Kreativität, Kunst, KI und Neue Narrative

Was Kreativität kann und soll, darauf gibt es zum Glück keine abschließende Antwort. Als Inbegriff kreativen Schaffens gilt noch immer >>Kunst<<. Noch, möchte man hinzufügen, wenn man die komplexen Fortschritte des maschinellen Lernens in diesem Feld betrachtet.

Was KI inzwischen alles kann, kompositorisch, zeichnerisch, literarisch und demnächst wahrscheinlich auch bildhauerisch bzw. additiv, beeindruckt wirklich.

Raubt KI dem Menschen eines der letzten substanziellen Refugien?

Ja, nein, vielleicht. Was denn nun? Im Erleben ist kreative Energie unteilbar. Theoretisch betrachtet, neigen wir dazu, sie zu klassifizieren. Grob vereinfacht unterscheidet die westliche Welt mindestens zwei Variationen: die Kreation (Erschaffung von etwas, das es vorher überhaupt noch nicht gab) und die Rekombination (das Umgestalten oder Re-Arrangement zu etwas, das es so noch nicht gab).

Welche Kreativität in der Wertepyramide gerade oben steht, hat auch mit Leistungszuschreibungen zu tun. Diese unterliegen geschichtlichem Wandel. Denken wir an das im 18. Jahrhundert entstandene Genie-Paradigma mit seiner Leitkategorie absoluter Neuschöpfung. Noch im 17. Jahrhundert war dies unvorstellbar, es hätte als regel- und folglich kulturlos gegolten.

Alles menschlich Erschaffene unterliegt Gestalt- und Formprinzipien, die reproduziert werden können. Anders wären, um im Beispiel der Malerei zu bleiben, bestimmte stiistische Massenproduktionen gar nicht denkbar. Schon immer gab es Mal-Schulen, in denen „im Stil von“ gefertigt wurde. Warum sollte das also jetzt ein Problem, nur weil eine Maschine epigonal zu malen beginnt?

Wo es primär darum geht, schöpferische Energie zu verwerten, sie also im Kontext von Gebrauchsnutzen zu definieren, sind Re-Uses (verwertungs-)logisch betrachtet, bester Ausdruck von Kreativität. Sind sie auch Kunst?

Hier berühren wir den anspruchsvollen Raum dessen, was Kunst überhaupt sein soll oder kann. Das näher auszuführen, sprengt dieses Format. Doch, es stellt sich die Frage, ob KI-Kunst nicht auch hier der Zeit und dem zeitgenössischen Kunsturteil voraus sein kann?

Zunächst mal, ja, sie kann. Wo sie alle möglichen Formen der Gestaltsprache beinhaltet, kann sie auch alle möglichen produzieren. Bekanntlich ist die Rezeptionsgeschichte Teil der Wertzuschreibung von Kunst. Das heißt, Kunst kann der eigenen Zeit weit voraus sein und deshalb zeitgenössisch verpönt bleiben. Könnte also einer von KI erzeugten Kunst dieses Schicksal drohen? Ja, es könnte.

Wie eine Gesellschaft Kreativität und Kunst bewertet, ist nicht ohne Belang. Welche Kraft sie ihr zuschreibt, welche Räume sie ihr zugesteht und mit welchen Narrativen sie belegt wird, lässt Erkenntnisse über eine Gesellschaft zu. Über Jahrhunderte galt Kreativität als etwas, das im Bereich der Muße, verortet war, wenn, dann im otium, nicht im negotium. Schon seit langem hat der Diskurs der Kreativität das unternehmerische Handeln erreicht.

Das Konzept kreativer Selbstzerstörung (W. Schumpeter) bekam durch das der Disruption (C. Christiansen) neue Vitalität. Seither wird Kreativität in allen möglichen Feldern (Bildung, Gesellschaft, Kunst) überraschend stark von Elementen ökonomischer Kreativkonzepte genährt.

Die Geschichte der Menschheit ist voll von Versuchen, Kunst für Zwecke zu vereinnahmen. Einmal von Seiten der Künstler_innen, die eine Fülle an Manifesten und ästhetischen Theorien neben ihren Werken selbst hervorgebracht haben, gleich, ob sie avantgardistisch, konservativ oder retrospektiv argumentieren.  Sodann aber auch von Seiten anderer Interessensgruppen, seien diese nun (kunst-)merkantil, religiös-kultisch, erziehungsbildnerisch, politisch oder sonst wie geprägt. Sie kommen darin überein, dass die Kunst etwas leisten soll. Was sie leisten soll, ist letztlich eine Variable.

Unverzweckt – nicht banal, beliebig oder manipulativ

Wenn sie im engeren Sinne nichts leisten soll, bleibt Kunst unverzweckt. Nur dann handelt es sich überhaupt um Kunst, nicht um Design, Kunsthandwerk, angewandte Technik oder Politik.

Zweckfrei entfaltet Kunst jene Widerständigkeit, die ein spezifisches Erleben ermöglicht. Ein Erleben, das soweit als möglich hinter die Bedingungen des Möglichen reicht. Das sich wohlfeiler Zuschreibungen entzieht und die eigenen Maßstäbe hinterfragt. Das sich seine unvorhersehbare Wucht und radikale Ehrlichkeit bewahrt.

Getränk zur Unzeit, statt altem Wein in neuen Schläuchen

Das kann die Möglichkeit enthalten, sich selbst (nicht nur im Happening) zu zerstören, sondern als eine immanente Option, die als Leer- wie als Lehrstelle offengehalten wird. An dieser Stelle entstehen dann auch wirklich neue Narrative, nicht nur neu verpackte altbekannte Stories. Mit durchaus bitteren Wahrheiten, genau wie süßen Experimenten könnten die Künste (un)zeitgemäße Verbindungen eingehen. Das ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe oder das V2 Lab for unstable media in Rotterdam etwa bereiten in diesem Sinne das Feld. Es betreten und darüber reden müssen wir schon selber. Oder reinschauen in den Spiegel – zum Beispiel in das Mirror Piece von Marnix de Nijs.

Lost in Sound-Space. Was KI von sich hören lassen sollte, wenn sie uns dienlich sein will

Auf der Sommerleseliste der Stiftung Neue Verantwortung fand ich einen Link zu einem akustischen Museum, das ich jedem zu besuchen empfehle. Ergänzt um einige Gamification-Elemente basteln Geeks daraus schnell ein Top-Altersprognosetool für die sozialen Netzwerke. To be honest, ich kannte ziemlich viele der Sounds noch im Originalbetrieb.

Veränderungen in Gesellschaften, (digitale) Kulturgeschichte, verstanden nicht als Faktenhuberei, sondern als Narrativ-Feld, ermöglicht Wertschöpfung. Denn es erlaubt Szenarioanalysen. Nicht nur rückwärts betrachtet, sondern auch vorwärts in die Zukunft.

Vor einiger Zeit hatte ich bei einem Kundenauftrag zum Thema Markenführung einen Flash. Übertragen auf das Feld unserer KI unterstützte Gesellschaft stellte sich mir die Frage:

Wie klingt KI?

Noch genauer: Wie klingt eine KI, die den Menschen respektiert? Ihn also nicht pseudo-naiv vereinnahmt, aber auch nicht metallen-mechanistisch abstößt?

Was zunächst oldfashioned anmuten mag, erwies sich spätestens im März dieses Jahres als virulent. Die Welt debattierte, wie eine künstliche Stimme klingen solle. Wenn die KI-Stimme „Q“ körperlos ist, warum klingt sie dann wie eine Frau? Die Agentur Copenhagen pride schuf Abhilfe, bekannte aber auch: sie glaube nicht, dass diese sich durchsetze.  

„Sehr sicher bin ich mir aber, dass wir auf absehbare Zeit keine geschlechtsneutrale Stimme als Standardeinstellung bekommen werden. Das widerspricht dem Geschäftsgedanken der Konzerne.“

Erschwerend kommt hinzu, dass eine Mehrheit der Menschen weibliche Stimmen als herzlicher empfinden.

Regulieren oder machen lassen?

Was also tun? Aufklären, freistellen, laufenlassen, vorschreiben aushandeln…

In unseren absehbar virtuell (mindestens angereicherten) und elektronisch neu mobilisierten und organisierten Mega-Städten werden wir neue Soundwelten erleben. In einem Ausmaß, das wir uns noch nicht vorstellen können.

Wer je eine Intensivstation besucht hat, weiß, was uns bevorsteht. Selbst Ärzte und Pfleger bekennen, dass die Signaltöne ein krankmachendes, ja irreführendes, weil unabgestimmtes Ausmaß angenommen haben. Jeder Hersteller entwickelt nach Können und Gusto das, was dort als „Warnton“ empfunden wird.

Auch Sounds sind Narrative. Als solche können sie wertstiftend oder wertmindernd, akzeptanzerhöhend oder -verringernd sein.

Städte, Dörfer, Häuser, Wohnungen, Menschen prägt ein charakteristisches Klangbild. Menschen aus dörflichen Umgebungen oder ältere Menschen kommen mit den Sounds der Zukunft oft nicht mehr klar. Überall fiept, surrt, tönt, läutet, piept, dingdongt was.

Brauchen wir ein Ministry of Sound?

Ja, die Digitalisierung betrifft als Querschnittthema alle Ministerien. Angesichts der Komplexität und Vielfalt der bevorstehenden Aufgaben ist es gleichwohl nachvollziehbar, dass zahlreiche Verbände und Initiativen in einer Petition eine/n Digitalminister/in (m/w/div) forderten

Was pars pro toto am hier gewählten Beispiel Sound deutlich wird, weckt allfällige Fragen – ausgelöst von der Neuerfindung der Gesellschaft in Zeiten von Digitalisierung und KI.

Zwischen der Deutschen Industrienorm, dem Krümmungsgrad der europäischen Gurke und dem Faustrecht des Wilden Westens liegt eine Zone, die es klug für die digital befähigte Gesellschaft zu besetzen gilt.

Wie könnte eine ver­nünftige digitale Information aussehen, die nicht nervt, sondern lotst, aufklärt oder berät? Wie soll ein niedrigschwelliger, wie ein wichtiger Warn­hinweis klingen? Sollten Sounddesigner an einer internationalen Soundkultur arbeiten, um Standards zu etablieren? Oder sollte jede Marke ihre eigenen akustisch-stimmlichen Bibliotheken ent­wickeln? Diese und andere Fragen werden künftig eine Rolle spielen. Ohne, dass die Entwicklung vorhergesagt werden könn­te, ist doch zu erwarten, dass es zu Neuer­findungen und Wie­der­belebungen kommt.

