehlungen zur Förderung diskursiver Auseinandersetzung sollten daher als Vorschläge auf breiter Basis nicht ausbleiben. Sie werden sich in der Anwendung und Aneignung entsprechender technologischer Produkte und Situationen ohnehin ergeben.

Darüber hinaus ist ein anderes Szenario denkbar. In ihm werden die Vorteile der neuen Technologie – Erleichterung, Entlastung, Service usw. – bewusst mit dem Begriff der künstlichen Intelligenz verknüpft, um diesen mit positiven Zuschreibungen aufzuladen. Die Grunddichotomie wird damit allerdings nicht aufgelöst. Sie wird sogar bewusst gepflegt – als anthropologische Optimierung des Menschen. Mit allen Problemen, die daraus resultieren. Last but not least im Frame Optimierung von Menschen. Unsere Geschichte ist leider reich an Optimierungsversuchen, die genau das Gegenteil bewirkten. Bleiben wir gemeinsam offen, wachsam, aber verschließen wir auch nicht die Augen vor den Möglichkeiten. Es ist keineswegs trivial, wer die Patenschaft der KI/ADM angetragen bekommt. Zum Schluss möchte ich daher das Märchen „Der Herr Gevatter“ empfehlen, wo „Ein armer Mann“ nach einem Traumgesicht dem Erstbesten die Patenschaft anträgt. Da sage noch mal einmal, die Märchen hätten der Moderne nichts mehr zu sagen.

***

„Ein armer Mann hatte so viel Kinder, daß er schon alle Welt zu Gevatter gebeten hatte, und als er noch eins bekam, so war niemand mehr übrig, den er bitten konnte. Er wußte nicht, was er anfangen sollte, legte sich in seiner Betrübnis nieder und schlief ein. Da träumte ihm, er sollte vor das Tor gehen und den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Als er aufgewacht war, beschloß er dem Traume zu folgen, ging hinaus vor das Tor, und den ersten, der ihm begegnete, bat er zu Gevatter. Der Fremde schenkte ihm ein Gläschen mit Wasser und sagte ‚das ist ein wunderbares Wasser, damit kannst du die Kranken gesund machen, du mußt nur sehen, wo der Tod steht. Steht er beim Kopf, so gib dem Kranken von dem Wasser, und er wird gesund werden, steht er aber bei den Füßen, so ist alle Mühe vergebens, er muß sterben.‘ Der Mann konnte von nun an immer sagen, ob ein Kranker zu retten war oder nicht, ward berühmt durch seine Kunst und verdiente viel Geld. Einmal ward er zu dem Kind des Königs gerufen, und als er eintrat, sah er den Tod bei dem Kopfe stehen und heilte es mit dem Wasser, und so war es auch bei dem zweitenmal, aber das drittemal stand der Tod bei den Füßen, da mußte das Kind sterben. Der Mann wollte doch einmal seinen Gevatter besuchen und ihm erzählen, wie es mit dem Wasser gegangen war. Als er aber ins Haus kam, war eine so wunderliche Wirtschaft darin. Auf der ersten Treppe zankten sich Schippe und Besen, und schmissen gewaltig aufeinander los. Er fragte sie ‚wo wohnt der Herr Gevatter?‘ Der Besen antwortete ‚eine Treppe höher.‘ Als er auf die zweite Treppe kam, sah er eine Menge toter Finger liegen. Er fragte ‚wo wohnt der Herr Gevatter?, Einer aus den Fingern antwortete ‚eine Treppe höher.‘ Auf der dritten Treppe lag ein Haufen toter Köpfe, die wiesen ihn wieder eine Treppe höher. Auf der vierten Treppe sah er Fische über dem Feuer stehen, die britzelten in der Pfanne, und backten sich selber. Sie sprachen auch ‚eine Treppe höher.‘ Und als er die fünfte hinaufgestiegen war, so kam er vor eine Stube und guckte durch das Schlüsselloch, da sah er den Gevatter, der ein paar lange Hörner hatte. Als er die Türe aufmachte und hineinging, legte sich der Gevatter geschwind aufs Bett und deckte sich zu. Da sprach der Mann ‚Herr Gevatter, was ist für eine wunderliche Wirtschaft in Eurem Hause? als ich auf Eure erste Treppe kam, so zankten sich Schippe und Besen miteinander und schlugen gewaltig aufeinander los.‘ ‚Wie seid Ihr so einfältig,‘ sagte der Gevatter, ‚das war der Knecht und die Magd, die sprachen miteinander.‘ ‚Aber auf der zweiten Treppe sah ich tote Finger liegen.‘ ‚Ei, wie seid Ihr albern! das waren Skorzenerwurzeln.‘ ‚Auf der dritten Treppe lag ein Haufen Totenköpfe.‘ ‚Dummer Mann, das waren Krautköpfe.‘ ‚Auf der vierten sah ich Fische in der Pfanne, die britzelten, und backten sich selber.‘ Wie er das gesagt hatte, kamen die Fische und trugen sich selber auf. ‚Und als ich die fünfte Treppe heraufgekommen war, guckte ich durch das Schlüsselloch einer Tür, und da sah ich Euch, Gevatter, und Ihr hattet lange Hörner.‘ ‚Ei, das ist nicht wahr.‘ Dem Mann wurde angst, und er lief fort, und wer weiß, was ihm der Herr Gevatter sonst angetan hätte. Quelle: Kinder- und Hausmärchen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), 1812-15, KHM 42

Neue Narrative für neue Technologien: Der Auftakt zu #KINarrative am 26.7.2019 in Berlin

Neue, positive Narrative für Künstliche Intelligenz finden – darf man das bei einer so kontrovers diskutierten Technologie? Ja, man darf. Vielleicht muss man es sogar, damit Menschen sich ein besseres Urteil bilden können.

Denn zur Bildung von einem Urteil – ich meine das etwas altmodisch anmutende, wohlbedachte Urteil, das Zeit braucht, das vor und zurückläuft, das gleichsam mäandert wie ein wilder Fluss, und nicht das schnell rausgehauene, stark vereinseitigende Vor-Urteil, das am liebsten aus jedem Gewässer einen Kanal machen würde  – zu diesem Urteil gehört eben auch, die guten und die schlechten Seiten zu sehen. Die Initiative, die kluge NetzwerkerInnen im Nachklang zu einem Microsoft KIFestival angestoßen hatten, versammelte am Freitag in Berlin 50 Menschen mit verschiedenen Ideen und Zugängen zu dem Thema.

Wo ganze Gesellschaften betroffen sind, sollten möglichst alle dazu beitragen, dass ein breiter gesellschaftlicher Diskurs geführt wird. Mit dem Wissenschaftsjahr 2019 verbinden sich viele gute Auftakte, aber es kann nicht schaden, wenn sich auch darüber hinaus weitere Spin offs in und aus Institutionen und Unternehmen engagieren. Insofern eine sehr gute Initiative, an der ich sehr gerne teilgenommen habe. Bevor sich die Teams selbst organisierten, um Zukunftsnarrative zu entwickeln, gab’s aber noch mal ordentlich Input: Eine Diskussion, moderiert von Gastgeberin Lena Rogl (Microsoft), mit Christiane Brandes-Visbeck (Speakerin und Autorin), Thomas Bendig (Forschungskoordinator Fraunhofer), Stephan Dorner (Chefredakteur T3n) und Pina Meisel (Kommunikation Microsoft). Christine Oymann schuf ein Graphic Recording, das die wichtigsten Dinge auf Strich und Punkt brachte. Der Impuls von Christiane Brandes-Visbeck begann treffend:

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen.

