„Abgereist“. Weinagent Gemming und der leidige Vertrieb im Gedicht

Nachdem seine Arbeiten als Satirischer Zeichner, Komponist und Schriftsteller keine nennenswerte Früchte tragen, musste August Gustl Gemming bald andere Verdienstmöglichkeiten für sich auftun. Er probiert es mit Saisonjobs wie Fremdenführer, aber auch als Weinagent und Verkäufer von Petroleumlampen. Ein Gedicht über einen gewissen „G-.“ , der als Versicherungsvertreter für Schlechtwetter-Policen unterwegs ist, dürfte daher einen realbiographischen Hintergrund haben. Literarisch verwandelt Gemming die Kernaufgabe des Handelsreisenden in eine aufschlussreiche Vertriebs(tor-)tour.

Versicherungspolicen im Gedicht

Das Gedicht gibt sich dem Titel nach als Widmungsgedicht aus. An „Herrn Leony N.“ lautet die schlichte, halb verklausulierte Zueignung. Zur Begründung, warum das Gedicht überhaupt entstand, führt das lyrische Ich in der Unterzeile aus: „zur Zeit, wo er [= Herr Leony N.] in Palanza war, als Lebenszeichen von seinem für Hagelversicherung reisenden Freunde G -.“

Das zweistrophige Gedicht entfaltet einen strikten Gegensatz zwischen „Leony“, der unbeschwert unter italienischen Mandel-, Kastanien-, Orangen- und Pomeranzenbäumen wandelt und jenem „reisenden Freunde“. Anders als Leony muss „G-.“ bei Kälte und Sturm in „vorweltlichen“ Kutschen übers Land holpern, um notleidenden Bauern Policen gegen Hagel aufzuschwatzen. Und dass, obwohl Naturkatastrophen längst Grund und Boden verwüstet haben und das Elend allerorten groß ist.

In Strophe eins „spiegelt“ sich klassizistisch ein „stille[r] blasse[r]“ Mond im „Wasserglanz“, in Strophe zwei heißt es expressionistisch: „Des Mondes Sichel wie besoffen hängt am Himmel“. Im mediterranen locus amoenus „lispelt“ der Windgott „Zephyr, warm und sanft und milde“. Alles in dieser Region, „die ganze Landschaft athmet Wonne; Liebe; Ruhe, Frieden“. Nicht so beim Daheimgebliebenen. Der Schauplatz, an dem „Hagelschauer“ niederfielen und ein „eisigkühles Lüftlein“ [p]feift, ist das in Bayern liegende Viehdorf „N-biburg“ (Neubiberg). Hierhin eilt der Agent mit billiger Kutsche, wohl wissend, dass er gleich eiskalt als Verkäufer und Gutachter in einem vorgehen muss.

An die Wangen des Inspectors, der noch reist organisierend, / Pfeift ein eisigkühles Lüftlein, ihn unangenehm berührend / Und es krächzt der Raab‘ im Felde – das verkümmert, halb erfroren – / Und die ganze Landschaft winselt: Au weh! Alles ist verloren!

Im Gedicht bleibt offen, ob das lyrische Ich eine freundschaftlich erfolgte Reiseeinladung nicht habe wahrnehmen können, weil der Zeitpunkt für Policenverkäufe günstig wie nie gewesen sei. Oder ob der liebe Freund in Wahrheit der Agenturbesitzer selber ist, der sich dank seiner schuftenden Vertreter schöne Tage in Palanza gönnen kann. Die Frage, wer der wahre Reisende von beiden ist, bleibt nur anscheinend unbeantwortet. Durch die Komposition des Gedichts schlägt sie beinahe wetterwendig um. Es enthüllt, wer konkrete Wirklichkeit erlebt, und wer nur literarische Gemeinplätze sammelt. Die Eindrücke der beschwerlichen Reise („Knüppel, Löcher, Steine“, „Ausgespannt! krumm wie ein Posthorn“, „Lunge, Leber, Herz und Magen) versuchen erst gar nicht zu leugnen, wie dies gelingt . in der Annäherung an das Genus humile. Auch die Logik des „Lebenszeichen[s]“ verrät, wer hier als der wahre Reisende gesehen wird: Der, der eine (lyrischen) Postkarte als Reisegruß sendet. Mit der Datumsangabe, die unter der letzten Zeile steht, stellt Gemming bewusst einen realen Bezug her: „April 1874.“ Es ist der Wettermonat April. Der macht bekanntlich, was er will.

