Lost in Sound-Space. Was KI von sich hören lassen sollte, wenn sie uns dienlich sein will

Auf der Sommerleseliste der Stiftung Neue Verantwortung fand ich einen Link zu einem akustischen Museum, das ich jedem zu besuchen empfehle. Ergänzt um einige Gamification-Elemente basteln Geeks daraus schnell ein Top-Altersprognosetool für die sozialen Netzwerke. To be honest, ich kannte ziemlich viele der Sounds noch im Originalbetrieb.

Veränderungen in Gesellschaften, (digitale) Kulturgeschichte, verstanden nicht als Faktenhuberei, sondern als Narrativ-Feld, ermöglicht Wertschöpfung. Denn es erlaubt Szenarioanalysen. Nicht nur rückwärts betrachtet, sondern auch vorwärts in die Zukunft.

Vor einiger Zeit hatte ich bei einem Kundenauftrag zum Thema Markenführung einen Flash. Übertragen auf das Feld unserer KI unterstützte Gesellschaft stellte sich mir die Frage:

Wie klingt KI?

Noch genauer: Wie klingt eine KI, die den Menschen respektiert? Ihn also nicht pseudo-naiv vereinnahmt, aber auch nicht metallen-mechanistisch abstößt?

Was zunächst oldfashioned anmuten mag, erwies sich spätestens im März dieses Jahres als virulent. Die Welt debattierte, wie eine künstliche Stimme klingen solle. Wenn die KI-Stimme „Q“ körperlos ist, warum klingt sie dann wie eine Frau? Die Agentur Copenhagen pride schuf Abhilfe, bekannte aber auch: sie glaube nicht, dass diese sich durchsetze.  

„Sehr sicher bin ich mir aber, dass wir auf absehbare Zeit keine geschlechtsneutrale Stimme als Standardeinstellung bekommen werden. Das widerspricht dem Geschäftsgedanken der Konzerne.“

Erschwerend kommt hinzu, dass eine Mehrheit der Menschen weibliche Stimmen als herzlicher empfinden.

Regulieren oder machen lassen?

Was also tun? Aufklären, freistellen, laufenlassen, vorschreiben aushandeln…

In unseren absehbar virtuell (mindestens angereicherten) und elektronisch neu mobilisierten und organisierten Mega-Städten werden wir neue Soundwelten erleben. In einem Ausmaß, das wir uns noch nicht vorstellen können.

Wer je eine Intensivstation besucht hat, weiß, was uns bevorsteht. Selbst Ärzte und Pfleger bekennen, dass die Signaltöne ein krankmachendes, ja irreführendes, weil unabgestimmtes Ausmaß angenommen haben. Jeder Hersteller entwickelt nach Können und Gusto das, was dort als „Warnton“ empfunden wird.

Auch Sounds sind Narrative. Als solche können sie wertstiftend oder wertmindernd, akzeptanzerhöhend oder -verringernd sein.

Städte, Dörfer, Häuser, Wohnungen, Menschen prägt ein charakteristisches Klangbild. Menschen aus dörflichen Umgebungen oder ältere Menschen kommen mit den Sounds der Zukunft oft nicht mehr klar. Überall fiept, surrt, tönt, läutet, piept, dingdongt was.

Brauchen wir ein Ministry of Sound?

Ja, die Digitalisierung betrifft als Querschnittthema alle Ministerien. Angesichts der Komplexität und Vielfalt der bevorstehenden Aufgaben ist es gleichwohl nachvollziehbar, dass zahlreiche Verbände und Initiativen in einer Petition eine/n Digitalminister/in (m/w/div) forderten

Was pars pro toto am hier gewählten Beispiel Sound deutlich wird, weckt allfällige Fragen – ausgelöst von der Neuerfindung der Gesellschaft in Zeiten von Digitalisierung und KI.

Zwischen der Deutschen Industrienorm, dem Krümmungsgrad der europäischen Gurke und dem Faustrecht des Wilden Westens liegt eine Zone, die es klug für die digital befähigte Gesellschaft zu besetzen gilt.

Wie könnte eine ver­nünftige digitale Information aussehen, die nicht nervt, sondern lotst, aufklärt oder berät? Wie soll ein niedrigschwelliger, wie ein wichtiger Warn­hinweis klingen? Sollten Sounddesigner an einer internationalen Soundkultur arbeiten, um Standards zu etablieren? Oder sollte jede Marke ihre eigenen akustisch-stimmlichen Bibliotheken ent­wickeln? Diese und andere Fragen werden künftig eine Rolle spielen. Ohne, dass die Entwicklung vorhergesagt werden könn­te, ist doch zu erwarten, dass es zu Neuer­findungen und Wie­der­belebungen kommt.

Spätestens seit Büchern wie Das große Orchester der Tiere oder Das geheime Leben der Bäume wissen wir, wie wichtig und prägend Klang-Habitate sind.

KI muss nicht alle Fehler der Industrie 1.0 – 4.0 wiederholen

Die Beschwerdegeschichte über Lärm ist so alt wie die der Vergesellschaftung. Einst richtete es sich gegen die Schläge der Schmiede, Schlosser, Kufner und den Lärm der Droschkenräder. Später, mit  der Mechanisierung, gegen das Rattern der Webstühle, das Zischen der Dampfmaschinen, das Pulsen der Kolben in Fabriken, die elektrischen Eisenbahnen und den Automobilverkehr.

Es ist in hohem Maße unwahrscheinlich, dass das Internet of Things – konsequent zu Ende gedacht – ohne Nebenwirkungen bleibt, akustische oder interferenzelle. Wenn wir schon auf dem besten Wege sind, eine Forecast-Society zu werden, dann doch bitte auch im Blick auf die möglichen Lösungen für die realen Probleme.