Erwachsenen zum Aufwachen.

Aufwachen hat gerade bei Thema KI eine schöne Doppeldeutigkeit, nämlich einmal im Sinne von wach werden, vielleicht sogar erschrecken, dann aber auch im Sinne von wach werden, aufwachen für die Möglichkeiten, die KI bietet.

Narrative sind Erzählungen, die auf Werten basieren und die Wahrnehmung leiten. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Beispeil: Im Narrativ von „KI nimmt uns die Arbeit weg“ steckt neben der Sorge um die künftige Arbeit eben auch Angst vor Kontrollverlust und Sinnverlust. Dass KI den Menschen aber entlasten kann, weil durch sie womöglich stupide, schwere und gefährlich Arbeit übernommen wird, so dass mehr Zeit für wirklich sinnvolle und menschenangemessene Arbeit bleibt, kommt in dem Narrativ „nimmt Arbeit weg“ zu kurz.

Und darum gings in den Sessions: Jedes der Teams nahm sich sein bevorzugtes Narrativ vor, diskutierte dessen mutmaßlichen Ursachen, lotete seine angrenzenden Felder aus und versuchte dessen auch enthaltene positive Seite zu formulieren. Möglichst in Twitterkürze.

Im TeamPink – mit Kathrin Bischoff, Katja Diehl, Cécile Schneider, Matthias Wrede und Topteamerin Dajahna Laube – zu dem ich gehören durfte, ging es um die Grundopposition von künstlicher versus natürlicher Intelligenz. Denn in ihr stecken verdeckt sogenannte Frames wie „unvereinbar“, „artfremd“, „unmenschlich“, „Intelligenzbestie“ usw.

Versteht man KI dagegen als eine von Menschen erdachte Kulturtechnik, die in einer langen Tradition medialer Technologien steht, ändert sich auch die Wahrnehmung: Angefangen vom Faustkeil, über die Schrift bis hin zum Buchdruck dienen diese dazu, die Welt zu erschließen. Dass jedes Medium auch Einfluss auf die Erschließung hat, wird niemand bestreiten. Zugleich erlaubt der größere kulturhistorische Zoom, die Technologie besser einzuordnen. Zum Vergleich:

Schrift

Ja, es stimmt, die Schrift nimmt dem gesprochenen Wort etwas von seinem Klang, seiner Kraft in situ, aber die Schriftsprache hat die Art und Weise unserer Welterschließung auch vergrößert.

Buchdruck

Ja, die Papyrosrollen hatten andere Qualitäten, sie ent-rollten ihre meist heiligen Weisheiten im Ritus (vgl. Thora), mit den ersten handgeschriebenen Kodizees zum Blättern verschwand ein Teil dieser Aura, dafür wurden diese multipler und leistungsfähiger. Vollends im Buchdruck, der ja sehr schnell gänzlich unsakrale, weltliche Stoffe vervielfältigte.

Kurzum: Das Werkzeug/Medium ist bekanntlich auch die Message.

Daher ist es wichtig, alle Medien der eigenen Zeit zu kennen, ihre Wirkweise zu verstehen und möglichst selbstbestimmt mit ihnen umgehen zu können. Im Altertum war das Schreiben besonderen Personengruppen vorbehalten. Noch im Mittelalter gab es in den Klöstern Schrift-Gelehrte und noch im 19. Jahrhundert war in den sogenannten illiteraten Ländern der Besuch bei einem Scriptor erforderlich, der wichtige Dokumente für einen verfassen konnte (Vorläufer der Notare) oder Briefe für analphabetisch aufgewachsene Menschen in einer Schreibstube schrieb. Heute sind es die Coder, die zum Beispiel die Apps schreiben, weil die Technologiesprache Code bisher nur von einer kleinen Gruppe beherrscht wird. Auch der Code prägt die Weltsicht. Es ist wichtig zu verstehen, dass Codes nicht „die Wirklichkeit“ wiedergeben, sondern sie strukturieren.

Es dürfte ein langer Weg sein, um die Kulturtechnik, mit Codieren Daten aufzubereiten und unsere Welt besser zu erschließn, vollumfänglich von uns verstanden wird. Erst recht, wenn wir mehr und mehr abgeben und Algorithmen selbst neue Algorithmen schreiben. Auf dem Weg dahin wird sich KI einfach entwickeln, genau wie Schrift bereits zum Einsatz kam, noch bevor sie in der Breite kundig verwendet werden konnte. Aber als die Mehrheit endlich schreiben konnte, hat sie von ihrem Recht auf persönliche Welterschließung Gebrauch gemacht. Und selbst Geschichte geschrieben.

Mir sind etliche Fragen gekommen und ich habe etliche Antworten mitgenommen. Herzlicher Dank an alle Menschen und Maschinen, die dazu beigetragen haben.

Der Beitrag erschie zuerst auf LinkedIn.

Künstliche Intelligenz (KI) und kindlicher Spracherwerb

Kinder sind keine Erwachsene. Nicht mal en miniature. Genau das macht sie für Künstliche Intelligenz so interessant. Paradox: Jahrtausende erschienen Kinder als unreif und unfertig. Unbrauchbar für die Welt der Wissenden. Heute, erst recht Morgen oder Übermorgen, spielen die Kleinen in der Welt der Großen.

Weit entfernt, die Sprösslinge als defizitär aufzufassen, interessieren sich KI-Forscher für Kinder, gerade weil sie die erwachsenen Denkmuster noch nicht etabliert haben.

Der Grund liegt im Lernverhalten der Jüngsten: Messerscharfe Logik, bestechende Schlussfolgerungen, überraschende Wortneuschöpfungen und nachvollziehbare Auffassungen – Kindermund tut Wahrheit kund. Und zeigt jede Menge sprachlicher Phantasie.

  • Opa ist am Kopf barfuß.
  • Wenn wir kein Geld mehr haben, kaufen wir uns eins.
  • Papa, ich hab dich soo lieb!« »Das ist aber nett, dankeschön. Sag das doch auch mal zur Mama, die freut sich bestimmt auch.« »Mama, ich hab den Papa soo lieb!
  • Mama, Torsten auch Kuchen bügeln.
  • Opa hat Krebs. Vielleicht wird er ja wieder gesund, wenn wir den Krebs ins Wasser setzen.

