Bloggerwalk zu Erika Mann: So geht Monacensia digital

Es gehört zu den reizvollen literarischen Experimenten, historische Personen in die eigene Gegenwart zu katapultieren. Der Kontrast erscheint umso reizvoller, je fremder die Persönlichkeit zur Jetztzeit ist.

Ganz anders bei Erika Mann, der die Münchner Monacensia die erste eigene Ausstellung widmet. Die außergewöhnliche Frau einmal nicht als

  • Tochter von Thomas
  • Nichte von Heinrich
  • Schwester von Klaus.

Also als Ko-Fixstern all der anderen Manns. In deren Umlaufbahn selbst eine so illustre Persönlichkeit wie Erika Mann in den Schatten geraten kann.

Die Publizistin

Erika Mann wäre heute Aktivistin, Campagnerin, Influencerin, sie würde bloggen, twittern, nebenbei einige Communities managen und einen eigenen Videokanal betreiben. Warum sie das alles könnte? Weil sie es bereits getan hat, freilich mit den Mitteln ihrer Zeit, als Reporterin, Buchautorin, Kolumnistin, Glossistin.

Kaum zufällig eignet sich ihr Werk, um in den sozialen Medien aufbereitet zu werden. Erika Manns Content ist snackable, ohne light, pointiert, ohne platt zu sein. Vermeintlich Banales, angeblich So-Seindes des Alltags stellt sie mit scharfsinniger Analyse in einen aussagekräftigen Kontext, sei dieser gesellschaftspolitisch oder geschlechtssoziologisch.

Köstlich, wie sie aus den Konfitüre-Gepflogenheiten in Hotels eine Welt bräsigen Wohlgefallensein und unhinterfragter Geschlechterstereotype zeichnen kann. Stets gebe es gelbe oder rote Marmelade, bei den nobleren in kleinen Portionen, bei den günstigen in großen Bottichen. Die Frage etwa nach Johannisbeere – dunkelviolett – sei in den Augen der Ober die reinste Verstiegenheit, allenfalls Orangenmarmelade in den besseren Häusern und auch das nur auf unschickliches Bitten. Freilich: Die von Vater Thomas Mann gerne Erikind Genannte konnte es sich leisten, in Hotels zu gastieren. Gleichwohl, und das ist entscheidend, geht sie darin nicht auf.

Die Kabarettistin

Erika Mann glossiert, karikiert, parodiert, inszeniert. Schon als kleines Mädchen dem Dramaturgischen zugeneigt, setzt sie die Wirkung von Stimme, Pause, Gestik und Mimik gekonnt ein. Und sie weiß um die Kraft des subversiven Humors. Wer verstehen will, kann alles dechiffrieren, wer anklagen will, findet in all den Zweideutigkeiten so gut wie nichts.

Der wachsende Einfluss der NSDAP und ein persönliches Schlüsselerlebnis lassen Erika Mann gemeinsam mit der Schauspielerin Therese Giehse, dem Musiker Magnus Henning und ihrem Bruder Klaus eine Kleinkunstbühne ins Leben rufen. In der Tradition der „Elf Scharfrichter“ und des „Überbrettl“ gründen sie am 1. Januar 1933 mit der Pfeffermühle das erste politische Kabarett in München, in dem eine Frau die Leitung innehat. Erika Mann höchstpersönlich übernimmt alle wesentlichen Funktionen: Text, Dramaturgie, Management.

Die Pfeffermühle wird ein Erfolg, ist den Machthabern allerdings schon bald ein Dorn im Auge. ‚Tourneereisen‘ in die Schweiz, die Niederlande, Luxemburg und die Tschechoslowakei schützen das Ensemble nicht. Trotz eintausend Vorstellungen, gedacht als „Patrouille der Menschlichkeit entlang der Front der Bestialität“ (Erika Mann), gelingt es nicht, an diese Erfolge im amerikanischen Exil anzuknüpfen. Das in den Vereinigten Staaten unübliche und gewagte Format trifft auf wenig Akzeptanz.

Die politische Rednerin

Sehr wohl erkennen die USA die ebenso geistreiche wie mutige Wortführerin der Peppermill. Sie bauen Erika Mann als Lecturer, als politische Rednerin, im Kampf gegen Nazi-Deutschland auf.

Ausgerechnet in Amerika, dem Land, das historisch als Wiege von Freiheit und Demokratie gilt, das laut Verfassung im Namen des Volkssouveräns agiert  – „We the people“ –, erfährt die Kabarettistin, Kriegsreporterin und Politische Rednerin Erika Mann eine herbe politische Enttäuschung im Kalten Krieg.

Die für Besucher kostenfreie Ausstellung, von der mehr hier nicht verraten werden soll, lohnt den Besuch in vielerlei Hinsicht.

Allein das ruhelose, hochproduktive Leben von Erika Mann fasziniert. Trotz oder eingedenk des splendiden großbürgerlichen Hintergrunds der Künstlerfamilie Mann, der in Faksimiles und Originalen überall durchscheint. Es ist die (veits-)tänzerische Zeit der Jahrhundertwende, in der es in Deutschland brodelt. Städte positionieren sich, Experiment und Restauration sind auf Kante genäht, mühsam halten sie zusammen.

Als Feministin, Automechanikerin, Rennfahrerin, Markenmacherin („The Mann Twins“), Nachlassverwalterin, Freigeistin und vieles mehr entscheidet sich Erika Mann stets für das Experimentelle. Sie kämpft für, wie sie es 1943 fassen wird, „die neue, die hellere Welt“. „Anstand, Freiheit, Toleranz“ bilden deren Dreigestirn.

Case Study: So geht Monacensia digital

Die Ausstellung ist auch in kommunikationsstrategischer Hinsicht interessant: Die neue Leitung und das Team der Monacensia trieb in Kooperation mit der Stadtbibliothek folgende relevante Fragen um.

  1. Wie kommen nichtkommerzielle Institutionen ihrem partizipatorischen Bildungsauftrag nach (auch im Blick auf die sogenannten nicht gebildeten Stände)?
  2. Wie lassen sich analoge Kunstschätze einer digitalen Öffentlichkeit präsentieren und wie kann man ihren Wirkungsraum virtuell erweitern?
  3. Wie kann die Faszination analoger Nachlässe ins Netz gebracht und möglichst barrierefrei zugänglich gemacht werden?
  4. Wie konzipieren MuseumsmacherInnen mit beschränkten Mitteln eine Wanderausstellung, die zu Partizipation einlädt?
  5. Welche Design-, Layout- und Formensprache transferieren Damaliges ins Heute, ohne übergriffig zu sein?

Das Konzept des sogenannten dritten Raumes lässt sich unausgesprochen erkennen. Am Beispiel #ErikaManns präsentierte sich die Monacensia digital reloaded.

Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
Barrierefreier Eingang: Siebertstr. 2
81675 München

Inklusion
Das Forum Atelier verfügt über eine induktive Höranlage.

Öffnungszeiten
Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30 Uhr
Do 12.00 – 19.00 Uhr
Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 Uhr

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines #Bloggerwalks am 11.11.2019 betreut von TanjaPraske

Narrative der Folgenabschätzung. #COSCA19

Viele Unternehmen wollen mehr sein als Erzeuger von bloßen Produkten. Sie kommunizieren, dass sie mit ihren Waren das Klima retten wollen, die Welt verbessern, gegen Unfairness ankämpfen und ihre KundInnen bei allem möglichen unterstützen möchten. Wer Purpose als Einheit von Haltung und Handlung begreift (Katrin Seegers, w&v Gastbeitrag 16.08.2019), betritt jedoch schneller als gedacht unwegsames Gelände.

Was können Unternehmen und KonsumentInnen tun, wenn das eigene Produkt zwar in seiner Vermarktung und in der Anwendung einem guten Ziel dient, in seinen Entstehungs- oder Entsorgungsbedingungen jedoch diskutabel, fragwürdig oder problematisch bleibt?

Natürlich ist es möglich, einfach die Augen davor zu verschließen. Es ist zulässig, darauf zu verweisen, dass man sich innerhalb des gesetzlich vorgegebenen Rahmens bewege, es zeugt von Sensibilisierung, zu erwähnen, dass man teilweise freiwillig schon darüber hinausgehe. Und doch:

Vision geht anders

Die immanente Konsequenz von Purpose ist eine erweiterte Folgenabschätzung. Aus vielen Gründen ist das weder naheliegend noch einfach oder risikofrei, dennoch ist es wichtig. Bei der Bestandsaufnahme stehen (mindestens) sieben Argumente möglicher Veränderung zu echter Folgenabschätzung und übernommener Verantwortung im Wege.

  1. Das will doch (so genau) keiner hören.
  2. Damit wecken wir nur schlafende Hunde.
  3. Wir sind nur ein kleines (machtloses) Teilstück im großen Ganzen.
  4. Damit kannibalisieren wir uns unseren Markt.
  5. Das würde viel zu viel kosten.
  6. Das minimiert auf lange Sicht unseren Geschäftserfolg.
  7. Das gefährdet unsere Kundenbeziehungen.