Spätestens seit Büchern wie Das große Orchester der Tiere oder Das geheime Leben der Bäume wissen wir, wie wichtig und prägend Klang-Habitate sind.

KI muss nicht alle Fehler der Industrie 1.0 – 4.0 wiederholen

Die Beschwerdegeschichte über Lärm ist so alt wie die der Vergesellschaftung. Einst richtete es sich gegen die Schläge der Schmiede, Schlosser, Kufner und den Lärm der Droschkenräder. Später, mit  der Mechanisierung, gegen das Rattern der Webstühle, das Zischen der Dampfmaschinen, das Pulsen der Kolben in Fabriken, die elektrischen Eisenbahnen und den Automobilverkehr.

Es ist in hohem Maße unwahrscheinlich, dass das Internet of Things – konsequent zu Ende gedacht – ohne Nebenwirkungen bleibt, akustische oder interferenzelle. Wenn wir schon auf dem besten Wege sind, eine Forecast-Society zu werden, dann doch bitte auch im Blick auf die möglichen Lösungen für die realen Probleme.

Doktor, Quacksalber, Scharlatan. Die riskanten Heilsversprechen der Künstlichen Intelligenz im Medizinsektor

Minuten können über Leben und Tod entscheiden. Ein neues KI-System, das 48 Stunden früher als bisher Nierenversagen bei Patienten vorhersagen kann, ist wirklich von großem Wert, menschendienlich, nicht nur nachrichtlich betrachtet. Was aber, wenn das alles noch gar nicht ausgemacht ist?

Ziffer 14 des Deutschen Pressekodex regelt die Medizinberichterstattung

Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte. Forschungsergebnisse, die sich in einem frühen Stadium befinden, sollten nicht als abgeschlossen oder nahezu abgeschlossen dargestellt werden.

Michael Moorstedt hat zünftig journalistische Distanz gewahrt. Er hat in der Süddeutschen Zeitung vom 11. August 2019 das gemacht, was Qualitätsjournalismus tun soll, nämlich die Fakten

  • zu recherchieren
  • sauber aufzubereiten
  • zu analysieren
  • mit Hintergrundinformationen zu ergänzen
  • in einem größeren Kontext einzuordnen.

Bei Lichte betrachtet, hält die Geschichte – noch –  nicht ganz, was sie verspricht. Moorstedt machte darauf aufmerksam, dass hier Korrelationen mit Kausalitäten gleichgesetzt wurden und eine nicht unproblematischer Datensatz als Basis diente. Andererseits war das den ForscherInnen bewusst:

Although we demonstrate a model that is trained and evaluated on a clinically representative set of patients from the entire US Department of Veterans Affairs healthcare system, this demographic is not representative of the global population. […] Validating the predictive performance of the proposed system on a general population would require training and evaluating the model on additional representative datasets.

Michael Moorstedts Kritik zielt gegen die Unart, „schlagzeilenträchtige Forschungsdurchbrüche“ zu verkünden. Ob es hier darum ging, dem eigenen „Börsengewinnen“ auf die Sprünge zu helfen oder einfach dem nächsten Forschungsauftrag, dem nächsten Zitat, dem nächsten Like, sei dahingestellt.

Fakt ist: Das Phänomen des Zuspitzens ist nicht neu. Es betrifft längst nicht nur KI-getriebene Medizin, denken wir an Beispiele zu alternativen Heilmethoden wie Homöopathie oder Akkupunktur. Es betrifft auch alle anderen denkbaren Branchen. Mundus vult discipi, oder etwa nicht? Nein, will sie nicht. Oder wenn, dann zahlen alle einen sehr hohen Preis dafür. In der Politikverdrossenheit lässt sich das grade in Echtzeit beobachten.

Warum der KI-getriebenen Medizin vorschnelle Heilsversprechen schaden

Der Zuwachs an Wissen, der mittels KI im Feld medizinischer Forschung erfolgt, ist evident. Mit der enormen Rechnerleistung und dem immer größeren Datenpool können Bild- und Mustererkennung, Korrelationen, Diagnostik und Prognostik durch maschinelles Lernen exponentiell wachsen. Damit wird mehr als wahrscheinlich, dass die Menschheit in Gänze davon für ihre Gesundheit profitieren wird.

Im hochsensiblen Feld von KI und Medizin sollten wir uns als Gesellschaft gut austauschen. Vorteile nutzen, Nachteile perspektivieren, beides gestalten. Über Themen wie die im folgenden gelisteten:

  • Datenherkunft
  • Datenbasisgröße
  • Datenintegrität (frei von Diskriminierung)
  • Datennutzung
  • Datenbesitz
  • Datensicherheit
  • Datenethik

Ohne Daten verläuft der medizinische Fortschritt anders. Anders – das sagt erst mal nichts zu besser oder schlechter. Ohne gesellschaftlichen Austausch verläuft er auch anders, ich wage zu vermuten, schlechter.

Im Medizinsektor entsteht Vertrauen aus Leitwerten wie Präzision und Dezenz. Es gilt ethisch vor prahlerisch, richtig vor knackig.  Die jahrtausendalten Narrative rund um das Patientenwohl haben einen virulenten Kern. Der Marktschreier oder Quacksalber ist noch heute die Kehrseite der hippokratisch-galensischen Medaille – aber die weniger gut beleumundete und weniger vertrauenswürdige. Narrative sind instabil, solange sie nicht ausgehandelt werden, das habe ich an anderer Stelle zu zeigen versucht. Sie haben Geschichte.

Je öfter am Ende hängenbleibt, „das ist eh alles Quatsch“ oder „die da oben verdienen sich doch nur an uns eine goldene Nase (noch dazu an unseren frei hergeschenkten Daten)“, desto mehr schadet es dem ganzen Sektor und kann überspringen.

An dem Konflikt sind übrigens viele Akteure beteiligt – Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Healthlobbyisten genau wie Medien, PR und Storyteller. Das Newsparadigma „only bad news are good news“ trägt mit dazu bei, dass vollmundige, markante Headlines schneller in der Welt sind als kluge Überprüfungen ihres Wahrheitsgehalts. Nebenbei, manche Pseudofrage in sozialen Netzwerken in sozialen Netzwerken steht der Irreführung in nichts nach.

Angehende Journalisten lernen, die Überschrift solle bitteschön halten, was sie verspricht. Eine Überschrift, die korrekt mitteilt, was der gemachte Befund womöglich irgendwann einmal tun könnte, hat aber weniger Chance auf Wahrnehmung. Eine Story to tell ist immer formwirksam. Sie verändert den Stoff, macht ihn beileibe nicht nur spannender. Drei Aspekte zu einer vermeintlich simplen Sache wie einer Überschrift. Drei Interessenslagen, ein Zielkonflikt.

Was also tun? Fehlt es an Konstruktivem, lösungsorientierten Journalismus? Fehlt es an Gute-Nachrichten-Medien? Fehlt es an storybegeisterten Heilsbringern?

Ich habe vor einiger Zeit eine Idee zu einem KI-Hub mit eigenem Printableger angeregt. Beides, jedes auf medienspezifische Weise, sollte genau auf diese neue Anforderung reagieren. Was und vor allem wie schreiben, lesen, bewerten, wissen wir alle künftig über Ankündigungsszenarien (vgl. auch nochmal den Pressekodex, hier Ziffer 2, 2.3, Ziffer 7). Wie gehen wir mit Teilergebnissen um? Wie nachhaltig kann guter Journalismus an Themen, etwa aus dem Bereich Medizin dranbleiben? Wie frei ist der Journalismus, wie frei die Medizin, die KI von blinden Flecken?

In der Möglichkeit einer neuen Technologie liegt kein Problem per se. In dem nicht breit genug geführten Dialog, wie wir damit umgehen wollen, schon. Es liegt auch keins in der – letzlich graduellen – Unterscheidung von Assistenz oder Ersatz (100% Assistenz sind Ersatz). Die eigentliche Frage ist, welche Zugänglichkeit (Verfügbarkeit), welchen Stellenwert (heuristisch, epistemoloisch) und welche Relevanz (als Gesetzbildung im weitesten Sinn) erhält das so erzeugbare Daten- und Mustererkennungs-Wissen für uns alle. Es geht weniger um die pekuniäre Verwertbarkeit (Märkte finden sich in kapitalistischen Systemen immer und die Frage ist berechtigt, ob das so sein muss oder kann). Aber die eine große Frage ist primär gesellschaftsphilosophisch, da sie einen epochalen Umbruch markiert, der das künftige Leben berührt. 

Meine Empfehlung bis auf weiteres lautet, gerade, weil die von KI erzeugten Ergebnisse erwartbar immer besser werden, sollten alle, die mit KI und Medizin zu tun haben, sich freiwillig eine besonderen Selbstverpflichtung auferlegen.

Wir sind auf dem besten Wege, eine Forecast-Society zu werden. Was bedeutet das – für unser Verständnis von Wirklichkeit, Gesellschaft und von uns selbst, als Gesunde oder Kranke, aber auch für das Erzählen, für die Berichterstattung? Da wären Experimente willkommen.

Wie blind ist das denn? #KI, #KINarrative, #E-Roller und das Erkennen neuer Muster

Heute morgen (10.08.2019), auf dem Fußweg zum Supermarkt sah ich einen jungen Mann die U-Bahn Treppe hochkommen. Er trug eine getönte orangene Sonnenbrille, nicht ganz erwartbar für den Regentag, aber bitte. Als er ganz oben stand, erkannte ich, dass er einen Langstock führte.

Er bewegte sich souverän, der Radius, den er mit dem Langstock auswarf, schien aber mit den überall rumstehenden E-Rollern zu kollidieren. Er drohte, sich zu verhakeln, so dass ich fragte, ob ich ihn kurz etwas fragen dürfte (nämlich ob er Hilfe bräuchte, da stünden kreuz und quer diese neuen E-Roller) und wir kamen ins Gespräch. Wir hatten das gleiche Ziel, mal führte er, mal ich, so dass sich aus der simplen Frage wertvolle Anregungen ergaben.

