München. Digital. Erleben. Der Open Government Tag München 2019 (#OGTM19)

In Wahrheit sei es doch manchmal so. Mitarbeitende in der Verwaltung hätten eigentlich zwei Leben. Erstens ihr alltägliches, der sie am frühen Morgen in die Behörde führe und am Abend wieder hinaus. Dieses erste, normale Leben sei voll digitalisiert, es funktioniere via Smartphone, das meiste lasse sich dort via App mit einem Wisch des Daumens erledigen. Zweitens ihr berufliches…

Die ersten Lacher im Publikum zeigten: viele wussten aus eigener Erfahrung, wie die kleine Anekdote enden würde. Thomas Bönig, Chief Digital Officer und IT-Referent der Stadt München, sparte nicht an offenen Worten und ehrlichen Befunden. Seine Vorrednerin, Anne Hübner auch nicht (@anniemuc). Es geht ums liebe Geld. Bönig informierte über die Digitalisierungsstrategie, dokumentierte erste Erfolge auf dem Weg zur digitalen Metropole. Der vorgestellte Digitalisierungsradar stehe kurz vor der Live-Schaltung. (@ThomasBoenig).

Ohne Menschen mit Wandlungskraft kein digitaler Wandel

Da Digitalisierung ohne Kultur-, sprich Wertewandel nicht zu schaffen ist, standen neben Fachthemen auch Vorträge zu moderner Personalarbeit auf dem Programm: Change, New Work,  Health.

Das Line-Up der Speaker_innen bot einen guten dramaturgischen Spannungsbogen, um die Laune hochzuhalten – einiges an Wegstrecke liegt noch vor der Stadt München. Angenehm unaufgeregt, gerne mit einer gehörigen Portion Launigkeit machten die Vortragenden klar, dass es um viel geht: Als moderne Verwalter und Dienstleister den Digital Turn managen.

Das fängt mit den Menschen an, die eine Stadt für sich und ihre Ziele gewinnen kann. Gewiss, Metropolen mit einem attraktiven Umland tun sich leichter als Regionen in weniger attraktiven Lagen. Doch auch hier gilt: Exzellenz zieht Exzellenz nach. München steht im Wettkampf mit der geballten kompetitiven Leistungskraft spannender Münchner Konzerne, Unternehmen, Start ups, oft ebenso zahlreich wie zahlungskräftig.

Prof. Dr. Volker Nürnberg, Professor für Gesundheitsmanagement, brachte einen zentralen Aspekt zum Thema Talente auf den Punkt: Digitalisierung ist Mannschaftssport. Wir brauchen wegen des demographischen Wandels JEDES Talent. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. (@profnuernberg) Recruiting, ja klar, Weiterbildung noch klarer.

Stadtrendite für gemeinwohldienliche Re-Investitionen

Auch für Städte gilt: Wer die Bürgerinnen und Bürger nicht mit hoffnungslos veralteten Strukturen enttäuschen will, vielmehr urbane Interaktivität, Teilhabe und Inklusion fördern möchte, muss die digitale Transformation vital vorantreiben.

Allen voran sollten es die Bürger_innen selbst einfordern. Der Begriff der Stadtrendite ist kaum etabliert, leider auch missverständlich, Städte sind gesellschaftspolitisch verfasst, dienen dem Gemeinwohl, sind also keine Profitcenter, die womöglich einigen Happy fews zuarbeiten. Gleichwohl: nachhaltiges, effizientes, zukunftsorientiertes Handeln und Haushalten kann Strukturen nicht mit dem Hinweis auf Traditionen unbefragt lassen.

Digitropolis: Tuen wir die richtigen Dinge richtig?  

Das mündet in die Frage: Tuen wir die richtigen Dinge richtig? Freilich – Richtig für wen? Die Bürger stehen im Mittelpunkt. Viele der Learnings aus agilen Prozessen und kundenfokussierten Lösungen lassen sich, wie zu sehen, eins zu eins auf Stadtverwaltungen übertragen: Citizen- statt Customer-Centricity, verbunden mit dem Hinweis, dass alle Bürger gemeint sein müssen und entsprechend früh, schon in der Entwicklung eingebunden gehören.

Online ist das neue Normal

Wer glaubt, über digitale Kanäle erreichten Behörden nur die junge Generation, irrt. Über 60% der über 50jährigen, sagte Politikberater und Blogger Martin Fuchs (@wahl_beobachter), informieren sich ebenfalls im Netz.  Vergessen Sie Pressemitteilungen & Facebook! lautete sein Vortrag. Künftig werde Voice-Kommunikation eine Rolle spielen: Alexa, Siri, Echo, Home & Co. lassen grüßen.

Die Bürger, so gesehen auch Kunden, wünschten Online-Services. Nur halt nicht so, wie es früher einmal lief in der IT in Wien; in München sei das wahrscheinlich immer anders gewesen, gestand Robin Heilig (@Robin_Heilig) augenzwinkernd. Nach 3 Jahren hätte es dort eine Lösung der Behörde gegeben, die keiner mehr nutze. Honni soit qui mal y pense. Heilig, Co-Leiter von PACE, dem digitalen Innovationsteam der Stadt Wien, verschwieg sein Fazit nicht. Wir müssen viel früher und öfter mit den Kunden testen, sonst könne es sein, dass die großen internationalen Plattformen die Rolle der Stadt definierten. Oder anders, was wenn die Bürger ihre Verwaltungsdienste bei GAFA (Google, Apple, Facebook, and Amazon) beziehen?

In der digitalen Kommunikation gelte es Vertrauen aufzubauen. Dafür braucht es Zeit und Kontinuität, die Kanäle seien gar nicht einmal so wichtig, sagt Fuchs (@wahl_beobachter), nicht ohne Highlights der politischen Kommunikation in sozialen Diensten zu nennen.

Wer Technik anbietet, muss das Problem kennen, das er damit lösen will

Professor Dr. Armin Nassehi (@ArminNassehi), Soziologe (LMU), Autor, Kursbuchherausgeber, bot den größeren kulturhistorisch-soziologischen Rahmen. Er hinterfragte das #OGTM19-Motto Mensch statt Technik mit scharfsinnigen Analysen, spitzte es im Kontrast mit anderen sattsam bekannten Paarbildungen wie Mensch vs. Technik, Mensch und Technik zu. Sind wir zu sehr von Technik abhängig? Falsche Frage, so Nassehi. Wir merkten überhaupt nicht, wie sehr wir ihr längst vertrauten. Das Wesen der Technik sei, dass sie funktioniere. Sobald sie das störungsfrei leiste, sei sie uns so gut wie nicht mehr bewusst. Das setzt voraus: „Wer Technik anbietet, muss das Problem kennen, das er damit lösen will“.

Technik, die funktioniert: Der 7. #OGTM19 hat es konsequent versucht. Hat auf alle Wische aka Formulare zur Anmeldung verzichtet, den gesamten Prozess digital gestaltet, inklusive Livestream und Twitterwall Partizipation ermöglicht. Die Pausen und das Get-together waren dann aber ganz analog.

Bloggerwalk zu Erika Mann: So geht Monacensia digital

Es gehört zu den reizvollen literarischen Experimenten, historische Personen in die eigene Gegenwart zu katapultieren. Der Kontrast erscheint umso reizvoller, je fremder die Persönlichkeit zur Jetztzeit ist.

Ganz anders bei Erika Mann, der die Münchner Monacensia die erste eigene Ausstellung widmet. Die außergewöhnliche Frau einmal nicht als

  • Tochter von Thomas
  • Nichte von Heinrich
  • Schwester von Klaus.

Also als Ko-Fixstern all der anderen Manns. In deren Umlaufbahn selbst eine so illustre Persönlichkeit wie Erika Mann in den Schatten geraten kann.

Die Publizistin

Erika Mann wäre heute Aktivistin, Campagnerin, Influencerin, sie würde bloggen, twittern, nebenbei einige Communities managen und einen eigenen Videokanal betreiben. Warum sie das alles könnte? Weil sie es bereits getan hat, freilich mit den Mitteln ihrer Zeit, als Reporterin, Buchautorin, Kolumnistin, Glossistin.

Kaum zufällig eignet sich ihr Werk, um in den sozialen Medien aufbereitet zu werden. Erika Manns Content ist snackable, ohne light, pointiert, ohne platt zu sein. Vermeintlich Banales, angeblich So-Seindes des Alltags stellt sie mit scharfsinniger Analyse in einen aussagekräftigen Kontext, sei dieser gesellschaftspolitisch oder geschlechtssoziologisch.

