Vom Fakt zum Fake. Wie aus August Gustl Gemmings Streich eine Story für die Nachwelt wurde

An seinem Ruf als Lustiger Leutnant, toller Gustl oder bayerischer Eulenspiegel hat August Gustl Gemming (1836-1893) fraglos seinen Anteil. Doch die Medien, erst recht Freunde und Feinde spielen ordentlich mit. In nuce zeigt sich, wie sie um einer guten Story willen die Fakten davonschwimmen lassen. Vor hundert Jahren geschah das wenig anders als heute.

Das Problem betrifft alle, die mit Storytelling von wahren Begebenheiten zu tun haben, keineswegs nur die spektakulären Fälle wie Claas Relotius oder Tom Kummer. Beispiel „Der kürzeste Weg“.

Bier oder Benzin – Sozialer Sprengstoff Preiserhöhung

Die Ausgangssituation: Während einer gewöhnlichen Übung auf einem Schießplatz vor den Toren der Stadt hatte Gemming – 1862 im 5. Infanterie Regiment („Grossherzog Hessen“) in Bamberg stationiert –, die Order bekommen, umgehend in die Stadt zurückzukehren. Es gebe einen Bierkrawall.

Bierstreitigkeiten, waren durchaus nicht selten, für zahlreiche Städte sind sie vom 15. bis zum 19. Jahrhundert belegt, 1848 auch in München. Was heute Benzin, war damals Bier. An jedem Kreuzer mehr entzündete sich mitunter eine Straßenschlacht. Hier eine Bilderstrecke, die auch ein Foto vom Bierkrawall in München enthält.

Gemming jedenfalls interpretierte hohe Dringlichkeit. Er nahm den Befehl wörtlich und brachte seine Unteroffiziere directissime zurück. Dabei nutzte er die Abkürzung durch eine Furt, statt den etwas längeren Weg über Land. Zeitersparnis angeblich eine viertel Stunde.

Dreißig Tage Stubenarrest für einen Streich

Die Strafe folgt prompt. Zur Begründung heißt es im Strafbuch-Eintrag vom 20. November 1862: „weil er [Gemming] Unteroffiziere vom Scheibenschießen durch eine F u r t h, statt über einen nahen am Damme befindlichen Weg führte.“  Terminus ante bzw. ad quem muss der 20. November sein.

In der eigenen literarischen Verarbeitung, wohlgemerkt zwölf bis zwanzig Jahre später, wird aus dem Monat November der kältere Dezember. Statt der Furt durchqueren das lyrische und erzählende Ich in den zwei „Stücklein“ nun „mitten durch“ einen „immerhin vier Fuß tiefen Fluß“:

STÜCKLEIN (PROSA)*

„Ich war eben in vollster Thätigkeit, als eine Chevauleger= Ordonanz ansprengte mit der Meldung: Ich solle augenblicklich […] einrücken. Ich marschierte […] Anfang Dezember […] mit meiner Mannschaft […] mitten durch den immerhin 4 Fuß tiefen Fluß.“

STÜCKLEIN (GEDICHT)**

„Da brachte ihm ein Corporal:
Die „Ordre“ einzurücken.
„Und dieses auf dem kürz‘sten Weg,“
So stand es im Befehle, –
Gleich brach er auf – und daß er ja
Die Ordre nicht verfehle,
Marschiert er „mitten durch den Fluß.“

Faktencheck – Plausibilität versus Literarisierung

Ein Fußmaß beträgt zwischen 28cm und 30cm. Der Fluss müsste demnach Wasser auf etwa 120cm Höhe geführt haben. Eine Furt ist im gebräuchlichen Sinn eine Flachstelle in einem Bach oder Fluss, die gerade keine besondere Tiefe hat, aber natürlich durch Schmelzwasser oder Regen höhere Wasserstände erreichen kann.

