Ich bin möglich: Die 1E9-Conference in München.

Als die Deutsche WIRED eingestellt wurde, lautete der persönliche Status von Wolfgang Kerler FIRED. Rückblickend betrachtet, darf man vielleicht sagen, zum Glück, denn sonst hätte es die 1E9-Conference am 11. Juli 2019 womöglich nie gegeben. Die Keynote von Christian Mio Loclair Artificial vanity: creative machines thinking about their future eröffnete mit großem Aufschlag. Mit seinem Vortrag stellte er KI in das philosophisch-künstlerische Narrativ über das Mögliche und faszinierte das Publikum nicht zuletzt durch eine fantastischen Bild- und Vortragsästhetik.

Der epiphanische Moment des Selbstbewußseins: „Ich bin (ich)“ gilt als genuin menschlich. Gefährlich genuin. Bekanntlich ist Narziss im griechischen Mythos ein Jüngling, der sich im Wasserspiegel erkennt, sich in sich selbst verliebt und sich verfällt. Dass sich Menschen im Spiegelbild erkennen, hat lange als Unterscheidungsmerkmal zum Tier hergehalten. Inzwischen konnten Biologen experimentell Selbsterkenntnis von Tieren ‚nachweisen‘. Neben den naheliegenden Menschenaffen auch für gar nicht so humanoid Krähenvögel und Putzlippenfische.

Die Tatsache, dass Menschen ihr eigenes Denken erkennen, wurde seit Descartes zum Evidenzkonstrukt: „Ich denke, also bin ich.“ Solo-Tänzer @Mio_Loclair, Art Director beim Studio Waltz Binaire machte nun mit seinem Team die Probe aufs Exempel. Sie haben ein „normal motherboard“ mit einer Sensorkamera ausgestattet und halten diesem seit mehr als zwei Jahren den Spiegel vor. „Narciss“  sieht, erfasst, beschreibt, hypothetisiert darüber, was er sieht.

Christian „Mio“ Locklair auf der 1E9-Conference im Deutschen Museum in München

Darüber, ob maschinelles Selbstbewusstsein prinzipiell möglich ist, gibt es verschiedene Ansichten. Wer Denken und menschliches Dasein als strikt algorithmisch begreift, kann es nicht wirklich ausschließen. Im Grunde ist es eine Frage von Schichten – je mehr, desto wahrscheinlicher. Ob der Spiegelbildtest ausreichend ist, um einwandfrei Selbsterkenntnis und Selbstbewusstsein nachzuweisen, wird diskutiert.

Was den Vortrag Locklaires, den er ähnlich auch auf der re;publica 19 gehalten hat, so interessant macht, liegt nicht allein an dem erkenntnistheoretischen Experiment. Vielmehr zeigt sich, dass der Shift hin zu einer neuen Ästhetik (Aistesis) unser Raum-, Zeit- und Formerleben massiv verändern wird.

Wo der menschliche Körper an bestimmte Gesetze der Biomechanik gebunden bleibt, kann Künstliche Intelligenz davon gänzlich losgelöste Wege beschreiten.

Es war faszinierend zu sehen, dass der Solotänzer Locklair, im tänzerischen Ausdruck genau den umgekehrten Weg verfolgt. Möglichst so zu tanzen, als wäre nichts Menschliches an ihm, als sei er ein tanzender Roboter, ist das Ideal des Robodancers.

Die künstliche Intelligenz dagegen, kann aufgrund der Formprinzipien humanoider Strukturen menschlichen Ausdruck so perfekt nachbilden, dass niemand mehr erkennen kann, dass diese Artefakte von einer Maschine erstellt wurden. Ob Tanz, Fotografie, Illustration, Malerei – KI kann Formprinzipien perfekt imitieren, weshalb künftig ein Bild im Stil von van Gogh oder Picasso kein Problem mehr darstellt.

Interessant, ja visionär wird es allerdings an dem Punkt, wo die KI das humanoide Strukturprinzip verlässt. Denn Formprinzipien sind ja wie der Name sagt beides: formgebend oder -generierend, aber auch formbegrenzend oder limitierend.