Köstlich, wie sie aus den Konfitüre-Gepflogenheiten in Hotels eine Welt bräsigen Wohlgefallensein und unhinterfragter Geschlechterstereotype zeichnen kann. Stets gebe es gelbe oder rote Marmelade, bei den nobleren in kleinen Portionen, bei den günstigen in großen Bottichen. Die Frage etwa nach Johannisbeere – dunkelviolett – sei in den Augen der Ober die reinste Verstiegenheit, allenfalls Orangenmarmelade in den besseren Häusern und auch das nur auf unschickliches Bitten. Freilich: Die von Vater Thomas Mann gerne Erikind Genannte konnte es sich leisten, in Hotels zu gastieren. Gleichwohl, und das ist entscheidend, geht sie darin nicht auf.

Die Kabarettistin

Erika Mann glossiert, karikiert, parodiert, inszeniert. Schon als kleines Mädchen dem Dramaturgischen zugeneigt, setzt sie die Wirkung von Stimme, Pause, Gestik und Mimik gekonnt ein. Und sie weiß um die Kraft des subversiven Humors. Wer verstehen will, kann alles dechiffrieren, wer anklagen will, findet in all den Zweideutigkeiten so gut wie nichts.

Der wachsende Einfluss der NSDAP und ein persönliches Schlüsselerlebnis lassen Erika Mann gemeinsam mit der Schauspielerin Therese Giehse, dem Musiker Magnus Henning und ihrem Bruder Klaus eine Kleinkunstbühne ins Leben rufen. In der Tradition der „Elf Scharfrichter“ und des „Überbrettl“ gründen sie am 1. Januar 1933 mit der Pfeffermühle das erste politische Kabarett in München, in dem eine Frau die Leitung innehat. Erika Mann höchstpersönlich übernimmt alle wesentlichen Funktionen: Text, Dramaturgie, Management.

Die Pfeffermühle wird ein Erfolg, ist den Machthabern allerdings schon bald ein Dorn im Auge. ‚Tourneereisen‘ in die Schweiz, die Niederlande, Luxemburg und die Tschechoslowakei schützen das Ensemble nicht. Trotz eintausend Vorstellungen, gedacht als „Patrouille der Menschlichkeit entlang der Front der Bestialität“ (Erika Mann), gelingt es nicht, an diese Erfolge im amerikanischen Exil anzuknüpfen. Das in den Vereinigten Staaten unübliche und gewagte Format trifft auf wenig Akzeptanz.

Die politische Rednerin

Sehr wohl erkennen die USA die ebenso geistreiche wie mutige Wortführerin der Peppermill. Sie bauen Erika Mann als Lecturer, als politische Rednerin, im Kampf gegen Nazi-Deutschland auf.

Ausgerechnet in Amerika, dem Land, das historisch als Wiege von Freiheit und Demokratie gilt, das laut Verfassung im Namen des Volkssouveräns agiert  – „We the people“ –, erfährt die Kabarettistin, Kriegsreporterin und Politische Rednerin Erika Mann eine herbe politische Enttäuschung im Kalten Krieg.

Die für Besucher kostenfreie Ausstellung, von der mehr hier nicht verraten werden soll, lohnt den Besuch in vielerlei Hinsicht.

Allein das ruhelose, hochproduktive Leben von Erika Mann fasziniert. Trotz oder eingedenk des splendiden großbürgerlichen Hintergrunds der Künstlerfamilie Mann, der in Faksimiles und Originalen überall durchscheint. Es ist die (veits-)tänzerische Zeit der Jahrhundertwende, in der es in Deutschland brodelt. Städte positionieren sich, Experiment und Restauration sind auf Kante genäht, mühsam halten sie zusammen.

Als Feministin, Automechanikerin, Rennfahrerin, Markenmacherin („The Mann Twins“), Nachlassverwalterin, Freigeistin und vieles mehr entscheidet sich Erika Mann stets für das Experimentelle. Sie kämpft für, wie sie es 1943 fassen wird, „die neue, die hellere Welt“. „Anstand, Freiheit, Toleranz“ bilden deren Dreigestirn.

Case Study: So geht Monacensia digital

Die Ausstellung ist auch in kommunikationsstrategischer Hinsicht interessant: Die neue Leitung und das Team der Monacensia trieb in Kooperation mit der Stadtbibliothek folgende relevante Fragen um.

  1. Wie kommen nichtkommerzielle Institutionen ihrem partizipatorischen Bildungsauftrag nach (auch im Blick auf die sogenannten nicht gebildeten Stände)?
  2. Wie lassen sich analoge Kunstschätze einer digitalen Öffentlichkeit präsentieren und wie kann man ihren Wirkungsraum virtuell erweitern?
  3. Wie kann die Faszination analoger Nachlässe ins Netz gebracht und möglichst barrierefrei zugänglich gemacht werden?
  4. Wie konzipieren MuseumsmacherInnen mit beschränkten Mitteln eine Wanderausstellung, die zu Partizipation einlädt?
  5. Welche Design-, Layout- und Formensprache transferieren Damaliges ins Heute, ohne übergriffig zu sein?

Das Konzept des sogenannten dritten Raumes lässt sich unausgesprochen erkennen. Am Beispiel #ErikaManns präsentierte sich die Monacensia digital reloaded.

Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
Barrierefreier Eingang: Siebertstr. 2
81675 München

Inklusion
Das Forum Atelier verfügt über eine induktive Höranlage.

Öffnungszeiten
Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30 Uhr
Do 12.00 – 19.00 Uhr
Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 Uhr

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines #Bloggerwalks am 11.11.2019 betreut von TanjaPraske

In what do we trust? Die Fujitsu Social Media Night 2019

Warum veranstaltet ein Unternehmen wie Fujitsu eine Social Media Night zum Thema Trust in the Age of Fake News? Warum widmet es dem Thema Human Centric Innovation – Driving a Trusted Future einen ganzen Kongress? Weil Vertrauen die Grundlage von Austausch ist. Ohne Vertrauen kein Geschäft. Klingt simpel, doch Virtualisierung und Künstliche Intelligenz (KI) stellen Vertrauen auf mehr als eine Zerreißprobe.

Zwei Keynotes gaben dem Thema einen eigenen Twist: Kate Russell, britische Journalistin und Tech-Bloggerin (BBC, SKY) ging auf die Suche nach den Ursprüngen von Falschnachrichten, unterschied Kategorien. Sie plädierte für mehr Bildung, bessere Technologie, stärkeres Monitoring und kritischeres Denken. Sie empfahl, den Begriff Fake News nicht zu verwenden, da er durch andauernde Wiederholung als etwas Faktisches geadelt würde. Alternative Facts lautet ja auch der Anspruch. Ein öffentlicher Diskursraum brauche Vertrauen, Transparenz, Schutz, robuste Freiheitsrechte, Aufbrechen von Echokammern – und Offenheit für Wandel in den Medien wie in der Gesellschaft. Kate Russell präsentierte eine Initiative, um Fake News früher zu entlarven.

Der norwegische Philosoph Anders Indset („Quantenwirtschaft“, „Wildes Wissen“) hinterfragte, ob es diesen öffentlich steuerbaren Raum so überhaupt noch gebe. Er schaute über die aktuell eher belanglose Nutzung von Social Media hinaus und stellte die berechtigte Frage, wie eine wirklich reife digitalisierte Gesellschaft aussehen solle. Sichtlich vergnügt verbreitete er Störgefühle, in dem er ein Szenario jenseits von Insta-Glossiness, snackable Twittercontent und Fingerfood in den Raum warf: Welche Antwort hätten die hier Versammelten, immerhin die fittesten und worldbest Smoothieversorgten überhaupt, auf diese Zukunft: eine Gruppe junger achtsam-spiritueller Menschen trifft auf wütende junge Männer um die 30, die das System hassten. Der alte, an Adam Smith orientierte Begriff von Wirtschaft und Kapitalismus sei tot und kehre auch in der neuen Welt nicht wieder. Wie also könne er, mit den Worten des Dalai Lama weiterentwickelt werden? Das sei die Aufgabe, allem voran eine Denkaufgabe im Übrigen. Er empfahl allen, sich eine tägliche Denkstunde im Kalender freizuhalten. Indset plädierte dafür, sich auf das zu besinnen, was wesentlich für Menschen mit einem europäisch geprägten Wertehorizont ist. Freiheit, Würde, Autonomie, Humanität, Erfahrung zum Beispiel. Seine Entscheidungen selbst in die Hand zu nehmen, Erfahrungen von Güte und Menschlichkeit im Kleinen zu ermöglichen. Dazu gelte es, aus den Grundannahmen des Systems auszusteigen, um einen Systemwechsel durchzuführen.