Most wanted: Chief Content Curator

Mögen Verlagshäuser aufgrund sinkender Erlöse auch in ihren Redaktionen sparen, so zeichnet sich unter dem Stichwort Content-Kuratierung in großen Kommunikations-abteilungen und -agenturen eine interessante Entwicklung ab. Content, also auch redaktioneller Inhalt, ist in zahlreichen Unternehmen als wichtige Ressource zur Steigerung der „Brand Equity“ angekommen. Die Veränderungen, die die Medienwelt durch die Digitalisierung und das Social web ergriffen haben, machen auch vor ihnen nicht halt. Hier einige der wichtigsten Konsequenzen:

  1. Journalisten sind für Unternehemen nicht  mehr die Gatekeeper, um ausgewählte Dialoggruppen zu erreichen
  2. Unternehmen haben über das Internet direkte Mittel und Wege gefunden, sowohl ihre Inhalte zu publizieren als auch via Social Web in unmittelbare Interaktion mit ihren Dialoggruppen zu treten
  3. Diese steuern selbst Inhalte bei – sei es durch Kommentierung oder Weiterverarbeitung vorhandener Inhalte, sei es durch völlige Neuerzeugung
  4. Big Data sorgt dafür, dass Unternehmen über Content verfügen, den Journalisten zwar prinzipiell auch recherchieren könnten (Stichwort: open source, data-journalism), der aber für die Unternehmen bereits vorliegt und exklusiv genutzt werden kann.
  5. Big Data kombiniert mit dem „long tail“ des Internets schafft für Unternehmen ungeahnte „Touchpoints“, also Ansatzpunkte zu Kommunikation mit vielfältig clusterbaren Zielgruppen
  6. Storytelling-Konzepte, die aus der jeweiligen Markenwelt heraus, Geschichten erzeugen, fördern weiteren originellen Content


Most w
anted: Chief Content Curator 

Was bedeutet das für die Unternehmen, wenn Content immer wichtiger wird? Wie veredeln sie ihre exklusiven Informationen, die sich durch blosses Auswerten von ohnehin erhobenen Daten in Unternehmen handelt? Etwa:   „Content, Content, Content – und immer an die Marke denken…“ – um einen berühmten Slogan abzuändern?! Das mögliche Szenario sähe so aus:

  1. Das Content-Volumen nimmt zu, damit auch die Unübersichtlichkeit.
  2. Die Anforderung, vorhandenen und neu eingehenden Content zu sortieren, redaktionell zu bearbeiten und in den verschiedenen Kanälen – dialoggruppengerecht – einzusetzen, steigt
  3. In Unternehmen entwickeln sich über kurz oder lang eigene Redaktions- oder Kuratorenpools, die analog zu Medienhäusern mit spezialisierten Content-Einheiten – also Redaktionen inklusive Chefredakteure oder Chef-Kurator, Reportern, Planern, Community Managern etc. – operieren
  4. Der Einsatz von Content muss strategisch geplant werden, um die Marke anzureichern und die Unternehmensziele zu unterstützen.
  5. Zwischen Redaktions- und Strategieabteilung wird enger gearbeitet, um Content gezielt als Botenstoff  zur Profilierung und Interaktionsträger einzusetzen
  6. Content Management wird ein wichtiger Managementbereich mit eigenem CCC (Chief Content Curator)

Hier spielt die Musik – Was Musiker Journalisten voraushaben

Dank an Thomas Lautenschlag, Berlin: Berlin-Mitte U-Bahn Stadtmitte
Dank an Thomas Lautenschlag, Berlin: Berlin-Mitte U-Bahn Stadtmitte

Der Verlust an Spielstätten, die nahezu komplette Archivierung und Verfügbarkeit von konservierter Musik haben den Wert von Musik verändert. Wo jeder Musik speichern, abspielen, samplen, weiterverarbeiten kann, scheint das Bewusstsein für die Relevanz und den Preis von Musik zu schwinden. Künstler, die schon eine gewisse Bekanntheit haben, können zwar über den Preis ihrer Live-Events ihre Einnahmen steigern, doch jungen Künstlern gelingt das nur bedingt. Was kennzeichnet Musik heute? Sie

  • ist grenzenlos verfügbar
  • wird massenhaft produziert und durch gezielte Moden kommerzialisiert
  • erfüllt neue Aufgaben wie Hintergrundbeschallung, Kaufreizsteigerung
  • wird immer leichter und günstiger herstellbar
  • läuft an vielen Stellen ‚umsonst‘
  • ko-finanziert sich durch Merchandising

Insgesamt gesehen nimmt die musikalische Bildung ab, das Qualitäts-Bewusstsein für Musik sinkt und die Akzeptanz  für Musik als geistiges Eigentum verliert sich.

Alles gespeichert oder eine kurze Geschichte des Verfalls

Ursprünglich war alle Musik ein Live-Ereignis. Ihr Einsatz bedeutete Besonderes – auch, wenn sie in geistlichen, höfischen und bürgerlichen Kreisen dienende Funktion hatte. Anfang des 20. Jahrhunderts gelang es durch das Radio, mit Live-Musik große Massen zu erreichen. Mit der Erfindung der Speichermedien Schallplatte, TV, Tonband, Kassettenrekorder schwand aber auch die Einmaligkeit der Kunst, die Digitalisierung durch CD und Mp3 beschleunigte den Verfall des ehemals wertvollen Werks zum musikalischen Produkt. Unnötig, zu erwähnen, dass die Digitalisierung letztlich gar keine realen Instrumente und Musiker mehr benötigt. Trotz des Rückgangs der live rezipierten Musik werden nach wie vor professionelle Musiker ausgebildet, je nach Richtung Tendenz steigend, zuletzt vielfach stagnierend. Obwohl sie für ihr Tun besser (und oft teurer) denn je ausgebildet sind – die Akademisierung des Berufsstands hat sicher ihren Anteil daran – verdienen sie vergleichsweise sehr wenig.