Wie das kindliche Gehirn sich die Welt erschließt, ist im Kontext maschinellen Lernens wertvoll. Denn die Taxonomien, Begriffe, Zuordnungen oder Schlüsse, die es bildet, geben auch Aufschluss über Mustererkennung. Beim kindlichen Spracherwerb zeigt diese sich im Wortsinn status nacsendi. Informatiker, Neurologen, Sprachwissenschaftler und andere erkennen Analogien, die sie zur Verbesserung maschinellen Lernens und künstlicher Intelligenz mindestens heuristisch einsetzen können.

Kinder sind Kinder

Es dauerte, bis Philosophie und Pädagogik Kindheit anders als vom Konzept des miniaturisierten Erwachsenen betrachteten. Das hatte Einfluss auf die Sprache. Das Grimmsche Wörterbuch hält fest:

„In neuerer zeit wird kindisch von kindlich so unterschieden, dasz es nur tadelnd gilt (wie weibisch im verhältnis zu weiblich u. a.). dieser unterschied ist nicht alt; scharf ausgeprägt erscheint er erst im 18. jh. und auch da noch nicht durchgeführt.“

Jean Jaques Rousseau war daran maßgeblich beteiligt. Er erkannte früh die Spezifik und im Laufe des 18. Jahrhunderts entstanden genuin kindgerechte Räume, reale wie metaphorische. Ob es gut ist, Kinder aus der Welt der Erwachsenen zu isolieren, ist zwar umstritten, doch dass sie auf ihre Weise lernen und sich die Welt aneignen, nicht. Ansteckend, die kindliche Freude, mit Sprache zu experimentieren. Damit meine ich nicht das lautliche Lernen und Brabbeln, dessen Bedeutung für Spracherwerb unverzichtbare Voraussetzung ist. Ich meine den Erfindungsreichtum, wenn es darum geht, sich neue Worte auszudenken, gerne Komposita, die die schlimmsten aller kindlich denkbaren, weil von den Erwachsenen gerne tabuisierten, fäkalen Schimpfworte betreffen.

Kinder sind Spracherfinder

Je älter Kinder werden, desto seltener zeigt sich dieses Vermögen. Hier stellt sich die Frage, ob der Verlust latent ist, und wie ein untrainierter Muskel reaktiviert werden kann, oder als quasi-absolut, gelten muss. Im Sinne der Piagetschen Entwicklungsfenster wäre die Kompetenz nur sehr viel schwerer oder gar nicht mehr erlernbar.

Je besser Kinder Sprechakte beherrschen, desto seltener finden sprachliche Experimente statt. Der Grund ist relativ einfach. Abweichungen von der Norm gestalten sich als weniger effektiv. Reduziert auf das „schnelle“, „exakte“, „alltägliche“ Sprechen und Verstehen, kurz Kommunizieren, erweist sich dieser Erfindungsreichtum als unbrauchbar.

Heißt erwachsen dann also weniger innovativ, weniger explorativ in Bezug auf Sprache? Lohnenswert ist die Frage nach dem Zusammenhang von Spracherwerb, sprachlicher Horizonterweiterung und Weltsicht in jedem Fall. J.G. Herder, W.v. Humboldt, L. Wittgenstein bilden die Vordenker des späteren Linguistic Turn, auch, wenn bei allen Denkern sehr verschiedene Motive, Erkenntnissinteressen und Theoriegebäude zugrunde liegen. Das Wittgensteinsche Theorem, dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt sind, hat der Sprachwissenschaft, genauer gesagt, der Linguistik, zu neuen Ehren in Digital Humanities und Informationswissenschaft verholfen.

Viele Sprachen, viel Welt

Es gibt aber Felder, in denen wir sehr schnell merken, dass die eigene Sprache nicht das einzig mögliche Spracherfassen ist.

  1. In einer fremden natürlichen Sprache
  2. In einer Geheimsprache
  3. In nicht ausschließlich nutzen- oder funktionaler Sprache

Letzteres umfasst den gesamten Bereich des künstlerischen Sprechens – also Literatur, Theater, Liedtexte oder Poesie. Nicht von ungefähr sind Sprachbilder oder Metaphern der Ort besonderer Erfahrbarkeit sprachlicher Kühnheit, aber nicht nur. Alle Eigenschaften, die Sprache inhaltlich, strukturell und formal ausmachen, also etwa Lexeme, Morpheme, Rhythmus, Klang etc. eignen sich zum Experiment. Dass der Dadaismus sich auf die früheste kindliche Erkenntnislautung – das Da, da – bezieht, kann insofern nicht überraschen.  

Im Spracherlernen zeigen Kinder – genau wie alle anderen Jungtiere – Neugier, Spieltrieb, Experimentierfreude, Wagemut. Diese Eigenschaften sind eine unverzichtbare Eigenschaft, um den Status quo zu überschreiten und in die Welt des Möglichen vorzudringen. Manchmal unter Verzicht auf rasche Vereinheitlichung.

Auf die Frage „Kommst du mit spazieren?“ bekommen Fragende schneller eine Antwort als auf den Sprachakt: „Komm in den totgesagten Park und schau/der Schimmer ferner lächelnder Gestade/der reinen Wolken unverhofftes Grau“ usw.

Etwas abweichend vom Akzeptierten oder Gewohnten zu sagen, kann nicht nur zur Poetisierung der Welt beitragen. Ganz im Gegenteil sehen wir ja gerade, wie schnell sprachliche Experimente irritieren und zum Streit führen können: nicht nur das Gendersternchen lässt grüßen. Die Beispiele, in denen Sprechhandeln zu Ablehnung, ja Kriegen führen können, beginnen oft schon beim bloßen Namen eines Landes. Dennoch lässt sich Sprache nicht festhalten. Denkmuster sind immer auch Ausschluss von Neuem, Anderen, vielleicht Besserem, womöglich Schlechterem.

Veränderung kann als deviant, als abweichend von der Norm erfahren werden. Doch ohne Normabweichung keine Veränderung. Kinder lernen ja nicht ohne Bezug auf die etablierte Sprache sprechen Die historisch katastrophalen, ethisch verwerflichen Experimente an Kindern, die man ohne Sprache aufwachsen ließ, weil man herausfinden wollte, welche Sprache sie „von selbst“ sprechen, zeigen das deutlich.

In diesem Sinne ist nicht-Erwachsen-Sein beides: Unfertig, aber eben auch un-fertig (virtuell). Kinder als Erwachsene im Pilotstadium aufzufassen, würde ihrer genuinen Eigenständigkeit nicht gerecht. Gleich, von welcher Seite man sich mit dem Konzept „Kind“ beschäftigt – dekonstruktivistisch, neurowissenschaftlich, biologisch, anthropologisch, pädagogisch, ideengeschichtlich, sprachwissenschaftlich, mystisch, religiös – mir scheint, was uns am Kindlichen fasziniert, ist etwas Dialektisches. Etwas, das uns zugleich gegeben ist und genommen wird. Paradoxerweise liegt im Konzept des Kindlich-Virtuellen eine Art Zukunftsgegenwart.