In der anschließenden Diskussion, erweitert um Joseph Reger, Chief Technology Officer Europa (Fujitsu) und Paul van der Lingen, Program Manager (NetApp), zeigte sich, dass die Lösungen nicht mit Händen zu greifen sind. Obwohl die Teilnehmenden mitunter auf verschiedenen Diskussionsebenen argumentierten, lag es daran nicht. Das Thema selbst hat zahlreiche Dimensionen, nicht für alles passt ein und dieselbe Antwort. Hinzu kommt: Es ist eine Operation am offenen Herzen. Das Herz der Demokratie schlägt – und soll zugleich über sich hinausschlagen.

Mit drei einfachen Fragen und Antworten lässt sich das ganze Dilemma umreißen.

Wem trauen wir am meisten?
Uns selbst.  

Wem danach?
Allem, was unseren Werten entspricht.

Welche Form verleiht Vertrauen Ausdruck?
Die, an die beide am meisten glauben: Kuss, Handschlag, Vertrag, Blockchain, Sensoren, Quanten….

Dass wir uns selbst – und unserem freien Urteil – trauen, könnte eine bloße Vermutung sein. Wie und warum sie funktioniert, lässt sich philosophiegeschichtlich (Kant, Freud, Nietzsche, Lacan usw.) und neurowissenschaftlich nachlesen: #Zerstörung #Subjekt.

Dass wir anderen trauen, die unsere Werte teilen, hat nicht nur die Neurowissenschaft bestätigt. Werte, in denen wir uns wiedererkennen, führen zur Ausschüttung von Bindungshormonen. Sie funktionieren daher wie ein Mittel zur Stressreduktion, in dem sie Komplexität reduzieren. Nur: die Gefahr aller geschlossenen (Werte)-Systeme – Selbstreferentialität, Hierarchiebildung, Machtmissbrauch etc. – droht eben auch hier. Die Filterbubble verstärkt das Problem allerdings massiv.

Zugleich erweist sich, dass Werte weder historisch noch absolut ein konsistentes Gut sind. Gerade, wenn wir über deren Erweiterung oder Veränderung durch KI nachdenken, gehören Werte, wie wir sie kennen, zu disponiblen Faktoren.

Unsere Lösungsstrategien gegenüber Fake News beinhalten fundamentale Entscheidungen, die die Frage „Wie wollen wir in Zukunft leben und wirtschaften?“ berühren. Zugespitzt stehen uns drei Optionen zur Wahl:

  • Mehr Information, gleichsam die kommunikationshomöopathische Lösung, bekämpfe Gleiches mit Gleichem
  • Mehr Experiment, gleichsam die spieltheoretisch-systemsprengende Lösung, denn nur jenseits des Systems können neue Wege entstehen
  • Mehr Überzeugung/Setzung (Religion, Ideologie, Ideation, Utopie), gleichsam die ideell-dezisionistische Lösung, denn nur, was als wahr gilt, kann verbindlich für Orientierung und Halt sorgen.

Welches Modell wir für Öffentlichkeit und Privatheit anstreben, welche Rolle Autonomie und die Freiheit des Menschen im Zeitalter Künstlicher Intelligenz spielen, hat tiefere Konsequenzen als manche wahrhaben wollen. Die Frage, unter welchen Vorannahmen (also Setzungen) Bewusstsein möglich ist, hat erheblichen Einfluss: auf Wahrheit, Ethik, Bildungskonzepte, Gemeinwohl, Öffentlichkeit, Politik und gesellschaftliche Willensbildung. Selbst wenn das Ziel ein hehres sein soll, eine Welt ohne Krieg, Hunger, Krankheit, Alter, Tod, dass der Mensch, wie wir ihn heute kennen, darin noch dieselbe Rolle spielen wird, darf bezweifelt werden.

KI, Halloween und die Geschwindigkeit von Aufzügen

Ganz oben in den Chefetagen wünschen viele, dass endlich was geht beim Thema Künstliche Intelligenz (KI). Ganz unten in den selbstorganisierten Spaces der Maker oder Hacker beweisen viele, wie viel mit KI schon längst läuft. Dazwischen, in den weitläufigen Etagen zahlloser Stockwerke ahnen immer mehr, was mit KI auf sie zukommen könnte. Weil sie aber dort KI weder – technisch betrachtet – mitentwickeln können, noch – politisch gesehen – Entscheidungen zur KI direkt steuern können, löst KI als Ganzes Unbehagen aus. Zum Schaden des Innovationsstandorts Deutschland.

Dass Verharren zu keiner Lösung führt und neben möglichen Risiken auch viele Chancen auslässt, war die Deep Story des Meetups im IBM-Watson Studio am 29. Oktober, also kurz vor Halloween.

Man mag wenig oder viel von dem uralten Brauch halten: mit seinen Schreckgespenstern, Skeletten, Geistern oder Fledermäusen erzeugt Halloween mindestens eine Unruhenacht. Durch Süßes oder Saures, trick or treat, kann sich jeder Gebannte, komfortabel auslösen. Anders bei den Störungen durch KI.

Um in den 21. Stock zu gelangen, braucht es nicht lange. Aber länger als gedacht. Man habe die Geschwindigkeit gedrosselt, einigen Besuchern sei es zu schnell gegangen. Schöner kann man es im Drehbuch eines Films über Zukunftsthemen nicht erfinden.

Oben angekommen, treffe ich auf eine Gruppe jüngerer TeilnehmerInnen. Elektrotechnik, Physik, Informatik, Theaterwissenschaft lauten die Fächer, in den sie studieren oder promovieren. Berufliche Stationen haben sie schon jetzt weit geführt: Consulting, Enterprises, Sciences…

Schnell entsteht ein lockeres Gespräch, mal Englisch, mal Deutsch, was die Dazustoßenden halt verstehen. Je weiter entfernt ihre Herkunftsländer, desto besser die Kenntnisse der deutschen Sprache. Totgesagte leben länger. Am Stehtisch das übliche Abklopfen, vielleicht etwas vorsichtiger als üblich, die Taxonomien, an denen man erkennt, wer was zu sagen hat, sind fluide geworden, unübersichtlich.

Alle von ihnen taugen für die Etagen oben, verstehen aber gleichzeitig viel von den Spaces ganz unten. Vermutlich genau wie die meisten der über hundert TeilnehmerInnen, die peu à peu eintrudeln und später den Vorträgen folgen. Weil ich verstehen möchte, was für die Menschen hier wichtig ist, lenke ich das Gespräch auf ihre Zukunftsprognosen. Schnell sind ethische Fragen berührt.

Hauptprobleme auf dem Weg zur Zukunft sind:

  • dass Daten, anders als in China oder Amerika, nicht an jeder Ecke verfügbar sind
  • dass Deutschland den Talenten keine Zukunft mehr bietet, nur China oder Amerika für sie in Frage kommen
  • dass die großen Unternehmen hier zu spät auf den Zug springen
  • dass Ökologie [und Ethik] hierzulande schnelle Entwicklungen verhindern
  • dass Bildung in Deutschland von vorgestern ist, während es anderswo Coding für Kinder gibt.

Die Befunde sind bekannt. Nur, wie damit umgehen? Wohl kaum, indem man unter sich bleibt. Wie groß die Schreckgespenster wirklich sind, was echt, was Schattenspiel, wird sich nicht in Hinterzimmern klären.

Das zeigten in nuce die Vorträge des Abends. Moderatorin Dilek Sezgün, Leader for Infrasturcture, IBM startete damit, dass AI neben Artificial Intelligence immer auch Architectural Infrastructure braucht. Das AI Ecosystem, das IBM hierfür anbietet, vertritt Marco Schulten, der den Abend mitorganisiert. Weiter gings mit einem Überblick zum Watson Studio Produktportfolio und einer Präsentation am Beispiel Machine Learning. Alexander Richthammer, Data Science Technical Specialist bei IBM, führte vor, wie sowohl Clicker als Coder mit den KI-Testdaten arbeiten lassen, graphische Aufbereitungen der gefundenen Pattern inklusive.