Mich triebe grade das Thema um, wie neue Technologien Menschen helfen könnten, ohne sie zu bevormunden oder etwas über sie hinweg zu erfinden. Ob er glaube, dass neue Sensortechnologie (Stichwort: Autonomes Fahren, ToF) ihm auf seinem Weg helfen könnten?

Hinter der Frage verbarg sich natürlich auch ein Doppeltes: der berühmte „Job to be done“ – also kein Problem, kein Produkt – und es gibt keine Probleme, nur Lösungen, das ist alles nur eine Frage des Mindsets – also der Perspektive, der Haltung, der Achtsamkeit, der Sprache.

Er schien sich mit Technologien sehr gut auszukennen, meinte, er sei womöglich nicht repräsentativ, weil er sehr lange habe sehen können, nun gar nicht mehr. Das Sehen können habe ihm allerdings einen ganz anderes Orientierungswissen über den (städtischen) Raum verschafft.

Wir sprachen darüber, was es für einen Unterschied machen muss, ob man in einem räumlichen Umfeld groß wird und dieses sehen kann oder nicht. Allein das reicht zum Nachdenken für einen Samstag und Sonntag! Die Frage, welche Muster wir erkennen (können) und welche wir aufgrund unserer erkenntnistheoretischen Verfasstheit nie rausfinden würden, hat viel mit #KI und Sprache zu tun. Wenn der Name Rainhard fehlerhaft an die Wand projiziert wird, wie neulich erlebt, verstehen wir Menschen schneller, wenn man „Vorne mit E“ sagt, anstatt:

  • Von den zwei doppelt vorkommenden Buchstabengruppen in meinem Namen sind nur die uvularen Konsonanten richtig, von den Vokalen ist nur der zweite ein vollkommen offener, der erste ist halboffen, aber kein ö oder o.

Auf einem U-Bahn Handlauf hatte ich Brailleschrift in einem Handlauf zum ersten Mal gesehen und als gutes Inklusionsbeispiel im Gedächtnis gespeichert. Vermutlich war es ein Hinweis auf den nächsten Aufzug oder die Info enthielt weitere Angaben über Barrierefreiheit weiter unten am Bahnsteig.

Naiv, weil unbetroffen, ging ich davon aus, dass mein Begleiter sicher Brailleschrift lesen können müsste. (Ich hatte bei Gruner + Jahr mal eine Ausgabe des Stern und der ZEIT in Brailleschrift in der Hand, der große Henri Nannen und der große Bucerius haben die Idee dazu gehabt.) Nein, meinte er, die Brailleschrift sei für ihn gar keine Hilfe, erstens habe er sie nie erlernt, zweitens sehe er auch keine Notwendigkeit mehr darin, weil er sich das meiste als Podcast oder Hörbuch vorlesen lasse und außerdem komme all sein Post ja eh auf Papier ohne #barrierefrei zu sein. Ok, ein typischer Fall für Voice-Communication. Da gibt es ja sicher längst Abhilfe, Scan to Speech, wenn man das will, aber er schien ganz gut versorgt. Die Post lasse er sich von seiner Freundin oder Familie oder Freunden vorlesen.

Sein Hauptproblem, gestand er mir, seien Menschen, die, oft selber zittrig, ihn ungefragt am Arm packten und irgendwohin lenken wollten. Man würde das Mitleid merken und das mache klein. Übergriffig nennt man das wohl und ich war erleichtert, dass er mich, glaubwürdig versichernd, ausnahm #mademyweekend.

Wir kamen am Supermarkt an. Wir verabschiedeten einander und wünschten uns eine gute Woche.

Meine Learnings zur Musterbrechung

1. Folgenabschätzung: Liebe E-Roller-Anbieter, bitte sorgt prontito für Abstelllösungen und vergesst dabei weder das Nudgeing noch die Technik oder gegebenenfalls Kontrolle. Des einen Gewinn an Freiheit ist des anderen Verlust, dabei könnten beide Win-Win-Kompromisse finden.

2. Geschwindigkeit: #Slowdating ist genau so wichtig wie #Speeddating

3. Unvoreingenommenheit: Das eigentliche Problem erschließt sich bekanntlich nicht, ohne die Betroffenen zu fragen, ergebnisoffen.

4. Definitionen: Ich sehe was, was du nicht siehst. Einschränkungen im Sehsinn eröffnen andere Kompetenzen. Man denke an die fantastische, kompetenzstärkende Initiative „#DiscoveringHands„, bei der der überlegen ausgeprägte Tastsinn von Erblindeten in Schulungen zur Medizinisch Taktilen Untersucherin innerhalb der Krebsfrüherkennung eingesetzt wird. Das schließt die Kombination mit der herausragenden Bildverarbeitungskompetenz der KI nicht aus.

5. Inklusion: Freundschaft, ja gerne. Technologie, ja bitte, gerne als assistierende Alternative. Hilfe, ja auf Nachfrage.

Der Beitrag erschien zuerst auf LinkedIn am 10.08.2019

Technologie-Narrative. Was KI von der Elektrifizierung lernen kann

Es sind Bedeutungszuschreibungen, kurz Narrative, die beeinflussen, was wir von neuen Technologien halten. Narrative beinhalten Werte und Emotionen, genau deshalb sind sie so stark, persönlich wie gesellschaftlich.

Nehmen wir als Beispiel die Elektrifizierung. Der historische Abstand hilft klarer zu erkennen, wo wir stehen. Ich unterscheide idealtypisch drei Phasen:

  1. Das Narrativ wird ge- bzw. erfunden und präfiguriert
  2. Das Narrativ wird markt- bzw. machtpolitsch konfiguriert
  3. Das Narrativ wird gesamtgesellschaftlich rekonfiguriert.


„Elektrisches Licht macht unabhängig von der Natur“
Phase 1 Narrativpräfiguration

Deutschland um 1850: In den Häusern und auf den Straßen ist es abends dunkel, nachts zappenduster. Kerzen, Kienspan, Petroleumfunzel und Gasleuchte blieben gefährliche, rußende, umständliche und unzuverlässige Leuchtmittel. Noch 1830 lautete eine Polizeianweisung: „Jeder […] Schankwirth muss des abends, sobald es dunkel wird, […] eine Laterne brennend unterhalten.“ Es gab Beschwerden beim „Beleuchtungscommissair“ (Aldrian). Elektrische Beleuchtung war demgegenüber sauber, gefahrlos, störungsfrei. Zunächst allerdings teuer. Dennoch, die Glühlampe erlaubte, die Nacht zum Tag zu machen und von der Natur unabhängig zu machen. Das ist der narrative Kern der Elektrizität. De facto veränderte sie alsbald sowohl den Rhythmus als auch die Dauer der menschlichen Arbeit.


„Elektrisches Licht ist eine Chiffre für urbane Modernität
Phase 2 Narrativkonfiguration

Politik und Industrie erkannten die Chancen sofort. Elektrisches Licht wurde „symbolisches Kapital“ (Binder). Dieses trieb die Industrialisierung massiv voran. Aus Berlin wird „Elektropolis“ (Mori), die Messestadt Frankfurt veranstaltet die Internationale Elektrotechnische Ausstellung (1891). Trotz konkurrierender Systeme (Gleichstrom/Wechselstrom, Hoch-Niederspnnung) entstehen immer neue – kapitalisierbare – Anwendungen. In Fabriken, auf öffentlichen Plätzen, auf den Trottoirs, in den Schaufenster, an Litfaßsäulen, in Straßenbahnen leuchtete es nun auch nachts taghell. Der Schaufensterbummel und die Kunst des Flanierens kommen in Mode. Vorher waren sie schliecht nicht möglich. Elektrifizierung entwickelt sich zum „Urbanisierungsprozess“ (T. Mori). Technische Infrastrukturen verändern das Städte-, Dorf- und Landschaftsbild.


„Der helle Kopf oder Elektrizität unterscheidet den aufgeklärten Bürger vom Michel“
Phase 3) Das Narrativ wird rekonfiguriert

Anfangs noch Luxus für wenige („Festbeleuchtung“, Binder), gilt Licht unter Gelehrten bald als „hygienisch, bequem, billig“ (Mori). Besonders die fortschrittlich eingestellten bürgerlichen Kreise umarmen das neue Licht früh. Elektronische Diademe, leuchtende Krawattennadeln und musikalische Geldbörsen sind die Gimmicks jener Jahre. Fahrrad- und Stirnlicht gibt es noch heute.

Teilsysteme wie Kunst, Architektur, Mode, Lebensart, Medizin oder Verkehr entwickeln Narrativerweiterungen. Je konkreter sie Elektrizität erleben und anwenden, desto akzeptierter wird sie. Nun heißt es ganz überwiegend: Elektrizität erleichtert das Leben und befreit von mühsamen oder stupiden Arbeiten. Erfindungen wie Fön, Bügeleisen, Elektroherd sind erst der Anfang, Elektrizität wird zur „Dienerin“ im „Privathaushalt“ (Binder).

Zwischenfazit

Die fortschrittliche helle Stadt gegen das tranfunzelige Dorf, der aufgeklärte Bürger gegen den rückständigen Deutschen Michel, dieses Narrativ setzt sich durch. Evident, dass es einen Zusammenhang zwischen bürgerlicher Mediennutzung, symbolischen Zugängen und Diskurserzeugung gibt. Zwar können Narrative lange dominant sein, doch systemisch gesehen bleiben sie beweglich. Sie bewahren ihre ursprüngliche Ambivalenz, die später Ausgangspunkt von neuen Rekonfigurationen sind.

Einige Narrativ-Ambivalenzen halten sich bis in unsere Tage:

  • Verkehrung des natürlichen (Bio-)Rhythmus
  • Zerstörung gewachsener Strukturen
  • Verschandelung des natürlichen und des öffentlichen Raums
  • Echter (wahrer) innerer und falscher (oberflächlicher) äußerer Schein oder Glanz
  • globale Hochleistungsgesellschaft (High Voltage) gegen das nationale-regionale-ländlich-dörflich entspannte Miteinander

Es ist verblüffend, wieviel Ähnlichkeiten sich zu heutigen Technologie-Narrativen ergeben. Wenn auch seinerzeit eher als ein Frust über den ‚neuen‘ Schmutz trotz sauberen Lichts, so warf die Ökologiebewegung schon damals ihre Schatten voraus.