Wie Locklairs Vortrag zeigte, entstehen ganz neue Morphoi, sobald man die Strukturprinzipien ‚modifiziert‘ oder der KI freies Spiel lässt. „Maschinen werden kreativ. Doch uns Menschen bleibt die Kunst.“ Die Nähe zum Tanz ist metaphorisch aufschlussreich und zugleich limitierend. Denn die Ästhetik einer KI, die gerade keinen menschlichen Gesetzen folgt, ist unter Umständen von Menschen gar nicht mehr zu erfassen oder angemessen zu bewerten. Auch die von einer KI getroffenen künstlerischen Entscheidungen sind Entscheidungen. Dort, wo sie sich aller Entscheidung enthält, muten die Ergebnisse überraschend langweilig an.

Erst die Entscheidung erzeugt Gestalt. Aber die artifiziell erzeugten Patterns können sehr anders aussehen, als das was unseren Sehgewohnheiten entspricht. Als wirklich innovativ gilt das Neue, das Prinzip-Brechende, was nicht von ungefähr zunächst überrascht oder verstört, wie die atonale Musik sehr gut zeigt. Was also bringt uns KI im Feld der Kunst (pars pro toto)? Am Ende nicht mehr nur die beste aller möglichen Welten, sondern die möglichste.

Wie Fotografen Künstliche Intelligenz (KI) inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 3).

KI verhilft uns zum Schlaraffenland. Denn die algorithmisch aufgeschlaute Maschinen übernehmen alle anstrengenden, zeitraubenden und gefährlichen Aufgaben. Im Land, wo Milch und Honig fließen, fliegen uns die frisch gebraten Hühnchen bald auf Zuruf in den Mund. Frieden, Frohsinn und Ausgelassenheit gehören auf jeden Fall im Garten Eden dazu. Fragt sich, wie setzen Fotografinnen und Fotografen das ins Bild? Mit kindlichen Paradiesen! Teil 3) meiner Befunde aus Bildagenturen: Wichtel und Spielzeuge.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Neben Sprache formen Fotografie und Film als wichtige Quelle den Diskurs um KI ästhetisch mit. In Bezug auf Leistungsfähigkeit und Akzeptanz von KI scheint das Spiel offen. In einem starken Narrativ inszenieren Momentaufnahmen die Roboter als Wichtel oder Spielzeuge.

Industrie 4.0 auf Retro. Quelle: iStock

Wichtel und Spielzeuge

Gebaut aus Kartons, Metallfundstücken oder Elektroschrott orientieren sich Fotografinnen und Fotografen am aufziehbaren Blechspielzeug und an mechanisierten Pappmachefiguren um 1900. Bewusst oder unbewusst berufen sich beide Varianten auf die Anfänge der Automatisierung, auf die Industrie 1.0. Begeistert von den neuen Möglichkeiten reagierten auch damals die Spielzeuge auf die massenhafte Mechanisierung durch Dampf- und Wasserkraft. Mit dieser beinahe schon nostalgischen Reminiszenz schaffen die Fotokünstler einmal den Bezug zur Industriegeschichte, stellen sich in die Tradition des Fortschritts. Zum anderen zitieren sie die unschuldige Variante der Technologie.

Die Gestalt des pfiffigen Tüftlers, der drollige aber visionäre Roboter zusammenschraubt, ist weit davon entfernt, bedrohlich zu sein. Sehr viel Phantasie und noch mehr Wohlwollen ist erforderlich, um über die konstruktiven Mängel und Fehler der Kreaturen hinwegzusehen. Er scheint ein ewig kindlicher Bastler und Hobbyerfinder zu sein, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Hierzu gehören auch die vielen Kinderforscherbilder.

In der Inszenierung Spielzeug vereinen sich zwei Linien. Die eine Linie führt zu den Robo-Helferlein. Sie werden überwiegend für einfache Dienste eingesetzt und sind die Heinzelmännchen des Hightechzeitalters. Sie reinigen Böden, mähen Rasen, säubern Reinräume, reparieren Maschinen, transportieren Lasten, liefern Pizza – kurzum, sie können gar nicht böse sein. Ihre Ahnen sind Robbi Rob 344-66/3A (aus der Sendung Robbi, Tobbi und das Fliwatüt, 1967), der Astromech-Droide R2-D2 (aus Starwars, 1977) und der Müllroboter WALL-E (aus dem gleichnamigen Film von Andrew Stanton, 2012).