Die Mühen der Prozessbildung in AI-Projekten am Beispiel von Softwareentwicklung illustrierte Dr. Hendrik Brakemeier, Senior AI Strategist, Applied AI. Die scherzhaft vorgebrachte Warnung, dass er nun zur Realität komme, war berechtigt. Nur zu deutlich wurde: Selbst wenn der fantastische Blick von der Dachterrasse alle beflügelt, sind die Herausforderungen, bis alle dort stehen können, enorm. AI Engineering ist keine quantitative Extension, sondern etwas qualitativ anderes. Das zu verstehen, ist das eine, es umzusetzen, die große Kunst. Angefangen von der Vision über die Use cases bis hin zu den Erfolgstreibern ist der Weg mühsamer als gedacht. Was tun, wenn man nicht einmal die Berufsprofile, für die Mitarbeiter kenn, die man sucht, um die Ziele zu erreichen.

Abschließend Musikalisches: Insights und Prediction am Beispiel von Is that Blues or is that Rock, Jazz, HipHop….? fragte Dr. Sebastian Lehrig, IT Architect / Data Scientist IBM. Er spielte live ein paar Takte Guitarre ein, um zu zeigen, wie Daten, Modell und Metriken bei KI zusammenspielen müssen.

Dass KI Blues-Pattern erkennt, ist nicht überraschend, Wiedererkennung, Präferenzbildung und Geschmacksprognosen sind am Markt. Dass sie ganz neuen Musikstile erfinden könnte, scheint beinahe interessanter. Die Verteilung von Ganz- und Halbtonschritten sowie mögliche Spielräume zwischen Tonskalen unterscheiden westliche von östlicher Musik stark. Hörgewohnheiten unterliegen kulturellen Prägungen. Was den einen nach ästhetischer Raffinesse, klingt den anderen stark dissonant. Doch auch hier zeigt sich, Näherungen sind möglich. Austausch, Wissen, Verständnis lassen sich nicht einseitig entwickeln.

Das gilt auch für die vermeintlichen Bremsklötze oder Verweigerer der KI. Ja, es kann umständlich sein, befremdlich klingen, ethische Fragen zu integrieren. Es macht das Produkt am Ende teurer. Aber ethische Fragen helfen, die Basis zu klären. Sie schaffen einen gemeinsamen Raum mit einer guten Grundlage. Sie helfen Fehler zu vermeiden, denen neue Technologien unterliegen können. Zumal bei Konsequenzen, die jenseits rein technischer Fragen unabsehbar sind. Der Blues beträfe uns alle.

Narrative der Folgenabschätzung. #COSCA19

Viele Unternehmen wollen mehr sein als Erzeuger von bloßen Produkten. Sie kommunizieren, dass sie mit ihren Waren das Klima retten wollen, die Welt verbessern, gegen Unfairness ankämpfen und ihre KundInnen bei allem möglichen unterstützen möchten. Wer Purpose als Einheit von Haltung und Handlung begreift (Katrin Seegers, w&v Gastbeitrag 16.08.2019), betritt jedoch schneller als gedacht unwegsames Gelände.

Was können Unternehmen und KonsumentInnen tun, wenn das eigene Produkt zwar in seiner Vermarktung und in der Anwendung einem guten Ziel dient, in seinen Entstehungs- oder Entsorgungsbedingungen jedoch diskutabel, fragwürdig oder problematisch bleibt?

Natürlich ist es möglich, einfach die Augen davor zu verschließen. Es ist zulässig, darauf zu verweisen, dass man sich innerhalb des gesetzlich vorgegebenen Rahmens bewege, es zeugt von Sensibilisierung, zu erwähnen, dass man teilweise freiwillig schon darüber hinausgehe. Und doch:

Vision geht anders

Die immanente Konsequenz von Purpose ist eine erweiterte Folgenabschätzung. Aus vielen Gründen ist das weder naheliegend noch einfach oder risikofrei, dennoch ist es wichtig. Bei der Bestandsaufnahme stehen (mindestens) sieben Argumente möglicher Veränderung zu echter Folgenabschätzung und übernommener Verantwortung im Wege.

  1. Das will doch (so genau) keiner hören.
  2. Damit wecken wir nur schlafende Hunde.
  3. Wir sind nur ein kleines (machtloses) Teilstück im großen Ganzen.
  4. Damit kannibalisieren wir uns unseren Markt.
  5. Das würde viel zu viel kosten.
  6. Das minimiert auf lange Sicht unseren Geschäftserfolg.
  7. Das gefährdet unsere Kundenbeziehungen.

Zu diesen sieben Setzungen gibt es (mindestens) sieben mögliche Antworten, die neue Paradigmen eröffnen. Antworten, die visionäre Kraft und Bereitschaft für Veränderungen erzeugen können. Implizit stehen Narrative und damit Werte der Veränderung entgegen. Übrigens ist es kein Zufall, dass die Politik hier ähnliche Probleme mit ihrem Souverän, dem Wahlvolk, kennt.

  1. In den Netzwerken sprechen Menschen längst darüber. Bestimmte Endverbraucher sagen und handeln danach, was ihnen wichtig ist und sind bereit, dafür zu zahlen > Sie sollte man verstehen lernen und nutzen!
  2. Folgenabschätzende Unternehmen betreiben keinen Alarmismus, sondern schauen genau hin. Dafür nehmen sie sich Zeit und stellen sachdienliche Daten zur Verfügung. So können sie mitgestalten.
  3. Alleine brauchen Unternehmen das gar nicht zu stemmen, deshalb vernetzen sie sich und schaffen Verbündete. Viele kleine Bausteinchen erzeugen ein gutes Fundament für neue Bauten.
  4. Unternehmen erzeugen neue, veränderte Geschäftsmodelle mit mehr Teilnehmenden.
  5. Richtig gemacht, kann es weniger kosten und dauerhaft nachhaltigeren Ertrag bringen.
  6. Ein kurzfristig gemindertes Ergebnis können langfristig gesicherte Chancen entsprechen.
  7. Kundenbeziehungen können sich neu erzeugen.

Wir kennen Sätze wie: Der Ehrliche ist immer der Dumme. Der Kunde/Wähler sagt, Ethik sei ihm wichtig, aber am Ende kauft/wählt er doch da, wo es für ihn am günstigsten ist. Gegen den globalen Wettbewerb haben wir keine Chance. Daran ist durchaus Wahres. Fragt sich nur: Muss es immer so bleiben? Was könnten wir dagegen ausprobieren? Wichtiger noch: Wie lange können wir alle noch auf Kosten des Planeten leben?

Verfügte um 1900 jeder Mensch durchschnittlich etwa über 180 persönliche Dinge, so sind es heute 10.000 – Ten­denz steigend, mit katastrophalen öko­logischen und ökonomi­schen Nebenwirkungen. Wen wun­dert es, dass Konsu­men­tInnen erste Erschöpfungserscheinungen bei sich wahr­neh­men. Gerade die Jünge­ren beschleicht ein ungu­tes Gefühl, steht doch ihre ei­gene Zukunft auf dem Spiel. Globale Vernetzung legt eben nicht nur die Son­nen-, sondern auch die Schattenseiten des Dauerkonsums frei. Was kostet das alles? Wohin mit den vielen Sa­chen? Wer hat dafür ge­arbeitet? Wie viel vom Planeten wur­de für dieses Produkt verbraucht? Wo landet es nachher auf dem Müll? 

Wer sich traut, neue Wege im Gelände zu bahnen, trifft unweigerlich auf ein keinesfalls triviales Hindernis: Es soll Überzeugung für etwas geleistet werden, besser noch Begeisterung für etwas geweckt werden, das, wie jede Vision

  • noch in ziemlich weiter Ferne liegt
  • zu großen Teilen unsichtbar ist
  • unbequeme Wahrheiten zu Tage fördern wird
  • von vielen kleinen Schritten abhängt
  • Gelingen und Misslingen nur in unter Umständen komplexen Kooperationen oder Partnerschaften realisieren kann.

Die Fragen, die sich auf einem Content Barcamp ergeben, hatten mit Inhalten, mit Framings, Narrativen und Formaten zu tun:

Bei der Frage, wie Unsichtbares sichtbar gemacht werden können, könnte der Einsatz von VR und MR eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Die konkrete Erfahrbarkeit macht Ziele greifbarer – und sei es virtuell.

Prophet, Eisbrecher, Antiheld? Welche Erzählkonzepte jenseits des Single-Hero-Konzepts können gelingen?

Wie lässt sich das vermeintlich unattraktive Vorbereiten von Paradigmenwechseln interessant gestalten? Eine Phase, in der wenig Konkretes und Gesichertes geschieht, womöglich nur kleine Schritte getan werden.

