Make Munich 2017. Disruptivität und digitale Moderne im DIY- und Open Source-Modus

Was intelligente Straßenlaternen mit Tierschutz zu tun haben, wie Kokosnüsse smart werden oder warum Einhörner bei Autismus helfen können. Die Make Munich, Süddeutschlands größtes Maker- und Do It Yourself Festival für Low- und High-Tech, präsentierte am Wochenende wieder mal Visionen zum Anfassen. Unter dem Motto „Making Connections“ luden Maker, Tüftler, Bastler, Nerds, Elektronik-Geeks, Designer und Biologen ihr Publikum zur Werkschau ein. Weiterlesen

#mythosmultitasking: Du warst einfach weg!

Ich weiß noch, was ich dachte, als ich den Hashtag las: Jetzt übertreiben sie’s aber. Erst die Unterzeile: „#mythosmultitasking. Im Alltag schwierig. Im Straßenverkehr tödlich“ machte mich auf meinen Irrtum aufmerksam. Nicht positiv, als Ikone, sondern negativ, als Chimäre, wurde der Begriff Mythos hier gebraucht. Ausgeschrieben war ein Pro Bono Wettbewerb für mehr Verkehrssicherheit. Unser eingereichter Film „Du warst einfach weg“ erzielte Platz 6.

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Most wanted: Chief Content Curator

Mögen Verlagshäuser aufgrund sinkender Erlöse auch in ihren Redaktionen sparen, so zeichnet sich unter dem Stichwort Content-Kuratierung in großen Kommunikations-abteilungen und -agenturen eine interessante Entwicklung ab. Content, also auch redaktioneller Inhalt, ist in zahlreichen Unternehmen als wichtige Ressource zur Steigerung der „Brand Equity“ angekommen. Die Veränderungen, die die Medienwelt durch die Digitalisierung und das Social web ergriffen haben, machen auch vor ihnen nicht halt. Hier einige der wichtigsten Konsequenzen:

  1. Journalisten sind für Unternehemen nicht  mehr die Gatekeeper, um ausgewählte Dialoggruppen zu erreichen
  2. Unternehmen haben über das Internet direkte Mittel und Wege gefunden, sowohl ihre Inhalte zu publizieren als auch via Social Web in unmittelbare Interaktion mit ihren Dialoggruppen zu treten
  3. Diese steuern selbst Inhalte bei – sei es durch Kommentierung oder Weiterverarbeitung vorhandener Inhalte, sei es durch völlige Neuerzeugung
  4. Big Data sorgt dafür, dass Unternehmen über Content verfügen, den Journalisten zwar prinzipiell auch recherchieren könnten (Stichwort: open source, data-journalism), der aber für die Unternehmen bereits vorliegt und exklusiv genutzt werden kann.
  5. Big Data kombiniert mit dem „long tail“ des Internets schafft für Unternehmen ungeahnte „Touchpoints“, also Ansatzpunkte zu Kommunikation mit vielfältig clusterbaren Zielgruppen
  6. Storytelling-Konzepte, die aus der jeweiligen Markenwelt heraus, Geschichten erzeugen, fördern weiteren originellen Content


Most w
anted: Chief Content Curator 

Was bedeutet das für die Unternehmen, wenn Content immer wichtiger wird? Wie veredeln sie ihre exklusiven Informationen, die sich durch blosses Auswerten von ohnehin erhobenen Daten in Unternehmen handelt? Etwa:   „Content, Content, Content – und immer an die Marke denken…“ – um einen berühmten Slogan abzuändern?! Das mögliche Szenario sähe so aus:

  1. Das Content-Volumen nimmt zu, damit auch die Unübersichtlichkeit.
  2. Die Anforderung, vorhandenen und neu eingehenden Content zu sortieren, redaktionell zu bearbeiten und in den verschiedenen Kanälen – dialoggruppengerecht – einzusetzen, steigt
  3. In Unternehmen entwickeln sich über kurz oder lang eigene Redaktions- oder Kuratorenpools, die analog zu Medienhäusern mit spezialisierten Content-Einheiten – also Redaktionen inklusive Chefredakteure oder Chef-Kurator, Reportern, Planern, Community Managern etc. – operieren
  4. Der Einsatz von Content muss strategisch geplant werden, um die Marke anzureichern und die Unternehmensziele zu unterstützen.
  5. Zwischen Redaktions- und Strategieabteilung wird enger gearbeitet, um Content gezielt als Botenstoff  zur Profilierung und Interaktionsträger einzusetzen
  6. Content Management wird ein wichtiger Managementbereich mit eigenem CCC (Chief Content Curator)