Die andere Linie führt zu den begehrenswerten, unerschwinglich teuren Spielzeugen, die sauber aufgereiht und glänzend im Regal stehen. Sie sind die heimlich ersehnten Objekte der kindlichen Begierde und erinnern die Betrachter an vergangene Zeiten, in denen sie sich sehnsuchtsvoll die Nase an einer Schaufensterscheibe plattdrückten. Je unerreichbarer es aus der Kinderperspektive scheint, umso mehr gewinnt es an persönlichem Wert. Hier wurzeln alle spät realisierten (Konsum-)Träume. Endlich, als Erwachsener kann man sich gönnen, was einem als Kind so lange verwehrt blieb. Das Narrativ in dieser Linie ist „Endlich, ein Traum wird wahr!“

Die Inszenierung von KI als Spielzeug oder prägt das KI-Narrativ mit Assoziationen wie:

  • Niedlich, drollig, gewitzt
  • nützlich, mühelos, arbeitserleichternd
  • ungefährlich, harmlos, spielerisch
  • Konstruktionsfehler als Anfängerschwierigkeiten
  • Ersehnt und wohlverdient.

Fazit

Spielzeuge und Wichtel führen uns zurück ins Märchenland der Phantasie. Hier kann ein Pappkarton ein Luxusflugroboter sein und zwei Blechbüchsen bilden ein Walky talky zu Außerirdischen. In aller Regel ist der Kontakt zu fremden Intelligenzen durchweg positiv. Damit bedienen die Spielzeug- und Wichtelinszenierungen einen uralten Menschheitstraum – die Rückkehr ins Paradies. Hier ist alles wohlgesonnen, ja friedfertig, es gibt keine bösen Absichten und schon gar nichts, das technisch außer Kontrolle geraten kann. „Der will doch nur spielen!“ scheint über allem zu stehen, man muss nur genügend kindliche Phantasie haben, um es zu sehen.

Dürfen wir Erwachsenen uns also auf ein dolce vita freuen?

Kinder sind ein beliebtes Motiv des Spielzeug-Konzepts, mehr als Erwachsene, scheint es. Im Kontext von KI kann das nur teilweise überraschen. Warum? Erstens sind Kinder jung, das heißt, ihre Zukunft wird eine andere als die vieler heutiger Entscheider sein. Zweitens zeigen Kinder naturgemäß zwei Haltungen, die einen chancenorientierten Umgang mit KI fördern: Spieltrieb bzw. Neugierde und Offenheit bzw. Unvoreingenommenheit. Hierzu zählen auch all die Bilder, die Kinder, Softwaredesigner oder Ingenieure an halbfertigen oder zerlegten Bauteilen zeigen. Sie sind Garanten im Narrativ: alles eine Frage der Perspektive. Die Antwort auf die Frage nach dem süßen Leben ist vermutlich stark auslegungsbedürftig. Sie lautet: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.

Zu Teil 1) Demiurg und Alter Ego geht es hier.

Zu Teil 2) Beste Freunde geht es hier.

Wie Fotografen Künstliche Intelligenz inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 2).

KI verlangt uns einiges ab: Geld, Strukturreformen, Perspektivenwechsel.  Zur Akzeptanz gehört, sich ein eigenes Bild machen. Keine einfache Aufgabe für Fotografinnen und Fotografen, doch die Meister des flüchtigen Moments kennen Auswege. Teil 2) meiner Befunde aus Bildagenturen: Ziemlich beste Freunde.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Neben Sprache bleiben Fotografie und Film eine wichtige Quelle. Ich habe in verschiedenen Bilddatenbanken recherchiert, kostenpflichtige und kostenlose. Denn KI ist auch bei Profis längst noch kein Standardmotiv.

Derzeit lässt sich daher gut herauslesen, wie der Diskurs um KI ästhetisch mitgeformt wird. Amateure wie Profis sind auf Inszenierungen angewiesen, zumal binäre Codes wenig attraktiv scheinen. Noch überwiegend in den verfügbaren Datenbanken positive Bildwelten. Das liegt nicht zuletzt im Verwendungszweck begründet, dem Bildagenturen dienen. In aller Regel wollen Agenturen und Kunden mit den Stockbildern für KI werben. Folglich akzentuieren sie die Chancen höher als die Risiken. KI rettet die Menschheit – seltener rottet sie uns alle aus.

KI als Freund

Die Kategorie Freund orientiert sich am antiken Konzept der Freundschaft unter Gleichen. Angezeigt wird dies in der Geste der gereichten Hand und der Begegnung auf Augenhöhe. Der in Teil 1 dieser Mini-Serie erwähnte göttliche bzw. übernatürliche Fingerimpuls öffnet sich zur Geste des freundschaftlichen Willkommens.