Wie könnten unbequeme Wahrheiten kommunikativ begleitet werden? „Proud to fail?“ könnte ein möglicher Ansatz sein, bedarf aber besonderer Integration und geeigneter Formate.

Zum Thema Gelingen und Misslingen von Kooperationspartnerschaften mit dem Ziel, Systeme zu verändern, berichtete ein Session-Teilnehmer, wie die REWE mit ihren Gemüsestoffbeutelchen das System Plastikverpackung nicht nur ökologiebewusst besetzte, sondern inzwischen Wettbewerber zum Nachziehen brachte. Eine andere Teilnehmerin gab bekannt, wie kleine Schritte sogar eher zum Mitmachen aktivierten als eine 100% (Über-)Forderung, die auch ins moralisch Beckmessernde umkippen kann.

Glaubwürdigkeit spielt eine erhebliche Rolle. Nicht zu vergessen, die erforderliche Bereitschaft, bei Unternehmen wie Konsumierenden ehrlich zu argumentieren und zu handeln.

Der Beitrag basiert auf meiner Barcamp Session „Narrative der Folgenabschätzung“ beim Content Strategy Camp „Cosca19“ in Dieburg am 27.9.2019. Herzlicher Dank an alle TeilnehmerInnen!

Kreativität, Kunst, KI und Neue Narrative

Was Kreativität kann und soll, darauf gibt es zum Glück keine abschließende Antwort. Als Inbegriff kreativen Schaffens gilt noch immer >>Kunst<<. Noch, möchte man hinzufügen, wenn man die komplexen Fortschritte des maschinellen Lernens in diesem Feld betrachtet.

Was KI inzwischen alles kann, kompositorisch, zeichnerisch, literarisch und demnächst wahrscheinlich auch bildhauerisch bzw. additiv, beeindruckt wirklich.

Raubt KI dem Menschen eines der letzten substanziellen Refugien?

Ja, nein, vielleicht. Was denn nun? Im Erleben ist kreative Energie unteilbar. Theoretisch betrachtet, neigen wir dazu, sie zu klassifizieren. Grob vereinfacht unterscheidet die westliche Welt mindestens zwei Variationen: die Kreation (Erschaffung von etwas, das es vorher überhaupt noch nicht gab) und die Rekombination (das Umgestalten oder Re-Arrangement zu etwas, das es so noch nicht gab).

Welche Kreativität in der Wertepyramide gerade oben steht, hat auch mit Leistungszuschreibungen zu tun. Diese unterliegen geschichtlichem Wandel. Denken wir an das im 18. Jahrhundert entstandene Genie-Paradigma mit seiner Leitkategorie absoluter Neuschöpfung. Noch im 17. Jahrhundert war dies unvorstellbar, es hätte als regel- und folglich kulturlos gegolten.

Alles menschlich Erschaffene unterliegt Gestalt- und Formprinzipien, die reproduziert werden können. Anders wären, um im Beispiel der Malerei zu bleiben, bestimmte stiistische Massenproduktionen gar nicht denkbar. Schon immer gab es Mal-Schulen, in denen „im Stil von“ gefertigt wurde. Warum sollte das also jetzt ein Problem, nur weil eine Maschine epigonal zu malen beginnt?

Wo es primär darum geht, schöpferische Energie zu verwerten, sie also im Kontext von Gebrauchsnutzen zu definieren, sind Re-Uses (verwertungs-)logisch betrachtet, bester Ausdruck von Kreativität. Sind sie auch Kunst?

Hier berühren wir den anspruchsvollen Raum dessen, was Kunst überhaupt sein soll oder kann. Das näher auszuführen, sprengt dieses Format. Doch, es stellt sich die Frage, ob KI-Kunst nicht auch hier der Zeit und dem zeitgenössischen Kunsturteil voraus sein kann?

Zunächst mal, ja, sie kann. Wo sie alle möglichen Formen der Gestaltsprache beinhaltet, kann sie auch alle möglichen produzieren. Bekanntlich ist die Rezeptionsgeschichte Teil der Wertzuschreibung von Kunst. Das heißt, Kunst kann der eigenen Zeit weit voraus sein und deshalb zeitgenössisch verpönt bleiben. Könnte also einer von KI erzeugten Kunst dieses Schicksal drohen? Ja, es könnte.

Wie eine Gesellschaft Kreativität und Kunst bewertet, ist nicht ohne Belang. Welche Kraft sie ihr zuschreibt, welche Räume sie ihr zugesteht und mit welchen Narrativen sie belegt wird, lässt Erkenntnisse über eine Gesellschaft zu. Über Jahrhunderte galt Kreativität als etwas, das im Bereich der Muße, verortet war, wenn, dann im otium, nicht im negotium. Schon seit langem hat der Diskurs der Kreativität das unternehmerische Handeln erreicht.

Das Konzept kreativer Selbstzerstörung (W. Schumpeter) bekam durch das der Disruption (C. Christiansen) neue Vitalität. Seither wird Kreativität in allen möglichen Feldern (Bildung, Gesellschaft, Kunst) überraschend stark von Elementen ökonomischer Kreativkonzepte genährt.

Die Geschichte der Menschheit ist voll von Versuchen, Kunst für Zwecke zu vereinnahmen. Einmal von Seiten der Künstler_innen, die eine Fülle an Manifesten und ästhetischen Theorien neben ihren Werken selbst hervorgebracht haben, gleich, ob sie avantgardistisch, konservativ oder retrospektiv argumentieren.  Sodann aber auch von Seiten anderer Interessensgruppen, seien diese nun (kunst-)merkantil, religiös-kultisch, erziehungsbildnerisch, politisch oder sonst wie geprägt. Sie kommen darin überein, dass die Kunst etwas leisten soll. Was sie leisten soll, ist letztlich eine Variable.

Unverzweckt – nicht banal, beliebig oder manipulativ

Wenn sie im engeren Sinne nichts leisten soll, bleibt Kunst unverzweckt. Nur dann handelt es sich überhaupt um Kunst, nicht um Design, Kunsthandwerk, angewandte Technik oder Politik.

Zweckfrei entfaltet Kunst jene Widerständigkeit, die ein spezifisches Erleben ermöglicht. Ein Erleben, das soweit als möglich hinter die Bedingungen des Möglichen reicht. Das sich wohlfeiler Zuschreibungen entzieht und die eigenen Maßstäbe hinterfragt. Das sich seine unvorhersehbare Wucht und radikale Ehrlichkeit bewahrt.

Getränk zur Unzeit, statt altem Wein in neuen Schläuchen

Das kann die Möglichkeit enthalten, sich selbst (nicht nur im Happening) zu zerstören, sondern als eine immanente Option, die als Leer- wie als Lehrstelle offengehalten wird. An dieser Stelle entstehen dann auch wirklich neue Narrative, nicht nur neu verpackte altbekannte Stories. Mit durchaus bitteren Wahrheiten, genau wie süßen Experimenten könnten die Künste (un)zeitgemäße Verbindungen eingehen. Das ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe oder das V2 Lab for unstable media in Rotterdam etwa bereiten in diesem Sinne das Feld. Es betreten und darüber reden müssen wir schon selber. Oder reinschauen in den Spiegel – zum Beispiel in das Mirror Piece von Marnix de Nijs.

Kultur, Diversity und Humor. Drei ziemlich beste Freunde.

Diversity und Frauen, manchmal scheint es, als sei das Thema Diversity nur ein Frauenthema. Dabei zeigen Stichworte wie Neurodiversität oder Inklusion, dass wissenschaftlich und empirisch längst viel breiter zu dem Thema geforscht wird. Mit Recht, denn der Zusammenhang zwischen Übernormung, Anpassung und Leistung ist evident. Wer sich sexuell, religiös, neuronal usw. stets rechtfertigen muss oder seine wahren Bedürfnisse verschleiert, weil sie tabuisiert oder ausgrenzend wirken, wird unter seinem Niveau bleiben.

Die Übernormungsmuster sind stets die gleichen – die Mehrheit definiert, was als normal gilt und folglich, welches Verhalten akzeptabel ist und was nicht. Typische Diskriminierungspraktiken sind zuallererst rhetorisch, bevor sie strukturell-legislativ zementiert werden. So kann es als Social- oder Capacityblaming bei Menschen mit einer autistisch oder hochsensitiv geprägter Wahrnehmung gelten, wenn Kolleg_innen von „Der oder die ist ein bisschen schräg“ sprechen oder „Was, das strengt dich an, du bist ja überhaupt nicht belastbar!“ Wie Produktivität entsteht, verläuft mitunter eben außerhalb der Norm.  

