Der Ochs, der nie ein Kalb war. August Gustl Gemming und die Fleischbrücke zu Nürnberg

Zu Gemmings Lebzeiten ist der Ochse als Arbeitstier noch Alltag. Doch im aufstrebenden Maschinenzeitalter werden die Zugtiere nach und nach ersetzt. Gemming verbindet mit dem Tier eine doppelte Heimaterinnerung. Einmal das Lasttier seiner frühen Kindheit rund um den Rothenberg im bäuerlichen Umfeld der fränkischen Alb. Sodann aber auch als Steinskulptur zum Fleischhaus. Der Lyriker Gemming widmet dem Ochsenportal zu Nürnberg ein Gedicht.

Die Tierskulptur aus Sandstein wurde 1599 nach Fertigstellung der Fleischbrücke über den Fluss ergänzt. Sie verlieh dem bedeutendsten Brückenbauwerk der Spätrenaissance in Deutschland zusätzliche Attraktivität. Der an die Rialtobrücke erinnernde einbogige Übergang über die Pegnitz beanspruchte zwei Jahre Bauzeit (1596-1598). Die auf dem Portal ruhende, mit „vergüldeten Hörnern und Klauen“ verzierte Figur führte zur Fleischbank, den Verkaufsstätten der Fleischhauer und Marktverkäufern mit ihren Kuttelhäuschen. Die Schlachtereien lagen aus Gründen der Hygiene außerhalb der Stadt.

Auf einem Kupferblatt befindet sich die lateinische Inschrift  unter dem Ochsenportal:

Omnia habent ortus suaque incrementa sed ecce quem cernis nunquam bos fuit hic vitulus.

Geschaffen wurden diese Verse angeblich von „der ehrbaren Metzgerzunft“ selbst. Eine moderne Übersetzung lautet:

„Alle Dinge haben einen Anfang und ein Wachstum, aber siehe: Niemals ist der Ochse, den du hier siehst, ein Kalb gewesen.“

J. de Blainvilles fand in seiner Reisebeschreibung von 1765, die Plastik sei eine „lächerliche Auszierung“. Die Inschrift übersetzte er so:

Jedes Ding hat seinen Ursprung und Herkommen, / aber der Ochse, den du hier siehest, / ist niemals ein Kalb gewesen.

Blainvilles, S. 60

Mochte der „liegende, ungeheure Ochs“ dem Franzosen als vulgär erscheinen, unter den Nürnbergern wurde er schnell als eine Art Stadtwappentier angenommen. In der Region bedeutet der Ausspruch, „Die Antwort hätte mir der Ochs auf der Fleischbrücke auch geben können“, dass man jemanden vergeblich nach etwas fragt oder die Antwort nicht zufriedenstellend ausgefallen ist. Das Viech begründet also Tradition. Auch deshalb widmet sich Gemming dem Portaltier. Sein Gedicht geht so:

Zu Nürnberg auf der Fleischbrück‘
Da sitzt ein Ochs von Stein.
Darunter diese Inschrift,
Gemeißelt auf Latein:

Jed‘ Ding hat seinen Anfang!
Der Ochs doch, den Du siehst
Allhier – in seinem Leben
Kein Kalb gewesen ist. 

Gemming übersetzt freier. Er konzentriert sich damit auf den Kern der Inschrift, dass manche Dummheit von Anfang an kapital ist. Auch kann ein Ochse, also ein kastriertes Rind, im strengen Sinn kein Kalb gewesen sein. Das kann nur der Bulle, er war zuvor ein (Bullen-)Kalb.

Das beschreibende Gedicht Zu Nürnberg auf der Fleischbrück‘ muss im Kontext weiterer Nürnberg-Gedichte gesehen werden: Das Gänsemännlein zu Nürnberg. (16. Jahrhundert), Unheimliche Geschichte und Bei Betrachtung des Schuldthurms zu N.

Offensichtlich ist es dem Autor wichtig, Nürnberger Sehenswürdigkeiten lyrisch zu erfassen. Da die Entstehungsgeschichte der Gedichte bis dato unbekannt ist, können nur Vermutungen angestellt werden. Plausibel scheinen mir zwei Hypothesen:

1) Es handelt sich um frühere Verse des Pennälers oder Pimpfs Gemming.
2) Es handelt sich um spätere Verse der Post-Militärzeit.

Mit 16 Jahren wird August Gemming als Freiwilliger Gemeiner in die Garnisonsstadt Bamberg geschickt. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder tritt er in die Armee ein. Womöglich sind es Fingerübungen des musisch begabten Jüngeren, oder aber Selbstvergewisserungen in Herkunftsfragen. Vielleicht weckt die Brückenstadt Bamberg Erinnerungen ans eigene Zuhause. Zeit genug zum Nachdenken hat er – überdurchschnittlich viele Stuben- und Kasernenarreste begleiten seine Laufbahn früh.

Als Gemming 1871, mit 35 Jahren unfreiwillig seinen Abschied von der Armee nehmen muss, kehrt er vorläufig nach Nürnberg zurück. Sicher, um bei den Eltern unentgeltlich zu wohnen. Es dürfte keine einfache Zeit gewesen sein, ohne Funktion, ohne Reputation, ohne Auskommen. Die Familie wohnt in unmittelbarer Nachbarschaft der Fleischbrücke. Ab 1850 ist der Vater dort Kommandant, Gustl ist gerade 14 Jahre alt. Beide Adressen, Fleischbrücke 2 und Fleischbrücke 9 sind belegt. Der Vater unterhält hier später sein Kunstkabinett und Gemming selbst gibt sie als Interimswohnsitz an: „Euer Hochwohlgeborene aufrichtig zugedachte .. Gemming Premierlieut: a.D. zur Zeit „Nürnberg“ Fleischbrücke Nr. 9. Nürnberg, den 22.12.74.“

Dass Gemming sich Nürnberger Themen annimmt, um ein gleichsam lyrisches Bekenntnis zur Stadt der Eltern abzugeben, erscheint nicht abwegig.

Bis heute steht die berühmte Pegniz- oder Fleischbrücke unverändert. 1882 sollte sie wegen eine Pferdebahn abgeflacht oder gar abgerissen werden, dazu kam es aber glücklicherweise nicht. Denkbar wäre auch, dass er das Gedicht in diesem Zusammenhang schrieb.

Vor allem, dass Gemming sich des Nürnberger Schuldturms annimmt, kann wenig überraschen, wenn man weiß, welche starke Rolle das Thema Verschuldung und Geldknappheit in seinem Werk einnehmen. Die nie ausreichende kleine Militärpension, Pump, Wechsel, Gläubiger, Flucht – all das bildet eine so auffällige Konstante in seinem Werk, dass es einen realbiographischen Hintergrund voraussetzt. Die erste Strophe des Gedichts Bei Betrachtung des Schuldthurms zu N. lautet:  „Wenn einer – sonst vor Zeiten / Zehn Thaler Schulden hatt‘ / Da wanderte der Aermste/ Zum Schuldthurm in der Stadt.“ Die letzte Strophe schließt: „Wollt‘ man in unser‘n Zeiten / Noch so verfahren – trau’n -/ Da müsst‘ man statt der Häuser, /jetzt lauter Schuldthürm‘ bau’n!“ Ich werde das in einem eigenen Beitrag ausführlicher analysieren.

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