Gemming, Krieg und Kopfkino: „Die Bilder festhalten, die unaufhörlich unsere Kopfstation umkreisen“

Ein geschasster Militär, ein Feind, der fasziniert, und ein Sieg voller Widersprüche: Gemming beginnt seinen Einstieg in die Welt der Literatur als Kriegstagebuchschreiber. So recht glauben will an seinen Erfolg als Autor niemand.

Der Verlag, ein Antiquariat in der Nähe der elterlichen Wohnung, wurde womöglich vom anerkannten Vater ‚motiviert‘, sich des Werkleins anzunehmen. Jedenfalls wagt er nur die Kommission. Welche Akzeptanz das schmale Büchlein findet – unbekannt. Weitere Auflage – Fehlanzeige. Doch wie das so ist mit Tagebüchern, nicht nur der Berichtsgegenstand, sondern auch die verliehene Form gibt Einblicke in einen erzählten (Innen-)Raum. Und der ist bei Gemming komplexer als es den Anschein hat.

Von der Etappe – Auch ich im Krieg

Mit 36 Jahren – am 29. Mai 1871 – unfreiwillig Frühpensionist geworden, legt er bald darauf er sein erstes Prosawerk vor. Er verleiht ihm den Titel: „Von der Etappe. Erinnerungen aus Frankreich“. Es erscheint 1872. Damals selbstverständlich, muss heute erklärt werden, dass es um einen Einsatz hinter der Frontlinie während des Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 handelt. Gemming erhält Ende November „plötzlich die Ordre“, dass er ab Dezember „an dem viel bewegten Etappen=Hauptorte der III. Armee zu Lagny=Thorgny vor Paris als Adjutant“[1] eingesetzt wird. Etwa 30 Kilometer östlich von der Hauptstadt des Feindes, sprich, nah dran am Kriegsgeschehen, aber eben in der Sicherheit des besetzten Gebietes. Zwar hört er allenthalben „Schüsse schwersten Kalibers“ (11), aber er scheint retrograd, sprich aus der Erinnerung und der Siegesgewissheit zu hören. Die ihm zugeteilten Aufgaben in den ersten zwei Wochen in Lagny fasst er so:

„Einparkirung von 15,179 Gefangenen […] ferner Besorgen von 8365 Kranken und 75 Offiziersleichen. […] Da gilt es Gefangenentransporte  zu versorgen, Requisitionen zu befördern, Arrangements beim Ausparkiren zu treffen, Quartiersanweisungen und Verpflegungsscheine auszugeben und hunderterlei Fragen zu beantworten.“ (S. 9 und S. 10)

Die Etappe ist also Ausgangs- und Durchgangspunkt für alle wichtigen Funktionen militärischer Logistik: Truppenversorgung, Nachschub wie Abtransport für Verpflegung und Ausstattung von Soldaten, Gefangenen, Verletzten. Erst im September, drei Monate vor seiner Ordre nach Frankreich, hatten er und seine Familie den Tod seines Bruders Theodors zu betrauern. Während dieser ‚heldenhaft‘ in der Schlacht bei Sedan ums Leben kam, sah sich Gemming in Neu-Ulm am Tiefpunkt seiner militärischen Laufbahn angekommen. Die Beschwerden über ihn nehmen weiter zu, die Eskalationen auch. Seine allfälligen Strafen – Zimmerarrest, Stubenarrest, Kasernenarrest, Karzer – sammelt er wie Orden oder Epauletten, er trägt sie stolz. Seine unfreiwillige Pensionierung steht unmittelbar bevor.

Ob ihm der überraschende Einsatz einen kleinen Denkzettel verpassen sollte oder ob Gemming bzw. dessen militärisch verdienter und geachteter Vater ihn bewusst verhandelt hat, ist unklar. De facto wird er für das Enfant terrible zu einem Highlight. Nur mit „Hängen und Würgen“ (S. 4) hatte Gemming sich gefügt, nicht zur Front eingeteilt zu werden. Aber das „Man war nicht dabei […], obgleich ein braver Bruder zu rächen ist“ (S. 4), nagt in ihm.

Sichtlich erfreut, Neu-Ulm zu entkommen, nimmt er alles, was damit verbunden ist, als willkommene Herausforderung an. Obwohl die Tage lang sind – „der streng geregelte Dienst beginnt früh 4 Uhr und endet Abends 9 Uhr“ – bergen doch die Situationen „gerade dieser Etappe, dem Schluß der die Cernierungsarmee des Ostens mit der Heimath verbindenden Schienenstranges Neues, Interessantes, Aufregendes und auch Trauriges“ (beide S. 9).