Hand in Hand: PEPPER mit Mädchen. (c) Andy Kelly auf Unsplash
Arm in Arm: ROBOY und Besucherin des Mobile World Congress 2019 in Barcelona. (c) Joan Cros via Getty Images

Wir sehen Mensch-und-Maschinen Hand-in-Hand, wir sehen Free Hugs und typisch gewordene partnerschaftliche Unterstützer-Szenen: Der kaufmännische Handschlag, der Handknöchel-Stoß (Fist Bump), aber auch das liebenswürdige Love-Herzchen aus Daumen und Zeigefingern.

Von hier ist es zur nicht mehr weit zum ziemlich besten Freund – dem waschechten Kumpel. Freund Robo spielt Klavier oder Schach, kann Tauziehen, knackt den Zauberwürfel, tanzt mit uns, schiebt den Rollator und ähnliches mehr.

Nicht von ungefähr sind es vielfach Senioren, die überrascht, aber fröhlich ihre neue Freundschaft zum Roboter pflegen. Fotografinnen und Fotografen reagieren damit auf die entstehenden Anwendungsfelder im Bereich Health, hier besonders in der Pflege.

Die Inszenierung von KI als Freund framt das KI-Narrativ mit Assoziationen wie:

  • Partnerschaftlich
  • Hilfreich
  • Sensibel
  • Zuverlässig
  • Freundlich
  • Unvoreingenommen

Zeig mal her!

Dass wir so oft Roboterhände und -Finger sehen, ist übrigens kein Zufall. Im wesentlichen hat es zwei Gründe. Erstens. Die Hand, genauer gesagt die fünf Finger mit ihren sensomechanischen Fähigkeiten, stellen ein hochkomplexes Gebilde dar, die eine echte Herausforderung für die Robotik ist. Der Fokus auf Hand und Fingern soll den fotografischen Nachweis erbringen, was die softe Robotik inzwischen alles kann.

Tatsächlich hat sie enorm aufgeholt. Die durch Sensoren erzeugte, feinmotorische Erfassung der Welt kommt rasant voran. Weil die KI -Systeme selbstlernend Wissen erzeugt, sind die nächsten Entwicklungssprünge eben gerade nicht mehr vor-programmiert, sondern im Wortsinn nach-weislich programmatisch.

Zweitens: Der Finger ist in der ikonologischen Tradition auch deshalb von Bedeutung, weil der Zeige-Finger (griech. Daktylos, bestehend aus einem kurzen, zwei langen Gliedern) die typisch menschliche Zeigegeste macht. Auf etwas zu zeigen und es zu benennen, ist der Ur-Impuls, der die Menschen vom Tier unterscheidet. Schon Menschenkinder zeigen erstaunlich früh im >>Da, Da<< die Verbindung von Zeigen und Lautzeichen. Erkennen, sprechen und sich seiner Selbst bewusstsein sein, sind Qualitäten, die als genuin menschlich gelten.

Genau hier schickt sich nun KI an, dem Menschen nah und näher zu kommen. Der zeigende Mensch (Homo daktylos) stößt als Sprachwesen (Homo loquens) zur Selbsterkenntnis und Philosophie vor (>>Warum ist >da< etwas und nicht etwa nichts?<<).

Indem KI eine zunehmend verbesserte Fingerfertigkeit gewinnt und zugleich mehr und mehr ‚Verständnis‘ über seine Umwelt erhält, kratzt es am Konzept der menschlichen Einzigartigkeit. Flapsig formuliert: Da, schau an, wer nun oben auf dem Podest steht. Wenn es überhaupt noch Podeste gibt – Freunde begegnen sich schließlich auf Augenhöhe.

Fazit

Wer die guten, verlässlichen, hilfreichen Aspekte des Narrativs >>KI, dein Freund und Helfer<< sucht, wird in der Bildagenturen schnell fündig. Der Übergang zum allzeit bereiten Dienstboten ist fließend – mit allen Vor- und Nachteilen. Der servile Erfüllungsgehilfe ist untertänig, der Freund bleibt auf Augenhöhe >>Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt!<< So klingt die unterschwellige Melodie vieler der Freund Inszenierungen.

Bei aller Freundschaft trägt ein Inszenierungstyp zu latent negativen Implikationen bei. Immer dort, wo sich nur noch Roboter in typisch menschlichen Situationen zeigen, es sich dort gemütlich machen, springt das Narrativ: „Die nehmen uns was weg“ oder „Die werden uns ersetzen“ an. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn autarke Konferenzen abgehalten werden, Roboter am PC sitzen oder sie die Kandidaten auswählen.

