Speeddate mit Folgen. Der tote August und ich

Ehrlich, ich wollte August Gemming nicht entdecken. Der Gustl, wie er auch genannt wird, stand meinem Plan geradezu im Weg. Doch sein großer Grabstein mit dieser seltsamen Inschrift, weckten meine Neugier. Ja, ich gebe zu, auch meinen detektivisch-journalistischen Spürsinn. Dabei wollte ich doch nichts als rein in die Natur, endlich raus aus immer neuen medialen und virtuellen Welten.

Treffen mit Folgen

Mein Speeddate mit August beginnt am 24.09.2019. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich an dem Tag ganz begeistert vom ersten Nature Writing Seminar in Deutschland, eine Kooperation vom Literaturhaus München, dem Literaturarchiv Sulbach-Rosenberg und dem Verlag Matthes & Seitz zurückkam. Dort hatten wir Teilnehmer:innen von dem Biologen, Biosemiotiker und Publizisten Andreas Weber eine Übung namens Sit-Spot kennenlernt. Was ich damals nicht ahnte: aus dem Speeddate sollte ein Slowdate werden.

August Gustl Gemming, *10.09.1836, +14.02.1893, wurde auf die Vornamen Carl August Paul Ernst getauft (Quelle: Pfarrmatrikel der Pfarrei Rothenberg)

So geht Sit-Spot

Du suchst dir einen Lieblingsplatz in der Natur, setzt dich möglichst täglich für mindestens eine halbe Stunde dort hin und tust – nichts. Oder besser, fast nichts. Wahrnehmen ist erwünscht. Was schwer genug ist. Du schaust also und wartest, schaust und siehst gar nichts, schaust und zweifelst, schaust und willst schon aufhören, da endlich nimmst du einen Fitzel von etwas wahr, was du so noch nie bemerkt hast und was etwas in dir auslöst. Wenn du willst, kannst du das aufschreiben.

Ich war also vor allem an Bäumen, Blättern und Tieren interessiert und dachte, wo in aller Welt finde ich jetzt nah genug an meiner Wohnung ein Stück NaturKultur, um meine SitSpot-Übung regelmäßig umsetzen, pardon, umsitzen zu können. Durch einen Tipp einer Teilnehmerin, auch Biologin und vielversprechende Autorin, Sophia Klink, versuchte ich es mit dem Alten Nördlichen Friedhof.

Die Plätze, die mir gut gefallen hätten, vor allem die in der Nähe von Birken, lagen mir zu exponiert. Ich suchte eine Alternative möglichst mit Bank, in der kalten Jahreszeit würde es keinen Spaß machen, auf dem Rasen zu sitzen. Außerdem sollten dort wenig Jogger und Passanten vorbeikommen, ich wollte ja Tiere sehen. Die Hauptachse schied also aus. Und so stieß ich auf jene Bank, die für drei Monate mein fast täglich aufgesuchter SitSpot sein würde:

Die Bank auf dem Alten Nördlichen Friedhof zwischen Sektion fünf und sechs. Nur, wenn man weit links Platz nimmt, kann man August Gemmings Grab gut sehen.

Der kleine Riss im Holz (oben im Bild) ist mir übrigens erst nach Wochen aufgefallen. Bis heute rätsele ich, ob er von Anfang an da war, oder ich ihn – was wahrscheinlicher ist – einfach nicht wahrgenommen habe. Das Sehen wächst, wenn man ihm Zeit lässt. Es ist wie eine gute Meditation.

To make a long story short

Ich begann über Gemming zu recherchieren, lernte auf dem Wege engagierte Menschen kennen und dachte irgendwann: Jetzt nimmt der in deinem Leben soviel Raum ein, warum schreibst du das nicht einfach auf?

Am Anfang war es nur ein Gedankenspiel, zugegeben eines, das Vorläufer in der Literatur hat. Der fantastische Roman von Miek Zwamborn “Wir sehen uns am Ende der Welt” zum Beispiel. Aber es machte mir Mut, weiter zu experimentieren.

Fakt statt Fake

Wir alle erleben, dass Fakten gerade wie eine obsolete Kategorie erscheinen, jedenfalls etwas, das in hohem Maße fragwürdig geworden ist. Nun denn: Ich habe viel Zeit und Mühe investiert, um aus Archiven, Museen und Literatur redlich Fakten von Fiktionen über August Gustl Gemming zu trennen. Trotzdem verspreche ich, seine Geschichte ist bereits in den Tatsachen spannend.

Finde die Fehler… 1. August Gemmings Geburtsjahr ist 1836, 2. sein Denkstein ist nicht sein Originalgrabstein, 3. Er schrieb sich so gut wie nie mit Reduplikationsstrich

August Gemming in meinem Roman

In meinem Roman, der im Entstehen ist, hat Gustl eine Protagonistin als Gegegnüber. Meine Protagonistin stößt, wie ich, ganz zufällig auf ihn. Weil sie die Natur und das Münchner Original August Gemming auch digital erkundet, kommen Themen wie Künstliche Intelligenz, Virtualität, Subjektivität darin vor. Im MLb – Münchner Literaturbüro, das vom Münchner Kulturreferat gefördert wird, habe ich Teile daraus bereits vorgetragen.

  1. Am 22. Dezember 2019 Von Menschen und Maschinen im Rahmen der Reihe #Künstliche #Intelligenz und #Literatur
  2. Hier der Link zur Rezension der Reihe in den Münchner Literaturseiten.
  3. Am Valentinstag, den 14. Februar 2020, zugleich August Gustl Gemmings 127. Todestag im Mlb – Münchner Literaturbüro. Hier der Blogbeitrag von den Veranstaltern, denen ich herzlich danke!

August Gustl Gemming auf Facebook und in meinem Blog

Auf Facebook habe ich eine öffentliche Seite über August Gustl Gemming eingerichtet, wo ich ihn – basierend auf den Fakten, die mir zur Verfügung standen – vorstelle und sprechen lasse.

Zugleich werde ich künftig Wissenswertes über August Gemming und seine Zeit in meinem Blog veröffentlichen. So können auch Interessierte, die kein Facebook-Konto eröffnen möchten, an seiner und meiner Geschichte teilnehmen.

#AugustGustlGemming #Vorgeschichte

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