Trotz kleinerer Einschränkungen lässt es sich sehr gut auf der Besatzerseite leben. Mit Offizierskollegen unternimmt Gemming touristische Exkursionen nach Orleans und auch sonst gelingt es dem Lebemann, die richtigen Leute zu treffen. In dem knapp 60 Seiten schmalen Werk lassen sich bezeichnende Widersprüche aufzeigen.

Angeprangerte Unsittlichkeit, vergessene erotische Vergangenheit

Wissend, dass Gemming unter anderem wegen seiner Kontakte zum Milieu in Neu-Ulm aneckte – er zeigte sich tagsüber in einer Gastwirtschaft mit einer Prostituierten -, so erscheint die verächtlich ausgestellte Unsittlichkeit der Franzosen als bigott. Auch kontrastiert die wiederholte Abwertung merklich mit der unverhohlenen Bewunderung des französischen savoir vivre. Der nonchalante Geschmack, die kultivierte Park- und Landschaftsgestaltung haben es dem Reiseschriftsteller angetan. Als Überläufer im Wortsinn erscheinen seine augenlustigen Schwärmereien, die selbst ins Heitere geraten und nicht recht passen wollen zu der Entrüstung. Dem Chronisten fällt es spürbar schwer, die eigenen gemeinplatten Schablonen und Politphrasen mit der konkret wahrgenommenen Fülle in der Region in Deckung zu bringen. Detail und Abstractum, begriffliche Erkenntnis und sinnliche Anschauung laufen auseinander. Womöglich darf nicht vergessen werden, dass der gefallene Bruder Theodor laut Korrespondentenbericht just in einem Massengrab nahe eines Parks beerdigt wurde. Am 14. September 1870 meldet die Fränkische Zeitung:

„Soeben hallen durch das Lager die ernsten Töne eines Trauermarsches bayerischer Militärmusiken. An der Umzäunung eines parkartigen Gartens südöstlich des Dorfes Balan öffnet sich inmitten trauriger Schlachtreste, Leichen, Waffen, Blutlachen, ein tiefes Grab, in das jetzt zwölf von den geftern gefallenen Offizieren gesenkt wurden, deren Namen sind:  […] Oberlieut. Gemming“

Im Kriegstagebuch formuliert Gemming vier Monate später:

„Vor Artenay sah ich seit langer Zeit zum ersten Mal wieder Bauern [Übrigens: jene Bauern, die angeblich nur breitbeinig mit Händen in den Taschen rumstehen und auf ihre Pension aus sind, Anmerkung Verf.] pflügen, eine Beschäftigung, die uns in diesem Augenblick eigenthümlich anmuthete. Ging doch vielleicht die Pflugschar noch über unsere tapfern gefallenen Waffengefährten, und über ein Kleines wogt gold’ne Hoffnungssaat über das kaum geschlossene Leichenfeld!“ (38f)

So und nicht anders?!

Ob seine als tagesaktuell markierten Einträge so und nicht anders erfolgt sind, muss offenbleiben. Als Chronist sollte er sie allenfalls sparsam nachbearbeiten. Wahrscheinlich ist das nicht. Anders als private Tagebücher, war dieses – analog zu Goethes Kampagne in Frankreich – von Anfang an für die Öffentlichkeit konzipiert. Zwar suggeriert die diaristische Form Authentizität, doch hin und wieder blitzen Reflexionen auf, die die Ad-hoc-Écriture unterlaufen. Gemming hatte einen Ruf zu reparieren. Er schreibt als Premieurlieutnant a.D. – er befinde sich „wohl und heiter“ (45). Auch in seinem späteren Buch „Ha, welche Lust, Soldat zu sein. Eine Humoreske von August Gemming, München 1882“ ist es ihm wichtig zu erwähnen, dass er nach dem Einsatz gerade eben erst „in Pension getreten“ sei. Schon damals standen die in der Versorgung dienenden Soldaten im Verdacht, satt und sicher auf Kosten der Kämpfenden zu leben. Umso mehr, so der Schreiber, „glaube auch ich, meinen Posten ausgefüllt zu haben“. (53, „Ha, welche Lust“)

Eine wahre Sündfluth von Publikationen

Seine Erinnerungen erscheinen in Nürnberg mit dem Hinweis „Commissionsverlag F. Herdegen‘sches Antiquariat“. Vermutlich stufte Herdegen die Absatzchancen des Werkes als gering ein. Das verwundert, immerhin war der Deutsch-Französische Krieg erst im Mai 1871 beendet worden. Auf den ersten Blick platziert Gemming sein Journal also marktgerecht pünktlich. Auch der Untertitel „verfaßt und humoristisch illustriert von August Gemming, Premierlieutnant a.D.“ klingt erst einmal besonders, beinahe quer zum Erwartbaren.