Auch journalistische Angebote sind grenzenlos verfügbar, werden massenhaft produziert, laufen mittlerweile nebenbei oder im Hintergrund. Die Verlage haben rund um ihr Medium das Angebot mit Kongressen, Seminaren, Reisen, Büchern, Lesungen erweitert. Bedingt durch die Digitalisierung lassen sich Nachrichten relativ preiswert aggregieren und auf medienfremden Plattformen einsetzen. Auch der Journalist war einmal etwas Besonderes, er präsentierte Geschichten, die erlebt worden waren, verbreiterte deren Reichweite durch die Massenmedien – und verlor, genau wie die Musik, durch die Digitalisierung. Haben die Musiker schon hinter sich, was den Journalisten noch bevorstehen könnte?

Mögliche Szenarien:

  1. „Readyfy“- oder „Mediabook“-Angebote, die sich durch die Nutzung persönlicher Daten refinanzieren, nehmen zu. Registrierte Personen lesen umsonst, weil die anderen mitlesen (d.h. auswerten dürfen), was man selber liest. Gestufte Varianten mit expliziter Werbung sind vorstellbar
  2. Es reicht, was einen erreicht: News oder Musik werden aggregiert und beliebig konsumiert, sei es im Fahrstuhl, in der U-Bahn, in Wartezonen
  3. Print wird das neue Vinyl –  und erlebt eine Renaissance für Ästheten, Haptiker, Analog-Liebhaber
  4. Lesungen sind die neuen Konzerte – Medien-Merchandising bleibt
  5. Selbstvermarktung durch Minipayments, Crowdfunding kommt
  6. M-[einungsbildende]-Medien erhalten staatliche Subventionen

(Print-)Journalismus – ein Abgesang?

Je deutlicher die Einbrüche in der Auflagenzahlen, desto lauter erklingt der Abgesang auf den Print-Journalismus. Dabei liegt das Problem nur zu einem Teil im Trägermedium. Der allgemeine Bedeutungsverlust von Medien innerhalb einer Gesellschaft greift viel tiefer – und wird durch neue Transportmittel alleine nicht gestoppt. Die genannten Szenarien sind denn auch lediglich Modellszenarien, mit denen sich Journalismus besser oder schlechter frei finanzieren kann. Dazu gehört die von vielen – aus guten Gründen –  abgelehnte Subventionierung. Journalismus könnte von der Musik lernen, dass die Sorge vor politischer Beeinflussung  sicher nicht unbegründet, aber auch nicht zwangsläufig ist. Sicher, der gesellschaftlichen Relevanz ist damit nur teilweise gedient. Das Reporterforum stellt 20 Antworten zur Zukunft des Journalismus vor: „Wie sich der Journalismus verändern muss“.

Thank you for the music!

Interessant sind die Erfolge auf dem Feld der Musik, die die skandinavischen Länder erzielen. Besonders wenn man analysiert, wie diese zustande kommen. Voraussetzung dafür ist ihre systematische Herangehensweise. Die Aufbauarbeit beginnt beiSaxophongrafitto der musikalischen Erziehung der Kinder, geht weiter mit der Überlassung von Instrumenten, Hausmusik, Spielstätten, Produktionshilfen und anderes mehr. Ausgerechnet im Jazz, eine Musik, die aufgrund ihrer Komplexität nicht besonders breitenwirksam ist, erreichen die Skandinavier erstaunliche Popularität. Auch aus der Leseforschung ist bekannt, dass Eltern eine Vorbildfunktion ausüben. Wenn sie nicht lesen, bleibt die Wirkung der Leseförderung bei Kindern eingeschränkt. Der Wert anspruchsvoller Medien muss genauso wie der von guter Musik erlebbar gemacht werden. Das leisten Medien- oder Musikpädagogen, deren Verdienstaussichten in eklatantem Widerspruch zu ihrer Bedeutung steht. (Bedingt durch strukturelle Unterfinanzierung sind  Musikpädagogen dem Prekariatsrisiko ausgesetzt, zuletzt stagnierte oder sank die Nachfrage nach dem Beruf denn auch.) Medienkompetenz sollte selbstverständlich neben technischem Können, auch eine Sensibilisierung für Datenschutz im Internet, besonders im Umgang mit Social Media vermitteln. Um ein Bewusstsein für die Qualität und Bedeutung von Medienangeboten zu fördern, bedarf es mehr. Jedenfalls  ergibt sie sich nicht – wie am Beispiel der Musik gesehen werden kann –per se aus der technischen Perfektion.  Es muss neben der inhaltlichen auch eine emotionale Wertschätzung dazu kommen. By the way, mir fällt beim besten Willen nicht ein, wann ich zuletzt ein, zugegeben illegales, Spraybild über den Wert von Journalismus gesehen hätte…

Wie können sich Tageszeitungen im Netz profilieren? 5 Thesen

Im Netz findet, ausgelöst durch die Bekanntgabe der Insolvenz der Frankfurter Rundschau, an vielen Stellen eine Diskussion zum Thema „Zeitungsterben“ statt. Wolfgang Blau, Chefredakteur der online-Ausgabe der Zeit, hat auf Facebook eine interessante Diskussion losgetreten. Daher hier fünf Thesen