Zu diesen sieben Setzungen gibt es (mindestens) sieben mögliche Antworten, die neue Paradigmen eröffnen. Antworten, die visionäre Kraft und Bereitschaft für Veränderungen erzeugen können. Implizit stehen Narrative und damit Werte der Veränderung entgegen. Übrigens ist es kein Zufall, dass die Politik hier ähnliche Probleme mit ihrem Souverän, dem Wahlvolk, kennt.

  1. In den Netzwerken sprechen Menschen längst darüber. Bestimmte Endverbraucher sagen und handeln danach, was ihnen wichtig ist und sind bereit, dafür zu zahlen > Sie sollte man verstehen lernen und nutzen!
  2. Folgenabschätzende Unternehmen betreiben keinen Alarmismus, sondern schauen genau hin. Dafür nehmen sie sich Zeit und stellen sachdienliche Daten zur Verfügung. So können sie mitgestalten.
  3. Alleine brauchen Unternehmen das gar nicht zu stemmen, deshalb vernetzen sie sich und schaffen Verbündete. Viele kleine Bausteinchen erzeugen ein gutes Fundament für neue Bauten.
  4. Unternehmen erzeugen neue, veränderte Geschäftsmodelle mit mehr Teilnehmenden.
  5. Richtig gemacht, kann es weniger kosten und dauerhaft nachhaltigeren Ertrag bringen.
  6. Ein kurzfristig gemindertes Ergebnis können langfristig gesicherte Chancen entsprechen.
  7. Kundenbeziehungen können sich neu erzeugen.

Wir kennen Sätze wie: Der Ehrliche ist immer der Dumme. Der Kunde/Wähler sagt, Ethik sei ihm wichtig, aber am Ende kauft/wählt er doch da, wo es für ihn am günstigsten ist. Gegen den globalen Wettbewerb haben wir keine Chance. Daran ist durchaus Wahres. Fragt sich nur: Muss es immer so bleiben? Was könnten wir dagegen ausprobieren? Wichtiger noch: Wie lange können wir alle noch auf Kosten des Planeten leben?

Verfügte um 1900 jeder Mensch durchschnittlich etwa über 180 persönliche Dinge, so sind es heute 10.000 – Ten­denz steigend, mit katastrophalen öko­logischen und ökonomi­schen Nebenwirkungen. Wen wun­dert es, dass Konsu­men­tInnen erste Erschöpfungserscheinungen bei sich wahr­neh­men. Gerade die Jünge­ren beschleicht ein ungu­tes Gefühl, steht doch ihre ei­gene Zukunft auf dem Spiel. Globale Vernetzung legt eben nicht nur die Son­nen-, sondern auch die Schattenseiten des Dauerkonsums frei. Was kostet das alles? Wohin mit den vielen Sa­chen? Wer hat dafür ge­arbeitet? Wie viel vom Planeten wur­de für dieses Produkt verbraucht? Wo landet es nachher auf dem Müll? 

Wer sich traut, neue Wege im Gelände zu bahnen, trifft unweigerlich auf ein keinesfalls triviales Hindernis: Es soll Überzeugung für etwas geleistet werden, besser noch Begeisterung für etwas geweckt werden, das, wie jede Vision

  • noch in ziemlich weiter Ferne liegt
  • zu großen Teilen unsichtbar ist
  • unbequeme Wahrheiten zu Tage fördern wird
  • von vielen kleinen Schritten abhängt
  • Gelingen und Misslingen nur in unter Umständen komplexen Kooperationen oder Partnerschaften realisieren kann.

Die Fragen, die sich auf einem Content Barcamp ergeben, hatten mit Inhalten, mit Framings, Narrativen und Formaten zu tun:

Bei der Frage, wie Unsichtbares sichtbar gemacht werden können, könnte der Einsatz von VR und MR eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Die konkrete Erfahrbarkeit macht Ziele greifbarer – und sei es virtuell.

Prophet, Eisbrecher, Antiheld? Welche Erzählkonzepte jenseits des Single-Hero-Konzepts können gelingen?

Wie lässt sich das vermeintlich unattraktive Vorbereiten von Paradigmenwechseln interessant gestalten? Eine Phase, in der wenig Konkretes und Gesichertes geschieht, womöglich nur kleine Schritte getan werden.

Wie könnten unbequeme Wahrheiten kommunikativ begleitet werden? „Proud to fail?“ könnte ein möglicher Ansatz sein, bedarf aber besonderer Integration und geeigneter Formate.

Zum Thema Gelingen und Misslingen von Kooperationspartnerschaften mit dem Ziel, Systeme zu verändern, berichtete ein Session-Teilnehmer, wie die REWE mit ihren Gemüsestoffbeutelchen das System Plastikverpackung nicht nur ökologiebewusst besetzte, sondern inzwischen Wettbewerber zum Nachziehen brachte. Eine andere Teilnehmerin gab bekannt, wie kleine Schritte sogar eher zum Mitmachen aktivierten als eine 100% (Über-)Forderung, die auch ins moralisch Beckmessernde umkippen kann.

Glaubwürdigkeit spielt eine erhebliche Rolle. Nicht zu vergessen, die erforderliche Bereitschaft, bei Unternehmen wie Konsumierenden ehrlich zu argumentieren und zu handeln.

Der Beitrag basiert auf meiner Barcamp Session „Narrative der Folgenabschätzung“ beim Content Strategy Camp „Cosca19“ in Dieburg am 27.9.2019. Herzlicher Dank an alle TeilnehmerInnen!

Kultur, Diversity und Humor. Drei ziemlich beste Freunde.

Diversity und Frauen, manchmal scheint es, als sei das Thema Diversity nur ein Frauenthema. Dabei zeigen Stichworte wie Neurodiversität oder Inklusion, dass wissenschaftlich und empirisch längst viel breiter zu dem Thema geforscht wird. Mit Recht, denn der Zusammenhang zwischen Übernormung, Anpassung und Leistung ist evident. Wer sich sexuell, religiös, neuronal usw. stets rechtfertigen muss oder seine wahren Bedürfnisse verschleiert, weil sie tabuisiert oder ausgrenzend wirken, wird unter seinem Niveau bleiben.

Die Übernormungsmuster sind stets die gleichen – die Mehrheit definiert, was als normal gilt und folglich, welches Verhalten akzeptabel ist und was nicht. Typische Diskriminierungspraktiken sind zuallererst rhetorisch, bevor sie strukturell-legislativ zementiert werden. So kann es als Social- oder Capacityblaming bei Menschen mit einer autistisch oder hochsensitiv geprägter Wahrnehmung gelten, wenn Kolleg_innen von „Der oder die ist ein bisschen schräg“ sprechen oder „Was, das strengt dich an, du bist ja überhaupt nicht belastbar!“ Wie Produktivität entsteht, verläuft mitunter eben außerhalb der Norm.  

Daher dürfen Frauen, die zum Teil anderes Kommunikationsverhalten als Männer zeigen, genau wie LGBTQ**** mit Recht hellhörig werden, wie inklusiv sie angesprochen werden oder nicht.

 „Mit Diversity in Führung – Welche Kultur braucht der digitale Wandel?“

Etwa 50 Frauen und eine Handvoll Männer zeigten beim gestrigen Themenabend der Digital Media Women (DMW) München, dass das Thema Diversity im Blick auf Frauen inzwischen eine Geschichte hat, aus der zu lernen ist – für künftige Diversitystrategien. Denn es ist zu erwarten, dass mit der Erweiterung des Diversityspektrums – nicht zuletzt im Blick auf Cyborgs – bekannte Problemszenarien wieder auferstehen.

  • War es ein Fehler, das Thema Diversity anfangs in der HR zu verorten und mit dem Schwerpunkt „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ zu positionieren? Ja, es war. Denn es gehört in die Geschäftsstrategie.
  • War es ein Fehler zu glauben, dass sich ohne Quote etwas bewegt? Ja, es war. Erst recht, wenn man noch heute Quote 0 als Ziel angeben kann.

Das Panel @SteffiFeldmann (Keyp), @RosaRiera (Siemens) und Kathrin Rhode (Thoughtworks) moderiert von Katja Vater (@Katja_like) brachte wertvolles Erfahrungswissen aus dem Alltag mit. Angenehm selbstkritisch, ohne den „Welche Probleme?“-Habitus und erkennbar energetisch (trotz mancher „zwei-zurück-eins-vor“-Schritte) für die Sache kämpfend. Außerdem grandios, das ironische Zitieren der unbewussten eigenen Vorurteile und Stereotypen (un)concious bias. Der Saal bekam gleich eine vitalere Dynamik.

#30mit30, also 30 Unternehmen mit einer Frauenquote von 30 Prozent bleibt noch ein Fernziel – leider.

So lautet das Fazit von den ehrenamtlichen DMW Macherinnen @hellocec CécileSchneider und @KatjaVater. Aufgeben gilt trotzdem nicht, denn es ist ja auch schon etliches erreicht worden.