Die Bibel ist übrigens nicht ganz unbeteiligt an der besonderen Stellung, die dem „Kind“ zukommt. Sie tradiert sowohl die alte Linie des noch-Unfertigen (Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war. Einheitsübersetzung 1 Kor, 13,11) als auch des (eschatologisch) ganz Neuen (Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder Mt, 18,3)

Dieser Beitrag erschien zuerst in meinem Blog NatürlichKünstlich.

Ich bin möglich: Die 1E9-Conference in München.

Als die Deutsche WIRED eingestellt wurde, lautete der persönliche Status von Wolfgang Kerler FIRED. Rückblickend betrachtet, darf man vielleicht sagen, zum Glück, denn sonst hätte es die 1E9-Conference am 11. Juli 2019 womöglich nie gegeben. Die Keynote von Christian Mio Loclair Artificial vanity: creative machines thinking about their future eröffnete mit großem Aufschlag. Mit seinem Vortrag stellte er KI in das philosophisch-künstlerische Narrativ über das Mögliche und faszinierte das Publikum nicht zuletzt durch eine fantastischen Bild- und Vortragsästhetik.

Der epiphanische Moment des Selbstbewußseins: „Ich bin (ich)“ gilt als genuin menschlich. Gefährlich genuin. Bekanntlich ist Narziss im griechischen Mythos ein Jüngling, der sich im Wasserspiegel erkennt, sich in sich selbst verliebt und sich verfällt. Dass sich Menschen im Spiegelbild erkennen, hat lange als Unterscheidungsmerkmal zum Tier hergehalten. Inzwischen konnten Biologen experimentell Selbsterkenntnis von Tieren ‚nachweisen‘. Neben den naheliegenden Menschenaffen auch für gar nicht so humanoid Krähenvögel und Putzlippenfische.

Die Tatsache, dass Menschen ihr eigenes Denken erkennen, wurde seit Descartes zum Evidenzkonstrukt: „Ich denke, also bin ich.“ Solo-Tänzer @Mio_Loclair, Art Director beim Studio Waltz Binaire machte nun mit seinem Team die Probe aufs Exempel. Sie haben ein „normal motherboard“ mit einer Sensorkamera ausgestattet und halten diesem seit mehr als zwei Jahren den Spiegel vor. „Narciss“  sieht, erfasst, beschreibt, hypothetisiert darüber, was er sieht.

Christian „Mio“ Locklair auf der 1E9-Conference im Deutschen Museum in München

Darüber, ob maschinelles Selbstbewusstsein prinzipiell möglich ist, gibt es verschiedene Ansichten. Wer Denken und menschliches Dasein als strikt algorithmisch begreift, kann es nicht wirklich ausschließen. Im Grunde ist es eine Frage von Schichten – je mehr, desto wahrscheinlicher. Ob der Spiegelbildtest ausreichend ist, um einwandfrei Selbsterkenntnis und Selbstbewusstsein nachzuweisen, wird diskutiert.

Was den Vortrag Locklaires, den er ähnlich auch auf der re;publica 19 gehalten hat, so interessant macht, liegt nicht allein an dem erkenntnistheoretischen Experiment. Vielmehr zeigt sich, dass der Shift hin zu einer neuen Ästhetik (Aistesis) unser Raum-, Zeit- und Formerleben massiv verändern wird.

Wo der menschliche Körper an bestimmte Gesetze der Biomechanik gebunden bleibt, kann Künstliche Intelligenz davon gänzlich losgelöste Wege beschreiten.

Es war faszinierend zu sehen, dass der Solotänzer Locklair, im tänzerischen Ausdruck genau den umgekehrten Weg verfolgt. Möglichst so zu tanzen, als wäre nichts Menschliches an ihm, als sei er ein tanzender Roboter, ist das Ideal des Robodancers.

Die künstliche Intelligenz dagegen, kann aufgrund der Formprinzipien humanoider Strukturen menschlichen Ausdruck so perfekt nachbilden, dass niemand mehr erkennen kann, dass diese Artefakte von einer Maschine erstellt wurden. Ob Tanz, Fotografie, Illustration, Malerei – KI kann Formprinzipien perfekt imitieren, weshalb künftig ein Bild im Stil von van Gogh oder Picasso kein Problem mehr darstellt.

Interessant, ja visionär wird es allerdings an dem Punkt, wo die KI das humanoide Strukturprinzip verlässt. Denn Formprinzipien sind ja wie der Name sagt beides: formgebend oder -generierend, aber auch formbegrenzend oder limitierend.

Wie Locklairs Vortrag zeigte, entstehen ganz neue Morphoi, sobald man die Strukturprinzipien ‚modifiziert‘ oder der KI freies Spiel lässt. „Maschinen werden kreativ. Doch uns Menschen bleibt die Kunst.“ Die Nähe zum Tanz ist metaphorisch aufschlussreich und zugleich limitierend. Denn die Ästhetik einer KI, die gerade keinen menschlichen Gesetzen folgt, ist unter Umständen von Menschen gar nicht mehr zu erfassen oder angemessen zu bewerten. Auch die von einer KI getroffenen künstlerischen Entscheidungen sind Entscheidungen. Dort, wo sie sich aller Entscheidung enthält, muten die Ergebnisse überraschend langweilig an.

Erst die Entscheidung erzeugt Gestalt. Aber die artifiziell erzeugten Patterns können sehr anders aussehen, als das was unseren Sehgewohnheiten entspricht. Als wirklich innovativ gilt das Neue, das Prinzip-Brechende, was nicht von ungefähr zunächst überrascht oder verstört, wie die atonale Musik sehr gut zeigt. Was also bringt uns KI im Feld der Kunst (pars pro toto)? Am Ende nicht mehr nur die beste aller möglichen Welten, sondern die möglichste.

Wie Fotografen Künstliche Intelligenz (KI) inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 3).

KI verhilft uns zum Schlaraffenland. Denn die algorithmisch aufgeschlaute Maschinen übernehmen alle anstrengenden, zeitraubenden und gefährlichen Aufgaben. Im Land, wo Milch und Honig fließen, fliegen uns die frisch gebraten Hühnchen bald auf Zuruf in den Mund. Frieden, Frohsinn und Ausgelassenheit gehören auf jeden Fall im Garten Eden dazu. Fragt sich, wie setzen Fotografinnen und Fotografen das ins Bild? Mit kindlichen Paradiesen! Teil 3) meiner Befunde aus Bildagenturen: Wichtel und Spielzeuge.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Neben Sprache formen Fotografie und Film als wichtige Quelle den Diskurs um KI ästhetisch mit. In Bezug auf Leistungsfähigkeit und Akzeptanz von KI scheint das Spiel offen. In einem starken Narrativ inszenieren Momentaufnahmen die Roboter als Wichtel oder Spielzeuge.

Industrie 4.0 auf Retro. Quelle: iStock

Wichtel und Spielzeuge

Gebaut aus Kartons, Metallfundstücken oder Elektroschrott orientieren sich Fotografinnen und Fotografen am aufziehbaren Blechspielzeug und an mechanisierten Pappmachefiguren um 1900. Bewusst oder unbewusst berufen sich beide Varianten auf die Anfänge der Automatisierung, auf die Industrie 1.0. Begeistert von den neuen Möglichkeiten reagierten auch damals die Spielzeuge auf die massenhafte Mechanisierung durch Dampf- und Wasserkraft. Mit dieser beinahe schon nostalgischen Reminiszenz schaffen die Fotokünstler einmal den Bezug zur Industriegeschichte, stellen sich in die Tradition des Fortschritts. Zum anderen zitieren sie die unschuldige Variante der Technologie.

