Hätte, hätte Fahrradkette… Gemmings Lebensweisheiten zwischen Humor und Heiterkeit

August Gemming hat in seinem Leben herbe Enttäuschungen hinnehmen müssen. Dass er jedes Mal weich gelandet wäre, lässt sich genau so wenig belegen wie das Gegenteil. Allerdings hat sein Humor mit Sicherheit einiges abgefedert.

Und wenn die Welt in Trümmern geht
Und alles heult‘ in Nöthen –
Egal – ob‘s grad geht oder krumm,
Ich scheer‘ mich einen Teufel d’rum –
Ich blas‘ fidel mei‘ Flöten.

Dem Schlechten mit Ironie, Humor, Komik, Witz, Klamauk, Parodie oder Posse zu begegnen, darf als Akt der Selbstbehauptung gelten. In Gemmings Fall scheint es naheliegend, seinen Humor auch im Kontext von Resilienz deuten.

Humor ist nicht gleich Humor

Humor eignet etwas zutiefst Diesseitiges, er bekennt sich zu den Schwächen des Realen und den Unvollkommenheiten des Lebens.  Humor im engeren, neuzeitlichen Sinn hat sich vom medievalen Ver-Lachen gelöst. Cum grano salis ging es im Mittelalter darum, die als sündhaft interpretierten Spielarten der Narretei zu verurteilen. Dies geschah einerseits auf Basis der Humoralpathologie, der antiken Vier-Säftelehre (lat. Humores) Galens, die in Teilen in der ganzheitlichen Medizin unserer Tage fortlebt. Andererseits aufgrund der christlichen Weltordnung. Aus der Logik, dass das irdische Leben als Bewährung für das ewige aufgefasst wird, gilt der Narr als lasterhaft und gottvergessen.

In der (Früh-)Renaissance kippt der Ordo-Gedanke ins Diesseitige, der (derbe) Humor macht die in Schwank- und Spottgedichten neu erfasste Sinnenlust auch in ihrer Ambivalenz, als enthemmte gesellschaftliche Bloßstellung und Diffamierung, erlebbar. J. Kristeva und M. Bachtin haben mit Recht das anarchische Potential hervorgehoben. Die Aufklärung wiederum appelliert mit ihrem Humorverständnis vor allem an die Vernunft. Erst die Romantiker – voran Jean Paul – verbinden in ihren anspruchsvollen, philosphisch aufgeladenen Humorkonzepten den Kontrast zwischen Endlichem und Unendlichem. Es sind die zerrissenen Figuren wie Leibgeber oder Roquairol, die den Abgründen und Aporien des romantischen Humors Gestalt verleihen. Allein ihre Namen sind in diesem Sinn beredt.

Humor in den Mottoversen von August Gustl Gemming

Demgegenüber redet Gemming einer vergleichsweise einfachen Humorauffassung das Wort. Etwa in jenen Motto-Gedichten und Merksprüchen, denen durchaus Wurstiges anhaftet (vgl. „Und wenn die Welt in Trümmern geht…“ ). Der Rückzug ins sinnenfroh Beschränkte passt zum selbstzufriedenen Deutschen Michl, der auch in unseren Tagen grüßen lässt: „Macht ihr da oben doch, was ihr wollt, ich halt mich raus, blas euch (und mir) eins und habe wenigstens eine gute Zeit.“ Der Rückzug auf die private Scholle als Empfehlung?!

Jean Paul hat in seiner „Vorschule der Ästhetik“ die Idylle definiert. Er fasst sie als „Vollglück in der Beschränkung“. Der Idylliker lebt ein zufriedenes Leben um den Preis, dass er die eigene Ackerfurche zu keiner Zeit verlässt. Die Zeitläufte, das Weltgeschehen, ja nicht einmal das Duodezfürstentum gehen ihn etwas an.

Vom fröhlichen Zecher zum zuversichtlichen Pragmatiker

Doch der historische Gemming ist kein Idylliker, dafür strebt er viel zu sehr in die Nähe des Hofes, um sich mit den Niederungen einer Furche zufriedenzugeben. In seiner Lyrik allerdings probiert er verschiedene Sichtweisen aus: Dort zeigt sich ein lyrisches Ich, das vorgibt, sich einen Deubel darum zu scheren. Rezeptionsgeschichtlich war es sicher prägend, dass gerade diese Postkarte von August Gemming in Umlauf gelangte. Wahrscheinlich entstand sie nicht ohne sein Wissen, doch da der Name „Gustav“ hier falsch von „Gemming Gustl“ abgeleitet wird, dürfte es wahrscheinlich keine finale Abnahme gegeben haben. Von nun an galten diese Verse als sein „Leibspruch“.