Die Recherche in zeitgenössischen bibliographischen Verzeichnissen belehrt allerdings schnell eines Besseren. Noch während das Kriegsgeschehen in vollem Gange ist, beginnt – europaweit – eine intensive literarische Auf- und Verarbeitung. Das historische Ereignis lässt Publikationen dazu sprunghaft ansteigen. Julius Petzholdt, Herausgeber des „Neue[n] Anzeiger[s] für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft“ bekennt im Vorwort (1871) verblüfft:

„Die auf den Deutsch-Französischen Krieg bezügliche Litteratur hat Dimensionen angenommen, wie man sie wohl kaum erwartet hätte: die Litteraturfluth ist, trotzdem dass der Krieg mehr und mehr seinem Ende sich nähert, im Steigen anstatt im Fallen begriffen.“[2]

Vierunddreissig eng bedruckte Seiten trägt Petzholdt zusammen, darunter „Einleitende und vermischte Schriften“, „Zur Geschichte des Krieges“, „Jugendschriften“, „Kriegs-Karten und Pläne“, „Kriegs-Reden u. Predigten“, „Kriegs-Gedichte und Lieder“. Die Genres jedoch – also Tagebücher, Briefe, Berichte, Romane, Humoresken, Satiren – etc. berücksichtigt er in seiner Liste nicht. 1872 kommen achtzehn weitere Seiten, 1873 dreizehn weitere Seiten dazu. Erneut wundert sich der fleißige Bibliograph über die „wahre Sündfluth von Publikationen“, die der Deutsch-Französische Krieg hervorrufe und die „bis jetzt noch keine Grenzen gefunden“ habe.[3]

Neben Veröffentlichungen wie „Auf nach Frankreich!“ und „Was fordern wir von Frankreich?“ finden sich Titel wie „Unser wiedergewonnenens Land“, „Hoch Deutschland! Hurrah Preußen!“ oder „Der Heilige Krieg“. Vom „Erbfeind Frankreich“ ist früh die Rede. Das Ineinander der Diskurse von Staat, Kirche und gebildeten bürgerlichen Ständen lässt sich exemplarisch an diesen Titeln, alle 1870, ablesen:

  • „Durch Kampf zum Frieden. Durch Saat zur Ernte. Vier Predigten gehalten von Wilhelm Baur“
  • „Deutschlands Sieg und Herrlichkeit in staatlicher, sittlicher und sprachlicher Bedeutung. – Patriotische Vorlesung von Konrad Joseph Diepenbrock, einem Veteranen für deutsche Freiheit.“
  • „Der Siegeszug der deutschen Idee. Blicke von dem Aeußeren auf das Innere. Von Theodor Oelsner“

Auch Humoristisches findet sich:

  • Herrn Zappelmann’s Heitere Berichte vom Kriegsschauplatz! von A. Winterfeld. 1. Heft. Berlin, Groſſer. 1870.
  • Humoristische Kriegsbilder und Anekdoten aus dem diesjährigen französischen Krieg von einem Kombattanten. Berlin, Plahn. 1870
  • Fliegende Kriegs-Blätter. Die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatze. Heft 5–8. Dresden, Wolf. 1870.

Selbstverständlich werden nur dem Feind niedere Beweggründe und unmenschliches Verhalten in der Schlacht vorgeworfen:

  • Die blutigen Greuelthaten der französischen Armee! oder die Hyänen des Schlachtfeldes! Bestialische Verbrechen, welche an unsern verwundeten Brüdern auf dem Schlachtfelde und in den Lazarethen von Turcos, Zuaven und Franzosen begangen wurden. Nach authentischen Berichten zusammengestellt. Nebst einer Skizze Napoleon III., seines Lebens und seiner Thaten.