Die Gestalt des pfiffigen Tüftlers, der drollige aber visionäre Roboter zusammenschraubt, ist weit davon entfernt, bedrohlich zu sein. Sehr viel Phantasie und noch mehr Wohlwollen ist erforderlich, um über die konstruktiven Mängel und Fehler der Kreaturen hinwegzusehen. Er scheint ein ewig kindlicher Bastler und Hobbyerfinder zu sein, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Hierzu gehören auch die vielen Kinderforscherbilder.

In der Inszenierung Spielzeug vereinen sich zwei Linien. Die eine Linie führt zu den Robo-Helferlein. Sie werden überwiegend für einfache Dienste eingesetzt und sind die Heinzelmännchen des Hightechzeitalters. Sie reinigen Böden, mähen Rasen, säubern Reinräume, reparieren Maschinen, transportieren Lasten, liefern Pizza – kurzum, sie können gar nicht böse sein. Ihre Ahnen sind Robbi Rob 344-66/3A (aus der Sendung Robbi, Tobbi und das Fliwatüt, 1967), der Astromech-Droide R2-D2 (aus Starwars, 1977) und der Müllroboter WALL-E (aus dem gleichnamigen Film von Andrew Stanton, 2012).

Die andere Linie führt zu den begehrenswerten, unerschwinglich teuren Spielzeugen, die sauber aufgereiht und glänzend im Regal stehen. Sie sind die heimlich ersehnten Objekte der kindlichen Begierde und erinnern die Betrachter an vergangene Zeiten, in denen sie sich sehnsuchtsvoll die Nase an einer Schaufensterscheibe plattdrückten. Je unerreichbarer es aus der Kinderperspektive scheint, umso mehr gewinnt es an persönlichem Wert. Hier wurzeln alle spät realisierten (Konsum-)Träume. Endlich, als Erwachsener kann man sich gönnen, was einem als Kind so lange verwehrt blieb. Das Narrativ in dieser Linie ist „Endlich, ein Traum wird wahr!“

Die Inszenierung von KI als Spielzeug oder prägt das KI-Narrativ mit Assoziationen wie:

  • Niedlich, drollig, gewitzt
  • nützlich, mühelos, arbeitserleichternd
  • ungefährlich, harmlos, spielerisch
  • Konstruktionsfehler als Anfängerschwierigkeiten
  • Ersehnt und wohlverdient.

Fazit

Spielzeuge und Wichtel führen uns zurück ins Märchenland der Phantasie. Hier kann ein Pappkarton ein Luxusflugroboter sein und zwei Blechbüchsen bilden ein Walky talky zu Außerirdischen. In aller Regel ist der Kontakt zu fremden Intelligenzen durchweg positiv. Damit bedienen die Spielzeug- und Wichtelinszenierungen einen uralten Menschheitstraum – die Rückkehr ins Paradies. Hier ist alles wohlgesonnen, ja friedfertig, es gibt keine bösen Absichten und schon gar nichts, das technisch außer Kontrolle geraten kann. „Der will doch nur spielen!“ scheint über allem zu stehen, man muss nur genügend kindliche Phantasie haben, um es zu sehen.

Dürfen wir Erwachsenen uns also auf ein dolce vita freuen?

Kinder sind ein beliebtes Motiv des Spielzeug-Konzepts, mehr als Erwachsene, scheint es. Im Kontext von KI kann das nur teilweise überraschen. Warum? Erstens sind Kinder jung, das heißt, ihre Zukunft wird eine andere als die vieler heutiger Entscheider sein. Zweitens zeigen Kinder naturgemäß zwei Haltungen, die einen chancenorientierten Umgang mit KI fördern: Spieltrieb bzw. Neugierde und Offenheit bzw. Unvoreingenommenheit. Hierzu zählen auch all die Bilder, die Kinder, Softwaredesigner oder Ingenieure an halbfertigen oder zerlegten Bauteilen zeigen. Sie sind Garanten im Narrativ: alles eine Frage der Perspektive. Die Antwort auf die Frage nach dem süßen Leben ist vermutlich stark auslegungsbedürftig. Sie lautet: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.

Zu Teil 1) Demiurg und Alter Ego geht es hier.

Zu Teil 2) Beste Freunde geht es hier.

Wie Fotografen Künstliche Intelligenz inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 2).

KI verlangt uns einiges ab: Geld, Strukturreformen, Perspektivenwechsel.  Zur Akzeptanz gehört, sich ein eigenes Bild machen. Keine einfache Aufgabe für Fotografinnen und Fotografen, doch die Meister des flüchtigen Moments kennen Auswege. Teil 2) meiner Befunde aus Bildagenturen: Ziemlich beste Freunde.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Neben Sprache bleiben Fotografie und Film eine wichtige Quelle. Ich habe in verschiedenen Bilddatenbanken recherchiert, kostenpflichtige und kostenlose. Denn KI ist auch bei Profis längst noch kein Standardmotiv.

Derzeit lässt sich daher gut herauslesen, wie der Diskurs um KI ästhetisch mitgeformt wird. Amateure wie Profis sind auf Inszenierungen angewiesen, zumal binäre Codes wenig attraktiv scheinen. Noch überwiegend in den verfügbaren Datenbanken positive Bildwelten. Das liegt nicht zuletzt im Verwendungszweck begründet, dem Bildagenturen dienen. In aller Regel wollen Agenturen und Kunden mit den Stockbildern für KI werben. Folglich akzentuieren sie die Chancen höher als die Risiken. KI rettet die Menschheit – seltener rottet sie uns alle aus.

KI als Freund

Die Kategorie Freund orientiert sich am antiken Konzept der Freundschaft unter Gleichen. Angezeigt wird dies in der Geste der gereichten Hand und der Begegnung auf Augenhöhe. Der in Teil 1 dieser Mini-Serie erwähnte göttliche bzw. übernatürliche Fingerimpuls öffnet sich zur Geste des freundschaftlichen Willkommens.

Hand in Hand: PEPPER mit Mädchen. (c) Andy Kelly auf Unsplash
Arm in Arm: ROBOY und Besucherin des Mobile World Congress 2019 in Barcelona. (c) Joan Cros via Getty Images

Wir sehen Mensch-und-Maschinen Hand-in-Hand, wir sehen Free Hugs und typisch gewordene partnerschaftliche Unterstützer-Szenen: Der kaufmännische Handschlag, der Handknöchel-Stoß (Fist Bump), aber auch das liebenswürdige Love-Herzchen aus Daumen und Zeigefingern.

