Kreativität, Kunst, KI und Neue Narrative

Was KI inzwischen alles kann, kompositorisch, zeichnerisch, literarisch und demnächst wahrscheinlich auch bildhauerisch bzw. additiv, beeindruckt. Die weitaus interessantere Frage ist doch, ob KI-Kunst nicht ihrer Zeit und der Kunst voraus sein kann? Raubt KI den Menschen das letzte substanzielle Refugium? Ist es schlimm, wenn dem homo ludens eine macchina ludens zur Seite steht?

Alles menschlich Erschaffene unterliegt Gestalt- und Formprinzipien. Diese lassen sich nun mehr oder weniger gut reproduzieren. So what? Schon immer gab es Mal-Schulen, in denen „im Stil von“ gefertigt wurde. Warum sollte es also ein Problem sein, wenn eine Maschine epigonal zu malen beginnt?

Zunächst mal, ja, sie kann. Insofern sie alle möglichen Formen einer Gestaltsprache beinhaltet, müsste sie früher oder später auch alle möglichen produzieren können.

Wie eine Gesellschaft Kreativität und Kunst bewertet, ist nicht ohne Belang. Welche Kraft sie ihr zuschreibt, welche Räume sie ihr zugesteht und mit welchen Narrativen sie belegt wird, lässt Erkenntnisse über eine Gesellschaft zu. Über Jahrhunderte galt Kreativität als etwas, das im Bereich der Muße, verortet war, wenn, dann im otium, nicht im negotium. Schon seit langem hat der Diskurs der Kreativität das unternehmerische Handeln erreicht.

Das Konzept kreativer Selbstzerstörung (W. Schumpeter) bekam durch das der Disruption (C. Christiansen) neue Vitalität. Seither wird Kreativität in allen möglichen Feldern (Bildung, Gesellschaft, Kunst) überraschend stark von Elementen ökonomischer Kreativkonzepte genährt.

Die Geschichte der Menschheit ist voll von Versuchen, Kunst für Zwecke zu vereinnahmen. Einmal von Seiten der Kunstschaffenden selbst. Sie haben eine Fülle an Manifesten und ästhetischen Theorien neben ihren Werken selbst hervorgebracht, gleich, ob sie avantgardistisch, konservativ oder retrospektiv argumentieren.  Sodann aber auch von Seiten anderer Interessensgruppen, seien diese nun merkantil, religiös bzw. ideologisch, erziehungsbildnerisch, politisch oder sonst wie geprägt. Sie kommen darin überein, dass die Kunst etwas leisten soll. Was sie leisten soll, ist letztlich eine Variable.

Unverzweckt – nicht banal, beliebig oder manipulativ

Wenn sie im engeren Sinne nichts leisten soll, bleibt Kunst unverzweckt. Nur dann handelt es sich überhaupt um Kunst, nicht um Design, Kunsthandwerk, angewandte Technik oder artifiziertes Engagement. Letzteres zeigt sich im Zentrum für politische Schönheit.

Zweckfrei entfaltet Kunst jene Widerständigkeit, die ein intensives, weil unmarkiertes Erleben ermöglicht. Ein Erleben, das soweit als möglich hinter die Bedingungen des Möglichen reicht. Das sich wohlfeiler Zuschreibungen entzieht und die eigenen Maßstäbe hinterfragt. Das sich seine unvorhersehbare Wucht und radikale Ehrlichkeit bewahrt.

Getränk zur Unzeit, statt altem Wein in neuen Schläuchen

Das kann die Möglichkeit enthalten, sich selbst (nicht nur im Happening) zu zerstören, sondern als eine immanente Option, die als Leer- wie als Lehrstelle offengehalten wird. An dieser Stelle entstehen dann auch wirklich neue Narrative, nicht nur neu verpackte altbekannte Stories. Mit durchaus bitteren Wahrheiten, genau wie süßen Experimenten könnten die Künste (un)zeitgemäße Verbindungen eingehen. Das ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe oder das V2 Lab for unstable media in Rotterdam etwa bereiten in diesem Sinne das Feld. Es betreten und darüber reden müssen wir schon selber. Oder reinschauen in den Spiegel – zum Beispiel in das Mirror Piece von Marnix de Nijs.

Der Beitrag stellt eine überarbeitete Fassung des Beitrags vom 1. November 2019 dar.

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