Verworrene Skizzen aus einem verworrenen Land

Auch bei dem Chronisten August Gemming sind frankophobe, chauvinistische und stereotypisierende Äußerungen unverkennbar. Besonders in seinen satirischen Zeichnungen tritt er mit fragwürdigen Kompositionen hervor. Wahrscheinlich sind sie es, die ihm den Weg zum satirischen Zeichner der „Fliegenden Blätter“ ebnen. Das lyrische Ich exkulpiert sich:

„Weiß selbst nicht, was ich zeichne -/ Mechanisch vollbringt’s die Hand – / Es sind verworrene Skizzen / Aus einem verworrenen Land.“ (47)

Die Deutschen werden durchweg als überlegen skizziert, gegenüber der ineffizienten französischen Verwaltung, gegenüber den lokalen Landwirten sowie den gefangen genommenen Soldaten und Offizieren. Da Gemming nicht im Feld, sondern nur in der Etappe eingesetzt wird, erklärt sich vielleicht, warum er nur sehr allgemein über die Kämpfe und Gefechte berichtet.

Durchaus verquast spricht er von den „treulosen Franzosenkugeln“ (9), die den tapferen Bruder durchbohrt hätten, gleichsam als gäbe es eine Vorsehung, die den Sieg Deutschlands zweifelsfrei intendiert, nur leider unterwegs noch – unzeitgemäß – den Bruder getroffen hätte. Auch in seinem Widmungsgedicht an Theodor wird deutlich, dass das lyrische Ich dessen Tod ins Heroisch Notwendige verklären muss, um über den Verlust hinwegzukommen. Ansonsten würden sich Fragen viel tieferer Art auftuen, die an Gemmings Grundfesten – Monarchie, Vaterland, Nation – rütteln würden.

Gemmings Franzosenfeindlichkeit lässt sich nicht allein mit dem individuellen Schicksal begründen. Gewiss trauert die gesamte Familie tief um den im Krieg in der Schlacht von Sedan getöteten Sohn und Bruder Theodor. Doch darüber hinaus ist die Einstellung des Soldaten Gemmings symptomatisch für die entstehende deutschnationale Bewegung. Diese wiederum ist im Kontext einer ganzen Reihe von geschichtlichen Entwicklungen und Befunden zu lesen, die unter dem Schlagwort der „verspätete Nation der Deutschen“ erfasst werden können.

„Dieser lose Bund [gemeint ist der Deutsche Bund, dem neununddreißig Staaten unterschiedlicher Größe angehörten, Anmerkung Verfasserin] bestand deshalb bis 1866, als im österreichisch-preußischen Krieg die preußische Hegemonie aufgerichtet wurde. [In diesem Feldzug hatte Gemming auf bayerischer Seite mitgekämpft, Anmerkung Verfasserin]. Noch frei von den zweifelhaften Segnungen eines geeinten Reichs und einer zentralen Armee, brachten die Deutschen verschiedene bürgerliche Bewegungen hervor, die sich durch Patriotismus und Franzosenfeindlichkeit auszeichneten […].“[10]

Es macht Gemmings Ansichten nicht besser, dass sie, als er sie verschriftlicht, längst Mainstream geworden sind. Doch zeigt sich eben auch ein tiefer Grundwiderspruch in dem Bericht: Je konkreter die Erlebnisse werden, desto weniger einfach lassen sich die Erklärungen darüber legen. Der Widerständigkeit des Realen versucht er in stets neuen Spielarten zu begegnen. Eine, wie immer geartete, Ausbalancierung findet nicht statt.

Ambivalentes, unaufgelöst

Auch in den Gedichten, die Gemming unter der Gruppe Militärisches zusammenfasst, zeigt sich der ideologische Zwiespalt, in den das lyrische Ich gerät. Relativ unvermittelt stehen in seinen Sammlungen Stilisierungen als „Landsknecht“, „Spartaner“ oder „Held“ nebeneinander. Heißt es im Tagebuch: „Den Rest des Tages benutzte ich noch zu Besuchen amputierter Kameraden in den zahlreichen Spitälern, es sind noch über 3000 Verwundete, und durcheilte die mit Lazarethfahnen besäeten Straßen“ (40), fasst er es im Gedicht „Ein altbayerischer Spartaner.“ (vermutlich 1874/76) so:

Der bissig-derbe Humor der Soldaten den August Gustl Gemming hier zitiert, ist spätestens seit dem 30jährigen Krieg ein Topos, genau wie die Verrohung und Verwahrlosung des niedersten Standes. Als Gedungene und Leibeigene mussten Soldaten tun, was ihre Herrscher wollten. Schlecht bezahlt, wurden sie in fremden Kriegen auf anderen Kontinenten vermietet. „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel.“

(Kur-)Fürsten und Monarchen sicherten sich mit dem Blut ihrer Untertanen den eigenen Überfluss und Wohlstand. Für sie war das Militär nurmehr ein Instrument. „Mit Denkmälern wie dem Obelisken […] glaubte Ludwig I. wohl der Armee […] genügend zu geben.“ Dieser enthielt die vielsagende Inschrift: „Den dreyssig tausend Bayern die im russischen Kriege den Tod fanden“, „Auch sie starben für des Vaterlandes Befreyung“, „Errichtet von Ludwig I Koenig von Bayern“ und schließlich „Vollendet am XVIII October MDCCCXXXIII“.