Daher dürfen Frauen, die zum Teil anderes Kommunikationsverhalten als Männer zeigen, genau wie LGBTQ**** mit Recht hellhörig werden, wie inklusiv sie angesprochen werden oder nicht.

 „Mit Diversity in Führung – Welche Kultur braucht der digitale Wandel?“

Etwa 50 Frauen und eine Handvoll Männer zeigten beim gestrigen Themenabend der Digital Media Women (DMW) München, dass das Thema Diversity im Blick auf Frauen inzwischen eine Geschichte hat, aus der zu lernen ist – für künftige Diversitystrategien. Denn es ist zu erwarten, dass mit der Erweiterung des Diversityspektrums – nicht zuletzt im Blick auf Cyborgs – bekannte Problemszenarien wieder auferstehen.

  • War es ein Fehler, das Thema Diversity anfangs in der HR zu verorten und mit dem Schwerpunkt „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ zu positionieren? Ja, es war. Denn es gehört in die Geschäftsstrategie.
  • War es ein Fehler zu glauben, dass sich ohne Quote etwas bewegt? Ja, es war. Erst recht, wenn man noch heute Quote 0 als Ziel angeben kann.

Das Panel @SteffiFeldmann (Keyp), @RosaRiera (Siemens) und Kathrin Rhode (Thoughtworks) moderiert von Katja Vater (@Katja_like) brachte wertvolles Erfahrungswissen aus dem Alltag mit. Angenehm selbstkritisch, ohne den „Welche Probleme?“-Habitus und erkennbar energetisch (trotz mancher „zwei-zurück-eins-vor“-Schritte) für die Sache kämpfend. Außerdem grandios, das ironische Zitieren der unbewussten eigenen Vorurteile und Stereotypen (un)concious bias. Der Saal bekam gleich eine vitalere Dynamik.

#30mit30, also 30 Unternehmen mit einer Frauenquote von 30 Prozent bleibt noch ein Fernziel – leider.

So lautet das Fazit von den ehrenamtlichen DMW Macherinnen @hellocec CécileSchneider und @KatjaVater. Aufgeben gilt trotzdem nicht, denn es ist ja auch schon etliches erreicht worden.

Neulich stellte die ZEIT eine Sammlung an diskriminierende Sprüchen vor, die in dieser Geballtheit Gefühle wie Trauer, Zorn, Abscheu weckten, aber auch sprachlos machten. Da Sprache eine, wenn nicht die wichtigste Präfiguration vorstellt, ist es wichtig, auch für Diversity gute Narrative zu finden. Das ist beileibe nicht trivial, zumal das Deutsche sich schwerer tut als das Englische, um sowohl sensibel als auch flüssig zu formulieren. Schließlich wirkt auch die Gendersternchendebatte bei Menschen, die an sich zu den Födererern gezählt werden dürfen, nicht nur Gutes und kann überfordern.

Ich habe vor langer Zeit einem Kunden den Vorschlag gemacht, die salvatorische Klausel einfach mal umgekehrt anzuwenden. Also, statt der besseren Lesbarkeit immer nur die weibliche Form zu verwenden, aber in der Fußnote darauf hinzuweisen, dass die männliche natürlich mit gemeint sei. Das Ergebnis, große Beipflichtung, echt cool, wäre ja mal interessant – gemacht wurde es dann doch lieber anders.

Kein Scherz. Warum mehr Humor befreiende Wirkung haben kann

Humor, echt, jetzt?! Die jüngsten Shitstorms zu Vater- und Muttertagsvideos von Edeka lassen grüßen. Humor, ist das nicht immer auf Kosten von irgendwem? Wie oft, macht auch im Humor die Dosis das Gift.

Feiner Humor hat eine große subversive Kraft, auch weil er teilweise im uneigentlichen Sprechen beruht. Ihm eignet, so betrachtet, etwas durchaus Virtuelles an, er macht Dinge möglich, indem er zeigt, wie unmöglich sie sind und vice versa. Dadurch kann Humor etwas aufbrechen, was zuvor nicht denkbar war. Er kann Normen hinterfragen, blinde Flecke zeigen, den Spiegel vorhalten. Wenn man sich anschaut, was heute schon an AR, VR und MR möglich ist, frage ich mich, warum dies so selten für die wirklich relevanten Probleme eingesetzt wird.

Die Möglichkeiten des Humors für die gute Sache austesten – Risiko oder nicht?

Humor kann etwas aufbrechen, was zuvor nicht denkbar war. Er kann Normen hinterfragen, blinde Flecke zeigen, den Spiegel vorhalten. Warum also nicht die Möglichkeiten des Humors stärker für die gute Sache austesten?

Gerade, wo es um ernsthafte, seriöse Anliegen geht, sind die Verfechter dieses Anliegens eher zögerlich gegenüber der Kraft des Subversiven. Es könnte ihrer Sache schaden und abträglich sein, fürchten sie. Da ist insofern etwas dran, als dass Humor eine gefährliche Waffe sein kann.

Nichts kann mehr nach hinten losgehen als Pseudo-Humor. Es kann aber auch revolutionäre Kraft haben. Karikaturen oder Cartoons in Zeitungen, diese illustrierte Glossen, bewahren etwas auf von dieser harmlos machtvollen Power. Eine Kultur, in der man zum Lachen nicht in den Keller gehen muss, hält viel mehr aus und kann helfen, allfällige Spannungen, die zunehmen werden, wohlwollend und positiv zu entladen. Kultur, Diversity und Humor passen auf den ersten Blick vielleicht so wenig zueinander wie die beiden Protagonisten in dem Film „Ziemlich beste Freunde„, der ja auf einer wahren Geschichte beruht. Der Tetraplegiker Philippe schätzt an seinem Pfleger Driss, dass er ihn gerade nicht wie ein rohes Ei behandelt. Und ja, zwischen beiden darf viel gelacht werden.

Lost in Sound-Space. Was KI von sich hören lassen sollte, wenn sie uns dienlich sein will

Auf der Sommerleseliste der Stiftung Neue Verantwortung fand ich einen Link zu einem akustischen Museum, das ich jedem zu besuchen empfehle. Ergänzt um einige Gamification-Elemente basteln Geeks daraus schnell ein Top-Altersprognosetool für die sozialen Netzwerke. To be honest, ich kannte ziemlich viele der Sounds noch im Originalbetrieb.

Veränderungen in Gesellschaften, (digitale) Kulturgeschichte, verstanden nicht als Faktenhuberei, sondern als Narrativ-Feld, ermöglicht Wertschöpfung. Denn es erlaubt Szenarioanalysen. Nicht nur rückwärts betrachtet, sondern auch vorwärts in die Zukunft.

Vor einiger Zeit hatte ich bei einem Kundenauftrag zum Thema Markenführung einen Flash. Übertragen auf das Feld unserer KI unterstützte Gesellschaft stellte sich mir die Frage:

Wie klingt KI?

Noch genauer: Wie klingt eine KI, die den Menschen respektiert? Ihn also nicht pseudo-naiv vereinnahmt, aber auch nicht metallen-mechanistisch abstößt?

Was zunächst oldfashioned anmuten mag, erwies sich spätestens im März dieses Jahres als virulent. Die Welt debattierte, wie eine künstliche Stimme klingen solle. Wenn die KI-Stimme „Q“ körperlos ist, warum klingt sie dann wie eine Frau? Die Agentur Copenhagen pride schuf Abhilfe, bekannte aber auch: sie glaube nicht, dass diese sich durchsetze.  

„Sehr sicher bin ich mir aber, dass wir auf absehbare Zeit keine geschlechtsneutrale Stimme als Standardeinstellung bekommen werden. Das widerspricht dem Geschäftsgedanken der Konzerne.“

Erschwerend kommt hinzu, dass eine Mehrheit der Menschen weibliche Stimmen als herzlicher empfinden.

Regulieren oder machen lassen?

Was also tun? Aufklären, freistellen, laufenlassen, vorschreiben aushandeln…

In unseren absehbar virtuell (mindestens angereicherten) und elektronisch neu mobilisierten und organisierten Mega-Städten werden wir neue Soundwelten erleben. In einem Ausmaß, das wir uns noch nicht vorstellen können.

Wer je eine Intensivstation besucht hat, weiß, was uns bevorsteht. Selbst Ärzte und Pfleger bekennen, dass die Signaltöne ein krankmachendes, ja irreführendes, weil unabgestimmtes Ausmaß angenommen haben. Jeder Hersteller entwickelt nach Können und Gusto das, was dort als „Warnton“ empfunden wird.