Gemmings Steuerliste und sein Polizeilicher Meldebogen


In Gemmings Polizeilichen Meldebogen findet sich am 19.3.1874 der Vermerk „abgereist“. Auch später gibt es Hinweise auf Abwesenheiten. Die Behörden notieren – in Rot – „Nicht da“ oder eben „auf Reisen“. Einige der genannten Daten, etwa der 26.2.76 sind typische Schlechtwetterlagen. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass Gemming ebenfalls als Vertreter für Versicherungen gearbeitet hat und hierfür verstärkt Reisetätigkeiten anfielen. Franz Brümmer machte in seinem Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten (Leipzig, 1913) darauf aufmerksam, dass Gemming als Vertreter mehrerer Versicherungsgesellschaften in München arbeitete. Nachweise blieb er schuldig.

Gegenüber dem Militär-Invalidenfonds gibt Gemming am 3. März 1876 an: „Der königl. Commandantur melde ich laut erhaltener Weisung, gehorsamst, daß ich weder von einer Civilbehörde noch durch eine Privatstelle, ein Fixum, Tantieme oder Tagesgelder beziehe.“ (Bayhsta PO, Nr. 210058).

Seine Bücher -„Von der Etappe“ erscheint 1872, „Poetische Verbrechen“ 1874 – warfen also keine Tantieme ab. Vermutlich hat er sie teilweise verschenkt oder unter der Hand verkauft. Gemmings Mitarbeit bei den Fliegenden Blättern war in bestimmten Kreisen gewiss prestigeträchtig, dürfte in finanzieller Hinsicht aber eher als prekäre Beschäftigung eingestuft werden müssen. Seine Einnahmen aus sieben musikalischen „Compositionen“ blieben wahrscheinlich ebenfalls nicht nennenswert. Dennoch veröffentlicht er Anfang der Achziger weitere Bücher: 1882 „Ha, welche Lust Soldat zu sein“, 1886 „Scherz und Ernst“ und 1888 den „Platzstabs-Offizier“.

Gulden, Florin, Dinarius (Denar)

Da Gemming beim Fiskus 1888 Erlöse aus seiner Tätigkeit als „Weinagent“ versteuert, muss er zuvor bereits Ausschau nach Zuverdiensten gehalten haben. 1891 folgen weitere Einnahmen aus einer „Agentur für Petroleumlampen“. Seine geringe Belastung deutet darauf hin, dass beides keine besonders lukrativen Tätigkeiten waren. Obwohl er an anderer Stelle ausführt, es handle sich um eine „Millionenlampe“, bleibt der Erfolg des Massenprodukts aus. Seine Tätigkeit als Weinagent findet keinen ähnlichen Niederschlag, auch wenn zahlreiche Belegstellen zu Wein in seinem OEuvre bestehen. Sicher nicht zufällig bedankt sich Gemming artig mit einem Gedicht für den Warentausch Wein-gegen-Buch: „Meinem verehrten Gönner, Herrn Privatier F.I. der mir für meine Poetischen Verbrechen einen Korb Rheinwein sandte.“ Der Weinhandel, so scheint es, macht nur in einer Hinsicht Sinn – edle Tropfen aus der Flasche ins Glas zu bringen.

„Ich liebe trübe Flaschen, die recht mit Staub bedeckt
Tief unter allen andern im Keller sind versteckt,
Die bergen meist die Perle in sich vom besten Wein –
Der wie Topaserfunkelt – schenkt man ins Glas ihn ein.“

Alle Texte aus „Poetische Verbrechen“, v. Auflage, München o.J.

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