Neulich stellte die ZEIT eine Sammlung an diskriminierende Sprüchen vor, die in dieser Geballtheit Gefühle wie Trauer, Zorn, Abscheu weckten, aber auch sprachlos machten. Da Sprache eine, wenn nicht die wichtigste Präfiguration vorstellt, ist es wichtig, auch für Diversity gute Narrative zu finden. Das ist beileibe nicht trivial, zumal das Deutsche sich schwerer tut als das Englische, um sowohl sensibel als auch flüssig zu formulieren. Schließlich wirkt auch die Gendersternchendebatte bei Menschen, die an sich zu den Födererern gezählt werden dürfen, nicht nur Gutes und kann überfordern.

Ich habe vor langer Zeit einem Kunden den Vorschlag gemacht, die salvatorische Klausel einfach mal umgekehrt anzuwenden. Also, statt der besseren Lesbarkeit immer nur die weibliche Form zu verwenden, aber in der Fußnote darauf hinzuweisen, dass die männliche natürlich mit gemeint sei. Das Ergebnis, große Beipflichtung, echt cool, wäre ja mal interessant – gemacht wurde es dann doch lieber anders.

Kein Scherz. Warum mehr Humor befreiende Wirkung haben kann

Humor, echt, jetzt?! Die jüngsten Shitstorms zu Vater- und Muttertagsvideos von Edeka lassen grüßen. Humor, ist das nicht immer auf Kosten von irgendwem? Wie oft, macht auch im Humor die Dosis das Gift.

Feiner Humor hat eine große subversive Kraft, auch weil er teilweise im uneigentlichen Sprechen beruht. Ihm eignet, so betrachtet, etwas durchaus Virtuelles an, er macht Dinge möglich, indem er zeigt, wie unmöglich sie sind und vice versa. Dadurch kann Humor etwas aufbrechen, was zuvor nicht denkbar war. Er kann Normen hinterfragen, blinde Flecke zeigen, den Spiegel vorhalten. Wenn man sich anschaut, was heute schon an AR, VR und MR möglich ist, frage ich mich, warum dies so selten für die wirklich relevanten Probleme eingesetzt wird.

Die Möglichkeiten des Humors für die gute Sache austesten – Risiko oder nicht?

Humor kann etwas aufbrechen, was zuvor nicht denkbar war. Er kann Normen hinterfragen, blinde Flecke zeigen, den Spiegel vorhalten. Warum also nicht die Möglichkeiten des Humors stärker für die gute Sache austesten?

Gerade, wo es um ernsthafte, seriöse Anliegen geht, sind die Verfechter dieses Anliegens eher zögerlich gegenüber der Kraft des Subversiven. Es könnte ihrer Sache schaden und abträglich sein, fürchten sie. Da ist insofern etwas dran, als dass Humor eine gefährliche Waffe sein kann.

Nichts kann mehr nach hinten losgehen als Pseudo-Humor. Es kann aber auch revolutionäre Kraft haben. Karikaturen oder Cartoons in Zeitungen, diese illustrierte Glossen, bewahren etwas auf von dieser harmlos machtvollen Power. Eine Kultur, in der man zum Lachen nicht in den Keller gehen muss, hält viel mehr aus und kann helfen, allfällige Spannungen, die zunehmen werden, wohlwollend und positiv zu entladen. Kultur, Diversity und Humor passen auf den ersten Blick vielleicht so wenig zueinander wie die beiden Protagonisten in dem Film „Ziemlich beste Freunde„, der ja auf einer wahren Geschichte beruht. Der Tetraplegiker Philippe schätzt an seinem Pfleger Driss, dass er ihn gerade nicht wie ein rohes Ei behandelt. Und ja, zwischen beiden darf viel gelacht werden.

Doktor, Quacksalber, Scharlatan. Die riskanten Heilsversprechen der Künstlichen Intelligenz im Medizinsektor

Minuten können über Leben und Tod entscheiden. Ein neues KI-System, das 48 Stunden früher als bisher Nierenversagen bei Patienten vorhersagen kann, ist wirklich von großem Wert, menschendienlich, nicht nur nachrichtlich betrachtet. Was aber, wenn das alles noch gar nicht ausgemacht ist?

Ziffer 14 des Deutschen Pressekodex regelt die Medizinberichterstattung

Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte. Forschungsergebnisse, die sich in einem frühen Stadium befinden, sollten nicht als abgeschlossen oder nahezu abgeschlossen dargestellt werden.

Michael Moorstedt hat zünftig journalistische Distanz gewahrt. Er hat in der Süddeutschen Zeitung vom 11. August 2019 das gemacht, was Qualitätsjournalismus tun soll, nämlich die Fakten

  • zu recherchieren
  • sauber aufzubereiten
  • zu analysieren
  • mit Hintergrundinformationen zu ergänzen
  • in einem größeren Kontext einzuordnen.

Bei Lichte betrachtet, hält die Geschichte – noch –  nicht ganz, was sie verspricht. Moorstedt machte darauf aufmerksam, dass hier Korrelationen mit Kausalitäten gleichgesetzt wurden und eine nicht unproblematischer Datensatz als Basis diente. Andererseits war das den ForscherInnen bewusst:

Although we demonstrate a model that is trained and evaluated on a clinically representative set of patients from the entire US Department of Veterans Affairs healthcare system, this demographic is not representative of the global population. […] Validating the predictive performance of the proposed system on a general population would require training and evaluating the model on additional representative datasets.

Michael Moorstedts Kritik zielt gegen die Unart, „schlagzeilenträchtige Forschungsdurchbrüche“ zu verkünden. Ob es hier darum ging, dem eigenen „Börsengewinnen“ auf die Sprünge zu helfen oder einfach dem nächsten Forschungsauftrag, dem nächsten Zitat, dem nächsten Like, sei dahingestellt.

Fakt ist: Das Phänomen des Zuspitzens ist nicht neu. Es betrifft längst nicht nur KI-getriebene Medizin, denken wir an Beispiele zu alternativen Heilmethoden wie Homöopathie oder Akkupunktur. Es betrifft auch alle anderen denkbaren Branchen. Mundus vult discipi, oder etwa nicht? Nein, will sie nicht. Oder wenn, dann zahlen alle einen sehr hohen Preis dafür. In der Politikverdrossenheit lässt sich das grade in Echtzeit beobachten.

Warum der KI-getriebenen Medizin vorschnelle Heilsversprechen schaden

Der Zuwachs an Wissen, der mittels KI im Feld medizinischer Forschung erfolgt, ist evident. Mit der enormen Rechnerleistung und dem immer größeren Datenpool können Bild- und Mustererkennung, Korrelationen, Diagnostik und Prognostik durch maschinelles Lernen exponentiell wachsen. Damit wird mehr als wahrscheinlich, dass die Menschheit in Gänze davon für ihre Gesundheit profitieren wird.

Im hochsensiblen Feld von KI und Medizin sollten wir uns als Gesellschaft gut austauschen. Vorteile nutzen, Nachteile perspektivieren, beides gestalten. Über Themen wie die im folgenden gelisteten:

  • Datenherkunft
  • Datenbasisgröße
  • Datenintegrität (frei von Diskriminierung)
  • Datennutzung
  • Datenbesitz
  • Datensicherheit
  • Datenethik

Ohne Daten verläuft der medizinische Fortschritt anders. Anders – das sagt erst mal nichts zu besser oder schlechter. Ohne gesellschaftlichen Austausch verläuft er auch anders, ich wage zu vermuten, schlechter.

Im Medizinsektor entsteht Vertrauen aus Leitwerten wie Präzision und Dezenz. Es gilt ethisch vor prahlerisch, richtig vor knackig.  Die jahrtausendalten Narrative rund um das Patientenwohl haben einen virulenten Kern. Der Marktschreier oder Quacksalber ist noch heute die Kehrseite der hippokratisch-galensischen Medaille – aber die weniger gut beleumundete und weniger vertrauenswürdige. Narrative sind instabil, solange sie nicht ausgehandelt werden, das habe ich an anderer Stelle zu zeigen versucht. Sie haben Geschichte.

Je öfter am Ende hängenbleibt, „das ist eh alles Quatsch“ oder „die da oben verdienen sich doch nur an uns eine goldene Nase (noch dazu an unseren frei hergeschenkten Daten)“, desto mehr schadet es dem ganzen Sektor und kann überspringen.

An dem Konflikt sind übrigens viele Akteure beteiligt – Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Healthlobbyisten genau wie Medien, PR und Storyteller. Das Newsparadigma „only bad news are good news“ trägt mit dazu bei, dass vollmundige, markante Headlines schneller in der Welt sind als kluge Überprüfungen ihres Wahrheitsgehalts. Nebenbei, manche Pseudofrage in sozialen Netzwerken in sozialen Netzwerken steht der Irreführung in nichts nach.

Angehende Journalisten lernen, die Überschrift solle bitteschön halten, was sie verspricht. Eine Überschrift, die korrekt mitteilt, was der gemachte Befund womöglich irgendwann einmal tun könnte, hat aber weniger Chance auf Wahrnehmung. Eine Story to tell ist immer formwirksam. Sie verändert den Stoff, macht ihn beileibe nicht nur spannender. Drei Aspekte zu einer vermeintlich simplen Sache wie einer Überschrift. Drei Interessenslagen, ein Zielkonflikt.