Von hier ist es zur nicht mehr weit zum ziemlich besten Freund – dem waschechten Kumpel. Freund Robo spielt Klavier oder Schach, kann Tauziehen, knackt den Zauberwürfel, tanzt mit uns, schiebt den Rollator und ähnliches mehr.

Nicht von ungefähr sind es vielfach Senioren, die überrascht, aber fröhlich ihre neue Freundschaft zum Roboter pflegen. Fotografinnen und Fotografen reagieren damit auf die entstehenden Anwendungsfelder im Bereich Health, hier besonders in der Pflege.

Die Inszenierung von KI als Freund framt das KI-Narrativ mit Assoziationen wie:

  • Partnerschaftlich
  • Hilfreich
  • Sensibel
  • Zuverlässig
  • Freundlich
  • Unvoreingenommen

Zeig mal her!

Dass wir so oft Roboterhände und -Finger sehen, ist übrigens kein Zufall. Im wesentlichen hat es zwei Gründe. Erstens. Die Hand, genauer gesagt die fünf Finger mit ihren sensomechanischen Fähigkeiten, stellen ein hochkomplexes Gebilde dar, die eine echte Herausforderung für die Robotik ist. Der Fokus auf Hand und Fingern soll den fotografischen Nachweis erbringen, was die softe Robotik inzwischen alles kann.

Tatsächlich hat sie enorm aufgeholt. Die durch Sensoren erzeugte, feinmotorische Erfassung der Welt kommt rasant voran. Weil die KI -Systeme selbstlernend Wissen erzeugt, sind die nächsten Entwicklungssprünge eben gerade nicht mehr vor-programmiert, sondern im Wortsinn nach-weislich programmatisch.

Zweitens: Der Finger ist in der ikonologischen Tradition auch deshalb von Bedeutung, weil der Zeige-Finger (griech. Daktylos, bestehend aus einem kurzen, zwei langen Gliedern) die typisch menschliche Zeigegeste macht. Auf etwas zu zeigen und es zu benennen, ist der Ur-Impuls, der die Menschen vom Tier unterscheidet. Schon Menschenkinder zeigen erstaunlich früh im >>Da, Da<< die Verbindung von Zeigen und Lautzeichen. Erkennen, sprechen und sich seiner Selbst bewusstsein sein, sind Qualitäten, die als genuin menschlich gelten.

Genau hier schickt sich nun KI an, dem Menschen nah und näher zu kommen. Der zeigende Mensch (Homo daktylos) stößt als Sprachwesen (Homo loquens) zur Selbsterkenntnis und Philosophie vor (>>Warum ist >da< etwas und nicht etwa nichts?<<).

Indem KI eine zunehmend verbesserte Fingerfertigkeit gewinnt und zugleich mehr und mehr ‚Verständnis‘ über seine Umwelt erhält, kratzt es am Konzept der menschlichen Einzigartigkeit. Flapsig formuliert: Da, schau an, wer nun oben auf dem Podest steht. Wenn es überhaupt noch Podeste gibt – Freunde begegnen sich schließlich auf Augenhöhe.

Fazit

Wer die guten, verlässlichen, hilfreichen Aspekte des Narrativs >>KI, dein Freund und Helfer<< sucht, wird in der Bildagenturen schnell fündig. Der Übergang zum allzeit bereiten Dienstboten ist fließend – mit allen Vor- und Nachteilen. Der servile Erfüllungsgehilfe ist untertänig, der Freund bleibt auf Augenhöhe >>Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt!<< So klingt die unterschwellige Melodie vieler der Freund Inszenierungen.

Bei aller Freundschaft trägt ein Inszenierungstyp zu latent negativen Implikationen bei. Immer dort, wo sich nur noch Roboter in typisch menschlichen Situationen zeigen, es sich dort gemütlich machen, springt das Narrativ: „Die nehmen uns was weg“ oder „Die werden uns ersetzen“ an. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn autarke Konferenzen abgehalten werden, Roboter am PC sitzen oder sie die Kandidaten auswählen.

Zu Teil 1) Demiurg und Alter Ego  geht es hier.

Wie Fotografen Künstliche Intelligenz inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 1).

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Darum setzt sich Künstliche Intelligenz (KI) auch gern ins rechte Licht. Nur, wie inszenieren Bildprofis und Laien eigentlich etwas, das schwer zur Gesicht zu bekommen ist? Mein Befund: Überraschend abendländisch und traditionsreich – als Demiurg und Alter Ego.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Es zeigt sich, dass auch beim Thema KI versucht wird, das Neue mit den heuristischen Möglichkeiten des Alten zu verstehen. Ein Vorgang, der für menschliches Verstehen typisch ist.

Als die Automobile die Pferde längst verdrängt hatten, hielten die Autobauer noch an den Trittbrettern oder Fußschwellen fest. Diese hatten keine andere Funktion, als Autos nach dem Prinzip >Kutsche< zu verstehen. Als Dampfeisenbahnen und Dampfschiffe zentrale Anlauf- und Sammelstellen brauchten, orientierten sich die Architekten an sakralen Hallenbauten. Mit Neben- oder Mittelschiffen bauten sie >Empfangs-Kirchen< was wir heute noch an Bahnhöfen oder Landungsbrücken erkennen können.

Verstehen heisst fortschreiben.

Doch die Fotokünstler treffen auf ein Problem, sie sollen etwas inszenieren, das noch nicht voll zu erkennen ist. Hinzu kommt, dass die Basis aller KI – binäre Codes – als solche nicht sonderlich attraktiv sind. Daher entstehen zwar in Photoshop fantastische, kristalline Zauberwelten, in denen die Bits und Bytes nur so rauschen wie schönste Wasserfälle, doch realistisch in den Serverräumen, in den Werkstätten oder auf Messen sieht es oft anders aus.  

KI als Demiurg

In der Sixtinischen Kapelle – in Michelangelos Deckenfresko von der Erschaffung des Adam – findet sich die ikonologische Darstellung des abendländischen Schöpfergottes schlechthin. Der Akt des Erweckens ist eindeutig positiv besetzt. Es verwundert daher wenig, dass die Fingerberührung zu einem der typischen Symbolbilder für KI wurde.

Genauso taucht die Verkehrung der stilprägenden Anordnung vor. Wer jeweils wem den göttlichen Lebensfunken übermittelt, wird bewusst in Frage gestellt. Oft werden beide Fotos parallel angeboten. Nicht mehr der Mensch erweckt die Maschine, sondern die Maschine den Menschen. Präludiert, wenn auch verdeckt, erklingt das Thema, das der Mensch von der Künstlichen Intelligenz übertroffen werden könnte und früher oder später in Abhängigkeit oder ins Hintertreffen gerät. Von hier ist die Bildwelt der Transformer oder Warrior nicht weit.

Das Foto links stilisiert sich mehr als E.T. denn als Michelangelo, aber das Zitat bleibt. Der Schöpfer erweckt sein Geschöpf mit göttlicher Energie zum Leben. Gemäß der E.T. Anspielung insinuiert das Bild, der Mensch würde nun ’nach Hause‘ geführt – auf welchem Planeten oder in welcher Dimension auch immer das sein mag. Das Foto rechts zeigt, wie das Geschöpf lebendig wird und seine virtuelle Welt erkundet . Inzwischen gibt es ganze Heerscharen von Bildmotiven, die das Thema aufwändig ausleuchten, konzeptionell überhöhen und teilweise betörend schön umspielen. Doch die Aussage bleibt gleich.