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Gemmings Schwergelpfeife lässt sich noch heute im Heimatmuseum Schnaittach besichtigen. Zusammen mit anderen Dingen aus dem persönlichen Besitz des Autors und seiner Familie.
Quelle: (c) Stadtarchiv-München-DE-1992-FS-NL-KV-2183-e158366185597

Die „was geht mich das an?“-Attitüde ist die Haltung des fröhlichen Zechers. Richtig ist, dass dieser Humor nichts bloßstellen, anprangern oder verbessern soll. Er zeigt schlicht und pragmatisch, wie man mit heiler Haut durchkommen kann.

Gemming hat allerdings noch andere Konzepte in petto. Zunächst einmal fällt auf, dass er die Satire in ihrer ätzenden oder gar zynischen Variante meidet. Gemming ist kein Lebenshasser, der an der äußeren Umständen irre wird. Dazu verhilft ihm sicher seine Resilienz – und last but not least ein gutverdienender, angesehener Herr Papa, der den Sohn – trotz aller Strenge – mit den schönen Seiten des Lebens bekannt macht.

Bereits in seinem lyrischen Debüt – den Poetischen Verbrechen (1874) – findet sich an drittletzter Stelle der Sammlung, mithin durchaus exponiert, ein Gedicht mit dem Titel:

 Ein Wort für Jedermann.

Geht’s oft im Leben manchmal krumm
Und nicht nach unser’m Willen –
und läßt sich das, was wir gehofft –
Nicht jedesmal erfüllen, –
So lasse man den frohen Muth
Und den Humor nicht sinken. –
Wo ist der Mensch – wo? frage ich –
Dem immer Freuden winken?

[…]

„Wenn dies und das geschehen wär‘, –
Oh wenn! – (hört man stets sagen), –
Ja – wenn das Wörtlein w e n n nicht wär‘
So gäb’s nie Leid und Klagen. –
Wenn nicht der Jagdhund hätt ge-nießt
[sic!],
Hätt‘ er gefangt den Hasen, –
Wenn alles ich vorher gewüßt,
Hätt‘ ich nie kriegt „a Nas’n.“

Ein gewisser `Realismus` prägt auch diese Zeilen, erneut findet sich der implizite Verweis auf das pragmatische Arrangement. Man muss das Beste draus machen – mit dem Leben, mit dem Stand, mit den Verhältnissen. Beides, der Ton in seiner Sprechhöhe wie die Worte in ihrer Auswahl, versuchen sich pseudo-allgemeingültig in einer Schrumpfform der praktischen Vernunft („oft, „manchmal“, „Nicht jedesmal“, „Wo?“). Aus den Versen klingt eine wohlfeile Vernünftigkeit, mehr Wirklichkeitssinn als Weisheit, ein ‚gesunder‘ Menschenverstand, der akzeptiert, dass es zum Leben nun einmal gehört, den Menschen Auf und Abs zuzumuten.

Auf Regen folgt Sonnenschein

Die eminent nutzen- und vorteilsorientierte Logik dieses Denkens schlägt sich auch in den aufkommenden Poesiealben und Kalendersprüchen der mehr und mehr restaurativen Zeit nieder: „Auf Regen folgt Sonnenschein.“  „Und wenn du denkst, es geht nicht mehr…“

In diesem Kosmos, sind Widrigkeiten lästig, aber unvermeidlich. Sie mit Räson zu ertragen, ist dem braven Bürger genau wie dem aufgeklärten Adelsspross auferlegt. Letztlich ist das Schicksal dem Verständigen nicht feindlich gesinnt. Die Möglichkeit, dass der Wohlstand auf dem Rücken anderer Stände erkauft wird, für die es nicht wieder aufwärts gibt, findet in diesem Kosmos keine Erwähnung.

Strophe zwei bemüht  denn auch explizit „usus“ und Vernunft“. Strophe drei versucht sich am Modell des vermeintlichen Unglücks, das sich „im Nachhinein“ – was Wunder – als Glücksfall erweist. Auch dies ein deutliches Signal auf eine letztlich positive Weltsicht.