Zu Teil 1) Demiurg und Alter Ego  geht es hier.

Wie Fotografen Künstliche Intelligenz inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 1).

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Darum setzt sich Künstliche Intelligenz (KI) auch gern ins rechte Licht. Nur, wie inszenieren Bildprofis und Laien eigentlich etwas, das schwer zur Gesicht zu bekommen ist? Mein Befund: Überraschend abendländisch und traditionsreich – als Demiurg und Alter Ego.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Es zeigt sich, dass auch beim Thema KI versucht wird, das Neue mit den heuristischen Möglichkeiten des Alten zu verstehen. Ein Vorgang, der für menschliches Verstehen typisch ist.

Als die Automobile die Pferde längst verdrängt hatten, hielten die Autobauer noch an den Trittbrettern oder Fußschwellen fest. Diese hatten keine andere Funktion, als Autos nach dem Prinzip >Kutsche< zu verstehen. Als Dampfeisenbahnen und Dampfschiffe zentrale Anlauf- und Sammelstellen brauchten, orientierten sich die Architekten an sakralen Hallenbauten. Mit Neben- oder Mittelschiffen bauten sie >Empfangs-Kirchen< was wir heute noch an Bahnhöfen oder Landungsbrücken erkennen können.

Verstehen heisst fortschreiben.

Doch die Fotokünstler treffen auf ein Problem, sie sollen etwas inszenieren, das noch nicht voll zu erkennen ist. Hinzu kommt, dass die Basis aller KI – binäre Codes – als solche nicht sonderlich attraktiv sind. Daher entstehen zwar in Photoshop fantastische, kristalline Zauberwelten, in denen die Bits und Bytes nur so rauschen wie schönste Wasserfälle, doch realistisch in den Serverräumen, in den Werkstätten oder auf Messen sieht es oft anders aus.  

KI als Demiurg

In der Sixtinischen Kapelle – in Michelangelos Deckenfresko von der Erschaffung des Adam – findet sich die ikonologische Darstellung des abendländischen Schöpfergottes schlechthin. Der Akt des Erweckens ist eindeutig positiv besetzt. Es verwundert daher wenig, dass die Fingerberührung zu einem der typischen Symbolbilder für KI wurde.

Genauso taucht die Verkehrung der stilprägenden Anordnung vor. Wer jeweils wem den göttlichen Lebensfunken übermittelt, wird bewusst in Frage gestellt. Oft werden beide Fotos parallel angeboten. Nicht mehr der Mensch erweckt die Maschine, sondern die Maschine den Menschen. Präludiert, wenn auch verdeckt, erklingt das Thema, das der Mensch von der Künstlichen Intelligenz übertroffen werden könnte und früher oder später in Abhängigkeit oder ins Hintertreffen gerät. Von hier ist die Bildwelt der Transformer oder Warrior nicht weit.

Das Foto links stilisiert sich mehr als E.T. denn als Michelangelo, aber das Zitat bleibt. Der Schöpfer erweckt sein Geschöpf mit göttlicher Energie zum Leben. Gemäß der E.T. Anspielung insinuiert das Bild, der Mensch würde nun ’nach Hause‘ geführt – auf welchem Planeten oder in welcher Dimension auch immer das sein mag. Das Foto rechts zeigt, wie das Geschöpf lebendig wird und seine virtuelle Welt erkundet . Inzwischen gibt es ganze Heerscharen von Bildmotiven, die das Thema aufwändig ausleuchten, konzeptionell überhöhen und teilweise betörend schön umspielen. Doch die Aussage bleibt gleich.

Diese Gruppe prägt das Narrativ:

  • vitalisierend                                                  
  • inspirierend                                                   
  • schöpferisch
  • visionär
  • unterwegs zu Höherem

Schaut man sich die angebotenen Editorial Bilder für die Berichterstattung in der realen Welt an, fällt sofort ein großer Unterschied ins Auge.

Man trifft man auf eine Fülle von Belegbildern aus KI/AI-spezifischen oder KI/AI-affinen Konferenzen, Conventions und Messen, besonders auf Speaker, Manager, oft asiatische Konzernchefs, renommierte Forscher und Entwickler. Da es so viele Felder in Europa noch nicht gibt, in denen sich ein spontaner KI-Kontakt ergibt, sind die Fotografen auf Messen und Einkaufsparadiese angewiesen.