Auch Sounds sind Narrative. Als solche können sie wertstiftend oder wertmindernd, akzeptanzerhöhend oder -verringernd sein.

Städte, Dörfer, Häuser, Wohnungen, Menschen prägt ein charakteristisches Klangbild. Menschen aus dörflichen Umgebungen oder ältere Menschen kommen mit den Sounds der Zukunft oft nicht mehr klar. Überall fiept, surrt, tönt, läutet, piept, dingdongt was.

Brauchen wir ein Ministry of Sound?

Ja, die Digitalisierung betrifft als Querschnittthema alle Ministerien. Angesichts der Komplexität und Vielfalt der bevorstehenden Aufgaben ist es gleichwohl nachvollziehbar, dass zahlreiche Verbände und Initiativen in einer Petition eine/n Digitalminister/in (m/w/div) forderten

Was pars pro toto am hier gewählten Beispiel Sound deutlich wird, weckt allfällige Fragen – ausgelöst von der Neuerfindung der Gesellschaft in Zeiten von Digitalisierung und KI.

Zwischen der Deutschen Industrienorm, dem Krümmungsgrad der europäischen Gurke und dem Faustrecht des Wilden Westens liegt eine Zone, die es klug für die digital befähigte Gesellschaft zu besetzen gilt.

Wie könnte eine ver­nünftige digitale Information aussehen, die nicht nervt, sondern lotst, aufklärt oder berät? Wie soll ein niedrigschwelliger, wie ein wichtiger Warn­hinweis klingen? Sollten Sounddesigner an einer internationalen Soundkultur arbeiten, um Standards zu etablieren? Oder sollte jede Marke ihre eigenen akustisch-stimmlichen Bibliotheken ent­wickeln? Diese und andere Fragen werden künftig eine Rolle spielen. Ohne, dass die Entwicklung vorhergesagt werden könn­te, ist doch zu erwarten, dass es zu Neuer­findungen und Wie­der­belebungen kommt.

Spätestens seit Büchern wie Das große Orchester der Tiere oder Das geheime Leben der Bäume wissen wir, wie wichtig und prägend Klang-Habitate sind.

KI muss nicht alle Fehler der Industrie 1.0 – 4.0 wiederholen

Die Beschwerdegeschichte über Lärm ist so alt wie die der Vergesellschaftung. Einst richtete es sich gegen die Schläge der Schmiede, Schlosser, Kufner und den Lärm der Droschkenräder. Später, mit  der Mechanisierung, gegen das Rattern der Webstühle, das Zischen der Dampfmaschinen, das Pulsen der Kolben in Fabriken, die elektrischen Eisenbahnen und den Automobilverkehr.

Es ist in hohem Maße unwahrscheinlich, dass das Internet of Things – konsequent zu Ende gedacht – ohne Nebenwirkungen bleibt, akustische oder interferenzelle. Wenn wir schon auf dem besten Wege sind, eine Forecast-Society zu werden, dann doch bitte auch im Blick auf die möglichen Lösungen für die realen Probleme.

Doktor, Quacksalber, Scharlatan. Die riskanten Heilsversprechen der Künstlichen Intelligenz im Medizinsektor

Minuten können über Leben und Tod entscheiden. Ein neues KI-System, das 48 Stunden früher als bisher Nierenversagen bei Patienten vorhersagen kann, ist wirklich von großem Wert, menschendienlich, nicht nur nachrichtlich betrachtet. Was aber, wenn das alles noch gar nicht ausgemacht ist?

Ziffer 14 des Deutschen Pressekodex regelt die Medizinberichterstattung

Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte. Forschungsergebnisse, die sich in einem frühen Stadium befinden, sollten nicht als abgeschlossen oder nahezu abgeschlossen dargestellt werden.

Michael Moorstedt hat zünftig journalistische Distanz gewahrt. Er hat in der Süddeutschen Zeitung vom 11. August 2019 das gemacht, was Qualitätsjournalismus tun soll, nämlich die Fakten

  • zu recherchieren
  • sauber aufzubereiten
  • zu analysieren
  • mit Hintergrundinformationen zu ergänzen
  • in einem größeren Kontext einzuordnen.

Bei Lichte betrachtet, hält die Geschichte – noch –  nicht ganz, was sie verspricht. Moorstedt machte darauf aufmerksam, dass hier Korrelationen mit Kausalitäten gleichgesetzt wurden und eine nicht unproblematischer Datensatz als Basis diente. Andererseits war das den ForscherInnen bewusst:

Although we demonstrate a model that is trained and evaluated on a clinically representative set of patients from the entire US Department of Veterans Affairs healthcare system, this demographic is not representative of the global population. […] Validating the predictive performance of the proposed system on a general population would require training and evaluating the model on additional representative datasets.

Michael Moorstedts Kritik zielt gegen die Unart, „schlagzeilenträchtige Forschungsdurchbrüche“ zu verkünden. Ob es hier darum ging, dem eigenen „Börsengewinnen“ auf die Sprünge zu helfen oder einfach dem nächsten Forschungsauftrag, dem nächsten Zitat, dem nächsten Like, sei dahingestellt.

Fakt ist: Das Phänomen des Zuspitzens ist nicht neu. Es betrifft längst nicht nur KI-getriebene Medizin, denken wir an Beispiele zu alternativen Heilmethoden wie Homöopathie oder Akkupunktur. Es betrifft auch alle anderen denkbaren Branchen. Mundus vult discipi, oder etwa nicht? Nein, will sie nicht. Oder wenn, dann zahlen alle einen sehr hohen Preis dafür. In der Politikverdrossenheit lässt sich das grade in Echtzeit beobachten.

Warum der KI-getriebenen Medizin vorschnelle Heilsversprechen schaden

Der Zuwachs an Wissen, der mittels KI im Feld medizinischer Forschung erfolgt, ist evident. Mit der enormen Rechnerleistung und dem immer größeren Datenpool können Bild- und Mustererkennung, Korrelationen, Diagnostik und Prognostik durch maschinelles Lernen exponentiell wachsen. Damit wird mehr als wahrscheinlich, dass die Menschheit in Gänze davon für ihre Gesundheit profitieren wird.

Im hochsensiblen Feld von KI und Medizin sollten wir uns als Gesellschaft gut austauschen. Vorteile nutzen, Nachteile perspektivieren, beides gestalten. Über Themen wie die im folgenden gelisteten:

  • Datenherkunft
  • Datenbasisgröße
  • Datenintegrität (frei von Diskriminierung)
  • Datennutzung
  • Datenbesitz
  • Datensicherheit
  • Datenethik

Ohne Daten verläuft der medizinische Fortschritt anders. Anders – das sagt erst mal nichts zu besser oder schlechter. Ohne gesellschaftlichen Austausch verläuft er auch anders, ich wage zu vermuten, schlechter.

Im Medizinsektor entsteht Vertrauen aus Leitwerten wie Präzision und Dezenz. Es gilt ethisch vor prahlerisch, richtig vor knackig.  Die jahrtausendalten Narrative rund um das Patientenwohl haben einen virulenten Kern. Der Marktschreier oder Quacksalber ist noch heute die Kehrseite der hippokratisch-galensischen Medaille – aber die weniger gut beleumundete und weniger vertrauenswürdige. Narrative sind instabil, solange sie nicht ausgehandelt werden, das habe ich an anderer Stelle zu zeigen versucht. Sie haben Geschichte.

Je öfter am Ende hängenbleibt, „das ist eh alles Quatsch“ oder „die da oben verdienen sich doch nur an uns eine goldene Nase (noch dazu an unseren frei hergeschenkten Daten)“, desto mehr schadet es dem ganzen Sektor und kann überspringen.

An dem Konflikt sind übrigens viele Akteure beteiligt – Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Healthlobbyisten genau wie Medien, PR und Storyteller. Das Newsparadigma „only bad news are good news“ trägt mit dazu bei, dass vollmundige, markante Headlines schneller in der Welt sind als kluge Überprüfungen ihres Wahrheitsgehalts. Nebenbei, manche Pseudofrage in sozialen Netzwerken in sozialen Netzwerken steht der Irreführung in nichts nach.

Angehende Journalisten lernen, die Überschrift solle bitteschön halten, was sie verspricht. Eine Überschrift, die korrekt mitteilt, was der gemachte Befund womöglich irgendwann einmal tun könnte, hat aber weniger Chance auf Wahrnehmung. Eine Story to tell ist immer formwirksam. Sie verändert den Stoff, macht ihn beileibe nicht nur spannender. Drei Aspekte zu einer vermeintlich simplen Sache wie einer Überschrift. Drei Interessenslagen, ein Zielkonflikt.