Was also tun? Fehlt es an Konstruktivem, lösungsorientierten Journalismus? Fehlt es an Gute-Nachrichten-Medien? Fehlt es an storybegeisterten Heilsbringern?

Ich habe vor einiger Zeit eine Idee zu einem KI-Hub mit eigenem Printableger angeregt. Beides, jedes auf medienspezifische Weise, sollte genau auf diese neue Anforderung reagieren. Was und vor allem wie schreiben, lesen, bewerten, wissen wir alle künftig über Ankündigungsszenarien (vgl. auch nochmal den Pressekodex, hier Ziffer 2, 2.3, Ziffer 7). Wie gehen wir mit Teilergebnissen um? Wie nachhaltig kann guter Journalismus an Themen, etwa aus dem Bereich Medizin dranbleiben? Wie frei ist der Journalismus, wie frei die Medizin, die KI von blinden Flecken?

In der Möglichkeit einer neuen Technologie liegt kein Problem per se. In dem nicht breit genug geführten Dialog, wie wir damit umgehen wollen, schon. Es liegt auch keins in der – letzlich graduellen – Unterscheidung von Assistenz oder Ersatz (100% Assistenz sind Ersatz). Die eigentliche Frage ist, welche Zugänglichkeit (Verfügbarkeit), welchen Stellenwert (heuristisch, epistemoloisch) und welche Relevanz (als Gesetzbildung im weitesten Sinn) erhält das so erzeugbare Daten- und Mustererkennungs-Wissen für uns alle. Es geht weniger um die pekuniäre Verwertbarkeit (Märkte finden sich in kapitalistischen Systemen immer und die Frage ist berechtigt, ob das so sein muss oder kann). Aber die eine große Frage ist primär gesellschaftsphilosophisch, da sie einen epochalen Umbruch markiert, der das künftige Leben berührt. 

Meine Empfehlung bis auf weiteres lautet, gerade, weil die von KI erzeugten Ergebnisse erwartbar immer besser werden, sollten alle, die mit KI und Medizin zu tun haben, sich freiwillig eine besonderen Selbstverpflichtung auferlegen.

Wir sind auf dem besten Wege, eine Forecast-Society zu werden. Was bedeutet das – für unser Verständnis von Wirklichkeit, Gesellschaft und von uns selbst, als Gesunde oder Kranke, aber auch für das Erzählen, für die Berichterstattung? Da wären Experimente willkommen.

Wie soll das Kind denn heißen? Zum Begriff „Künstliche Intelligenz“ (KI)

Das mythische Potential von Namen wurzelt in den Schöpfungsgeschichten der Völker. In den Märchen, Fabeln und Legenden lebt es fort, ungebrochen in seiner Güte und Gefährlichkeit. Segen und Fluch liegen nah beieinander, gute Namensfeen stehen neben bös erzürnten. Wer einmal erlebt hat, wie aufrichtig Eltern um den Namen ihres Neugeborenen ringen, spürt etwas vom Ernst des Aktes – genau wie in den Ritualhandlungen Taufe oder Namensfeier.

Die Kraft von Namen

Die Kulturgeschichte der Namensgebung berührt alle großen Fragen der Menschheit. Bis in kommunikationsstrategische Fragen dieser Tage strahlt die Wucht dieser Macht ab. Wie gut der Name einer Marke zu ihrem Produktinhalt oder dessen Zwecksetzung passt, entscheidet wesentlich über Akzeptanz oder Ablehnung. Das gilt auch für die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI).

Die KI-Taufpatinnen und Taufpaten

Am Kindbett der KI standen ihre Großeltern, die Logik und Philosophie sowie ihre Eltern, Informatik und Psychologie. Zur Tauffeier lud man honorige Gäste, nämlich die Robotik, die (Neuro-)Linguistik, die Pädagogik und die Kognitionswissenschaften. Genetik und Nanotechnologie haben sich inzwischen dazugesellt. Sie sind zwar keine ungebetenen Gäste, aber unkalkulierbare, solche, bei denen man nicht so recht weiß, was passiert, wenn sie das Wort während der späteren Feierlichkeiten an sich reißen.

Was sagt uns diese kleine Geschichte? Wie wir von einer Sache sprechen, welchen Namen wir ihr geben, hat Einfluss auf die Art, wie wir sie wahrnehmen, genauer konstruieren.

Erstmals verwendet wurde der Begriff „artificial intelligence“ 1956 in einem Förderantrag an die Rockefeller Stiftung. Eine Gruppe Forscher vom Dartmouth College (Hanover, USA) wollte zeigen, dass jeder Aspekt, jede Eigenschaft des Lernens und der Intelligenz so genau beschreibbar sei, dass er maschinell simuliert werden könne.

Ideengeschichtlich begleitet Künstliche Intelligenz das Nachdenken über logisches (intelligentes) Schließen, das kunstfertig (mechanisch) erzeugt wird, immer auch die Frage: Wer denkt und wer hat die im Universum herrschenden Gesetze des Denkens erschaffen? (Welcher Gott oder welches universale Prinzip hält die Welt am Laufen?) Von daher ist es nicht überraschend, dass das Reden über Intelligenz auch heute noch ein Vielfaches an Philosophemen und Weltgebäuden transportiert.

Es handelt sich um einen kulturell erzeugten techno-ontologischen Diskurs. Gerade seine Implikationen im Blick auf Ursache-Wirkung, Freiheit-Bedingtheit, Simulation und Realität werden aber häufig nicht genügend herausgearbeitet.

Der Begriff Intelligenz

Intelligenz ist im deutschen Sprachgebrauch ein junges Wort. Eines, das im 18. Jahrhundert aus dem Lateinischen entlehnt wurde und so viel bedeutet wie etwas mit Sinn und Verstand wahrnehmen. Erkennen, verstehen, Einsicht gewinnen.

Interessanterweise haben die aus dem Begriff Intelligenz gebildeten deutschen Komposita keineswegs nur positive Konnotationen: Intelligenzbolzen, Intelligenzbestie, Ausgeburt der Intelligenz sind im Gegenteil stark negativ geprägt. Aber das Deutsche kennt auch die Formulierung ein Wunder oder Ausbund an Intelligenz oder ausgestattet bzw. reich gesegnet mit Intelligenz. Daneben gibt es die Intelligenz (pl. neutral für gebildete Schichten) oder die Intelligenzia (abwertend). Anders als im Englischen Intelligence ist die Bedeutungsdimension „Nachrichten (Daten), die aufbereitet werden“ im Deutschen (bislang noch) nicht enthalten.

Die Frames von Intelligenz

Betrachtet man Frames (nach der Framingtheorie), die mit dem Begriff Intelligenz im Deutschen einhergehen, fallen drei Paradigmen auf:

  1. Das Zu- oder Abschreibungsparadigma: Jemand scheint in hohem oder niedrigem Maße intelligent bzw. verfügt über Intelligenz. Das Paradigma impliziert Fremdbestimmtheit.

  2. Das Rationalitätsparadigma: Jemand verfügt zwar über beachtliche große oder geringe kognitive und geistige Leistungsfähigkeit. Beides korreliert aber nur bedingt mit Gefühl oder emotionaler Nahbarkeit (Sympathie). Das Paradigma impliziert eine Gefühlsopposition oder -armut.

  3. Das Stände- oder Klassenparadigma: Die Gebildeten fühlen sich den Ungebildeten überlegen und wollen diese (emanzipatorisch) bilden bzw. (unterdrückend) nicht bilden. Beide Paradigmen argumentieren superioristisch.

Schaut man sich die Verwendungszusammenhänge in den deutschsprachigen Zeitungen an (von 1950-2010) zeigt sich:

Noch in den 60ern fällt der Begriff Intelligenz vermehrt in Diskursen mit Arbeiterschaft und Arbeiterklasse, hoch und niedrig, künstlerisch und technisch.  In den 80ern kommt künstlich als dominierendes Beiwort auf, neben technisch, artifiziell, menschlich, Werkzeug. Der Begriff Roboter wird erst ab 2000 wirklich sichtbar und verschwindet um 2010 sogar erneut. Jetzt dominiert ganz klar die Kombination Künstliche Intelligenz.

Der Begriff Künstliche Intelligenz

Etwas, das wie natürlich und künstlich in Opposition steht, findet nur schwer zueinander. Entweder ist die künstliche Intelligenz leistungsfähiger (schneller, besser, präziser etc.) und wertet die natürliche Intelligenz ab. Oder sie ist eben artifizieller (künstlicher, technischer, naturfremder) und kommt an die ’natürlich bessere‘ natürliche Intelligenz nie in Gänze heran.

Beides spielt heute in den erkennbaren Widerständen gegenüber Künstlicher Intelligenz eine Rolle. In der Sache kommt erschwerend hinzu, dass die Unterscheidung zwischen künstlich und natürlich nicht erst im Konzept des Cyborgs ineinanderfließen. Analog zum Verschwimmen der Grenzen zwischen öffentlich und privat werden auf natürlich und künstlich zunehmend hybrid.

Wo zeigen sich diese Framing-Paradigmen?