  1. Definition: Zeitung, verstanden als Konzept, ist eine Zusammenstellung relevanter Informationen. Was relevant ist, musste immer schon gut geprüft werden. Dank Social Web ist es aber nicht mehr möglich, Relevanz undifferenziert zu setzen. Der Shitstorm, der die ARD erreichte, als sie nach Meinung vieler nicht angemessen über die Proteste in Spanien berichtete, zeigte das exemplarisch.  Das „fragliche Konstrukt Tageszeitung“ ist daher noch richtig, aber die Verantwortlichen haben bislang nicht verstanden, ihr Produkt  auf Veränderungen im Nutzerverhalten hin anzupassen. Ein gutes Beispiel sind SUV-Fahrzeuge:  erst die Fülle an Möglichkeiten, Arbeits- und Freizeit mobil zu verbinden, brachte diesen merkwürdigen Autotyp hervor, der aber immer noch ein Auto ist. Und:  Die zunehmende Verkehrsdichte zeigte überraschend, grade viele Frauen, nicht Männer, fahren gerne etwas erhöht. Sprich: Tageszeitungen müssen auf gewandelte Bedürfnisse eingehen und diese bestmöglich erfüllen.
  2. Gattung.  Wochentitel, Fachpresse etc. konnten die Vorteile des Internets leichter für sich erschließen (thematische Schwerpunkte, weniger Aktualitätsdruck, klare Zielgruppe).  Die Überregionale Tagespresse tut sich de facto schwerer. Dennoch haben viele Überregionale versäumt, den Mehrwert des Social Web in ihre Zeitungsangebote zu integrieren. Ich nehm jetzt nur mal den Service-Aspekt, inhaltliche Mehrwerte würden jetzt zu weit führen: Wo sind die intelligenten Presse- (also heute auch Twitter-Schauen), die leserfreundlichen Aufbereitungen von Kommentaren der Kommentare, wo sind ‚offene Redaktion‘-Erlebnisse, wo hilfreiche Archiv-Verknüpfungen, wo echte Pre-View Ideen usw.usw. Ideen. Die Überregionalen hätten, da bin ich mit vielen einig, die Power gehabt, aber viel zu lange gewartet.
  3. Wundertüte: Das Überraschungsmoment bleibt für Tageszeitungen essentiell. Gedruckt oder online: Dass man unverhofft irgendwo hängenbleibt, ist Teil des Konzepts. Dabei geht es nicht nur um News, oder ungewöhnliche Reportagen, sondern auch um objektiv Gegen- den Strich-Gebürstetes: In der Zeitschrift Mare zu lesen, dass Ölkatastrophen nicht das ärgste Problem der Meere sind, hat mich überrascht: Mein ohnehin guter Eindruck von Mare: hohe Glaubwürdigkeit, objektiv aufklärend ec. wurde erneut verstärkt. Der berühmte Aha!-Effekt ist nicht zu unterschätzen, ich muss ja heute mehr denn je vor mir selbst rechtfertigen, warum ich dieses Angebot lese und nicht andere.
  4. Redaktion: Ich teile die Ansicht, dass Twitter, Feeds, Blogs usw. zu vollkommen unbeachteten Perlen führt. Aber ich habe nicht die Zeit, das jeden Tag selbst herauszufinden und zu filtern. Für diese Leistung bin ich bereit zu zahlen. Ich traue einer ordentlich besetzten Redaktion zu, das kompetent zu tun.
  5. Abgeschlossenheit: Ein wichtiges Kriterium einer Tageszeitung ist psychologischer Natur: Dadurch, dass es eine letzte Seite gibt, vermittelt sie mir das Gefühl, ich wäre nun für alles Relevante dieses Tages ‚gerüstet‘. Abgeschlossenheit ist im Netz viel schwieriger zu erzeugen, aber nicht unmöglich. Was fehlt, sind intelligente Modelle, auf die immer kürzere Lesezeit einzugehen (ohne einfach die Artikel zu kürzen oder simple Lesezeichen einzufügen). Für Träumer und Entwickler gibt es hier viele Ideen, deren Praktikabilität zu prüfen bliebe.

Das Thema ist auch aus Sicht der Profilbildung spannend. Was muss eine Tageszeitung tun, um sich von anderen zu unterscheiden? Warum soll ich als Kunde Geld dafür ausgeben, wenn es etwas ähnliches einige Klicks weiter for free gibt. Auf diese und andere Fragen in nächster Zeit einige Antworten.

„Bühnenperformanz gehört ins erste Semester!“ Was Musiker von Schauspielern lernen können

Herr Professor Kopiez, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Kollegen Friedrich Platz eine Studie mit dem Titel „Wenn das Auge Musik hört“ durchgeführt. Was genau haben Sie untersucht? Wir haben erforscht, wie stark unsere Wertungen von Musikerauftritten durch die sichtbare Komponente beeinflusst wird. Das Ergebnis ist relativ einfach: Um eine Schulnote wird es besser bewertet, wenn wir die Spieler sehen und hören im Vergleich mit einer nur gehörten Darbietung.

Hat sie das überrascht oder war das Ihre Ausgangshypothese? Wir ahnten schon, dass es in diese Richtung gehen wird, weil wir in der Musikgeschichte eine lange Tradition von Berichten haben, in denen es um Live-Auftritte geht. Denken Sie an Paganini und Liszt, es ist gut dokumentiert, wie fasziniert die Menschen davon waren, wenn diese großen Virtuosen live spielten. Es gab daher schon eine gewisse Vorannahme in unsrer Studie über die Richtung des Effekts, allerdings wusste niemand bisher, wie stark quantifiziert dieser Einfluss sein würde. Wir können es nun konkret umrechnen: in genau eine Schulnote.

Gibt es denn Juries, die rein auditiv urteilen? Sieht man als Juror bei einem Wettbewerb nicht immer den jeweiligen Künstler spielen? Nein, das  ist leider nicht so, denn es wird unterschiedlich gehandhabt. Bei den Orchesterprobespielen finden die ersten Vorrunden häufig hinter einem undurchsichtigen Vorhang statt. Da sieht man keine Details, man weiß nicht, ob es sich um einen Mann oder Frau handelt, oder welche regionale Herkunft die Person hat. E wird damit versucht, so etwas wie eine Unabhängigkeit vom Sehen herzustellen. Aber das Widersprüchliche ist dann, dass in den Endrunden tatsächlich die ganze audiovisuelle Person bewertet wird. Ich glaube, man muss auch beides bewerten, weil der Konzertbesucher am Ende auch für beides bezahlt. Die Spieler müssen visuell präsent sein, sie müssen akustisch präsent sein, sie müssen auch als Person auf der Bühne wirken können, ansonsten haben sie im Live-Konzertbetrieb kaum eine Chance.