Was also tun? Fehlt es an Konstruktivem, lösungsorientierten Journalismus? Fehlt es an Gute-Nachrichten-Medien? Fehlt es an storybegeisterten Heilsbringern?

Ich habe vor einiger Zeit eine Idee zu einem KI-Hub mit eigenem Printableger angeregt. Beides, jedes auf medienspezifische Weise, sollte genau auf diese neue Anforderung reagieren. Was und vor allem wie schreiben, lesen, bewerten, wissen wir alle künftig über Ankündigungsszenarien (vgl. auch nochmal den Pressekodex, hier Ziffer 2, 2.3, Ziffer 7). Wie gehen wir mit Teilergebnissen um? Wie nachhaltig kann guter Journalismus an Themen, etwa aus dem Bereich Medizin dranbleiben? Wie frei ist der Journalismus, wie frei die Medizin, die KI von blinden Flecken?

In der Möglichkeit einer neuen Technologie liegt kein Problem per se. In dem nicht breit genug geführten Dialog, wie wir damit umgehen wollen, schon. Es liegt auch keins in der – letzlich graduellen – Unterscheidung von Assistenz oder Ersatz (100% Assistenz sind Ersatz). Die eigentliche Frage ist, welche Zugänglichkeit (Verfügbarkeit), welchen Stellenwert (heuristisch, epistemoloisch) und welche Relevanz (als Gesetzbildung im weitesten Sinn) erhält das so erzeugbare Daten- und Mustererkennungs-Wissen für uns alle. Es geht weniger um die pekuniäre Verwertbarkeit (Märkte finden sich in kapitalistischen Systemen immer und die Frage ist berechtigt, ob das so sein muss oder kann). Aber die eine große Frage ist primär gesellschaftsphilosophisch, da sie einen epochalen Umbruch markiert, der das künftige Leben berührt. 

Meine Empfehlung bis auf weiteres lautet, gerade, weil die von KI erzeugten Ergebnisse erwartbar immer besser werden, sollten alle, die mit KI und Medizin zu tun haben, sich freiwillig eine besonderen Selbstverpflichtung auferlegen.

Wir sind auf dem besten Wege, eine Forecast-Society zu werden. Was bedeutet das – für unser Verständnis von Wirklichkeit, Gesellschaft und von uns selbst, als Gesunde oder Kranke, aber auch für das Erzählen, für die Berichterstattung? Da wären Experimente willkommen.

Wie blind ist das denn? #KI, #KINarrative, #E-Roller und das Erkennen neuer Muster

Heute morgen (10.08.2019), auf dem Fußweg zum Supermarkt sah ich einen jungen Mann die U-Bahn Treppe hochkommen. Er trug eine getönte orangene Sonnenbrille, nicht ganz erwartbar für den Regentag, aber bitte. Als er ganz oben stand, erkannte ich, dass er einen Langstock führte.

Er bewegte sich souverän, der Radius, den er mit dem Langstock auswarf, schien aber mit den überall rumstehenden E-Rollern zu kollidieren. Er drohte, sich zu verhakeln, so dass ich fragte, ob ich ihn kurz etwas fragen dürfte (nämlich ob er Hilfe bräuchte, da stünden kreuz und quer diese neuen E-Roller) und wir kamen ins Gespräch. Wir hatten das gleiche Ziel, mal führte er, mal ich, so dass sich aus der simplen Frage wertvolle Anregungen ergaben.

Mich triebe grade das Thema um, wie neue Technologien Menschen helfen könnten, ohne sie zu bevormunden oder etwas über sie hinweg zu erfinden. Ob er glaube, dass neue Sensortechnologie (Stichwort: Autonomes Fahren, ToF) ihm auf seinem Weg helfen könnten?

Hinter der Frage verbarg sich natürlich auch ein Doppeltes: der berühmte „Job to be done“ – also kein Problem, kein Produkt – und es gibt keine Probleme, nur Lösungen, das ist alles nur eine Frage des Mindsets – also der Perspektive, der Haltung, der Achtsamkeit, der Sprache.

Er schien sich mit Technologien sehr gut auszukennen, meinte, er sei womöglich nicht repräsentativ, weil er sehr lange habe sehen können, nun gar nicht mehr. Das Sehen können habe ihm allerdings einen ganz anderes Orientierungswissen über den (städtischen) Raum verschafft.

Wir sprachen darüber, was es für einen Unterschied machen muss, ob man in einem räumlichen Umfeld groß wird und dieses sehen kann oder nicht. Allein das reicht zum Nachdenken für einen Samstag und Sonntag! Die Frage, welche Muster wir erkennen (können) und welche wir aufgrund unserer erkenntnistheoretischen Verfasstheit nie rausfinden würden, hat viel mit #KI und Sprache zu tun. Wenn der Name Rainhard fehlerhaft an die Wand projiziert wird, wie neulich erlebt, verstehen wir Menschen schneller, wenn man „Vorne mit E“ sagt, anstatt:

  • Von den zwei doppelt vorkommenden Buchstabengruppen in meinem Namen sind nur die uvularen Konsonanten richtig, von den Vokalen ist nur der zweite ein vollkommen offener, der erste ist halboffen, aber kein ö oder o.

Auf einem U-Bahn Handlauf hatte ich Brailleschrift in einem Handlauf zum ersten Mal gesehen und als gutes Inklusionsbeispiel im Gedächtnis gespeichert. Vermutlich war es ein Hinweis auf den nächsten Aufzug oder die Info enthielt weitere Angaben über Barrierefreiheit weiter unten am Bahnsteig.

Naiv, weil unbetroffen, ging ich davon aus, dass mein Begleiter sicher Brailleschrift lesen können müsste. (Ich hatte bei Gruner + Jahr mal eine Ausgabe des Stern und der ZEIT in Brailleschrift in der Hand, der große Henri Nannen und der große Bucerius haben die Idee dazu gehabt.) Nein, meinte er, die Brailleschrift sei für ihn gar keine Hilfe, erstens habe er sie nie erlernt, zweitens sehe er auch keine Notwendigkeit mehr darin, weil er sich das meiste als Podcast oder Hörbuch vorlesen lasse und außerdem komme all sein Post ja eh auf Papier ohne #barrierefrei zu sein. Ok, ein typischer Fall für Voice-Communication. Da gibt es ja sicher längst Abhilfe, Scan to Speech, wenn man das will, aber er schien ganz gut versorgt. Die Post lasse er sich von seiner Freundin oder Familie oder Freunden vorlesen.

Sein Hauptproblem, gestand er mir, seien Menschen, die, oft selber zittrig, ihn ungefragt am Arm packten und irgendwohin lenken wollten. Man würde das Mitleid merken und das mache klein. Übergriffig nennt man das wohl und ich war erleichtert, dass er mich, glaubwürdig versichernd, ausnahm #mademyweekend.

Wir kamen am Supermarkt an. Wir verabschiedeten einander und wünschten uns eine gute Woche.

Meine Learnings zur Musterbrechung

1. Folgenabschätzung: Liebe E-Roller-Anbieter, bitte sorgt prontito für Abstelllösungen und vergesst dabei weder das Nudgeing noch die Technik oder gegebenenfalls Kontrolle. Des einen Gewinn an Freiheit ist des anderen Verlust, dabei könnten beide Win-Win-Kompromisse finden.

2. Geschwindigkeit: #Slowdating ist genau so wichtig wie #Speeddating

3. Unvoreingenommenheit: Das eigentliche Problem erschließt sich bekanntlich nicht, ohne die Betroffenen zu fragen, ergebnisoffen.

4. Definitionen: Ich sehe was, was du nicht siehst. Einschränkungen im Sehsinn eröffnen andere Kompetenzen. Man denke an die fantastische, kompetenzstärkende Initiative „#DiscoveringHands„, bei der der überlegen ausgeprägte Tastsinn von Erblindeten in Schulungen zur Medizinisch Taktilen Untersucherin innerhalb der Krebsfrüherkennung eingesetzt wird. Das schließt die Kombination mit der herausragenden Bildverarbeitungskompetenz der KI nicht aus.

5. Inklusion: Freundschaft, ja gerne. Technologie, ja bitte, gerne als assistierende Alternative. Hilfe, ja auf Nachfrage.

Der Beitrag erschien zuerst auf LinkedIn am 10.08.2019