„Bühnenperformanz gehört ins erste Semester!“ Was Musiker von Schauspielern lernen können

Herr Professor Kopiez, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Kollegen Friedrich Platz eine Studie mit dem Titel „Wenn das Auge Musik hört“ durchgeführt. Was genau haben Sie untersucht? Wir haben erforscht, wie stark unsere Wertungen von Musikerauftritten durch die sichtbare Komponente beeinflusst wird. Das Ergebnis ist relativ einfach: Um eine Schulnote wird es besser bewertet, wenn wir die Spieler sehen und hören im Vergleich mit einer nur gehörten Darbietung.

Hat sie das überrascht oder war das Ihre Ausgangshypothese? Wir ahnten schon, dass es in diese Richtung gehen wird, weil wir in der Musikgeschichte eine lange Tradition von Berichten haben, in denen es um Live-Auftritte geht. Denken Sie an Paganini und Liszt, es ist gut dokumentiert, wie fasziniert die Menschen davon waren, wenn diese großen Virtuosen live spielten. Es gab daher schon eine gewisse Vorannahme in unsrer Studie über die Richtung des Effekts, allerdings wusste niemand bisher, wie stark quantifiziert dieser Einfluss sein würde. Wir können es nun konkret umrechnen: in genau eine Schulnote.

Gibt es denn Juries, die rein auditiv urteilen? Sieht man als Juror bei einem Wettbewerb nicht immer den jeweiligen Künstler spielen? Nein, das  ist leider nicht so, denn es wird unterschiedlich gehandhabt. Bei den Orchesterprobespielen finden die ersten Vorrunden häufig hinter einem undurchsichtigen Vorhang statt. Da sieht man keine Details, man weiß nicht, ob es sich um einen Mann oder Frau handelt, oder welche regionale Herkunft die Person hat. E wird damit versucht, so etwas wie eine Unabhängigkeit vom Sehen herzustellen. Aber das Widersprüchliche ist dann, dass in den Endrunden tatsächlich die ganze audiovisuelle Person bewertet wird. Ich glaube, man muss auch beides bewerten, weil der Konzertbesucher am Ende auch für beides bezahlt. Die Spieler müssen visuell präsent sein, sie müssen akustisch präsent sein, sie müssen auch als Person auf der Bühne wirken können, ansonsten haben sie im Live-Konzertbetrieb kaum eine Chance.

Welche Konsequenzen leiten Sie aus diesen Befunden ab? Die Bühnenperformanz ist ein Bereich, der noch nicht voll entwickelt ist!  An den Hochschulen, an denen die Musikerausbildung stattfindet, ist es häufig sogar so, dass man sehr viel Zeit in das instrumentale Training investiert, dort die großartigsten Ideen entwickelt aber dann kommt der Moment, in dem der junge Musiker die Bühne betreten muss und relativ allein gelassen ist. Ich glaube, dass man an der Stelle viel professioneller agieren könnte und zwar in Analogie zum Instrumentalunterricht, der ja auch auf höchstem Niveau stattfindet.

Also ein Plädoyer für verbesserte Bühnenperformanz? Man sollte mal überlegen, wie man mit Hilfe von Schauspielern und deren Bewegungslehre eine Bewusstheit für die Körpersprache entwickelt. Für das Gehtempo, für den eingenommenen Stand, dafür, wie die Spielposition erreicht wird, wie der Kontakt zum Publikum aufgenommen wird. Bisher sind das mehr oder weniger Zufallsprozesse. Wir plädieren dafür, das Wissen anderer Disziplinen, etwa der Bewegungslehre zu verwenden, um die Person als ganze Person zu entwickeln, die ja letztlich überzeugend tätig sein muss.