Nur ein Beispiel: Wir finden das Stände- oder Klassenparadigma in den Hinweisen darauf, dass Algorithmen sozial sortieren – und selektieren. Die berechtigte Skepsis führt zu der Forderung, Algo­rith­men sollten transparent, erklärbar, überprüfbar und korrigierbar, sein, um Teilhabegerechtigkeit zu ermöglichen. Zahlreiche Projekte von Stiftungen, Initiativen, engagierten Algo­rith­mik-Ethikern oder Digitalisierungskritikern nehmen an genau diesem Punkt ihre wichtige Arbeit auf (z.B. Algorithmwatch, Algorithmenethik, Bertelsmann Stiftung). Aber natürlich gilt auch: nicht bei jeder Schraubenselektion, die auf KI-Basis erfolgt braucht es zuvor eine Grundlagenkommission.

Was folgt daraus?

Der Begriff Künstliche Intelligenz bietet aufgrund seiner Frames keine guten Voraussetzungen, um kulturelle Diskurse mit der neu entstehenden Technologie im Sinne eines Aushandelns zu fördern. Da er schon flächendeckend verwendet wird und den Skeptikern der Technologie implizit Argumentationsstoff bietet, muss gleichwohl mit seiner weiteren Verwendung gerechnet werden. Die Abkärzung KI unterliegt den Frames wahrscheinlich weniger stark.

Der Begriff algorithmischer Entscheidungsfindung (engl. algorithmic decision-making) und seine Kurzform ADM-Prozess beginnt sich zumindest in der Scientific Community als Alternative zu etablieren. Sachlich zutreffender und neutraler, erinnert er zugleich daran, was die Ursache der ermittelten „Ergebnisse“ ist: Algorithmen.

In jedem Fall gilt es die Teilgebiete unter dem Sammelbegriff KI oder ADM-Prozess klar zu kategorisieren. Es macht einen Unterschied, ob man weiß, dass man Bild- oder Sprachanalyesysteme oder maschinelles Lernen als KI/ADM bezeichnet.

Mögliche andere Begriffe und Empfehlungen zur Förderung diskursiver Auseinandersetzung sollten daher als Vorschläge auf breiter Basis nicht ausbleiben. Sie werden sich in der Anwendung und Aneignung entsprechender technologischer Produkte und Situationen ohnehin ergeben.

Darüber hinaus ist ein anderes Szenario denkbar. In ihm werden die Vorteile der neuen Technologie – Erleichterung, Entlastung, Service usw. – bewusst mit dem Begriff der künstlichen Intelligenz verknüpft, um diesen mit positiven Zuschreibungen aufzuladen. Die Grunddichotomie wird damit allerdings nicht aufgelöst. Sie wird sogar bewusst gepflegt – als anthropologische Optimierung des Menschen. Mit allen Problemen, die daraus resultieren. Last but not least im Frame Optimierung von Menschen. Unsere Geschichte ist leider reich an Optimierungsversuchen, die genau das Gegenteil bewirkten. Bleiben wir gemeinsam offen, wachsam, aber verschließen wir auch nicht die Augen vor den Möglichkeiten. Es ist keineswegs trivial, wer die Patenschaft der KI/ADM angetragen bekommt. Zum Schluss möchte ich daher das Märchen „Der Herr Gevatter“ empfehlen, wo „Ein armer Mann“ nach einem Traumgesicht dem Erstbesten die Patenschaft anträgt. Da sage noch mal einmal, die Märchen hätten der Moderne nichts mehr zu sagen.

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„Ein armer Mann hatte so viel Kinder, daß er schon alle Welt zu Gevatter gebeten hatte, und als er noch eins bekam, so war niemand mehr übrig, den er bitten konnte. Er wußte nicht, was er anfangen sollte, legte sich in seiner Betrübnis nieder und schlief ein. Da träumte ihm, er sollte vor das Tor gehen und den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Als er aufgewacht war, beschloß er dem Traume zu folgen, ging hinaus vor das Tor, und den ersten, der ihm begegnete, bat er zu Gevatter. Der Fremde schenkte ihm ein Gläschen mit Wasser und sagte ‚das ist ein wunderbares Wasser, damit kannst du die Kranken gesund machen, du mußt nur sehen, wo der Tod steht. Steht er beim Kopf, so gib dem Kranken von dem Wasser, und er wird gesund werden, steht er aber bei den Füßen, so ist alle Mühe vergebens, er muß sterben.‘ Der Mann konnte von nun an immer sagen, ob ein Kranker zu retten war oder nicht, ward berühmt durch seine Kunst und verdiente viel Geld. Einmal ward er zu dem Kind des Königs gerufen, und als er eintrat, sah er den Tod bei dem Kopfe stehen und heilte es mit dem Wasser, und so war es auch bei dem zweitenmal, aber das drittemal stand der Tod bei den Füßen, da mußte das Kind sterben. Der Mann wollte doch einmal seinen Gevatter besuchen und ihm erzählen, wie es mit dem Wasser gegangen war. Als er aber ins Haus kam, war eine so wunderliche Wirtschaft darin. Auf der ersten Treppe zankten sich Schippe und Besen, und schmissen gewaltig aufeinander los. Er fragte sie ‚wo wohnt der Herr Gevatter?‘ Der Besen antwortete ‚eine Treppe höher.‘ Als er auf die zweite Treppe kam, sah er eine Menge toter Finger liegen. Er fragte ‚wo wohnt der Herr Gevatter?, Einer aus den Fingern antwortete ‚eine Treppe höher.‘ Auf der dritten Treppe lag ein Haufen toter Köpfe, die wiesen ihn wieder eine Treppe höher. Auf der vierten Treppe sah er Fische über dem Feuer stehen, die britzelten in der Pfanne, und backten sich selber. Sie sprachen auch ‚eine Treppe höher.‘ Und als er die fünfte hinaufgestiegen war, so kam er vor eine Stube und guckte durch das Schlüsselloch, da sah er den Gevatter, der ein paar lange Hörner hatte. Als er die Türe aufmachte und hineinging, legte sich der Gevatter geschwind aufs Bett und deckte sich zu. Da sprach der Mann ‚Herr Gevatter, was ist für eine wunderliche Wirtschaft in Eurem Hause? als ich auf Eure erste Treppe kam, so zankten sich Schippe und Besen miteinander und schlugen gewaltig aufeinander los.‘ ‚Wie seid Ihr so einfältig,‘ sagte der Gevatter, ‚das war der Knecht und die Magd, die sprachen miteinander.‘ ‚Aber auf der zweiten Treppe sah ich tote Finger liegen.‘ ‚Ei, wie seid Ihr albern! das waren Skorzenerwurzeln.‘ ‚Auf der dritten Treppe lag ein Haufen Totenköpfe.‘ ‚Dummer Mann, das waren Krautköpfe.‘ ‚Auf der vierten sah ich Fische in der Pfanne, die britzelten, und backten sich selber.‘ Wie er das gesagt hatte, kamen die Fische und trugen sich selber auf. ‚Und als ich die fünfte Treppe heraufgekommen war, guckte ich durch das Schlüsselloch einer Tür, und da sah ich Euch, Gevatter, und Ihr hattet lange Hörner.‘ ‚Ei, das ist nicht wahr.‘ Dem Mann wurde angst, und er lief fort, und wer weiß, was ihm der Herr Gevatter sonst angetan hätte. Quelle: Kinder- und Hausmärchen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), 1812-15, KHM 42

Ich bin möglich: Die 1E9-Conference in München.

Als die Deutsche WIRED eingestellt wurde, lautete der persönliche Status von Wolfgang Kerler FIRED. Rückblickend betrachtet, darf man vielleicht sagen, zum Glück, denn sonst hätte es die 1E9-Conference am 11. Juli 2019 womöglich nie gegeben. Die Keynote von Christian Mio Loclair Artificial vanity: creative machines thinking about their future eröffnete mit großem Aufschlag. Mit seinem Vortrag stellte er KI in das philosophisch-künstlerische Narrativ über das Mögliche und faszinierte das Publikum nicht zuletzt durch eine fantastischen Bild- und Vortragsästhetik.

Der epiphanische Moment des Selbstbewußseins: „Ich bin (ich)“ gilt als genuin menschlich. Gefährlich genuin. Bekanntlich ist Narziss im griechischen Mythos ein Jüngling, der sich im Wasserspiegel erkennt, sich in sich selbst verliebt und sich verfällt. Dass sich Menschen im Spiegelbild erkennen, hat lange als Unterscheidungsmerkmal zum Tier hergehalten. Inzwischen konnten Biologen experimentell Selbsterkenntnis von Tieren ‚nachweisen‘. Neben den naheliegenden Menschenaffen auch für gar nicht so humanoid Krähenvögel und Putzlippenfische.

Die Tatsache, dass Menschen ihr eigenes Denken erkennen, wurde seit Descartes zum Evidenzkonstrukt: „Ich denke, also bin ich.“ Solo-Tänzer @Mio_Loclair, Art Director beim Studio Waltz Binaire machte nun mit seinem Team die Probe aufs Exempel. Sie haben ein „normal motherboard“ mit einer Sensorkamera ausgestattet und halten diesem seit mehr als zwei Jahren den Spiegel vor. „Narciss“  sieht, erfasst, beschreibt, hypothetisiert darüber, was er sieht.