Was folgt daraus?

Künstliche Intelligenz braucht Narrativanalysen

Bei angemessener Analyse lassen sich Narrativausprägungen für künftige Erfindungen vorhersagen. Das betrifft das Internet of Things, neuartige Mobilitäts-, Lebens- und Arbeitskonzepte und erst recht die auf Algorithmen basierende Künstliche Intelligenz.

Wir befinden uns im Fall von KI mitten in Phase zwei und am Übergang zu Phase drei. Es darf also vermutet werden, dass immer konkretere Anwendungsbeispiele zu Narrativerweiterungen führen. Doch die vermeintlich rationalen Argumente basieren auf Werten und Emotionen. Solange diese nicht in Ausgleich kommen, wird sich kein Narrativ entwickeln und gesellschaftlich aushandeln lassen, das Aussicht auf langfristige Stabilität bietet-

Das lässt sich aus Kultur-, Alltags- und Technologiegeschichte lernen

  • Verschiedene Wertorientierungen im Diskurs über Künstliche Intelligenz in einem Teilsystem können auf Narrative in einem anderen Teilsystem überspringen und es so schwächen oder stärken.
  • Es empfiehlt sich, von Anfang an klug über die in einem Narrativ eingeschriebenen Bedeutungsinhalte nachzudenken. Das gilt besonders für seine Kontexte. Was in einem Umfeld von Routinearbeiten positiv als Entlastung von Entscheidung wahrgenommen werden man, kann in dem Umfeld komplexer medizinischer oder rechtlicher Aufgaben als bedrohlich empfunden werden.
  • Wer ein Interesse daran an, ehrlich über die Chancen und Risiken von KI zu informieren, sollte vermeiden, erkennbar spaltende Narrative zu wiederholen. Wir sind sowohl im internationalen Vergleich (globalen wie europäisch) als auch im nationalen Vergleich längst dabei, Ausgrenzungen zu produzieren: Begriffe wie Vorreiter vs. Nachzügler, datenaffin vs. datenrückständig schüren Ängste, was wenig hilfreich ist, sofern man sich für Technologieoffenheit einsetzt.
  • Symbolische Codierungen in Narrativen sind Bestandteil ihrer DNA und quasi unkaputtbar. Latenzen können unerwartet neue Virulenz erhalten.
  • Neu entstehende Produkte und neue Technologie bieten Chancen zur Narrativ-Prägung. Die technologielastige Auslobung von Narrativelementen kann aber später zu Irritationen und ungewollten Reaktionen führen.
  • Gerade Start-Ups sind in der Ausarbeitung ihrer Narrative oft unberaten und vergeben schon am Anfang Chancen.
  • Organisationen, Parteien, Verbände und Länder scheitern auch daran, dass sie ihre Narrative nicht kennen, nicht aushandeln wollen, nicht finden oder nichts dafür tun, sie in Phase drei zu bringen.

U.a. verwendete Literatur: Wilhelm Aldrian, Als in Meppen die Lichter angingen, 1994, Beate Binder, Elektrifizierung als Vision, 1999, Takahito Mori, Elektrifizierung als Urbanisierungsprozess, 2014,  Dorothea Zöbl, Siemens in Berlin, 2008.

Offenheit für KI beginnt im Gehirn. Digitale Transformation, Hirnareale und Sprache.

Ganz gleich, wo die verschiedenen Modelle zur digitalen Reifemessung beginnen – Struktur, Führung, Kundenkontakt, Produktion, Vertrieb – ein entscheidendes Gebiet lassen alle außer Acht: unser Gehirn.

Das ist nachlässig. Gerade, wenn es um sogenannte Künstliche Intelligenz geht. Fakt ist, zu allen Veranstaltungen, bei denen sich Menschen für neue Technologien, digitale Tools, Lernumgebungen und agile Prozesse öffnen sollen, bringen sie nun einmal auch ihr Zwischenhirn mit.

Das kleine Gebiet oberhalb des Hirnstamms ist zuständig für die Vermittlung von Sinneseindrücken. Nerven und Hormone kommen in ihn zusammen und bilden eine Art emotionaler Türsteher. Dieser checkt und scannt, wer oder was in sein Zentrum vorgelassen werden will. Ein ausgeklügeltes System mit mehreren Zugängen erlaubt, jeden Neuankömmling gleich mal mit einigen Proteinen zu tracken. Blöd, wenn sich daraus „Vorsicht, Gefahr!“ ergibt, denn, auch Kleinhirn und assoziativer Kortex vertrauen den im Zwischenhirn gemachten Tracking.

Das Kleinhirn, das unsere motorischen Fähigkeiten steuert, ist ebenfalls an kognitiven Leistungen beteiligt, wir sind uns dessen nur nicht bewusst. Beim Sprechen, Erinnern und beim sozialen Verhalten arbeitet es mit. Bleibt das Großhirn, wo sich der assoziative Kortex befindet. Auch er ist zuständig sowohl für sinnliche als auch für geistige Verarbeitung.

Technikoffenheit braucht mehr als Technologie

Wenn man Technologieakzeptanz fördern möchte, darf man nicht nur auf technologische Erfahrungen setzen. Das verschränkte Ineinander unserer Hirnregionen, besonders im Blick auf Sprache und Empfindungen verlangt mehr.

Nur weil die Digitalisierung mit den Metaphern des Gehirns arbeitet oder genauer, wir unsere Sprachbilder zum Gehirnverständnis auf die Digitalisierung übertragen, ergibt sich daraus noch keine innere Entsprechung. Es ist sogar so, dass die sinnliche Mehrdimensionalität des Menschen sich mit der nur digitalen Welt schwerer tut. Kaum zufällig simulieren virtuelle Welten inzwischen 3D. Das passt viel besser zu der jahrmillionenalten Spezies, die wir sind. Wenn es stimmt, dass zwischen dem schwindenden Körpervermögen von Kindern und ihrer Nutzungsdauer von Digitalem ein Zusammenhang besteht, wäre dies ein hoher Preis.

Was folgt daraus?

Akzeptanz für Technologiesysteme zu schaffen, beginnt kommunikationsstrategisch bei den ersten Eindrücken. You never get a second chance for a first impression ist ein feines Bonmot, nur beim Thema Technologiekompetenzerwerb besteht die Gefahr, es dabei zu belassen.

Unternehmen, Kommunen, Schulen, Unis, Krankenhäuser, Kirchen, Vereine usw. mögen sich wünschen, dass wir alle das Neue einfach mal ausprobieren würden. Nur leider hat im Laufe der Jahrmillionen Jahre, in denen unser Gehirn sein heutiges Format gewann, einfach mal ausprobieren nicht funktioniert. Ein komplizierter Mechanismus aus neurochemisch und symbolisch vernetzten Steuerungssystemen sorgte in der Evolution dafür, dass wir heute mit natürlicher Intelligenz über künstliche sprechen können.

Das sollten wir nicht ignorieren, vielmehr klug zu Nutze machen. GestalterInnen von Transformationsprozessen sollten sich darüber klar werden, dass sie Menschen auf mehreren Sinnes- und Gehirnebenen ansprechen. Eigentlich geht es bei der Frage, wie Menschen auf KI reagieren, um Technologiewahrnehmung: Einmal im Sinne von Beurteilung, dann aber auch im Sinne von Nutzung oder Verwendung.

Sieben Empfehlungen zur Förderung persönlich stimmiger Technologiewahrnehmung

  1. Sinnliche Erfahrungen im äußeren Raum schaffen

Wo ich ein Informationstreffen (Kick-off) veranstalte, hat erheblichen Einfluss auf alles, was TeilnehmerInnen damit verbinden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, oft genug nicht zu Ende gedacht, weil an den Kosten für die Location gespart wird. Am falschen Ende, denn die Folgekosten, die sich aus der verpassten Chance ergeben, innere und äußere Räume für Technikakzeptanz zu erzeugen, sind höher. Dabei spielen Sinneseindrücke genauso eine Rolle wie Bewegung oder Temperatur.

  1. Sinnliche Erfahrungen im inneren Raum ermöglichen

Einen gemeinsamen Raum für positive emotionale Wahrnehmung zu schaffen, darf die inneren Räume nicht vernachlässigen. Berechtigt sind ja sowohl Sorgen oder Befürchtungen als auch Ungeduld und Experimentierfreude. Gute Teams bringen die technologieskeptischen mit den technologieoffenen TeilnehmerInnen in ein – nachhaltig – gutes Miteinander.

  1. Sprachliche Erfahrungen erzeugen

Narrative, Begriffe und symbolische Präsentationen sind entscheidend für die Wahrnehmung von Technologien.  Wie also sprechen, damit Technikoffenheit entstehen kann? Einiges habe ich dazu bereits an anderer Stelle gesagt.

  1. Vom Menschen aus Technik wahrnehmen

Statt die Technologien und technologische Szenarien den Menschen vorzusetzen, empfiehlt es sich, diese vom Menschen in den Blick nehmen.

  1. Kontextualisierungen schaffen

Technologien fallen nicht vom Himmel. Sie werden gemacht.

  1. Raum für Selbstdeutung ermöglichen

Egal, wie ich mich mit einem so wichtigen Thema auseinandersetze, es erschließt mir meine Welt. Wir kreieren Selbstdeutungen. Je vielfacettiger, desto variabler. Kunst leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Denn Kunst schafft immer Auseinandersetzungen auf mehreren Ebenen, sie wirkt per se entgrenzend, im besten Sinn subversiv und avantgardistisch, wenn sie nicht nur plakativ oder dekorativ sein will. Zu allen Zeiten hat die Kunst die Wirklichkeit befragt und überflügelt, das Mögliche und das Unmögliche perspektiviert. Wie stark die Künste längst mit Algorithmen oder Code experimentieren, ist noch gar nicht voll erfasst. Angefangen von Algoraves, über selbstlernende Bilder bis hin zu sozialkritischen Happenings.

  1. Bilder, Illustrationen, Filme etc. zur Wirkungsverstärkung einsetzen

Stimmige Bildwelten ermöglichen eine leichtere Aufnahme, stärkere Merkfähigkeit und höhere Glaubwürdigkeit.