Ist damit auch Training gegen Lampenfieber gemeint? Eher nicht. Wir denken eher daran, die  Stärken zu verstärken  damit die künstlerische Person wirksam und sichtbar wird. Worum es in dieser Livesituation geht, ist doch letztlich Persuasion. Ich will jemanden überzeugen, und zwar mit dem, was ich an Ideen habe und, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. Daher sollte herausgefunden werden: Was sind meine persönlichen Wirkungsmittel, mit denen ich arbeiten kann? Intervention gegen Lampenfieber überlassen wir den Kollegen aus dem musiktherapeutischen Bereich.

Welchen Umfang sollte die Schulung der Bühnenperformanz im Curriculum einnehmen? Man  sollte sehr früh, gleich im ersten Semester, damit anfangen. Es ist ja ein Bewusstheitstraining, weshalb es ein fester Bestandteil des Curriculums sein sollte.

Gibt es im Ausland schon Erfahrung mit dem Training der Bühnenperformanz? Soweit ich sehe, ist das bisher nicht der Fall, allerdings ist das Performanztraining im Bereich der populären Musik schon viel weiter, denn dort gibt es das Bühnencoaching als festen Bestandteil der Ausbildung. Dort geht man viel offensiver mit dieser Herausforderung um: in der Rock- und Popmusik kann man sich überhaupt nur noch durchsetzen, wenn man ein gutes Live-Konzept hat, das zur Band, zum Performer passt.

Also Dieter Bohlen & Co auch für Klassik und Jazz? So geht das natürlich nicht in jedem Bereich. Das Konzept ‚Bühnencoach‘  funktioniert nicht normativ. Das Neue, das wir hinzufügen, ist der Begriff der „Angemessenheit“. Die Bühnenperformanz muss sowohl an die Erwartungen des Publikums als auch an das Genre angepasst sein. Das sieht im Klassikbereich anders aus als in der Jazzmusik und in der Kammermusik anders als beim Klavierabend. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Gerade im Jazz und in der Klassik ist die Bühnenperformanz enorm wichtig, weil eine viel größere Nähe zwischen Aufführendem und Publikum besteht als bei einem Rock-oder Popkonzert. Dort liegen ja oft noch 20 oder 30 Meter Abstand dazwischen.

Was raten Sie Musikern, die Ihre universitäre Ausbildung abgeschlossen haben, die sich aber gerne weiter entwickeln würden? Gibt es Workshops? Ja, das gibt es tatsächlich. Man muss sich da am Schauspiel orientieren. Dort spielt die Bewegungslehre als ein Mittel der Kommunikation neben dem gesprochenen Wort eine ganz zentrale Rolle. Schauspieler arbeiten viel bewusster mit dem Einsatz von Körpersprache, Mimik, Gehgeschwindigkeit, also viele kleine Mikrosignale, die Professionalität vermitteln und auf die Zuschauer ganz schnell anspringen. Da kann man sich beim Schauspiel schon mal guten Rat holen.

Kann das auch jemand tun, der kein Charismatiker ist? Ja, ich denke, alle können davon profitieren, denn am Ende wissen wir ja gar nicht, was Charisma eigentlich genau ist. Für viele scheint es so zu sein, als sei das ein Geschenk des Himmels. Wir vertreten da eine nüchterne Position und glauben eher, dass man durchaus lernen kann, Leute, mit den persönlich verfügbaren Mitteln zu faszinieren. Diese Wirkungsmittel muss ich aber freilegen, wie das Nugget im Gestein, dann kann es auch zu seiner Wirkung kommen.

Was bedeutet das Ergebnis Ihrer Studie für den Einsatz von You Tube? Sollten Musiker in gute Videos investieren, um an Gigs zu kommen? Ja, da gehen wir sogar noch einen Schritt weiter. Bei Bands  ist es ja häufig so, dass hier nicht nur die Einzelperson wirkt, sondern dass der gesamte Raum ‚Bühne‘ genutzt werden muss. Die Stage Performance und das Show-Konzept müssen gut bedacht werden. Da kann man viel von großen erfolgreichen Bands, die schon lange im Geschäft sind, lernen. Die wissen, dass das Publikum  am Ende auch unterhalten werden will, es muss eine Präsenz vorhanden sein im visuellen und im auditiven Bereich. Es gilt, gute Ideen zu entwickeln und es gibt Profis in diesem Bereich, mit denen kann man zusammen auch eine gute Live-Performanz erarbeiten kann.