Welche Konsequenzen leiten Sie aus diesen Befunden ab? Die Bühnenperformanz ist ein Bereich, der noch nicht voll entwickelt ist!  An den Hochschulen, an denen die Musikerausbildung stattfindet, ist es häufig sogar so, dass man sehr viel Zeit in das instrumentale Training investiert, dort die großartigsten Ideen entwickelt aber dann kommt der Moment, in dem der junge Musiker die Bühne betreten muss und relativ allein gelassen ist. Ich glaube, dass man an der Stelle viel professioneller agieren könnte und zwar in Analogie zum Instrumentalunterricht, der ja auch auf höchstem Niveau stattfindet.

Also ein Plädoyer für verbesserte Bühnenperformanz? Man sollte mal überlegen, wie man mit Hilfe von Schauspielern und deren Bewegungslehre eine Bewusstheit für die Körpersprache entwickelt. Für das Gehtempo, für den eingenommenen Stand, dafür, wie die Spielposition erreicht wird, wie der Kontakt zum Publikum aufgenommen wird. Bisher sind das mehr oder weniger Zufallsprozesse. Wir plädieren dafür, das Wissen anderer Disziplinen, etwa der Bewegungslehre zu verwenden, um die Person als ganze Person zu entwickeln, die ja letztlich überzeugend tätig sein muss.

Ist damit auch Training gegen Lampenfieber gemeint? Eher nicht. Wir denken eher daran, die  Stärken zu verstärken  damit die künstlerische Person wirksam und sichtbar wird. Worum es in dieser Livesituation geht, ist doch letztlich Persuasion. Ich will jemanden überzeugen, und zwar mit dem, was ich an Ideen habe und, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. Daher sollte herausgefunden werden: Was sind meine persönlichen Wirkungsmittel, mit denen ich arbeiten kann? Intervention gegen Lampenfieber überlassen wir den Kollegen aus dem musiktherapeutischen Bereich.

Welchen Umfang sollte die Schulung der Bühnenperformanz im Curriculum einnehmen? Man  sollte sehr früh, gleich im ersten Semester, damit anfangen. Es ist ja ein Bewusstheitstraining, weshalb es ein fester Bestandteil des Curriculums sein sollte.

Gibt es im Ausland schon Erfahrung mit dem Training der Bühnenperformanz? Soweit ich sehe, ist das bisher nicht der Fall, allerdings ist das Performanztraining im Bereich der populären Musik schon viel weiter, denn dort gibt es das Bühnencoaching als festen Bestandteil der Ausbildung. Dort geht man viel offensiver mit dieser Herausforderung um: in der Rock- und Popmusik kann man sich überhaupt nur noch durchsetzen, wenn man ein gutes Live-Konzept hat, das zur Band, zum Performer passt.

Also Dieter Bohlen & Co auch für Klassik und Jazz? So geht das natürlich nicht in jedem Bereich. Das Konzept ‚Bühnencoach‘  funktioniert nicht normativ. Das Neue, das wir hinzufügen, ist der Begriff der „Angemessenheit“. Die Bühnenperformanz muss sowohl an die Erwartungen des Publikums als auch an das Genre angepasst sein. Das sieht im Klassikbereich anders aus als in der Jazzmusik und in der Kammermusik anders als beim Klavierabend. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Gerade im Jazz und in der Klassik ist die Bühnenperformanz enorm wichtig, weil eine viel größere Nähe zwischen Aufführendem und Publikum besteht als bei einem Rock-oder Popkonzert. Dort liegen ja oft noch 20 oder 30 Meter Abstand dazwischen.

Was raten Sie Musikern, die Ihre universitäre Ausbildung abgeschlossen haben, die sich aber gerne weiter entwickeln würden? Gibt es Workshops? Ja, das gibt es tatsächlich. Man muss sich da am Schauspiel orientieren. Dort spielt die Bewegungslehre als ein Mittel der Kommunikation neben dem gesprochenen Wort eine ganz zentrale Rolle. Schauspieler arbeiten viel bewusster mit dem Einsatz von Körpersprache, Mimik, Gehgeschwindigkeit, also viele kleine Mikrosignale, die Professionalität vermitteln und auf die Zuschauer ganz schnell anspringen. Da kann man sich beim Schauspiel schon mal guten Rat holen.

Kann das auch jemand tun, der kein Charismatiker ist? Ja, ich denke, alle können davon profitieren, denn am Ende wissen wir ja gar nicht, was Charisma eigentlich genau ist. Für viele scheint es so zu sein, als sei das ein Geschenk des Himmels. Wir vertreten da eine nüchterne Position und glauben eher, dass man durchaus lernen kann, Leute, mit den persönlich verfügbaren Mitteln zu faszinieren. Diese Wirkungsmittel muss ich aber freilegen, wie das Nugget im Gestein, dann kann es auch zu seiner Wirkung kommen.

Was bedeutet das Ergebnis Ihrer Studie für den Einsatz von You Tube? Sollten Musiker in gute Videos investieren, um an Gigs zu kommen? Ja, da gehen wir sogar noch einen Schritt weiter. Bei Bands  ist es ja häufig so, dass hier nicht nur die Einzelperson wirkt, sondern dass der gesamte Raum ‚Bühne‘ genutzt werden muss. Die Stage Performance und das Show-Konzept müssen gut bedacht werden. Da kann man viel von großen erfolgreichen Bands, die schon lange im Geschäft sind, lernen. Die wissen, dass das Publikum  am Ende auch unterhalten werden will, es muss eine Präsenz vorhanden sein im visuellen und im auditiven Bereich. Es gilt, gute Ideen zu entwickeln und es gibt Profis in diesem Bereich, mit denen kann man zusammen auch eine gute Live-Performanz erarbeiten kann.