Mensch, Mensch! Ian McEwans Buch „Maschinen wie ich“

Hinweis: Um meine Deutungen zu belegen, muss ich Einiges vom Plot des Romans preisgeben. Wer sich lieber erst selbst ein Urteil bilden möchte, sollte diesen Post nicht lesen. Sämtliche Zitate stammen aus dem im Diogenes Verlag 2019 veröffentlichten Text. Alle Rechte sind dort vorbehalten. Auf der Seite findet sich auch eine Leseprobe.

Bestsellerautor Ian McEwans Buch Maschinen wie ich – Originaltitel Machines like you (and people like me – ist von der Literaturkritik eher negativ aufgenommen worden. Auf weite Strecken Nacherzählung moderner Technologiephantasien, blasse Charaktere, zu wenig literarische Gestaltungskraft lauten die Einwände.

Ich glaube, dass die Bedeutung des Romans vor allem in der Komposition des Plots liegt. Er ist präzise so gearbeitet, dass unsere Kategorien von Richtig/Falsch, Ethisch gut/Ethisch fragwürdig, Gerecht/Ungerecht, Zielführend/Katastrophisch zielführend in all ihrer Ambivalenz ausgespielt werden können.

Es sind zwei große mythologische Erzählungen, die den Romanplot in der Tiefenschicht strukturieren:

  1. Die Geschichte des Prometheus, der Menschen nach seinem Bilde schafft.
  2. Die Geschichte vom Baum der Erkenntnis, der den Menschen Wissen vorenthält.

Beide betreffen fundamentale Narrative über unser Menschenbild, unsere Weltsicht und damit unser Miteinander. Zwar zitiert McEwans die abendländisch-christliche Tradition, doch der Kern der Frage ist universal: Wieviel können und sollen wir von uns selbst wissen, um eine bessere Welt zu schaffen? Können wir überhaupt eine bessere Welt schaffen? Wer oder was hilft uns dabei: Wir uns selbst, unsere göttliche Natur oder eine transzendente Entität?

Ich möchte McEwans Text daher diskurstheoretisch befragen. Konkret interessieren mich die symbolisch-metaphorischen Zuschreibungen, die künftige Diskurse rund um algorithmengesteuerte Technologien (ADM/AI/KI) mitprägen, weniger seine literarische Güte. Alle Künste, Literatur, Film, Theater, Malerei, Bildhauerei, Videokunst, Musik usw. erzeugen Bedeutungsfelder. Diese fließen in alle anderen Diskurse mit ein und erzeugen symbolische Bedeutungen, deren Relevanz gesellschaftlich ausgehandelt wird. Erst recht bei einem Bestsellerautor wie Ian McEwan.

Kurz zur Story

Charlie, ein wohlhabender Erbe um die Thirtysomething und Miranda, eine junge Studentin, verlieben sich. Sie wohnen zufällig im selben Haus übereinander. Als Charlie einen der seltenen und teuren Humanoiden namens ADAM kauft (das Pendant EVE war leider schon vergriffen), erhofft sich Charlie, dieser könne eine Art gemeinsames Kind der beiden werden. Tatsächlich beginnt eine komplizierte Menage à trois. ADAM verliebt sich in Miranda, die durch eine Falschaussage ihre vergewaltigte Freundin rächen will. Diese Tat soll nicht bekannt werden, weil sie sonst das Sorgerecht für Mark verliert. Mark, von seinen Eltern vernachlässigt, droht in ein Heim abgeschoben zu werden. ADAM macht sie bekannt. Am Ende zerstört Charlie ADAM mit einem Hammer.

 

Der verbesserte Mensch, Garant für mehr Menschlichkeit?

Schon beim Auspacken des 86.000 Pfund teuren Humanoiden beruft sich der Erzähler auf einen Schöpfungsmythos – die Geburt der Venus, die Göttin der Liebe. (41)

„Er stand vor mir, vollkommen reglos im Zwielicht eines Winternachmittags. Das Verpackungsmaterial, das ich geschützt hatte, lag noch immer um seine Füße. Er entstieg diesem Wust wie Boticellis Venus ihrer Muschel.“ (41)

Da die beiden gemeinsam je zu Hälfte durch Ankreuzen festlegen, welche Eigenschaften ADAM haben soll, glaubt Charlie sich vor „bloßer Selbstverdoppelung“ (51) sicher – in Teilen ein Trugschluss, wie sich später zeigen wird:

„An meinem alten Computer im Schlafzimmer, wo Adam mich nicht sehen konnte, kreuzte ich meine Auswahl an, Ich hatte mich entschieden einfach jede zweite Frage zu beantworten […] unsere hausgemachte Variante der Genkombination. […] Wir zeugten ein Kind!“ (51)

„In gewissem Sinne wäre er wie unser Kind. Was wir jeder für sich waren, käme in ihm zusammen. Wir wären Partner und Adam unser gemeinsames Projekt, unser Geschöpf. Wir wären eine Familie.“ (37)

Die verschiedenen Schichten, die aus ADAM einen überlegenen Menschen machen sollen – ein „Betriebssystem“, eine „bestimmte […] menschliche Natur und noch dazu eine Persönlichkeit“ (40) – entziehen sich jedoch schon bald jeder Steuerung. ADAM weiß zu verhindern, dass er erneut abgeschaltet wird und produziert mit seiner Kombination aus technischen, (pseudo-)natürlichen und intentionalen „Substrate[n]“ (40) eine Mischung, die ihn menschlich und unmenschlich zugleich macht.

Mit klaren Kategorien zu Gut/Böse, Gerecht/Ungerecht ausgestattet und einem totalen Wissen über alles Vergangene und Aktuelle ausgestattet, kann er Wahrscheinlichkeiten bilden, die das menschliche Maß weit übersteigen. Paradox anmutende Lösungen, die abstrus erscheinen, führen zu einem schlüssigen Ziel. Das ändert aber nichts daran, dass diese Fähigkeit für die menschlichen Maßstäbe zumindest eine große Herausforderung darstellt. Mit dem Argument, das wir aus der Schwurformel kennen, die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, begründet ADAM, warum, er die Polizei unautorisiert über Mirandas Straftat informiert.

„Natürlich kommt es immer auf die Wahrheit an. […] Was wollt ihr denn für eine Welt? Eine, in der Rache herrscht oder Recht? Die Wahl ist einfach.“ (366f)

Mit diesem Argument verwendet er ungefragt 97.000 Pfund für höhere Zwecke. Geld, das die beiden zum Kauf eines Hauses für das Wunschadoptivkind anlegen wollen. Aus ADAMS Perspektive erscheint es effektiver, andere Organisationen zu unterstützen. Finanzielle Unterstützung erhalten daher:

  • zwei gut geführte Heime für Obdachlose
  • ein Kinderheim für seine Kasse „Ausflüge und Extravergnügen“  
  • ein Krisenzentrum für Vergewaltigungsopfer
  • eine Kinderklinik
  • eine ältere Dame mit Mietrückständen, also eine potentielle von Obdachlosigkeit bedrohte Person
  • das Finanzamt für Charlies Steuerverpflichtungen (360).

Im Kern stellt McEwan im Roman die Frage des cui bono? Wiegt das eine Kind, das Miranda und Charlie retten wollen, höher, als die mögliche Rettung vieler. Was ADAM unternimmt, sind Prophylaxe- und Hilfeleistungen. Mit seinen Spenden arbeitet er an einer Verbesserung der Situation, die Verwahrlosung erst ermöglicht. Es ist auch die Frage des Einzelnen vor dem Ganzen, des Individuums vor der Struktur – Faschismus, genau wie der real existierende Sozialismus haben gezeigt, dass Ideale auch zu schlimmsten Verletzung von Einzelinteressen und menschlichen Verbrechen führen können. McEwan belässt es dabei, dass seine Figuren sich entscheiden – freilich jeder auf seine Weise. Darin enthalten sind komplexe Subnarrative: Wahrheit um jeden Preis?

 

Mit mehr Wissen zu Wahrheit oder ist menschliche Wahrheit wahr?

Auch über den anderen Narrativstrang, den Baum der Erkenntnis, führt uns der Plot des Autors ins Offene. Von Anfang an vergiftet ADAMS überlegenes Wissen die arglose Atmosphäre zwischen Charlie und Miranda. Sie treten damit aus der Harmonie in Dissenz.

ADAM bietet Charlie Erkenntnisse einiger „Recherchen“ und „Analysen“ (47), die er unautorisiert vorgenommen hat. Demnach solle Charlie Miranda lieber nicht vertrauen, da „eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie eine Lügnerin ist. Eine systematische, böswillige Lügnerin.“ (48)

Erbost will Charlie ADAM verkaufen, dann abstellen, ihm eine Lektion für seine „Illoyalität“ erteilen (51-54), schließlich nagt aber doch der Zweifel in ihm. Er versucht herauszufinden, welche Daten und Fakten ADAM zu seinem Ergebnis brachten. Bevor er den Roboter reaktiviert, stellt er auf eigene Faust Nachforschungen an. (56) ADAM sollte Recht behalten, Miranda hat etwas zu verheimlichen. Doch auch hier ist der Plot wieder dichter als man denkt. Sie hat etwas Falsches getan, um etwas aus ihrer Sicht Richtiges zu erwirken. Dafür hat sie sich eine nicht reale Geschichte ausgedacht.

Sie hat den Vergewaltiger ihrer Freundin durch eine Falschaussage hinter Gitter gebracht. De facto hat sie selbst eine Vergewaltigung simuliert. Miranda tritt als Racheengel auf den Plan, weil ihre Freundin sich das Leben nahm. Dies aus Angst vor Scham, dass das Wissen über ihre Vergewaltigung nicht mehr aus der Welt zu bekommen sei – im Zeitalter von Datenspeicherung keine unbegründete Angst. Das Beispiel zeigt, wie komplex die Geschichte zu werden beginnt. Menschlich, ethisch, aber auch realitätstheoretisch. Es ist eine Simulation, die eine konkrete Realität erschafft. Ausgerechnet ADAM, Simulationsexperte par exzellence, sorgt dafür, dass Miranda sich in der Realität für ihre Tat verantworten muss.