Welche Forderungen ergeben sich aus Ihren Befunden für die Ausstrahlung von Konzerten etwa durch den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk? Bei Fernsehübertragungen von Musik, unabhängig vom Genre, sollten die Aufnahmeleiter darauf hinwirken, dass es nicht nur die Totale als Einstellung gibt oder die übliche Bildkreuzung von Fagott und Oboe, sondern dass häufig eben auch Details eine große Rolle spielen, so etwa die Mimik des Spielers oder das Aufzeigen von, wie wir das nennen, Signalen des Engagements: das kann das Schwitzen sein, das mir als Zuschauer zeigt, dass jemand 100%igen Einsatz gibt, das kann aber auch schon der Gang zum Spielort sein auf der Bühne.

Im Jazz ist es ja häufig so, dass die Musiker eine sehr legere Form des Auftritts anstreben, angefangen vom Kleidungsstil bis hin zum Gespräch mit  ihrem Publikum. Haben Sie in Ihrer Studie etwas darüber herausgefunden, ob das Outfit der Musiker eine Rolle spielt? Ja, das spielt es, aber nicht normativ. Kleidung  muss angemessen sein. Natürlich wird keine klassische Geigerin auf der Bühne im Nachtclubdress spielen, das geht eben nicht. Aber beim Jazz kann das Legere auch das Angemessene sein, das von der Mehrheit des Publikums auch geschätzt wird. Das wissen wir aber noch nicht genau, weil das Jazz-Publikum in dieser Hinsicht noch relativ wenig untersucht ist.

Sie planen bereits eine neue Studie, in der untersucht werden soll, wie das Konzertpublikum Musiker bewertet. Sie vermuten, dass es verschieden Typen unterscheidet. Ja, es gibt schon Hinweise darauf. Wir können bisher nur sagen, wie es in der klassischen Musikkultur bei Geigensolisten funktioniert. Es geht in unserer Studie um einen Violin-Wettbewerb, bei dem wir die Teilnehmer und ihre Auftritte videografiert haben. Grob gesagt können wir zwei große Gruppen unterteilen: die mit dem akzeptablen Auftritt und die mit dem weniger akzeptablen. Die unterscheiden sich in relativ wenigen, aber gut sichtbaren Merkmalen. Beim Geigenspielen zum Beispiel sind schwitzige Finger in der linken Hand ein Problem. Wenn sich aber die Spieler zur Beruhigung immer an die Hosennaht fassen oder ans Kleid fassen, um ihre linke Hand abzuwischen, dann sind das keine besonders guten Signale. Sie vermitteln eher Unsicherheit und fehlende Dominanz, der Spieler ist nicht so richtig Herr der Situation. Das ist etwas, was nicht angemessen ist.

Das heißt, man sollte entweder lernen, seine Körperfunktionen besser zu regulieren oder ein Hilfsmittel wie ein Taschentuch verwenden? Ja, ein Taschentuch ist kein Problem. Angemessene Hilfsmittel, das kann auch ein kleines Tuch sein, sind ok und dem Publikum durchaus vermittelbar. Das ist bei Pianisten auch der Fall, das versteht das Publikum.

Welche anderen Signale gelten als souverän? Einen großen Effekt erzielen Spieler mit einer ordentlichen  Standposition. Also weder zu breit – wie bei John Wayne – noch zu schmal. Man muss dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, dass man eine Erdung hat. Das sind Signale, die werden als souverän und resolut vom Publikum eingestuft. In der Regel werden diese resoluten Spieler auch positiver bewertet und man möchte ihnen länger zuhören.

Prof.  Dr. Reinhard Kopiez ist Professor für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (MTHMH).

Das Gespräch führte Elvira Steppacher.

 

Hier ein interessanter Link: Die Studienmacher im Hörfunk-Interview