Welche Forderungen ergeben sich aus Ihren Befunden für die Ausstrahlung von Konzerten etwa durch den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk? Bei Fernsehübertragungen von Musik, unabhängig vom Genre, sollten die Aufnahmeleiter darauf hinwirken, dass es nicht nur die Totale als Einstellung gibt oder die übliche Bildkreuzung von Fagott und Oboe, sondern dass häufig eben auch Details eine große Rolle spielen, so etwa die Mimik des Spielers oder das Aufzeigen von, wie wir das nennen, Signalen des Engagements: das kann das Schwitzen sein, das mir als Zuschauer zeigt, dass jemand 100%igen Einsatz gibt, das kann aber auch schon der Gang zum Spielort sein auf der Bühne.

Im Jazz ist es ja häufig so, dass die Musiker eine sehr legere Form des Auftritts anstreben, angefangen vom Kleidungsstil bis hin zum Gespräch mit  ihrem Publikum. Haben Sie in Ihrer Studie etwas darüber herausgefunden, ob das Outfit der Musiker eine Rolle spielt? Ja, das spielt es, aber nicht normativ. Kleidung  muss angemessen sein. Natürlich wird keine klassische Geigerin auf der Bühne im Nachtclubdress spielen, das geht eben nicht. Aber beim Jazz kann das Legere auch das Angemessene sein, das von der Mehrheit des Publikums auch geschätzt wird. Das wissen wir aber noch nicht genau, weil das Jazz-Publikum in dieser Hinsicht noch relativ wenig untersucht ist.

Sie planen bereits eine neue Studie, in der untersucht werden soll, wie das Konzertpublikum Musiker bewertet. Sie vermuten, dass es verschieden Typen unterscheidet. Ja, es gibt schon Hinweise darauf. Wir können bisher nur sagen, wie es in der klassischen Musikkultur bei Geigensolisten funktioniert. Es geht in unserer Studie um einen Violin-Wettbewerb, bei dem wir die Teilnehmer und ihre Auftritte videografiert haben. Grob gesagt können wir zwei große Gruppen unterteilen: die mit dem akzeptablen Auftritt und die mit dem weniger akzeptablen. Die unterscheiden sich in relativ wenigen, aber gut sichtbaren Merkmalen. Beim Geigenspielen zum Beispiel sind schwitzige Finger in der linken Hand ein Problem. Wenn sich aber die Spieler zur Beruhigung immer an die Hosennaht fassen oder ans Kleid fassen, um ihre linke Hand abzuwischen, dann sind das keine besonders guten Signale. Sie vermitteln eher Unsicherheit und fehlende Dominanz, der Spieler ist nicht so richtig Herr der Situation. Das ist etwas, was nicht angemessen ist.

Das heißt, man sollte entweder lernen, seine Körperfunktionen besser zu regulieren oder ein Hilfsmittel wie ein Taschentuch verwenden? Ja, ein Taschentuch ist kein Problem. Angemessene Hilfsmittel, das kann auch ein kleines Tuch sein, sind ok und dem Publikum durchaus vermittelbar. Das ist bei Pianisten auch der Fall, das versteht das Publikum.

Welche anderen Signale gelten als souverän? Einen großen Effekt erzielen Spieler mit einer ordentlichen  Standposition. Also weder zu breit – wie bei John Wayne – noch zu schmal. Man muss dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, dass man eine Erdung hat. Das sind Signale, die werden als souverän und resolut vom Publikum eingestuft. In der Regel werden diese resoluten Spieler auch positiver bewertet und man möchte ihnen länger zuhören.

Prof.  Dr. Reinhard Kopiez ist Professor für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (MTHMH).

Das Gespräch führte Elvira Steppacher.

 

Hier ein interessanter Link: Die Studienmacher im Hörfunk-Interview

Das Konzert zur Profilbildung nutzen

Ein melodiestarker Trompeter und begnadeter Entertainer wandte sich nach etwa fünf Liedern an sein Publikum mit den Worten: „Wir kommen jetzt zum ersten Höhepunkt des Abends…..“ Wow, das waren doch schon lauter gute Stücke mit fantastischen Improvisationen! Läßt sich sowas steigern? Mucksmäuschenstill verharrten die Zuhörer : „Der Pause!“

Gewiss, nicht jedem fällt es zu, unterhaltend, souverän und obendrein authentisch mit seinem Publikum zu parlieren. Dennoch, häufig lässt sich beobachten, dass  die Moderation zwischen den Stücken eines Konzerts vergleichsweise stark von der Güte der zuvor gehörten Musik abweicht.

Mehr wissen, mehr hören, mehr merken
Damit verschenken Musiker Chancen. Denn durch gute Ansagen kann der musikalische Genuss steigen. Genau wie bei einem Gemälde gilt: je mehr man darüber weiß, desto mehr sieht, hört und versteht der Rezipient. Hin und wieder erzwingt die Dramaturgie des Konzertes verbale Überleitungen. Technische Erfordernisse wie ein Band-Umbau oder Instrumententausch, körperliche Gründe wie physische oder psychische Rekonstitution aber auch ein atmosphärischer Stimmungswechsel lassen sich durch gute An- und Ab-Moderationen leicht auffangen.

Vor allem aber bietet das kurze Gespräch mit dem Publikum jede Menge Anlässe, sich und die Band zu profilieren. Was ist an der eigenen Musik wichtig? Welche Markenbotschaft soll das Publikum zusätzlich zur musikalischen Aussage mitnehmen? Wie originell – im Sinne von einzigartig, nicht humorvoll – sind die Ansprachen oder auch, wie viel Phrasen verträgt ein schöner Konzert-Abend? Schon so oft live erlebt und nichts, wirklich nichts regt sich mehr bei dem abgedroschenen: „Ihr wart ein ganz tolles [wahlweise auch: das tollste] Publikum!“ Dagegen kenne ich zwei Sätze Chet Bakers nur von einer CD, übrigens wenige Tage vor seinem Tod und finde sie jedes Mal neu berührend: „Something like this is really, really, really extraordinary for me, and I enjoyed it so much. And I hope you did, too.“  (Chet Baker, The great last concert, Vol II., Tonspur zwischen „Tenderly“ und „My funny Valentine“.)

