GEDICHTE

WIR KULTIVIERTEN TIERE

HUNDSTAGE*
An Toba

Zwölf Sonnen-Monde waren wir Gefährten,
folgten Losung, Schmelz, Gestüber tief ins Blau
laufenden Geschichten, flüchtigen, wau wau,
lebten in Gerüchen, die verjährten. 

Ob unsere Wege dort sich nicht bewährten,
wo Freudenspiel nie stirbt, nur mählich altersgrau
und zart und leicht und flaumsanftweich wird, komm trau
dich sehnend in die Gründe dieses Todes.

Seither ersterben Nächte mir auf Nächte,
ich sitz‘ verwaist, an Tagen ohne Tage
Momente nur, an denen ich gedächte

Zu dir zu geh‘n mit Major Canis Klage,
denn hier im kalten Trostlosland, was brächte,
mir euer Hoffnungsunterpfand, komm, sage!

* Jeremy Bentham: „the question is not, Can they [i.e. animals] reason?, nor Can they talk? but, Can they suffer?
(aus: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation,1789)

** Yukon und Toba, zwei Huskies. Toba verstarb.


EINSAME FRAGEN

Manchmal, Wolf, wenn du dich fragen solltest,
was rote Käppchen sind,
wenn du dich fragen solltest,
wer, außer den Blökenden, Schafspelze trüge,
wenn du dich fragen solltest,
warum du nie Römerwelpen säugtest,
wenn du dich fragen solltest,
wieso Jesaja Vegetarier zum Himmel pries (65,25),
wenn du dich fragen solltest,
was Komödie und Staatstheorie mit dir zu schaffen hätten,
wenn du dich fragen solltest,
warum dir Mädchenmösen als leckenswert erschienen,
wenn du dich fragen solltest,
wie ein Tanz mit Kevin Costner gelingen möchte,
wenn du dich fragen solltest,
wann du dein Trittsiegel für Marketing feilbieten könntest
wenn du dich fragen solltest,
wohin schamanische Krafttiere so reisen,
wenn du dich fragen solltest,
ob je eine Petition in deinem Namen entstünde,
wenn du dich fragen solltest,
warum du auf all das keine Antwort wüsstest,
aber eine große Fremdheit von dir Besitz nähme,
dann, Wolf, könntest du heulen,
immerhin.


DIE GROSSE FLATTER

In eine Petrischale Rund,
ausgesetzt im Leim des Agar,
gewest zu einer Lösung,
die alles wagen möcht‘,
da – innen – drin
könnt ich einst
geworden werden sein.

Dort erst wüchsen mir Tasthaare
an dunklen wimpernlosen Augen,
Sinusfühler, gemacht für lange Weilen
unterwegs zu unerregten Bewegern
im ultravioletten All.

Dort erst schnürten sich Zellen
furchten sich Lederhautrillen,
Hörgeäder gemacht für ungepeilte Existenzen
im Bund mit schnellstem Schall und hellstem Klang,
im stark gekrümmten Raum.

Dort, in dieser Schale Rund,
ausgesetzt in Kulturen
gelöst aus Grundsätzen
befreit von Geboten
dort belebt sich – endlich –
der stillgeschwächte Geist
in seinen Möglichkeiten.

Blickkontakt. Erstgeschöpft.
Echoortung. Urknallrein.
Neugeburt. Kopfübertaumelnd.


LIBELLE

Weder Strohhalm
noch Faden
sagen dämmernd
vom Strich
die Kerben, die da sind
und da wieder nicht.

In Luft steht Dasda,
das ich Ding
in Dunkelzeit
unfassbar nenn
und plötzlich
ohne Atem
kenn.

Das Fluggeäder
traumdurchsichtig
uraltmöglich
leichtgewichtig
legt zwischen weiche
Wimpernschätze
sein Paarungsrad
für neugeborne Sätze.

Waagemutig
pendelnd
augenstechend
quergestellt.


SPANNER

Da klebt seit Tagen schon
in Höhe meiner Sicht
irgend so ein Falter-
Viech am Fenster.
Rührt sich nicht.

Ist das Draussen?
Ist das Drinnen?
Unsere Geister
scheiben sich
am Innen.
Seither lüfte ich über Ecken
sinniere über Schatten
urahne über Flügeln
verharre über Weiten
spanne über Zeiten.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.