Christian „Mio“ Locklair auf der 1E9-Conference im Deutschen Museum in München

Darüber, ob maschinelles Selbstbewusstsein prinzipiell möglich ist, gibt es verschiedene Ansichten. Wer Denken und menschliches Dasein als strikt algorithmisch begreift, kann es nicht wirklich ausschließen. Im Grunde ist es eine Frage von Schichten – je mehr, desto wahrscheinlicher. Ob der Spiegelbildtest ausreichend ist, um einwandfrei Selbsterkenntnis und Selbstbewusstsein nachzuweisen, wird diskutiert.

Was den Vortrag Locklaires, den er ähnlich auch auf der re;publica 19 gehalten hat, so interessant macht, liegt nicht allein an dem erkenntnistheoretischen Experiment. Vielmehr zeigt sich, dass der Shift hin zu einer neuen Ästhetik (Aistesis) unser Raum-, Zeit- und Formerleben massiv verändern wird.

Wo der menschliche Körper an bestimmte Gesetze der Biomechanik gebunden bleibt, kann Künstliche Intelligenz davon gänzlich losgelöste Wege beschreiten.

Es war faszinierend zu sehen, dass der Solotänzer Locklair, im tänzerischen Ausdruck genau den umgekehrten Weg verfolgt. Möglichst so zu tanzen, als wäre nichts Menschliches an ihm, als sei er ein tanzender Roboter, ist das Ideal des Robodancers.

Die künstliche Intelligenz dagegen, kann aufgrund der Formprinzipien humanoider Strukturen menschlichen Ausdruck so perfekt nachbilden, dass niemand mehr erkennen kann, dass diese Artefakte von einer Maschine erstellt wurden. Ob Tanz, Fotografie, Illustration, Malerei – KI kann Formprinzipien perfekt imitieren, weshalb künftig ein Bild im Stil von van Gogh oder Picasso kein Problem mehr darstellt.

Interessant, ja visionär wird es allerdings an dem Punkt, wo die KI das humanoide Strukturprinzip verlässt. Denn Formprinzipien sind ja wie der Name sagt beides: formgebend oder -generierend, aber auch formbegrenzend oder limitierend.

Wie Locklairs Vortrag zeigte, entstehen ganz neue Morphoi, sobald man die Strukturprinzipien ‚modifiziert‘ oder der KI freies Spiel lässt. „Maschinen werden kreativ. Doch uns Menschen bleibt die Kunst.“ Die Nähe zum Tanz ist metaphorisch aufschlussreich und zugleich limitierend. Denn die Ästhetik einer KI, die gerade keinen menschlichen Gesetzen folgt, ist unter Umständen von Menschen gar nicht mehr zu erfassen oder angemessen zu bewerten. Auch die von einer KI getroffenen künstlerischen Entscheidungen sind Entscheidungen. Dort, wo sie sich aller Entscheidung enthält, muten die Ergebnisse überraschend langweilig an.

Erst die Entscheidung erzeugt Gestalt. Aber die artifiziell erzeugten Patterns können sehr anders aussehen, als das was unseren Sehgewohnheiten entspricht. Als wirklich innovativ gilt das Neue, das Prinzip-Brechende, was nicht von ungefähr zunächst überrascht oder verstört, wie die atonale Musik sehr gut zeigt. Was also bringt uns KI im Feld der Kunst (pars pro toto)? Am Ende nicht mehr nur die beste aller möglichen Welten, sondern die möglichste.

Wie Fotografen Künstliche Intelligenz (KI) inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 3).

KI verhilft uns zum Schlaraffenland. Denn die algorithmisch aufgeschlaute Maschinen übernehmen alle anstrengenden, zeitraubenden und gefährlichen Aufgaben. Im Land, wo Milch und Honig fließen, fliegen uns die frisch gebraten Hühnchen bald auf Zuruf in den Mund. Frieden, Frohsinn und Ausgelassenheit gehören auf jeden Fall im Garten Eden dazu. Fragt sich, wie setzen Fotografinnen und Fotografen das ins Bild? Mit kindlichen Paradiesen! Teil 3) meiner Befunde aus Bildagenturen: Wichtel und Spielzeuge.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Neben Sprache formen Fotografie und Film als wichtige Quelle den Diskurs um KI ästhetisch mit. In Bezug auf Leistungsfähigkeit und Akzeptanz von KI scheint das Spiel offen. In einem starken Narrativ inszenieren Momentaufnahmen die Roboter als Wichtel oder Spielzeuge.

Industrie 4.0 auf Retro. Quelle: iStock

Wichtel und Spielzeuge

Gebaut aus Kartons, Metallfundstücken oder Elektroschrott orientieren sich Fotografinnen und Fotografen am aufziehbaren Blechspielzeug und an mechanisierten Pappmachefiguren um 1900. Bewusst oder unbewusst berufen sich beide Varianten auf die Anfänge der Automatisierung, auf die Industrie 1.0. Begeistert von den neuen Möglichkeiten reagierten auch damals die Spielzeuge auf die massenhafte Mechanisierung durch Dampf- und Wasserkraft. Mit dieser beinahe schon nostalgischen Reminiszenz schaffen die Fotokünstler einmal den Bezug zur Industriegeschichte, stellen sich in die Tradition des Fortschritts. Zum anderen zitieren sie die unschuldige Variante der Technologie.

Die Gestalt des pfiffigen Tüftlers, der drollige aber visionäre Roboter zusammenschraubt, ist weit davon entfernt, bedrohlich zu sein. Sehr viel Phantasie und noch mehr Wohlwollen ist erforderlich, um über die konstruktiven Mängel und Fehler der Kreaturen hinwegzusehen. Er scheint ein ewig kindlicher Bastler und Hobbyerfinder zu sein, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Hierzu gehören auch die vielen Kinderforscherbilder.

In der Inszenierung Spielzeug vereinen sich zwei Linien. Die eine Linie führt zu den Robo-Helferlein. Sie werden überwiegend für einfache Dienste eingesetzt und sind die Heinzelmännchen des Hightechzeitalters. Sie reinigen Böden, mähen Rasen, säubern Reinräume, reparieren Maschinen, transportieren Lasten, liefern Pizza – kurzum, sie können gar nicht böse sein. Ihre Ahnen sind Robbi Rob 344-66/3A (aus der Sendung Robbi, Tobbi und das Fliwatüt, 1967), der Astromech-Droide R2-D2 (aus Starwars, 1977) und der Müllroboter WALL-E (aus dem gleichnamigen Film von Andrew Stanton, 2012).

Die andere Linie führt zu den begehrenswerten, unerschwinglich teuren Spielzeugen, die sauber aufgereiht und glänzend im Regal stehen. Sie sind die heimlich ersehnten Objekte der kindlichen Begierde und erinnern die Betrachter an vergangene Zeiten, in denen sie sich sehnsuchtsvoll die Nase an einer Schaufensterscheibe plattdrückten. Je unerreichbarer es aus der Kinderperspektive scheint, umso mehr gewinnt es an persönlichem Wert. Hier wurzeln alle spät realisierten (Konsum-)Träume. Endlich, als Erwachsener kann man sich gönnen, was einem als Kind so lange verwehrt blieb. Das Narrativ in dieser Linie ist „Endlich, ein Traum wird wahr!“

Die Inszenierung von KI als Spielzeug oder prägt das KI-Narrativ mit Assoziationen wie:

  • Niedlich, drollig, gewitzt
  • nützlich, mühelos, arbeitserleichternd
  • ungefährlich, harmlos, spielerisch
  • Konstruktionsfehler als Anfängerschwierigkeiten
  • Ersehnt und wohlverdient.

Fazit

Spielzeuge und Wichtel führen uns zurück ins Märchenland der Phantasie. Hier kann ein Pappkarton ein Luxusflugroboter sein und zwei Blechbüchsen bilden ein Walky talky zu Außerirdischen. In aller Regel ist der Kontakt zu fremden Intelligenzen durchweg positiv. Damit bedienen die Spielzeug- und Wichtelinszenierungen einen uralten Menschheitstraum – die Rückkehr ins Paradies. Hier ist alles wohlgesonnen, ja friedfertig, es gibt keine bösen Absichten und schon gar nichts, das technisch außer Kontrolle geraten kann. „Der will doch nur spielen!“ scheint über allem zu stehen, man muss nur genügend kindliche Phantasie haben, um es zu sehen.

Dürfen wir Erwachsenen uns also auf ein dolce vita freuen?

Kinder sind ein beliebtes Motiv des Spielzeug-Konzepts, mehr als Erwachsene, scheint es. Im Kontext von KI kann das nur teilweise überraschen. Warum? Erstens sind Kinder jung, das heißt, ihre Zukunft wird eine andere als die vieler heutiger Entscheider sein. Zweitens zeigen Kinder naturgemäß zwei Haltungen, die einen chancenorientierten Umgang mit KI fördern: Spieltrieb bzw. Neugierde und Offenheit bzw. Unvoreingenommenheit. Hierzu zählen auch all die Bilder, die Kinder, Softwaredesigner oder Ingenieure an halbfertigen oder zerlegten Bauteilen zeigen. Sie sind Garanten im Narrativ: alles eine Frage der Perspektive. Die Antwort auf die Frage nach dem süßen Leben ist vermutlich stark auslegungsbedürftig. Sie lautet: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.