Im Grunde müsste alles ganz einfach sein. Niemand kennt die Musik besser als der Künstler, erst recht, wenn er sie auch noch selbst komponiert hat. Auch die Set-List bestimmt er ja selbst. Eigentlich sollte niemand das Konzert besser moderieren können. Aber  oft ist genau das Gegenteil der Fall! Der aufmerksame und geneigte Zuschauer ist im besten Fall nachsichtig, im schlechtesten fremdbeschämt. Ich gestehe, ich habe schon Stoßgebete verschickt, dass es bitteschön schnell mit dem Programm weitergehen möge oder das Mikro unverhofft den Geist aufgeben solle. Gerade bei jungen Musikern ist die Art, wie sie ihre eigenen Auftritte moderieren, oft noch ungelenk, bei älteren, die es nie reflektiert haben, krass kontraproduktiv. Mag man das gelegentliche „Ähhmm“, „ja, also“  oder „Genau!“ noch charmant finden, weil es zeigt, dass die Sätze oft vor Aufregung verlorengegangenen sind, so ist es bei erfahreneren Künstlern bisweilen irritierend, dass nicht mehr Zeit in die Vorbereitung gesteckt wurde.

Mit wenig viel sagen
Dabei wäre es so leicht, sich um die Moderation vorab stärker zu kümmern und sie zur profilierenden Fan-Ansprache zu nutzen.  Mit Augenmaß natürlich. Nichts ist abturnender als ein plumper Marketing-Sprech in Dauerberieselung. Nein, es geht um kleine, intelligente Imagebausteine, die hier und da gesetzt werden und auf strategischen Vorüberlegungen zur Profilbildung beruhen. Wer weiß, was er mitteilen will, kann auch die Moderation im Konzert souverän dazu nutzen. Sie ist eine zweite Ebene neben der Musik, die fördern und festigen kann. Gerade, weil Musik asemantisch ist, kann die Sprache helfen, den Fans „Begriffe“ an die Hand zu gebe, mit denen sie von dem erlebten Konzerten berichten und sie für sich selber – als Profil der Band – abspeichern.

Hier einige Anregungen, die sicher vertieft werden könnten:

  • Wer bin ich / Wofür stehe ich als Künstler oder Band? Dieser Prozess sollte grundsätzlich mit mehr Zeit und längerem Atem geplant werden.
  • Was will ich über meine selbstkomponierten Songs oder über die gewählten Standards / Coversongs aussagen, was zugleich mich als Künstler oder die Band als Marke charakterisiert? („Jetzt kommt ein Stück, das ihr alle kennt“ „Ach so, und warum spielt ihr es dann?“)
  • Welchen Sprech-Stil wähle ich? Trete ich witzig auf, obwohl mein musikalisches Programm einen ernsten Anspruch hat? Irritiere ich womöglich sogar das Publikum, dass die CDs wegen der Sensibilität der Stücke gekauft hat, indem ich unverhofft  ironisierend oder distanzierend über manche Stücke spreche.
  • Wer moderiert überhaupt? Muss es immer der Bandleader sein. Natürlich nicht, besonders, wenn er sich eh schwer tut, aber ein anderes Bandmitglied sehr frei reden kann. Bei einem Kollektiv sind auch Ko-Moderationen denkbar.
  • Nicht nur bei einer Bigband kann interessant sein, etwas über die Schwierigkeitsgrade zu erfahren, denn, ob ein Stück oder Repertoire verzinkt ist, erschließt sich nicht unbedingt beim Hören, schon gar nicht, wenn der Zuhörer keine eigene Instrumental oder Vokalpraxis hast. Außerdem erweist sich Professionalität ja gerade dadurch, dass alle technischen Schwierigkeiten gemeistert werden und kaum mehr schwer erscheinen. So wie eine Ballerina gerade dort zu schweben scheint, wo sie Sprünge oder Spitzentanz vollführt.

Erst denken, dann üben

Grundsätzlich gibt es ein breites Spektrum an Möglichkeiten, sich dem Publikum zu präsentieren:

1. Strikt musikalisch. Dieser Anspruch wird häufig durch praktische ‚Null- Kommunikation‘ mit dem Publikum umgesetzt. Außer einer knappen Bekanntgabe der Titel, und natürlich der Bandpräsentation kommt da meist nicht viel.

2. Humorvoll. Hier wird so gut wie jedes Stück anekdotisch an- oder abmoderiert, gleich welcher couleur. Die gute Laune soll das Publikum bei der Stange halten und den Abend in guter Erinnerung behalten lassen. Kann ermüdend und kontraproduktiov wirken, zumal, wenn der Humor nicht voll ankommt oder einfach nicht zu den Stücken passt.

3. Informierend. Der Zuhörer erfährt viel (hoffentlich Interessantes) über die Entstehung der Stücke. Wenn der Künstler nicht ins selbstverliebte Schwafeln kommt, bietet dieser Ansatz die besten Chancen zur intelligenten Profilbildung.

4. Chaotisch. Mal so, mal so, manchmal glückt, manchmal missglückt die Moderation – jedenfalls hochgradig improvisiert.

Natürlich sind viele Mischformen denkbar. Worüber auch lohnt, nachzudenken: Zu welchem Zeitpunkt stelle ich die Band vor, wie und wann bedanke ich mich? Warum werden die Namen auch der Mitmusiker, um die es doch schließlich auch geht, so oft in den Applaus gesprochen und damit unverständlich gemacht? Warum wird die Eigenwerbung für CDs meist zur halbpeinlichen (und damit den CD-Verkauf abschwächenden) Witz-Nummer vor der Pause?