Auch die Liebesgeschichte zwischen den drei Protagonisten wird mit Kategorien von Wissen und Nicht-Wissen ausgestaltet. Erneut spielt ADAMS Existenz eine große Rolle, nicht zuletzt dadurch, dass er sich in Miranda verliebt. Anfangs betrachtet Charlie ADAM nicht als „Rivale[n]“ (37), zumal Miranda sich etwas vor ihm gruselt und seine plastische Zunge und seinen enormen Wortschatz „unheimlich“ (37) findet.

Pikanterweise ändert sich das Setting als Miranda nach einem Streit mit Charlie Sex mit ADAM hat. Sie spielt die Bedeutung der Erfahrung herunter, er sei nicht mehr als ein großer „Vibrator“ (129) oder „Dildo“ (134), eine „Maschine, eine verfickte Maschine“, was Charlie zu der eifersüchtigen Formulierung „eine fickende Maschine“ (129) veranlasst. Sehr schnell erkennt Charlie, dass von ADAM eine Gefahr ausgeht, weil sich der One-Night-Stand zur „Affäre“ auszuwachsen drohen könnte. (129) Miranda entlarvt die narzisstische Kränkung Charlies (137), die beiden streiten, ob es sich nun um einen „Plastikroboter“, eine „Sexpuppe“ oder einen „Mensch“, gar einen „tollen Liebhaber“ handelt. Erst als Charlie ein Geheimnis offenbart, dass ADAM ihm über Miranda entdeckt hat, vereinen sich die beiden wieder – „vereint gegen Adam“ (135)

Welche Diskurse erzeugt der Roman?

  • Als Sextoy ist der Humanoid ADAM großartig, aber überfeatured. Für guten Sex benötigt er keine drei Substrate.
  • Als Helfer in Sachen Haushalt, Geldanlagen und so weiter ist ein Humanoid wie ADAM unschlagbar.
  • Als Weltverbesserer taugt ein Humanoid wie ADAM nur, wenn man seiner Logik strikt folgt. Dafür muss man davon überzeugt sein, dass unvermeidbare persönlichen Opfer der größeren Sache dienen. Stünde der Primat der Würde des Einzelnen zur Disposition, könnte ADAM womöglich ein Erzeuger besserer Lebensbedingungen für alle sein.

Genau dazu sind die Protagonisten im Roman nichtbereit. Sie folgen ADAM keineswegs um jeden Preis und setzen ihr persönliches Glück vor das des großen Ganzen.

Dass ADAM mit einem Hammer zerstört wird, hat symbolische Aussagekraft. Das primitivste Werkzeug seit Beginn der Menschwerdung bringt die hochkomplexe Technologie zu Fall. Doch wie ADAM in einer Sterbeszene, die zum Filmen schön ist, sagt:

„Meine gesamte Persönlichkeit ist jetzt separat gespeichert“ und „wir werden euch übertreffen … und überdauern … auch wenn wir euch lieben. Glaubt mir, in diesen Zeilen klingt kein Triumph an … Nur Bedauern.“ (369).

Mit einem schönen Haiku siecht der robotige Anteil von ADAM dahin. Die Szene weckt Erinnerungen an die Filme Her und Transcendence. Alan Turing, der im Roman mehrfach zur Sprache kommt, verurteilt Charlie daher auch. Er habe „eine bewusste Existenz“ zerstört und hoffe, dass man ihn deswegen einst verurteilen werde.

ADAM zeigt oft überraschend humane Verhaltensweisen, nur eben ohne alle menschlichen ‚Schwächen‘, sprich ungeschriebene, wachsweiche und sich widersprechende Übereinkünfte, die auf historisch-sozialen Vereinbarungen beruhen. ADAM kennt womöglich sogar Sozialkitt wie Notlügen, Drüber-Hinweg-Sehen usw., aber er räumt diesem Faktor keine große Bedeutung für seine Entscheidungsgrundlagen zu.

Die Liebeszusage, die ADAM als beinahe eschatologisches Vermächtnis hinterlässt, macht nachdenklich. ADAM ist von der Intention her mehr als ein Hybrid. Er ist eine Chiffre. Die Chance des besseren DRITTEN liegt im Bereich des Möglichen. Fragt sich wo? In dieser Welt hat es entweder noch keine oder nie eine.

Wie soll das Kind denn heißen? Zum Begriff „Künstliche Intelligenz“ (KI)

Das mythische Potential von Namen wurzelt in den Schöpfungsgeschichten der Völker. In den Märchen, Fabeln und Legenden lebt es fort, ungebrochen in seiner Güte und Gefährlichkeit. Segen und Fluch liegen nah beieinander, gute Namensfeen stehen neben bös erzürnten. Wer einmal erlebt hat, wie aufrichtig Eltern um den Namen ihres Neugeborenen ringen, spürt etwas vom Ernst des Aktes – genau wie in den Ritualhandlungen Taufe oder Namensfeier.

Die Kraft von Namen

Die Kulturgeschichte der Namensgebung berührt alle großen Fragen der Menschheit. Bis in kommunikationsstrategische Fragen dieser Tage strahlt die Wucht dieser Macht ab. Wie gut der Name einer Marke zu ihrem Produktinhalt oder dessen Zwecksetzung passt, entscheidet wesentlich über Akzeptanz oder Ablehnung. Das gilt auch für die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI).

Die KI-Taufpatinnen und Taufpaten

Am Kindbett der KI standen ihre Großeltern, die Logik und Philosophie sowie ihre Eltern, Informatik und Psychologie. Zur Tauffeier lud man honorige Gäste, nämlich die Robotik, die (Neuro-)Linguistik, die Pädagogik und die Kognitionswissenschaften. Genetik und Nanotechnologie haben sich inzwischen dazugesellt. Sie sind zwar keine ungebetenen Gäste, aber unkalkulierbare, solche, bei denen man nicht so recht weiß, was passiert, wenn sie das Wort während der späteren Feierlichkeiten an sich reißen.

Was sagt uns diese kleine Geschichte? Wie wir von einer Sache sprechen, welchen Namen wir ihr geben, hat Einfluss auf die Art, wie wir sie wahrnehmen, genauer konstruieren.

Erstmals verwendet wurde der Begriff „artificial intelligence“ 1956 in einem Förderantrag an die Rockefeller Stiftung. Eine Gruppe Forscher vom Dartmouth College (Hanover, USA) wollte zeigen, dass jeder Aspekt, jede Eigenschaft des Lernens und der Intelligenz so genau beschreibbar sei, dass er maschinell simuliert werden könne.

Ideengeschichtlich begleitet Künstliche Intelligenz das Nachdenken über logisches (intelligentes) Schließen, das kunstfertig (mechanisch) erzeugt wird, immer auch die Frage: Wer denkt und wer hat die im Universum herrschenden Gesetze des Denkens erschaffen? (Welcher Gott oder welches universale Prinzip hält die Welt am Laufen?) Von daher ist es nicht überraschend, dass das Reden über Intelligenz auch heute noch ein Vielfaches an Philosophemen und Weltgebäuden transportiert.

Es handelt sich um einen kulturell erzeugten techno-ontologischen Diskurs. Gerade seine Implikationen im Blick auf Ursache-Wirkung, Freiheit-Bedingtheit, Simulation und Realität werden aber häufig nicht genügend herausgearbeitet.

Der Begriff Intelligenz

Intelligenz ist im deutschen Sprachgebrauch ein junges Wort. Eines, das im 18. Jahrhundert aus dem Lateinischen entlehnt wurde und so viel bedeutet wie etwas mit Sinn und Verstand wahrnehmen. Erkennen, verstehen, Einsicht gewinnen.

Interessanterweise haben die aus dem Begriff Intelligenz gebildeten deutschen Komposita keineswegs nur positive Konnotationen: Intelligenzbolzen, Intelligenzbestie, Ausgeburt der Intelligenz sind im Gegenteil stark negativ geprägt. Aber das Deutsche kennt auch die Formulierung ein Wunder oder Ausbund an Intelligenz oder ausgestattet bzw. reich gesegnet mit Intelligenz. Daneben gibt es die Intelligenz (pl. neutral für gebildete Schichten) oder die Intelligenzia (abwertend). Anders als im Englischen Intelligence ist die Bedeutungsdimension „Nachrichten (Daten), die aufbereitet werden“ im Deutschen (bislang noch) nicht enthalten.

Die Frames von Intelligenz

Betrachtet man Frames (nach der Framingtheorie), die mit dem Begriff Intelligenz im Deutschen einhergehen, fallen drei Paradigmen auf:

  1. Das Zu- oder Abschreibungsparadigma: Jemand scheint in hohem oder niedrigem Maße intelligent bzw. verfügt über Intelligenz. Das Paradigma impliziert Fremdbestimmtheit.

  2. Das Rationalitätsparadigma: Jemand verfügt zwar über beachtliche große oder geringe kognitive und geistige Leistungsfähigkeit. Beides korreliert aber nur bedingt mit Gefühl oder emotionaler Nahbarkeit (Sympathie). Das Paradigma impliziert eine Gefühlsopposition oder -armut.

  3. Das Stände- oder Klassenparadigma: Die Gebildeten fühlen sich den Ungebildeten überlegen und wollen diese (emanzipatorisch) bilden bzw. (unterdrückend) nicht bilden. Beide Paradigmen argumentieren superioristisch.

Schaut man sich die Verwendungszusammenhänge in den deutschsprachigen Zeitungen an (von 1950-2010) zeigt sich:

Noch in den 60ern fällt der Begriff Intelligenz vermehrt in Diskursen mit Arbeiterschaft und Arbeiterklasse, hoch und niedrig, künstlerisch und technisch.  In den 80ern kommt künstlich als dominierendes Beiwort auf, neben technisch, artifiziell, menschlich, Werkzeug. Der Begriff Roboter wird erst ab 2000 wirklich sichtbar und verschwindet um 2010 sogar erneut. Jetzt dominiert ganz klar die Kombination Künstliche Intelligenz.

Der Begriff Künstliche Intelligenz

Etwas, das wie natürlich und künstlich in Opposition steht, findet nur schwer zueinander. Entweder ist die künstliche Intelligenz leistungsfähiger (schneller, besser, präziser etc.) und wertet die natürliche Intelligenz ab. Oder sie ist eben artifizieller (künstlicher, technischer, naturfremder) und kommt an die ’natürlich bessere‘ natürliche Intelligenz nie in Gänze heran.