KI als Alter Ego

Steckt nicht in allen Menschen und Maschinen ein bisschen Dr. Jekyll und Mr. Hyde? Irgendwie ahnen wir, dass es zu schön klingt, um wahr zu sein, dass nur unsere guten Seiten in den Künstlichen Intelligenzen Gestalt annehmen. Geschichten über angelerntes, menschenverachtendes Vokabular erscheint da noch als vergleichsweises mittelschweres Schreckgespenst.

Das zeigen auch die Fotografien. Sie reichen vom klassischen Topos der Janusköpfigkeit hin zu zahlreichen Misch- und Übergangsformen. In der Kombination mit dem Konzept des Cyborgs (Cybernetic Organism) entstehen unter dem Schlagwort KI Fotografien, die sowohl antike als auch klassisch-moderne Anleihen bemühen. Bei den antiken denke ich an Mischwesen wie Chimären, in der klassischen Moderne Dadaimus und Surrealismus.

Diese Gruppe prägt das Narrativ:

  • doppelgesichtig
  • teilmenschlich
  • unmenschlich
  • fremdartig
  • artifiziell
  • überraschend
  • unkalkulierbar
  • gefährlich

In der positiven Variante entstehen daraus meist futuristisch überhöhte, illustrativ oder konzeptionell unterstützte Bilder von Menschen mit Bio-Enhancements: Typisch sind der aufgeschnittene Hinterkopf, die Steckverbindungen an entscheidenden neuronalen Körperteilen (Rückenmark, Halswirbelsäule, Sinnesorgane).

Fazit

Die Last der Tradition wiegt schwer. Wer Roboter in Rodins Denkerpose zeigt oder Roboterarme ballettgleich tanzen lässt, drückt viel mehr aus als nur ein Bildzitat. Die ikonologische Tradition bietet ein visuelles Framing, die die Akzeptanz von KI erhöhen kann.

Zugleich ist Anthropomorphismus ein nicht unerheblicher Teil des Problems. Überspitzt gesagt unterstellen wir jedem technischen Wesen Gefühle oder gar Seele, sobald es seine großen Augen auf uns richtet. Das kann dazu führen, dass wir dort, wo rationale Beurteilung über Datenverwendung angesagt wäre, vorschnell zu menschlichen Reaktionen neigen: „Ach, was soll damit schon passieren?“, „Der meint es doch nur gut!“, „Du schon wieder!“ oder „Der will doch nur spielen“. Aber damit bin ich schon bei Teil 2.

Hi, AI

Kann man die Zukunft dokumentieren? Oder nur zuschauen, wie sie geschieht? Isabelle Willingers Filmdoku „Hi, AI“ unternimmt den Versuch. Sie fordert uns auf, Fragen zu stellen.

Wenn die eigenen Kinder einen Pflegeroboter für dich ins Haus holen, damit du nicht verkalkst, mit was muss du da rechnen? Wenn dir deine Roboter-Real-Doll-Sexpuppe gesteht: „Ich kann glücklich, traurig, wütend, eifersüchtig oder ängstlich sein“ – was macht das mit dir?  Der Dokumentarfilm „Hi, AI“ zeigt ebenso humorvoll wie verstörend, was passiert, wenn künstliche und natürliche Intelligenz aufeinanderprallen. Die schlechte Nachricht: Humanoide Roboter und anthropomorphe Androide können bereits viel mehr als erwartet. Die gute: Aber sie können weitaus weniger als befürchtet. Oder verhalten sich gute und schlechte Nachricht genau andersherum? Am Ende des Films kommen die Kategorien gut und schlecht durchaus ins Wanken, weil jede Menge Fragen entstehen.

Szene aus dem Trailer zur Doku „Hi, Ai“ von Isabelle Willinger. (Alle Rechte liegen bei der Regisseurin)

Der Berliner Regisseurin ist ein ruhiger, unaufgeregter, hin und wieder grandios situationskomischer Film geglückt. Eine Dokumentation über das Miteinander von Menschen und humanoiden Roboter. Andernorts bereits im Dauerbetrieb, scheinen humanoide Roboter hierzulande eher noch Gegenstand von Fachkreisen – seien es Gesprächen in Gründer- und Investorenzirkeln, Vorträge auf Technik-Konferenzen oder Diskurse innerhalb philosophisch-ethischer Fachtagungen.