Einmal brust- einmal kniehoch wird das Wasser gezeichnet. Man versteht leicht, worin die Pointe liegt. Zumal, wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Körpergröße 1850 nur 163cm betrug und gerade die Infanteristen eher kleiner waren als die Kavalleristen (gesucht wurden bei letzteren „Jünglinge von schlankem Wuchs“ mit einem Mindestmaß von 5‘, 10‘‘  bis 6‘, 0‘‘, wie das Verordnungsblatt des Königlich Bayerischen Kriegsministerium 1868 vorgibt). Der Wasserstand lässt sich nicht mehr genau feststellen, doch die Wetterdaten der Zeit deuten auf einen milden November.

Ausschnitt aus Münchner Neueste Nachrichten vom 06.05.1928 Quelle: Stadtarchiv München

A good story, nothing but a good story

Ich lasse mir doch die Geschichte nicht von den Fakten kaputtmachen… Die Rezeption von „Der kürzeste Weg“ scheint mit dieser Haltung das Stücklein aufzunehmen und weiterzudrehen. Hatte Gemming schon hier und da poliert, wird nun frei erfunden.

Mit sichtlicher Sympathie für Gemming schreibt Valerio in den Münchner Neuesten Nachrichten vom 6. Mai 1928:

„Ein andernmal befand sich der tolle Gustl mit 62 Schützen beim Scheibenschießen, dreiviertel Stunden vor München, als ihm ein Korporal den Befehl überbrachte, einzurücken. Und zwar auf kürzestem Wege. Das war nun wieder so ein Stichwort für den Schalk. […]. Die gute, alte Schwabinger Landstraße wäre wohl durchaus kein Umweg gewesen […]. Gustl läßt also einpacken, zusammentreten und wegmarschieren. Querfeldein. Durch Lehm und Sand. Und mitten durch den Fluss. Mit hochgehobenen Gewehren und unter Vorantritt eines blasenden Trompeters. Vorneweg, mit gezogenem Degen, der Herr Leutnant. Die biedern Schwabinger und Münchner, in Pelze und dicke Mäntel gehüllt, erstaunten an den Ufern einigermaßen über diesen, etwas ungewöhnlichen kriegerischen Aufmarsch durch den Schwabinger Bach. Denn es war nicht Mai, sondern frostiger Dezember.“ (Hervorhebungen durch die Verf.)

Rufer auf verlorenem Posten

Es gab noch vereinzeltes Bemühen, die Fakten richtigzustellen. Vergeblich, da hatte die Schnurre schon ihr Eigenleben. Sie wurde kolportiert und war nicht mehr einzufangen. Das Stücklein kam so gut an, dass es in der Rezeption schließlich ort- und zeitenthoben wird. Als purer Anekdotenstoff erheitert sie überall – gleichviel, wo sie entstand.

Umso wichtiger ist es, nicht selbst in die Falle früherer Gemming-Interpreten und Apologeten zu tappen. Sie lasen seine „Stücklein“ 1:1, nahmen sie für bare Münze oder malten sie entlang der Illustrationen Gemmings gleich noch etwas aus. Als wäre das autobiographische und lyrische Ich identisch mit der real lebenden Person. Gemming ist nicht gleich Gemming. Zuallererst bleibt das Ich in beiden Stücklein ein literarischer Entwurf.

Weder sind wir als Erinnernde frei von ungewollten Erinnerungslücken oder Irrtümern noch von absichtlich erzeugten Inszenierungen. Das erinnernde Ich kann nicht unhinterfragt Garant für Faktizität oder Richtigkeit sein. Gemmings Werk und seine Rezeptionsgeschichte bedürfen einer quellenkritischen, literaturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Interpretation. Storyteller, damals wie heute, dürfen und sollen ihren Stoff gestalten, ihn nach allen Regeln der Kunst gut aufbereiten. Dass jede Storyfizierung aber auch die Gefahr der Veränderung birgt, dessen sollten Schreibende – in Redaktionen, Schreibbüros, Agenturen, Unternehmen – sich bewusst sein. Der kürzeste Weg ist nicht immer der beste.

Hier geht es zur August Gustl Gemmings Facebookseite. Hier zur Vorgeschichte.

* Ha, welche Lust, Soldat zu sein, 1882, S. 43

** Poetische Verbrechen Gedicht II. Stück, 1874, S.77f

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