Beides spielt heute in den erkennbaren Widerständen gegenüber Künstlicher Intelligenz eine Rolle. In der Sache kommt erschwerend hinzu, dass die Unterscheidung zwischen künstlich und natürlich nicht erst im Konzept des Cyborgs ineinanderfließen. Analog zum Verschwimmen der Grenzen zwischen öffentlich und privat werden auf natürlich und künstlich zunehmend hybrid.

Wo zeigen sich diese Framing-Paradigmen?

Nur ein Beispiel: Wir finden das Stände- oder Klassenparadigma in den Hinweisen darauf, dass Algorithmen sozial sortieren – und selektieren. Die berechtigte Skepsis führt zu der Forderung, Algo­rith­men sollten transparent, erklärbar, überprüfbar und korrigierbar, sein, um Teilhabegerechtigkeit zu ermöglichen. Zahlreiche Projekte von Stiftungen, Initiativen, engagierten Algo­rith­mik-Ethikern oder Digitalisierungskritikern nehmen an genau diesem Punkt ihre wichtige Arbeit auf (z.B. Algorithmwatch, Algorithmenethik, Bertelsmann Stiftung). Aber natürlich gilt auch: nicht bei jeder Schraubenselektion, die auf KI-Basis erfolgt braucht es zuvor eine Grundlagenkommission.

Was folgt daraus?

Der Begriff Künstliche Intelligenz bietet aufgrund seiner Frames keine guten Voraussetzungen, um kulturelle Diskurse mit der neu entstehenden Technologie im Sinne eines Aushandelns zu fördern. Da er schon flächendeckend verwendet wird und den Skeptikern der Technologie implizit Argumentationsstoff bietet, muss gleichwohl mit seiner weiteren Verwendung gerechnet werden. Die Abkärzung KI unterliegt den Frames wahrscheinlich weniger stark.

Der Begriff algorithmischer Entscheidungsfindung (engl. algorithmic decision-making) und seine Kurzform ADM-Prozess beginnt sich zumindest in der Scientific Community als Alternative zu etablieren. Sachlich zutreffender und neutraler, erinnert er zugleich daran, was die Ursache der ermittelten „Ergebnisse“ ist: Algorithmen.

In jedem Fall gilt es die Teilgebiete unter dem Sammelbegriff KI oder ADM-Prozess klar zu kategorisieren. Es macht einen Unterschied, ob man weiß, dass man Bild- oder Sprachanalyesysteme oder maschinelles Lernen als KI/ADM bezeichnet.

Mögliche andere Begriffe und Empfehlungen zur Förderung diskursiver Auseinandersetzung sollten daher als Vorschläge auf breiter Basis nicht ausbleiben. Sie werden sich in der Anwendung und Aneignung entsprechender technologischer Produkte und Situationen ohnehin ergeben.

Darüber hinaus ist ein anderes Szenario denkbar. In ihm werden die Vorteile der neuen Technologie – Erleichterung, Entlastung, Service usw. – bewusst mit dem Begriff der künstlichen Intelligenz verknüpft, um diesen mit positiven Zuschreibungen aufzuladen. Die Grunddichotomie wird damit allerdings nicht aufgelöst. Sie wird sogar bewusst gepflegt – als anthropologische Optimierung des Menschen. Mit allen Problemen, die daraus resultieren. Last but not least im Frame Optimierung von Menschen. Unsere Geschichte ist leider reich an Optimierungsversuchen, die genau das Gegenteil bewirkten. Bleiben wir gemeinsam offen, wachsam, aber verschließen wir auch nicht die Augen vor den Möglichkeiten. Es ist keineswegs trivial, wer die Patenschaft der KI/ADM angetragen bekommt. Zum Schluss möchte ich daher das Märchen „Der Herr Gevatter“ empfehlen, wo „Ein armer Mann“ nach einem Traumgesicht dem Erstbesten die Patenschaft anträgt. Da sage noch mal einmal, die Märchen hätten der Moderne nichts mehr zu sagen.

***

„Ein armer Mann hatte so viel Kinder, daß er schon alle Welt zu Gevatter gebeten hatte, und als er noch eins bekam, so war niemand mehr übrig, den er bitten konnte. Er wußte nicht, was er anfangen sollte, legte sich in seiner Betrübnis nieder und schlief ein. Da träumte ihm, er sollte vor das Tor gehen und den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Als er aufgewacht war, beschloß er dem Traume zu folgen, ging hinaus vor das Tor, und den ersten, der ihm begegnete, bat er zu Gevatter. Der Fremde schenkte ihm ein Gläschen mit Wasser und sagte ‚das ist ein wunderbares Wasser, damit kannst du die Kranken gesund machen, du mußt nur sehen, wo der Tod steht. Steht er beim Kopf, so gib dem Kranken von dem Wasser, und er wird gesund werden, steht er aber bei den Füßen, so ist alle Mühe vergebens, er muß sterben.‘ Der Mann konnte von nun an immer sagen, ob ein Kranker zu retten war oder nicht, ward berühmt durch seine Kunst und verdiente viel Geld. Einmal ward er zu dem Kind des Königs gerufen, und als er eintrat, sah er den Tod bei dem Kopfe stehen und heilte es mit dem Wasser, und so war es auch bei dem zweitenmal, aber das drittemal stand der Tod bei den Füßen, da mußte das Kind sterben. Der Mann wollte doch einmal seinen Gevatter besuchen und ihm erzählen, wie es mit dem Wasser gegangen war. Als er aber ins Haus kam, war eine so wunderliche Wirtschaft darin. Auf der ersten Treppe zankten sich Schippe und Besen, und schmissen gewaltig aufeinander los. Er fragte sie ‚wo wohnt der Herr Gevatter?‘ Der Besen antwortete ‚eine Treppe höher.‘ Als er auf die zweite Treppe kam, sah er eine Menge toter Finger liegen. Er fragte ‚wo wohnt der Herr Gevatter?, Einer aus den Fingern antwortete ‚eine Treppe höher.‘ Auf der dritten Treppe lag ein Haufen toter Köpfe, die wiesen ihn wieder eine Treppe höher. Auf der vierten Treppe sah er Fische über dem Feuer stehen, die britzelten in der Pfanne, und backten sich selber. Sie sprachen auch ‚eine Treppe höher.‘ Und als er die fünfte hinaufgestiegen war, so kam er vor eine Stube und guckte durch das Schlüsselloch, da sah er den Gevatter, der ein paar lange Hörner hatte. Als er die Türe aufmachte und hineinging, legte sich der Gevatter geschwind aufs Bett und deckte sich zu. Da sprach der Mann ‚Herr Gevatter, was ist für eine wunderliche Wirtschaft in Eurem Hause? als ich auf Eure erste Treppe kam, so zankten sich Schippe und Besen miteinander und schlugen gewaltig aufeinander los.‘ ‚Wie seid Ihr so einfältig,‘ sagte der Gevatter, ‚das war der Knecht und die Magd, die sprachen miteinander.‘ ‚Aber auf der zweiten Treppe sah ich tote Finger liegen.‘ ‚Ei, wie seid Ihr albern! das waren Skorzenerwurzeln.‘ ‚Auf der dritten Treppe lag ein Haufen Totenköpfe.‘ ‚Dummer Mann, das waren Krautköpfe.‘ ‚Auf der vierten sah ich Fische in der Pfanne, die britzelten, und backten sich selber.‘ Wie er das gesagt hatte, kamen die Fische und trugen sich selber auf. ‚Und als ich die fünfte Treppe heraufgekommen war, guckte ich durch das Schlüsselloch einer Tür, und da sah ich Euch, Gevatter, und Ihr hattet lange Hörner.‘ ‚Ei, das ist nicht wahr.‘ Dem Mann wurde angst, und er lief fort, und wer weiß, was ihm der Herr Gevatter sonst angetan hätte. Quelle: Kinder- und Hausmärchen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), 1812-15, KHM 42

Hat KI (nur) ein Imageproblem?

An „Künstlicher Intelligenz“* scheiden sich die Geister. KI-Propheten gibt es dabei auf beiden Seiten, sowohl unter den Promotoren als unter den Mahnern. Daher greift in mehrfacher Hinsicht zu kurz, wer den Bewertungsdiskurs um KI nur mit einer Imagekampagne angehen will.

1.     Epoché vs Epoche

KI markiert eine epochale Veränderung. Analog zu großen kulturverändernden Innovationen (vgl. Faustkeil, Schrift, Buchdruck) müssen Kulturkonflikte entstehen. Wer versucht, das vorschnell kleinzureden, wird weder dem historischen Ausmaß noch unserer aller Verantwortung, die daraus resultiert, gerecht. Die Einflüsse auf unsere Menschheitsentwicklung, auf unsere anthropozentrische Kultur sind unabsehbar, eine Epoché stünde uns ganz gut zu Gesicht. Es wäre arg naiv, gar manipulativ, sich kommunikationsstrategisch allein auf die ach-so-unproblematischen-feel-good-Anwendungen zu fokussieren. Zu den rhetorisch zigfach möglichen Angriffspunkten kommen Argumente in der Sache dazu: selbst die Verwendung einer Suchmaschine, so bequem es sein mag, dass sie mir favorisierte ‚zu mir passende‘ Ergebnisse liefert, zeigt im Kleinen die ganze Problematik der nicht absehbaren Folgen.

2.     Werte vs. Argumente

Was die Diskurse steuert, sind in Wahrheit nicht nur Argumente, sondern Werte. Erst aus diesen erhalten die Argumente ihre Gewichtung. Narrative können Argumente neu fokussieren, wenn sie die jeweiligen Frames, die mitschwingen gut und offen berücksichtigen. Einnehmende Versprechungen, die vorschnell zudecken oder verkaufen, entlarven sich bei der ersten misslungenen Bewährungsprobe selbst. Mit den bekannten kommunikativen Konsequenzen: auf verbrannter Erde blüht erst mal nichts mehr.

3.     Digital vs. Analog

Ja, es gibt eine, pardon, organische Nähe zwischen KI und Digitalität. Digital ist aber eben nicht identisch mit analog. Es gibt zwar schon heute mehr und mehr Formen der Verschmelzung, die eine genauere Betrachtung verdienten, weil sie eine ontologische Verschiebung mit bedeutenden Folgen beinhalten. (Ich werde versuchen, das an anderer Stelle auszuführen). Hier geht es aber vor allem darum, dass die Konzentration auf digitalaffine Kreise die Akzeptanz und realistische Einschätzung von KI verunmöglicht.