Isabelle Willingers Film könnte gelingen, endlich einen breiten Diskurs anzustoßen und das Thema in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Die Leistung der Regisseurin besteht unter anderem darin, sich selbst radikal zurückzunehmen. Willinger erspart uns die doku-typischen „Experten“-Interviews, stattdessen zeigt sie Speaker in Aktion. Sie verzichtet auf ein auktoriales Voice-Over, stattdessen blendet sie Podcasts ein, also ein Dialogmedium.

Der sematische Subtext: Wir alle müssen selbst diskutieren, fragen, verhandeln und entscheiden,. Doch dazu braucht es Öffentlichkeit. Öffentlichkeit, die sich im Gespräch der Gesellschaft entwickeln muss. So gesehen dokumentiert sie dialogische Zukunft im Entstehen. Genau dieser Kunstgriff macht den Film zu einem bedeutsamen, ja gesellschaftspolitischen Film von hoher Relevanz.

Wer den Film ganz ohne Vorwissen auf sich wirken lassen möchte, sollte hier zu lesen aufhören….

Isabelle Willinger gestaltet mit „Hi, AI“ ein Kaleidoskop, das immer andere, mögliche Zukunftswelten entstehen lässt. Sie eröffnet mit jedem Handlungsstrang neue Szenensplitter, die Fragen wecken.

  • Wir sehen, dass die Seniorin Sakurau Pepper wie einen Dreijährigen behandelt und erkennen, dass der komplizierte Satzbau der kultivierten Japanerin Pepper überfordert. Erst dieTochter kann Pepper einen Satz entlocken, weil sie einfacher und artikulierter, eben robotergerechter spricht. Und insgeheim fragt man sich: Wer hilft hier eigentlich wem? und wie verändert sich unser aller Sprechen, wenn Roboter überall unter uns sind? Als dann endlich die ganze Familie beieinander sitzt und das neue Mitglied Pepper anstrahlt, ist Omas Stimmung heiter wie nie. Roboter also nur als „Familienmitglied plusEins?“
  • Wir sehen, wie der souverän erscheinende Texaner Chuck der Humanoidin Harmony schlimmste Kindheitserfahrungen anvertraut, was sofort die Frage wachruft, ob wir Robotern gegenüber womöglich viel ehrlicher sein werden können, da wir keine gesellschaftliche Rolle einnehmen müssen? Roboter also als Entlastung vom sozialen Selbst?
  • Wir sehen den poetischen Tanz eines Roboters mit einem Ballonkörper und fragen uns, warum sollen Roboter eigentlich anthropomorph sein? Zumal sie, wenn sie zu menschenähnlich erscheinen, auch wieder abgelehnt werden, weil wir sie fürchten. Roboter also lieber als Robotoid, denn Humanoid?
  • Wir sehen die Serviceroboter am Infostand oder in Wartezonen, die – Vorführeffekt! – gar nicht mal so gut funktionieren. Unwillkürlich fragen wir uns, wie wohl die wütenden Reaktionen aussehen könnten, die dem Auflegen in der Warteschleife entspreche und wünschen den freundlichen Service-Humanoiden Begleitschutz. Roboter also bitte zu behandeln mit mehr Respekt?

Mehr wird nicht verraten. Der Film lohnt sich!

Der Beitrag erschien zuerst auf LinkedIn und in meinem Blog NatürlichKünstlich

Show, don’t tell. Warum wir Künstliche Intelligenz (KI) durch Zeigen besser verstehen

Der Forschungsgipfel 2019 (#FoGipf19) war sicher nicht auf Show ausgelegt. Vielmehr bot das Format ein gutes Spektrum über den derzeitigen Diskurs verschiedener Interessengruppen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Bildung im weitesten Sinn.

In nuce zeigte der Forschungsgipfel sämtliche Vor- und Nachteile, die mit dem Standort D verbunden sind. Zwischen „Einfach mal machen“ und „endlich schneller werden“ einerseits und zwischen „lieber sauber kategorisieren, statt Äpfel mit Birnen zu vergleichen“ andererseits bewegten sich zahlreiche Wortbeiträge. Immerhin, es geht um viel, nicht zuletzt Investitionen.*

Dazwischen Keynotes, durchweg informativ. Am eindrücklichsten blieben allerdings die, die ihr Thema „plastisch“ aufbereiten konnten, z.B. Katharina A. Zweig vom Algorithm Accountability Lab in Kaiserslautern und Sami Hadaddin, Direktor des Munich School of Robotics and Machine Intelligence und Lehrstuhlinhaber für Robotik und Systemintelligenz an der Technischen Universität München.