Zu Teil 1) Demiurg und Alter Ego geht es hier.

Zu Teil 2) Beste Freunde geht es hier.

Wie Fotografen Künstliche Intelligenz inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 2).

KI verlangt uns einiges ab: Geld, Strukturreformen, Perspektivenwechsel.  Zur Akzeptanz gehört, sich ein eigenes Bild machen. Keine einfache Aufgabe für Fotografinnen und Fotografen, doch die Meister des flüchtigen Moments kennen Auswege. Teil 2) meiner Befunde aus Bildagenturen: Ziemlich beste Freunde.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Neben Sprache bleiben Fotografie und Film eine wichtige Quelle. Ich habe in verschiedenen Bilddatenbanken recherchiert, kostenpflichtige und kostenlose. Denn KI ist auch bei Profis längst noch kein Standardmotiv.

Derzeit lässt sich daher gut herauslesen, wie der Diskurs um KI ästhetisch mitgeformt wird. Amateure wie Profis sind auf Inszenierungen angewiesen, zumal binäre Codes wenig attraktiv scheinen. Noch überwiegend in den verfügbaren Datenbanken positive Bildwelten. Das liegt nicht zuletzt im Verwendungszweck begründet, dem Bildagenturen dienen. In aller Regel wollen Agenturen und Kunden mit den Stockbildern für KI werben. Folglich akzentuieren sie die Chancen höher als die Risiken. KI rettet die Menschheit – seltener rottet sie uns alle aus.

KI als Freund

Die Kategorie Freund orientiert sich am antiken Konzept der Freundschaft unter Gleichen. Angezeigt wird dies in der Geste der gereichten Hand und der Begegnung auf Augenhöhe. Der in Teil 1 dieser Mini-Serie erwähnte göttliche bzw. übernatürliche Fingerimpuls öffnet sich zur Geste des freundschaftlichen Willkommens.

Hand in Hand: PEPPER mit Mädchen. (c) Andy Kelly auf Unsplash
Arm in Arm: ROBOY und Besucherin des Mobile World Congress 2019 in Barcelona. (c) Joan Cros via Getty Images

Wir sehen Mensch-und-Maschinen Hand-in-Hand, wir sehen Free Hugs und typisch gewordene partnerschaftliche Unterstützer-Szenen: Der kaufmännische Handschlag, der Handknöchel-Stoß (Fist Bump), aber auch das liebenswürdige Love-Herzchen aus Daumen und Zeigefingern.

Von hier ist es zur nicht mehr weit zum ziemlich besten Freund – dem waschechten Kumpel. Freund Robo spielt Klavier oder Schach, kann Tauziehen, knackt den Zauberwürfel, tanzt mit uns, schiebt den Rollator und ähnliches mehr.

Nicht von ungefähr sind es vielfach Senioren, die überrascht, aber fröhlich ihre neue Freundschaft zum Roboter pflegen. Fotografinnen und Fotografen reagieren damit auf die entstehenden Anwendungsfelder im Bereich Health, hier besonders in der Pflege.

Die Inszenierung von KI als Freund framt das KI-Narrativ mit Assoziationen wie:

  • Partnerschaftlich
  • Hilfreich
  • Sensibel
  • Zuverlässig
  • Freundlich
  • Unvoreingenommen

Zeig mal her!

Dass wir so oft Roboterhände und -Finger sehen, ist übrigens kein Zufall. Im wesentlichen hat es zwei Gründe. Erstens. Die Hand, genauer gesagt die fünf Finger mit ihren sensomechanischen Fähigkeiten, stellen ein hochkomplexes Gebilde dar, die eine echte Herausforderung für die Robotik ist. Der Fokus auf Hand und Fingern soll den fotografischen Nachweis erbringen, was die softe Robotik inzwischen alles kann.

Tatsächlich hat sie enorm aufgeholt. Die durch Sensoren erzeugte, feinmotorische Erfassung der Welt kommt rasant voran. Weil die KI -Systeme selbstlernend Wissen erzeugt, sind die nächsten Entwicklungssprünge eben gerade nicht mehr vor-programmiert, sondern im Wortsinn nach-weislich programmatisch.

Zweitens: Der Finger ist in der ikonologischen Tradition auch deshalb von Bedeutung, weil der Zeige-Finger (griech. Daktylos, bestehend aus einem kurzen, zwei langen Gliedern) die typisch menschliche Zeigegeste macht. Auf etwas zu zeigen und es zu benennen, ist der Ur-Impuls, der die Menschen vom Tier unterscheidet. Schon Menschenkinder zeigen erstaunlich früh im >>Da, Da<< die Verbindung von Zeigen und Lautzeichen. Erkennen, sprechen und sich seiner Selbst bewusstsein sein, sind Qualitäten, die als genuin menschlich gelten.

Genau hier schickt sich nun KI an, dem Menschen nah und näher zu kommen. Der zeigende Mensch (Homo daktylos) stößt als Sprachwesen (Homo loquens) zur Selbsterkenntnis und Philosophie vor (>>Warum ist >da< etwas und nicht etwa nichts?<<).

Indem KI eine zunehmend verbesserte Fingerfertigkeit gewinnt und zugleich mehr und mehr ‚Verständnis‘ über seine Umwelt erhält, kratzt es am Konzept der menschlichen Einzigartigkeit. Flapsig formuliert: Da, schau an, wer nun oben auf dem Podest steht. Wenn es überhaupt noch Podeste gibt – Freunde begegnen sich schließlich auf Augenhöhe.

Fazit

Wer die guten, verlässlichen, hilfreichen Aspekte des Narrativs >>KI, dein Freund und Helfer<< sucht, wird in der Bildagenturen schnell fündig. Der Übergang zum allzeit bereiten Dienstboten ist fließend – mit allen Vor- und Nachteilen. Der servile Erfüllungsgehilfe ist untertänig, der Freund bleibt auf Augenhöhe >>Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt!<< So klingt die unterschwellige Melodie vieler der Freund Inszenierungen.

Bei aller Freundschaft trägt ein Inszenierungstyp zu latent negativen Implikationen bei. Immer dort, wo sich nur noch Roboter in typisch menschlichen Situationen zeigen, es sich dort gemütlich machen, springt das Narrativ: „Die nehmen uns was weg“ oder „Die werden uns ersetzen“ an. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn autarke Konferenzen abgehalten werden, Roboter am PC sitzen oder sie die Kandidaten auswählen.

Zu Teil 1) Demiurg und Alter Ego  geht es hier.

#Blogswirken, als erstes beim Bloggenden selbst

Bloggerin Katrin Hilger von Hilgerlicious hat zur mehr Wertschätzung für’s Bloggen eingeladen und eine #Blogparade ausgerufen. Weil schon so viel Kluges dazu geschrieben wurde und bald ein Update, ach, was – ein ganz neu verfasstes schlaues Buch von Bloggerexpertin Meike Leopold von start talking erscheint, möchte ich hier ganz eng am Wort bleiben. Etymologie wirkt nämlich auch.

Ja, stimmt, wir alle wissen, dass es sich bei „Blog“ um ein Kunstwort, eine Neuschöpfung, einen Zwitternamen aus „Web“ und „Logbuch“ handelt, aber was ist eigentlich genau ein „Log“?

Ein Log (auch Logge; v. engl. Log = (ursprüngl.) Holzklotz) ist in der seemännischen Navigation ein Messgerät zur Bestimmung der Fahrt, der Geschwindigkeit von Wasserfahrzeugen. Es zeigt die im Wasser zurückgelegte Strecke an. (Zitat Quelle: Wikipedia)

Das an einem Seil hängende Holzbrett wird, verbunden mit einem Senklot, aus dem fahrenden Schiff geworfen. Da das so beschwerte Holz an der Stelle verharrt, das Schiff jedoch weiterfährt, lassen sich gefahrene Meter und Zeit ins Verhältnis setzen. Was unverzichtbar ist, um die (relative) Geschwindigkeit auszurechnen, ist die abgespulte Logleine.

Ein sehr sprechendes Bild – jedenfalls für mein eigenes Bloggen. Wenn mich ein Thema interessiert, werfe ich neben meinem Schiffchen das Senkblei mit dem Holz aus. Ich fahre also erst mal auf Sicht und in gewisser Weise blind für meine Geschwindigkeit. Der so entstehende Text ist ein Rohling, ausschließlich für mich und nicht zur Veröffentlichung gedacht. Mir wird klar, was ich alles noch nicht weiß, was ich nochmal durchdenken möchte usw.

Fahre ich weiter, führt das dazu, dass ich erneut Seil abrollen muss. Meist bin ich jetzt schon weit entfernt – zumindest von den Empfehlungen zweier wichtiger Gruppen: den Datenanalysten mit ihren für Blogs empfohlenen Zeichenzahlen und den Finanzanalysten mit ihren für Wirtschaftlichkeit empfohlenen Aufwandsangaben.