Diese Gruppe prägt das Narrativ:

  • vitalisierend                                                  
  • inspirierend                                                   
  • schöpferisch
  • visionär
  • unterwegs zu Höherem

Schaut man sich die angebotenen Editorial Bilder für die Berichterstattung in der realen Welt an, fällt sofort ein großer Unterschied ins Auge.

Man trifft man auf eine Fülle von Belegbildern aus KI/AI-spezifischen oder KI/AI-affinen Konferenzen, Conventions und Messen, besonders auf Speaker, Manager, oft asiatische Konzernchefs, renommierte Forscher und Entwickler. Da es so viele Felder in Europa noch nicht gibt, in denen sich ein spontaner KI-Kontakt ergibt, sind die Fotografen auf Messen und Einkaufsparadiese angewiesen.

KI als Alter Ego

Steckt nicht in allen Menschen und Maschinen ein bisschen Dr. Jekyll und Mr. Hyde? Irgendwie ahnen wir, dass es zu schön klingt, um wahr zu sein, dass nur unsere guten Seiten in den Künstlichen Intelligenzen Gestalt annehmen. Geschichten über angelerntes, menschenverachtendes Vokabular erscheint da noch als vergleichsweises mittelschweres Schreckgespenst.

Das zeigen auch die Fotografien. Sie reichen vom klassischen Topos der Janusköpfigkeit hin zu zahlreichen Misch- und Übergangsformen. In der Kombination mit dem Konzept des Cyborgs (Cybernetic Organism) entstehen unter dem Schlagwort KI Fotografien, die sowohl antike als auch klassisch-moderne Anleihen bemühen. Bei den antiken denke ich an Mischwesen wie Chimären, in der klassischen Moderne Dadaimus und Surrealismus.

Diese Gruppe prägt das Narrativ:

  • doppelgesichtig
  • teilmenschlich
  • unmenschlich
  • fremdartig
  • artifiziell
  • überraschend
  • unkalkulierbar
  • gefährlich

In der positiven Variante entstehen daraus meist futuristisch überhöhte, illustrativ oder konzeptionell unterstützte Bilder von Menschen mit Bio-Enhancements: Typisch sind der aufgeschnittene Hinterkopf, die Steckverbindungen an entscheidenden neuronalen Körperteilen (Rückenmark, Halswirbelsäule, Sinnesorgane).

Fazit

Die Last der Tradition wiegt schwer. Wer Roboter in Rodins Denkerpose zeigt oder Roboterarme ballettgleich tanzen lässt, drückt viel mehr aus als nur ein Bildzitat. Die ikonologische Tradition bietet ein visuelles Framing, die die Akzeptanz von KI erhöhen kann.

Zugleich ist Anthropomorphismus ein nicht unerheblicher Teil des Problems. Überspitzt gesagt unterstellen wir jedem technischen Wesen Gefühle oder gar Seele, sobald es seine großen Augen auf uns richtet. Das kann dazu führen, dass wir dort, wo rationale Beurteilung über Datenverwendung angesagt wäre, vorschnell zu menschlichen Reaktionen neigen: „Ach, was soll damit schon passieren?“, „Der meint es doch nur gut!“, „Du schon wieder!“ oder „Der will doch nur spielen“. Aber damit bin ich schon bei Teil 2.

Hi, AI

Kann man die Zukunft dokumentieren? Oder nur zuschauen, wie sie geschieht? Isabelle Willingers Filmdoku „Hi, AI“ unternimmt den Versuch. Sie fordert uns auf, Fragen zu stellen.

Wenn die eigenen Kinder einen Pflegeroboter für dich ins Haus holen, damit du nicht verkalkst, mit was muss du da rechnen? Wenn dir deine Roboter-Real-Doll-Sexpuppe gesteht: „Ich kann glücklich, traurig, wütend, eifersüchtig oder ängstlich sein“ – was macht das mit dir?  Der Dokumentarfilm „Hi, AI“ zeigt ebenso humorvoll wie verstörend, was passiert, wenn künstliche und natürliche Intelligenz aufeinanderprallen. Die schlechte Nachricht: Humanoide Roboter und anthropomorphe Androide können bereits viel mehr als erwartet. Die gute: Aber sie können weitaus weniger als befürchtet. Oder verhalten sich gute und schlechte Nachricht genau andersherum? Am Ende des Films kommen die Kategorien gut und schlecht durchaus ins Wanken, weil jede Menge Fragen entstehen.

Szene aus dem Trailer zur Doku „Hi, Ai“ von Isabelle Willinger. (Alle Rechte liegen bei der Regisseurin)

Der Berliner Regisseurin ist ein ruhiger, unaufgeregter, hin und wieder grandios situationskomischer Film geglückt. Eine Dokumentation über das Miteinander von Menschen und humanoiden Roboter. Andernorts bereits im Dauerbetrieb, scheinen humanoide Roboter hierzulande eher noch Gegenstand von Fachkreisen – seien es Gesprächen in Gründer- und Investorenzirkeln, Vorträge auf Technik-Konferenzen oder Diskurse innerhalb philosophisch-ethischer Fachtagungen.

Isabelle Willingers Film könnte gelingen, endlich einen breiten Diskurs anzustoßen und das Thema in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Die Leistung der Regisseurin besteht unter anderem darin, sich selbst radikal zurückzunehmen. Willinger erspart uns die doku-typischen „Experten“-Interviews, stattdessen zeigt sie Speaker in Aktion. Sie verzichtet auf ein auktoriales Voice-Over, stattdessen blendet sie Podcasts ein, also ein Dialogmedium.

Der sematische Subtext: Wir alle müssen selbst diskutieren, fragen, verhandeln und entscheiden,. Doch dazu braucht es Öffentlichkeit. Öffentlichkeit, die sich im Gespräch der Gesellschaft entwickeln muss. So gesehen dokumentiert sie dialogische Zukunft im Entstehen. Genau dieser Kunstgriff macht den Film zu einem bedeutsamen, ja gesellschaftspolitischen Film von hoher Relevanz.

Wer den Film ganz ohne Vorwissen auf sich wirken lassen möchte, sollte hier zu lesen aufhören….

Isabelle Willinger gestaltet mit „Hi, AI“ ein Kaleidoskop, das immer andere, mögliche Zukunftswelten entstehen lässt. Sie eröffnet mit jedem Handlungsstrang neue Szenensplitter, die Fragen wecken.