Wer nicht hören will, muss fühlen

Dennoch stellt die vierte und  letzte Strophe eine Art Steigerung dar. Sie variiert das Motiv des „Auf Regen folgt Sonnenschein“, aber diesmal mit dem Kalkül des Konditionalis und Irrealis. Wen die Vernunft bis jetzt noch nicht auf Seiten des Pragmatismus gebracht hat, der wird mit Spott bedacht. Die letzten Ungläubigen, die nicht hören wollen, müssen eben fühlen. Mal hat man Glück, mal Pech, mal hat man Rückenwind, mal setzt es einen Nasenstüber. Schicksal eben, die Parzen hier von betulicher Gestalt.

Indem sich das lyrische Ich selbst nicht ausschließt und manchen Nasenstüber gesteht, gibt es sich als bejahender Teil dieser Weltanschauung zu erkennen. Der an keiner Stelle aufgebrochene Zusammenhalt muss allerdings wiederholt mit sprichworthaftem, maximen-  und sentenzhaftem Sprechen durchgeholt werden. Die in sich geschlossene Weltsicht festigt sich ihrem Duktus nach selbst. Das Bündige `beglaubigt` das Behauptete.

Vom Motto-Gedicht zum Aphorismus?

Gemmings überliefertes, zu großen Teilen im Selbstverlag publiziertes Werk liegt nicht historisch ediert oder kritisch aufbereitet vor. Chronologische Aussagen zur Entstehung seiner Lyrik und Prosa lassen sich nur unter Vorbehalt treffen. Doch scheint es, dass Gemming zwei Motti oder besser Aphorismen für sich reklamiert.

Im Gefolge der Heiterkeit

Zusammen erscheinen beide Lebensweisheiten erst in der 3.  Auflage der Poetischen Verbrechen (1880, i.e. 1879/80), Wegen allzu renitenter Streiche und Sottisen ist ihm das Ausscheiden aus dem aktiven Militärdienst nahegelegt worden. Gemming, jetzt 43, bemerkt: die Gesundheit nimmt ab, die Zahl der Freunde auch. Er schreibt einem Freund:

Motto.
Neben dem Ernst des Lebens geht die Heiterkeit als unzertrennliche Gefährtin, – ohne sie wäre mit dem Ernst kein Fertigwerden.

Gemming.

und:

Das eben ist des Daseyns [sic!] schönste Kunst: Des Lebens heitere Seite nur zu schauen.

Gemming.

Die erste Sentenz, unterhalb des Vorworts lässt er explizit als „Motto“ drucken, das zweite nebst Widmung auf dem Schmutztitel schreibt er von Hand, nebst Widmung, dazu. Beide Sentenzen werden mit „Gemming.“ unterzeichnet. Ein klarer Anspruch auf Autorschaft und damit neben der personalen auch ideelle Zuschreibung: Die in den Aphorimsen genannte Gesinnung gibt sich als wichtig oder angestrebt zu erkennen, so in etwa lautet ihr unausgesprochener Subtext.

Motto eins findet sich allerdings schon in Gemmings KriegstagebuchVor der Etappe“, das er unmittelbar während und nach seinem Einsatz im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) verfasst. In der Schlacht bei Balan war Gemmings älterer Bruder Theodor getötet worden. Aus logistischen, womöglich auf tragische Weise banalen Gründen wurde dessen Leichnam nicht nach Nürnberg überführt, sondern in einem Gruppengrab mit anderen Gefallenen seines Regiments in Frankreich beerdigt. Dem Journal voraus schickt der Autor diesen Aphorismus.

Offenkundig erfährt der Humor hier eine Transzendierung ins Heitere. Als Grundierung der ersten, später zum Motto stilisierten Lebensweisheit, können Trauer und Verzweiflung wegen Theodors Tod unterstellt werden. Doch dann, scheint es, hätten sich diese verflüchtigt. Oder wird der sprichwörtliche Ernst des Lebens aus dem Motto im zweiten Sinnspruch verleugnet? Zunächst einmal liest sich die (wahrscheinlich spätere) Sentenz wie ein handschriftlicher Kommentar zum wohlgesetzen Motto früherer Zeiten. Doch es könnte auch sein, dass sich die mit dem „Ernst des Lebens“ verbundene Schmerzlichkeit mit der Zeit gelöst hat. Wie? Wohl durch eine Praxis der Einübung. Diese wird als eine „Kunst“ bezeichnet. Von der Verleugnung zur Entsagung? Aufgrund der Quellenlage muss dies offen bleiben.

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