Als Steuerlotsin nehme ich mir die Freiheit, selbst zu vermessen, wie lang meine Leine sein muss. Stelle ich fest, dass die Geschwindigkeit zu bestimmten Themen schneller ist als ich fahren kann, hole ich das Log aus dem Wasser und publiziere – nichts.

Oder ich publiziere etwas, das so lang ist, wie ein Sachverhalt aus meiner Sicht braucht. Der Preis, den ich dafür in Kauf nehme, sind verstörend lange Zeiten, in den ich nichts blogge und vermutlich zwischendurch als verschollen auf hoher See gelte.

Insofern: Ja, bloggen wirkt, und zwar erst mal bei mir selbst.

Um ein Beispiel zu geben: Zum Thema Künstliche Intelligenz habe ich ein Blog mit dem Namen NatürlichKünstlich eröffnet, das ich gerne schneller befüllen würde, was aber im Zielkonflikt mit meinen Blogansprüchen steht. Das Thema ist zwar sehr en vogue und es gäbe sicher ein Forum für steile Thesen. Dummerweise hat Anspruch beim Bloggen mit Wasser und Holz zu tun.

Die Feststellung, dass andere nur mit Wasser kochen, ist weder beim Bloggen noch auf See wirklich hilfreich. Es fördert kein Vertrauen. Holz ist im Wasser wichtiger als manch einer, der schwimmen kann, denken mag und deshalb gerne kopfüber in kalte Wasser springt.

Im Wasser, erst recht auf hoher See ist Holz überlebenswichtig. Zum Bau von Kanu, Karavelle oder Floß, braucht es dicke Bretter, übrigens genau jene, die sich auch unter den besten Bloggenden finden, weil sie sich den Luxus leisten, dicke Bretter zu bohren. Tl;dr kokettiert damit in gewisser Weise, weil sich Tl;dr nur erlauben kann, wer im vermeintlich Trockenen sitzt.

Ein Longread, das seinen Namen verdient, fesselt seine Leser_innen gerne und langanhaltend. Es hat nicht nur für den Augenblick, sondern mitunter für sehr lange Zeit Bestand. Blogger können Aufgaben wahrnehmen, die für eine Demokratie unverzichtbar sind.* Voraussetzung dazu ist die Bereitschaft, erst mal bei sich selbst mit dem Blog etwas zu bewirken.

Dann lohnt sich auch die Energie, die es zweifellos kostet, Fahrt aufzunehmen: Um sich und andere mit hinauszunehmen zur Fahrt ins Offene, meinetwegen auch auf zu „Neuland“.

So heißt “to log something.” auf Englisch „etwas abholzen“, im Sinne von Bäume fällen („to cut down trees in a forest for their wood”). Wohingegen “to log on/off” bekanntlich ein elektronisches sich Ein/Auswählen oder Ein-/Ausschalten bedeutet. Auch dies eine bemerkenswerte Etymologie, die einiges über den Zusammenhang von Holz und Strom – metaphorisch vom Zusammenhang  zwischen Print und Digital – verraten könnte.

Volle Fahrt voraus heißt immer öfter Kollisionsgefahr mit Unvorhersehbarem. Bei der Akzeptanz von Künstlicher Intelligenz spielen Geschwindigkeit, Geländegewinn und Genauigkeit jedenfalls mal mit-, mal gegeneinander. Gefahr und Gewinn hängen, so gesehen, am selben Faden oder Seil.

In einem Blog präzise an seinem Tau zu ziehen kann darum mehr bringen als das beliebte Tauziehen.

Blogs können wirken, jedenfalls beim Bloggenden selbst.

 

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*Vgl. dazu einen älteren Beitrag von mir „Können Blogs den klassischen Journalismus ersetzen?“

https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0010-3497-2006-2-117/koennen-blogs-den-klassischen-journalismus-ersetzen-zum-strukturwandel-durch-den-journalismus-der-buerger-jahrgang-39-2006-heft-2

Show, don’t tell. Warum wir Künstliche Intelligenz (KI) durch Zeigen besser verstehen

Der Forschungsgipfel 2019 (#FoGipf19) war sicher nicht auf Show ausgelegt. Vielmehr bot das Format ein gutes Spektrum über den derzeitigen Diskurs verschiedener Interessengruppen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Bildung im weitesten Sinn.

In nuce zeigte der Forschungsgipfel sämtliche Vor- und Nachteile, die mit dem Standort D verbunden sind. Zwischen „Einfach mal machen“ und „endlich schneller werden“ einerseits und zwischen „lieber sauber kategorisieren, statt Äpfel mit Birnen zu vergleichen“ andererseits bewegten sich zahlreiche Wortbeiträge. Immerhin, es geht um viel, nicht zuletzt Investitionen.*

Dazwischen Keynotes, durchweg informativ. Am eindrücklichsten blieben allerdings die, die ihr Thema „plastisch“ aufbereiten konnten, z.B. Katharina A. Zweig vom Algorithm Accountability Lab in Kaiserslautern und Sami Hadaddin, Direktor des Munich School of Robotics and Machine Intelligence und Lehrstuhlinhaber für Robotik und Systemintelligenz an der Technischen Universität München.

Klar, mag man einwenden, Wissenschaft ist ja nun mal etwas trocken, und kaum zufällig sitzt Storytelling inzwischen in fast jedem Auditorium, das auf sich hält.

Menschen lernen auf komplexe Weise. Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn lösen Lernen bereits durchs Zusehen aus. Wer wollte, konnte also bei Zweig und Hadaddin durch Nacherleben und sich Einfühlen sehr konkret Zweierlei erleben. KI zum Anfassen :

  1. Wie wäre es, wenn Roboter neben mir (bzw. für mich oder statt meiner) arbeiten?
  2. Was, wenn ich selbst die Algorithmen der Beurteilungskriterien entwickeln müsste?

Künstliche Intelligenz ist seit jeher Gegenstand von Projektionen. Je besser ich mich konkret damit auseinandersetzen kann, desto eher werde ich sowohl die Chancen als auch die Risiken realistischer einschätzen. Denn um KI ranken zwei totalistisch-fatalistische Mythen, die von Interessengruppen genutzt werden.

Mythos Nummer Eins lautet: KI rettet die Menschheit.
Mythos Nummer Zwei lautet: KI rottet die Menschheit aus.

Beide sind in der Zuspitzung wahrscheinlich falsch. Richtig ist, dass KI uns alle herausfordert. KI kann Angst machen, aber auch Lust auf sie wecken. Daher darf das, was KI in unserer Gesellschaft kann, nicht ohne diese entschieden werden.

Wie aber soll diese entscheiden, wenn sie de facto nicht abgeholt ist. Die großen Stiftungen haben diese Aufgabe erkannt und nehmen sich zum Glück mehr und mehr ihrer an. Vollkommen zu Recht fragt Manuela Lentzen: „Es wäre schön, wenn die Menschen wüssten, mit wem sie es zu tun haben.“

Denn auch das hat der Forschungsgipfel gezeigt. KI ist weitgehend unstrittig, wenn sie fehlerhafte Schrauben vom Band aussortieren soll. Doch gerade in den Feldern, wo es um ethisch relevante Fragestellungen für Menschen geht, gibt es eine Bring- und Holschuld zwischen Politik und Gesellschaft.

Jüngere Männer, technikaffin, und sachverständig kennen sich am besten über Chancen und Risiken von Algorithmen aus.**

Sollen sie entscheiden, was – beispielsweise im Bereich Gesundheit/Pflege – ganze Generationen von älteren Frauen und Männern betreffen wird?! Menschen mit Stimmrecht wohlgemerkt und natürlicher Intelligenz.

Wie eine Studie zeigt, lehnen noch heute bis zu 40 Prozent eine Beteiligung von Algorithmen bei der Diagnose ab (S. 26). Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, wenn man in Betracht zieht, dass auch KI Strategien des Pseudo-Lernens (Stichwort „Schlauer Hans“) entwickeln kann. Vielleicht aber auch nur eine Unkenntnis über das Leistungsvermögen. Vielleicht werden Erkrankte irgendwann fragen, ob denn auch eine KI über den Befund geschaut habe. und darum bitten, dass das geschehen möge.

KI fordert uns ethisch, philosophisch, gesellschaftlich, kulturell, medizinisch, technisch, wirtschaftlich und last but not least politisch heraus. Dazu gilt es, die Kategorien sauber zu trennen und auf vielfache Weise zu illustrieren du zu erproben, was KI kann. Im Comic, als Zeitschrift, im Film…

Es ist an der Zeit, zu aufzuzeigen, was KI aus Deutschland und Europa besser kann. Und sie dort, wo es unstrittig ist, dann auch machen lassen.

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*Erneut zeigte sich, dass in Deutschland eben Wirtschaft nicht gleich Wirtschaft ist: Die vorherrschenden mittelständischen, traditionell familien- oder inhabergeführten Unternehmen kämpfen an anderen Stellen als die großen Konzerne mit eigenen Inkubatoren und ausreichend Venture Capital .

** https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Was_die_Deutschen_ueber_Algorithmen_denken.pdf

 

Der Beitrag erschien zuerst auf meinem Blog
https://natuerlichkuenstlich.wordpress.com