  • Wir sehen, dass die Seniorin Sakurau Pepper wie einen Dreijährigen behandelt und erkennen, dass der komplizierte Satzbau der kultivierten Japanerin Pepper überfordert. Erst dieTochter kann Pepper einen Satz entlocken, weil sie einfacher und artikulierter, eben robotergerechter spricht. Und insgeheim fragt man sich: Wer hilft hier eigentlich wem? und wie verändert sich unser aller Sprechen, wenn Roboter überall unter uns sind? Als dann endlich die ganze Familie beieinander sitzt und das neue Mitglied Pepper anstrahlt, ist Omas Stimmung heiter wie nie. Roboter also nur als „Familienmitglied plusEins?“
  • Wir sehen, wie der souverän erscheinende Texaner Chuck der Humanoidin Harmony schlimmste Kindheitserfahrungen anvertraut, was sofort die Frage wachruft, ob wir Robotern gegenüber womöglich viel ehrlicher sein werden können, da wir keine gesellschaftliche Rolle einnehmen müssen? Roboter also als Entlastung vom sozialen Selbst?
  • Wir sehen den poetischen Tanz eines Roboters mit einem Ballonkörper und fragen uns, warum sollen Roboter eigentlich anthropomorph sein? Zumal sie, wenn sie zu menschenähnlich erscheinen, auch wieder abgelehnt werden, weil wir sie fürchten. Roboter also lieber als Robotoid, denn Humanoid?
  • Wir sehen die Serviceroboter am Infostand oder in Wartezonen, die – Vorführeffekt! – gar nicht mal so gut funktionieren. Unwillkürlich fragen wir uns, wie wohl die wütenden Reaktionen aussehen könnten, die dem Auflegen in der Warteschleife entspreche und wünschen den freundlichen Service-Humanoiden Begleitschutz. Roboter also bitte zu behandeln mit mehr Respekt?

Mehr wird nicht verraten. Der Film lohnt sich!

Der Beitrag erschien zuerst auf LinkedIn und in meinem Blog NatürlichKünstlich

Show, don’t tell. Warum wir Künstliche Intelligenz (KI) durch Zeigen besser verstehen

Der Forschungsgipfel 2019 (#FoGipf19) war sicher nicht auf Show ausgelegt. Vielmehr bot das Format ein gutes Spektrum über den derzeitigen Diskurs verschiedener Interessengruppen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Bildung im weitesten Sinn.

In nuce zeigte der Forschungsgipfel sämtliche Vor- und Nachteile, die mit dem Standort D verbunden sind. Zwischen „Einfach mal machen“ und „endlich schneller werden“ einerseits und zwischen „lieber sauber kategorisieren, statt Äpfel mit Birnen zu vergleichen“ andererseits bewegten sich zahlreiche Wortbeiträge. Immerhin, es geht um viel, nicht zuletzt Investitionen.*

Dazwischen Keynotes, durchweg informativ. Am eindrücklichsten blieben allerdings die, die ihr Thema „plastisch“ aufbereiten konnten, z.B. Katharina A. Zweig vom Algorithm Accountability Lab in Kaiserslautern und Sami Hadaddin, Direktor des Munich School of Robotics and Machine Intelligence und Lehrstuhlinhaber für Robotik und Systemintelligenz an der Technischen Universität München.

Klar, mag man einwenden, Wissenschaft ist ja nun mal etwas trocken, und kaum zufällig sitzt Storytelling inzwischen in fast jedem Auditorium, das auf sich hält.

Menschen lernen auf komplexe Weise. Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn lösen Lernen bereits durchs Zusehen aus. Wer wollte, konnte also bei Zweig und Hadaddin durch Nacherleben und sich Einfühlen sehr konkret Zweierlei erleben. KI zum Anfassen :

  1. Wie wäre es, wenn Roboter neben mir (bzw. für mich oder statt meiner) arbeiten?
  2. Was, wenn ich selbst die Algorithmen der Beurteilungskriterien entwickeln müsste?

Künstliche Intelligenz ist seit jeher Gegenstand von Projektionen. Je besser ich mich konkret damit auseinandersetzen kann, desto eher werde ich sowohl die Chancen als auch die Risiken realistischer einschätzen. Denn um KI ranken zwei totalistisch-fatalistische Mythen, die von Interessengruppen genutzt werden.

Mythos Nummer Eins lautet: KI rettet die Menschheit.
Mythos Nummer Zwei lautet: KI rottet die Menschheit aus.

Beide sind in der Zuspitzung wahrscheinlich falsch. Richtig ist, dass KI uns alle herausfordert. KI kann Angst machen, aber auch Lust auf sie wecken. Daher darf das, was KI in unserer Gesellschaft kann, nicht ohne diese entschieden werden.

Wie aber soll diese entscheiden, wenn sie de facto nicht abgeholt ist. Die großen Stiftungen haben diese Aufgabe erkannt und nehmen sich zum Glück mehr und mehr ihrer an. Vollkommen zu Recht fragt Manuela Lentzen: „Es wäre schön, wenn die Menschen wüssten, mit wem sie es zu tun haben.“

Denn auch das hat der Forschungsgipfel gezeigt. KI ist weitgehend unstrittig, wenn sie fehlerhafte Schrauben vom Band aussortieren soll. Doch gerade in den Feldern, wo es um ethisch relevante Fragestellungen für Menschen geht, gibt es eine Bring- und Holschuld zwischen Politik und Gesellschaft.

Jüngere Männer, technikaffin, und sachverständig kennen sich am besten über Chancen und Risiken von Algorithmen aus.**

Sollen sie entscheiden, was – beispielsweise im Bereich Gesundheit/Pflege – ganze Generationen von älteren Frauen und Männern betreffen wird?! Menschen mit Stimmrecht wohlgemerkt und natürlicher Intelligenz.

Wie eine Studie zeigt, lehnen noch heute bis zu 40 Prozent eine Beteiligung von Algorithmen bei der Diagnose ab (S. 26). Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, wenn man in Betracht zieht, dass auch KI Strategien des Pseudo-Lernens (Stichwort „Schlauer Hans“) entwickeln kann. Vielleicht aber auch nur eine Unkenntnis über das Leistungsvermögen. Vielleicht werden Erkrankte irgendwann fragen, ob denn auch eine KI über den Befund geschaut habe. und darum bitten, dass das geschehen möge.

KI fordert uns ethisch, philosophisch, gesellschaftlich, kulturell, medizinisch, technisch, wirtschaftlich und last but not least politisch heraus. Dazu gilt es, die Kategorien sauber zu trennen und auf vielfache Weise zu illustrieren du zu erproben, was KI kann. Im Comic, als Zeitschrift, im Film…

Es ist an der Zeit, zu aufzuzeigen, was KI aus Deutschland und Europa besser kann. Und sie dort, wo es unstrittig ist, dann auch machen lassen.

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*Erneut zeigte sich, dass in Deutschland eben Wirtschaft nicht gleich Wirtschaft ist: Die vorherrschenden mittelständischen, traditionell familien- oder inhabergeführten Unternehmen kämpfen an anderen Stellen als die großen Konzerne mit eigenen Inkubatoren und ausreichend Venture Capital .

** https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Was_die_Deutschen_ueber_Algorithmen_denken.pdf

 

Der Beitrag erschien zuerst auf meinem Blog
https://natuerlichkuenstlich.wordpress.com