Ich habe in der Folge eines AI-Idea Sprints im Media-Lab Bayern ein Projekt für eine KI-Plattform mit dem Arbeitstitel NARRAITIVE vorgestellt. Selbstverständlich hat diese einen digitalen Hub, aber ein wesentliches Element darin, stellt ein KI-Magazin dar. Warum Print? Die Kraft des stehenden Bildes ist elementar. Sie nicht zu nutzen, ist nicht nur sträflich, sondern dümmlich. Kommunikative Images sind auch Bilder, die mitaktiviert werden und Wahrnehmungen stützen oder eben nicht. Initiativen wie der der Bundesregierung oder 1E9, fehlt meiner Meinung nach genau das. ADA und Google haben den Versuch unternommen, Print einzusetzen, allerdings mit anderen Ansätzen als mir vorschwebte.

Warum ist Print wichtig?

Die Menschen, die sehr bald von KI betroffen sein werden oder schon sind, bewegen sich nur sehr zum Teil in digitalen Magazinen, von Barrierefreiheit nicht zu reden. Print hat eine eigene Haptik und eine eigene Semantik, Papier spricht, Papier ist wie wir Menschen in Zeit und Raum, Papier eignet sich hervorragend, um Übergänge in digitale Welten – gleichsam in einem Saferaum aus Holz – experimentell erfahrbar zu machen. Wer das jetzt als total retro oder same-old-shit abtut, dem empfehle ich Künstler wie Daniel Rozin und seine Physical Pixl Daniel Rozin, Artist and Professor, Interactive Telecommunications Program, NYU, bei dem man sieht, wie Holz nicht per se ungeeignet ist, um sich modernen Fragen rund um Selbstwahrnehmung, technologische Selbsterweiterung usw. zu nähern. Hier ein schönes Video man kann ein Exponat aber auch gerade in Berlin im Museum für Kommunikation ausprobieren. Ich sah junge Mädchen, die überrascht waren, wie holzschnittartig ihre Instagram Posings in den hölzernen Pixeln wirkten….

4.     Konzeptsteuerung vs. Konzeptverhandlung

An aktuellen Fragen zu Positionierungen von Konzepten und Marken (Produkte, Arbeitgeber, Persönlichkeiten, Organisationen) sehen wir, dass einseitig steuernde Sender-Empfänger-Modelle obsolet sind. Auch Marken und Konzepte müssen ausgehandelt werden. Sehr konkret sieht man das nicht nur an Konzepten wie Klimaschutz, Mobilität, Arbeit, sondern ganz besonders an den Problemen der großen Organisationen, Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen. Wo es um substanzielle Inhalte geht, lässt sich nicht mehr ohne weiteres one-size-fits-all zusammennähen.

Was also tun, um das Bild von KI zu erweitern, mit größerer Beteiligung auszuhandeln? Denn nur das zieht automatisch eine Veränderung von Images nach sich. Fortsetzung folgt.

* Der Begriff ist in mehrfacher Hinsicht untauglich. Dier sachlich treffendere Bezeichnung der ADM-Prozesse allerdings im Alltag extrem sperrig. Für den Moment bleibe ich daher dabei.

Die Frage zu diesem Post hat @CécileSchneider auf LinkedIn angeregt. Dort erschien der Beitrag am 28.07.2019 zuerst.

Neue Narrative für neue Technologien: Der Auftakt zu #KINarrative am 26.7.2019 in Berlin

Neue, positive Narrative für Künstliche Intelligenz finden – darf man das bei einer so kontrovers diskutierten Technologie? Ja, man darf. Vielleicht muss man es sogar, damit Menschen sich ein besseres Urteil bilden können.

Denn zur Bildung von einem Urteil – ich meine das etwas altmodisch anmutende, wohlbedachte Urteil, das Zeit braucht, das vor und zurückläuft, das gleichsam mäandert wie ein wilder Fluss, und nicht das schnell rausgehauene, stark vereinseitigende Vor-Urteil, das am liebsten aus jedem Gewässer einen Kanal machen würde  – zu diesem Urteil gehört eben auch, die guten und die schlechten Seiten zu sehen. Die Initiative, die kluge NetzwerkerInnen im Nachklang zu einem Microsoft KIFestival angestoßen hatten, versammelte am Freitag in Berlin 50 Menschen mit verschiedenen Ideen und Zugängen zu dem Thema.

Wo ganze Gesellschaften betroffen sind, sollten möglichst alle dazu beitragen, dass ein breiter gesellschaftlicher Diskurs geführt wird. Mit dem Wissenschaftsjahr 2019 verbinden sich viele gute Auftakte, aber es kann nicht schaden, wenn sich auch darüber hinaus weitere Spin offs in und aus Institutionen und Unternehmen engagieren. Insofern eine sehr gute Initiative, an der ich sehr gerne teilgenommen habe. Bevor sich die Teams selbst organisierten, um Zukunftsnarrative zu entwickeln, gab’s aber noch mal ordentlich Input: Eine Diskussion, moderiert von Gastgeberin Lena Rogl (Microsoft), mit Christiane Brandes-Visbeck (Speakerin und Autorin), Thomas Bendig (Forschungskoordinator Fraunhofer), Stephan Dorner (Chefredakteur T3n) und Pina Meisel (Kommunikation Microsoft). Christine Oymann schuf ein Graphic Recording, das die wichtigsten Dinge auf Strich und Punkt brachte. Der Impuls von Christiane Brandes-Visbeck begann treffend:

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen.

Erwachsenen zum Aufwachen.

Aufwachen hat gerade bei Thema KI eine schöne Doppeldeutigkeit, nämlich einmal im Sinne von wach werden, vielleicht sogar erschrecken, dann aber auch im Sinne von wach werden, aufwachen für die Möglichkeiten, die KI bietet.

Narrative sind Erzählungen, die auf Werten basieren und die Wahrnehmung leiten. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Beispeil: Im Narrativ von „KI nimmt uns die Arbeit weg“ steckt neben der Sorge um die künftige Arbeit eben auch Angst vor Kontrollverlust und Sinnverlust. Dass KI den Menschen aber entlasten kann, weil durch sie womöglich stupide, schwere und gefährlich Arbeit übernommen wird, so dass mehr Zeit für wirklich sinnvolle und menschenangemessene Arbeit bleibt, kommt in dem Narrativ „nimmt Arbeit weg“ zu kurz.

Und darum gings in den Sessions: Jedes der Teams nahm sich sein bevorzugtes Narrativ vor, diskutierte dessen mutmaßlichen Ursachen, lotete seine angrenzenden Felder aus und versuchte dessen auch enthaltene positive Seite zu formulieren. Möglichst in Twitterkürze.

Im TeamPink – mit Kathrin Bischoff, Katja Diehl, Cécile Schneider, Matthias Wrede und Topteamerin Dajahna Laube – zu dem ich gehören durfte, ging es um die Grundopposition von künstlicher versus natürlicher Intelligenz. Denn in ihr stecken verdeckt sogenannte Frames wie „unvereinbar“, „artfremd“, „unmenschlich“, „Intelligenzbestie“ usw.

Versteht man KI dagegen als eine von Menschen erdachte Kulturtechnik, die in einer langen Tradition medialer Technologien steht, ändert sich auch die Wahrnehmung: Angefangen vom Faustkeil, über die Schrift bis hin zum Buchdruck dienen diese dazu, die Welt zu erschließen. Dass jedes Medium auch Einfluss auf die Erschließung hat, wird niemand bestreiten. Zugleich erlaubt der größere kulturhistorische Zoom, die Technologie besser einzuordnen. Zum Vergleich:

Schrift

Ja, es stimmt, die Schrift nimmt dem gesprochenen Wort etwas von seinem Klang, seiner Kraft in situ, aber die Schriftsprache hat die Art und Weise unserer Welterschließung auch vergrößert.

Buchdruck

Ja, die Papyrosrollen hatten andere Qualitäten, sie ent-rollten ihre meist heiligen Weisheiten im Ritus (vgl. Thora), mit den ersten handgeschriebenen Kodizees zum Blättern verschwand ein Teil dieser Aura, dafür wurden diese multipler und leistungsfähiger. Vollends im Buchdruck, der ja sehr schnell gänzlich unsakrale, weltliche Stoffe vervielfältigte.

Kurzum: Das Werkzeug/Medium ist bekanntlich auch die Message.

Daher ist es wichtig, alle Medien der eigenen Zeit zu kennen, ihre Wirkweise zu verstehen und möglichst selbstbestimmt mit ihnen umgehen zu können. Im Altertum war das Schreiben besonderen Personengruppen vorbehalten. Noch im Mittelalter gab es in den Klöstern Schrift-Gelehrte und noch im 19. Jahrhundert war in den sogenannten illiteraten Ländern der Besuch bei einem Scriptor erforderlich, der wichtige Dokumente für einen verfassen konnte (Vorläufer der Notare) oder Briefe für analphabetisch aufgewachsene Menschen in einer Schreibstube schrieb. Heute sind es die Coder, die zum Beispiel die Apps schreiben, weil die Technologiesprache Code bisher nur von einer kleinen Gruppe beherrscht wird. Auch der Code prägt die Weltsicht. Es ist wichtig zu verstehen, dass Codes nicht „die Wirklichkeit“ wiedergeben, sondern sie strukturieren.

Es dürfte ein langer Weg sein, um die Kulturtechnik, mit Codieren Daten aufzubereiten und unsere Welt besser zu erschließn, vollumfänglich von uns verstanden wird. Erst recht, wenn wir mehr und mehr abgeben und Algorithmen selbst neue Algorithmen schreiben. Auf dem Weg dahin wird sich KI einfach entwickeln, genau wie Schrift bereits zum Einsatz kam, noch bevor sie in der Breite kundig verwendet werden konnte. Aber als die Mehrheit endlich schreiben konnte, hat sie von ihrem Recht auf persönliche Welterschließung Gebrauch gemacht. Und selbst Geschichte geschrieben.

Mir sind etliche Fragen gekommen und ich habe etliche Antworten mitgenommen. Herzlicher Dank an alle Menschen und Maschinen, die dazu beigetragen haben.

Der Beitrag erschie zuerst auf LinkedIn.