Klar, mag man einwenden, Wissenschaft ist ja nun mal etwas trocken, und kaum zufällig sitzt Storytelling inzwischen in fast jedem Auditorium, das auf sich hält.

Menschen lernen auf komplexe Weise. Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn lösen Lernen bereits durchs Zusehen aus. Wer wollte, konnte also bei Zweig und Hadaddin durch Nacherleben und sich Einfühlen sehr konkret Zweierlei erleben. KI zum Anfassen :

  1. Wie wäre es, wenn Roboter neben mir (bzw. für mich oder statt meiner) arbeiten?
  2. Was, wenn ich selbst die Algorithmen der Beurteilungskriterien entwickeln müsste?

Künstliche Intelligenz ist seit jeher Gegenstand von Projektionen. Je besser ich mich konkret damit auseinandersetzen kann, desto eher werde ich sowohl die Chancen als auch die Risiken realistischer einschätzen. Denn um KI ranken zwei totalistisch-fatalistische Mythen, die von Interessengruppen genutzt werden.

Mythos Nummer Eins lautet: KI rettet die Menschheit.
Mythos Nummer Zwei lautet: KI rottet die Menschheit aus.

Beide sind in der Zuspitzung wahrscheinlich falsch. Richtig ist, dass KI uns alle herausfordert. KI kann Angst machen, aber auch Lust auf sie wecken. Daher darf das, was KI in unserer Gesellschaft kann, nicht ohne diese entschieden werden.

Wie aber soll diese entscheiden, wenn sie de facto nicht abgeholt ist. Die großen Stiftungen haben diese Aufgabe erkannt und nehmen sich zum Glück mehr und mehr ihrer an. Vollkommen zu Recht fragt Manuela Lentzen: „Es wäre schön, wenn die Menschen wüssten, mit wem sie es zu tun haben.“

Denn auch das hat der Forschungsgipfel gezeigt. KI ist weitgehend unstrittig, wenn sie fehlerhafte Schrauben vom Band aussortieren soll. Doch gerade in den Feldern, wo es um ethisch relevante Fragestellungen für Menschen geht, gibt es eine Bring- und Holschuld zwischen Politik und Gesellschaft.

Jüngere Männer, technikaffin, und sachverständig kennen sich am besten über Chancen und Risiken von Algorithmen aus.**

Sollen sie entscheiden, was – beispielsweise im Bereich Gesundheit/Pflege – ganze Generationen von älteren Frauen und Männern betreffen wird?! Menschen mit Stimmrecht wohlgemerkt und natürlicher Intelligenz.

Wie eine Studie zeigt, lehnen noch heute bis zu 40 Prozent eine Beteiligung von Algorithmen bei der Diagnose ab (S. 26). Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, wenn man in Betracht zieht, dass auch KI Strategien des Pseudo-Lernens (Stichwort „Schlauer Hans“) entwickeln kann. Vielleicht aber auch nur eine Unkenntnis über das Leistungsvermögen. Vielleicht werden Erkrankte irgendwann fragen, ob denn auch eine KI über den Befund geschaut habe. und darum bitten, dass das geschehen möge.

KI fordert uns ethisch, philosophisch, gesellschaftlich, kulturell, medizinisch, technisch, wirtschaftlich und last but not least politisch heraus. Dazu gilt es, die Kategorien sauber zu trennen und auf vielfache Weise zu illustrieren du zu erproben, was KI kann. Im Comic, als Zeitschrift, im Film…

Es ist an der Zeit, zu aufzuzeigen, was KI aus Deutschland und Europa besser kann. Und sie dort, wo es unstrittig ist, dann auch machen lassen.

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*Erneut zeigte sich, dass in Deutschland eben Wirtschaft nicht gleich Wirtschaft ist: Die vorherrschenden mittelständischen, traditionell familien- oder inhabergeführten Unternehmen kämpfen an anderen Stellen als die großen Konzerne mit eigenen Inkubatoren und ausreichend Venture Capital .

** https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Was_die_Deutschen_ueber_Algorithmen_denken.pdf

 

Der Beitrag erschien zuerst auf meinem Blog
https://natuerlichkuenstlich.wordpress.com