Von Grimmelshausen über Jean Paul, Lenz, Büchner ziehen sich die Linien bis hin zu Schnitzler und die Moderne. Im Rückblick wird das Soldatenleben mit all seinen Entbehrungen oft verklärt. Das elende Leben der Soldaten noch in der Biedermeier- und Vormärzzeit ist dokumentiert. Die Soldaten waren es, die 1844 in München den Bierkrawall auslösten. „Das schlecht bezahlte und in heruntergekommenen Kasernen lebende Militär drohte […] zu einem Unsicherheitsfaktor zu werden.“ (beide Zitate nach Lankes, Christian: München als Garnisonsstadt im 19 Jht., Berlin 1993, S. 36)

Umso mehr fällt auf, wie knapp das lyrische Ich sich hier verhält. Lediglich den grausamen Fakt darf es ‚brutalstsachlich‘ benennen. „Die Kugel riß ihm ab den Fuß. Da sprach er:“ Gleich darauf zieht es sich zurück und läßt sprechen, so als könne hier kein anderer das Wort ergreifen, um das Ereignis für die eigene Biografie zu deuten. Pseudolustig liegen die hochdeutschen Übersetzungen im Bild – wie abgerissene Glieder im Gedichtraum herum. „Nichts“ und „einzigen“ bilden einen Rahmen, der auf seine Weise übersetzt: Dialektales sich drein schicken, weil die Not nichts als Fatalismus zulässt, trifft auf die Sprache jener, die zum (Ver-)Schicken und damit über Tod oder Leben alle Macht besitzen.

Im Disparaten bleibt, was keine Auflösung zulässt. Auch in der Pointe, die so typisch für Gemmings immanente Poetologie ist, ließe sich das zeigen. Die Pointe, die zum (Ver-)lachen auffordert, entlädt die Spannung von Unaufgelöstem. Der innerer Widerspruch, der auch ein ideologischer Zwiespalt ist, sucht sich seine Um-, Aus- und Wanderwege im literarischen und zeichnerischen Probehandeln. Etwa, indem das sprechende Ich „nächtliche Bilder“, also Traumgesichte, auftreten lässt oder sich „ein paar Stunden Ruhe“ wünscht, „um die Bilder festhalten zu können, die unaufhörlich unsere gesegnete Kopfstation umkreisen“ (10). Freilich auch: „ein Bombardement von Neu=Babel“ (10).

Sich selbst Feind – ein Soldat, der keiner sein will

Bezeichnend genug, dass die „gesegnete Kopfstation“ genauso auf den Kopfbahnhof der Eisenbahnlinie in Lagny zutrifft, wie die sich stauenden, aufeinander prallenden Gedanken im eigenen Denken und Urteilen bezogen werden kann. Ob dies einer Freudschen Fehlleistung oder dem Esprit des Humoristen zu verdanken ist, darf gefragt werden. Gemming wollte nie zum Militär. Hätte sein Vater nicht gewünscht, dass beide Söhne seiner eigenen Laufbahn folgten, wäre er gerne Zeichner, Turner oder Komponist geworden. Den Erstgeborenen, Theodor, verlor er durch diesen mislead im Krieg, der Zweitgeborene, Gustav, blieb „mit Hängen und Würgen“ im Militär – und sich selbst der ärgste Feind.

Hier geht es zur August Gustl Gemmings Facebookseite.

Hier zu weiteren Blogposts über August Gustl Gemming und die Vorgeschichte:

Feste Bleibe? Gemmings Umzüge

Kopfkino – Gemmings Kriegstagebuch

Vom Fakt zum Fake.

Speeddate mit Folgen



[1] Ha, welche Lust, Soldat zu sein. Humoreske von August Gemming, München, 1882, S. 53.

[2] Julius Petzholdt (Hg.), Neuer Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft (1871), S. 5 (http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/3334135/ft/bsb10799286)

[3] Ders.1872, S. 3. (https://opacplus.bsb-muenchen.de/title/3334136)

[10] John Bowle: Geschichte Europas. Von der Vorgeschichte bis ins 20. Jahrhundert, München 1989, S. 615f.

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