Zettelwirtschaft? Tesafilm, statt Improvisation
Kurzum, jedes Konzert sollte nicht nur musikalisch wirken, sondern auch verbal vermarktet werden. Und wer nicht über ein natürliches Talent in diesen Dingen verfügt, für den hilft nur Üben. Spiegel, Kamera, Freundin, Oma – wer immer grade da ist, kann zum ersten Probepublikum werden. Noch ein letztes zum Thema Spickzettel und Nervosität. Neulich war ich im Lyrik-Kabinett beim Poetry-Slam. Zimbabwes bekanntester Spoken-Word-Poet „Outspoken“ – ein Bühnenprofi – fiel mir dadurch auf, dass er als erstes seinen Moderationszettel ans Mikro klebte. Das war natürlich schon so was wie die erste Nummer, und es hat funktioniert. Näher und besser vor Augen kann man die eigenen Anmerkungen und Eselsbrücken nicht haben.  Im Zweifel hilft auch, Kopien des Spickzettels in alle (!) Taschen des Jacketts oder der Hose zu stecken, die man finden kann. Einen verliert man in der Nervosität immer…

Der Künstler als Markenpersönlichkeit

Viele Musiker sind der Ansicht, dass sie sich in erster Linie über ihre Musik profilieren. Das stimmt und ist doch nicht die ganze Wahrheit. Heute, da in den westlichen Zivilisationen alles im Überfluss existiert und Produkte, Dienstleistungen, Angebote – also auch Musik – immer seltener einzigartig sind, gilt es, dem Konsumenten und Fan deutliche Merkmale zur Unterscheidung anzubieten.

Natürlich ist die eigene Musik zentral für den persönlichen Markenkern. Dennoch: wer darauf verzichtet, sich darüber hinaus strategische Gedanken zu seinem Künstler- oder Bandprofil zu machen, bringt sich automatisch in eine schlechtere Startposition. Der Musikmarkt ist gesättigt, das heißt Erfolg entsteht, indem man sich als Band oder Künstler vor anderen durchsetzt, andere verdrängt. Je klarer und eindeutiger das eigene Profil erkennbar und kommuniziert wird, desto leichter können Fans sich dieses merken und wiedererinnern.

Wieso trägt ein klares Profil zum Erfolg des Künstlers bei?

Ein Profil gibt Orientierung. Es stiftet Identität und macht einen Künstler wiedererkennbar. Darüber hinaus schafft es Vertrauen, mindert also auf Seiten der Fans eine mit jeder Kauf-Entscheidung mögliche Produkt-Enttäuschung. Eine profilierte Band verspricht dem Fan signalhaft: Wir lösen unser Produkt- (=Musik-)-Versprechen ein. Bei uns ist drin, was draufsteht.  So erklärt sich das Phänomen, dass Fans mitunter die neue CD ihrer Lieblingsband kaufen oder verschenken, ohne sie selbst ganz gehört zu haben. Sie vertrauen in das jeweilige Profil, das sie schon kennengelernt haben. Wahrscheinlich kennt jeder die Erfahrung, dass stilistisch-musikalische Sprünge eines Künstlers oder einer Band mitunter große Enttäuschung, aber natürlich auch anerkennende Überraschung auslösen kann. Im ersten Fall entsteht eine nicht erfüllte Erwartung, die das Vertrauen in das Profil mindern kann, im zweiten Fall werden sich die Assoziationen, die das Profil weckt, erweitern. Und schließlich strahlt der Markenkern des Künstlers oder der Band via Image-Transfer auf den Fan ab. Gerade, weil Musik mehr als eine einzige Nutzungsmotivationen des Konsumenten befriedigen kann (Entspannung, Ablenkung, Rückzug, Animation, intellektuelle Herausforderung, Spiritualität…) dürfte die Entscheidung für eine bestimmte Musik immer auch mehrere Dimensionen haben. Der Konsument  identifiziert sich mit den Werten, die ’seine‘ Musik für ihn hat. Eine ausgeprägt avantgardistischer Musikgeschmack läßt neben den Nutzungsfunktionen (z.B. „Ich will die Musik unserer Zeit verstehen“) auch den Fan als jemanden erscheinen, dessen Selbstverständnis mit Aspekten wie Trendsetting, Offenheit oder ähnliches zu tun haben dürfte.

Ein  professioneller Markenauftritt besteht darum darin, das  wirklich a l l e  Kommunikationswege aufeinander abgestimmt werden. Ein Profil leistet analoge Funktionen wie die Corporate Identity eines Unternehmens: Der Künstler oder die Band sollte als Markenpersönlichkeit authentisch, aber kohärent und wiedererkennbar auftreten.  Andersherum betrachtet: Was dem Konsumenten an einer Band oder einem Künstler gefällt, muss sich auf eine griffige Formel bringen lassen. Kurz, prägnant, ausdrucksstark. Wer das persönliche Profil einmal festgelegt hat, sollte deshalb  seine bisherige Präsentation selbstkritisch befragen:

  • Passt das  Logo des Künstlers  (der Band) zum Profil?
  • Ist das publizierte Foto- und Videomaterial profilunterstützend?
  • Passen Farbgebung, Typo, Sprechhaltung, Navigation etc. der eigenen Homepage bzw. Social media Sites zum eigenen Künstler-  oder Band-Profil?
  • Ist das Wording von CD-Booklets, Presse- und Promotion-Texten profilgetreu, kohärent und zielgruppengemäß ?
  • Ist es gut verständlich und leicht reproduzierbar?
  • Passt der Auftritt der Band, das Verhalten, die Kleidung, die Moderation bei Konzerten zum Profil?

Weitere Ausführungen finden sich auch in einer Präsentation, die ich auf Slideshare erstellt habe.