München. Digital. Erleben. Der Open Government Tag München 2019 (#OGTM19)

In Wahrheit sei es doch manchmal so. Mitarbeitende in der Verwaltung hätten eigentlich zwei Leben. Erstens ihr alltägliches, der sie am frühen Morgen in die Behörde führe und am Abend wieder hinaus. Dieses erste, normale Leben sei voll digitalisiert, es funktioniere via Smartphone, das meiste lasse sich dort via App mit einem Wisch des Daumens erledigen. Zweitens ihr berufliches…

Die ersten Lacher im Publikum zeigten: viele wussten aus eigener Erfahrung, wie die kleine Anekdote enden würde. Thomas Bönig, Chief Digital Officer und IT-Referent der Stadt München, sparte nicht an offenen Worten und ehrlichen Befunden. Seine Vorrednerin, Anne Hübner auch nicht (@anniemuc). Es geht ums liebe Geld. Bönig informierte über die Digitalisierungsstrategie, dokumentierte erste Erfolge auf dem Weg zur digitalen Metropole. Der vorgestellte Digitalisierungsradar stehe kurz vor der Live-Schaltung. (@ThomasBoenig).

Ohne Menschen mit Wandlungskraft kein digitaler Wandel

Da Digitalisierung ohne Kultur-, sprich Wertewandel nicht zu schaffen ist, standen neben Fachthemen auch Vorträge zu moderner Personalarbeit auf dem Programm: Change, New Work,  Health.

Das Line-Up der Speaker_innen bot einen guten dramaturgischen Spannungsbogen, um die Laune hochzuhalten – einiges an Wegstrecke liegt noch vor der Stadt München. Angenehm unaufgeregt, gerne mit einer gehörigen Portion Launigkeit machten die Vortragenden klar, dass es um viel geht: Als moderne Verwalter und Dienstleister den Digital Turn managen.

Das fängt mit den Menschen an, die eine Stadt für sich und ihre Ziele gewinnen kann. Gewiss, Metropolen mit einem attraktiven Umland tun sich leichter als Regionen in weniger attraktiven Lagen. Doch auch hier gilt: Exzellenz zieht Exzellenz nach. München steht im Wettkampf mit der geballten kompetitiven Leistungskraft spannender Münchner Konzerne, Unternehmen, Start ups, oft ebenso zahlreich wie zahlungskräftig.

Prof. Dr. Volker Nürnberg, Professor für Gesundheitsmanagement, brachte einen zentralen Aspekt zum Thema Talente auf den Punkt: Digitalisierung ist Mannschaftssport. Wir brauchen wegen des demographischen Wandels JEDES Talent. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. (@profnuernberg) Recruiting, ja klar, Weiterbildung noch klarer.

Stadtrendite für gemeinwohldienliche Re-Investitionen

Auch für Städte gilt: Wer die Bürgerinnen und Bürger nicht mit hoffnungslos veralteten Strukturen enttäuschen will, vielmehr urbane Interaktivität, Teilhabe und Inklusion fördern möchte, muss die digitale Transformation vital vorantreiben.

Allen voran sollten es die Bürger_innen selbst einfordern. Der Begriff der Stadtrendite ist kaum etabliert, leider auch missverständlich, Städte sind gesellschaftspolitisch verfasst, dienen dem Gemeinwohl, sind also keine Profitcenter, die womöglich einigen Happy fews zuarbeiten. Gleichwohl: nachhaltiges, effizientes, zukunftsorientiertes Handeln und Haushalten kann Strukturen nicht mit dem Hinweis auf Traditionen unbefragt lassen.

Digitropolis: Tuen wir die richtigen Dinge richtig?  

Das mündet in die Frage: Tuen wir die richtigen Dinge richtig? Freilich – Richtig für wen? Die Bürger stehen im Mittelpunkt. Viele der Learnings aus agilen Prozessen und kundenfokussierten Lösungen lassen sich, wie zu sehen, eins zu eins auf Stadtverwaltungen übertragen: Citizen- statt Customer-Centricity, verbunden mit dem Hinweis, dass alle Bürger gemeint sein müssen und entsprechend früh, schon in der Entwicklung eingebunden gehören.

Online ist das neue Normal

Wer glaubt, über digitale Kanäle erreichten Behörden nur die junge Generation, irrt. Über 60% der über 50jährigen, sagte Politikberater und Blogger Martin Fuchs (@wahl_beobachter), informieren sich ebenfalls im Netz.  Vergessen Sie Pressemitteilungen & Facebook! lautete sein Vortrag. Künftig werde Voice-Kommunikation eine Rolle spielen: Alexa, Siri, Echo, Home & Co. lassen grüßen.

Die Bürger, so gesehen auch Kunden, wünschten Online-Services. Nur halt nicht so, wie es früher einmal lief in der IT in Wien; in München sei das wahrscheinlich immer anders gewesen, gestand Robin Heilig (@Robin_Heilig) augenzwinkernd. Nach 3 Jahren hätte es dort eine Lösung der Behörde gegeben, die keiner mehr nutze. Honni soit qui mal y pense. Heilig, Co-Leiter von PACE, dem digitalen Innovationsteam der Stadt Wien, verschwieg sein Fazit nicht. Wir müssen viel früher und öfter mit den Kunden testen, sonst könne es sein, dass die großen internationalen Plattformen die Rolle der Stadt definierten. Oder anders, was wenn die Bürger ihre Verwaltungsdienste bei GAFA (Google, Apple, Facebook, and Amazon) beziehen?

In der digitalen Kommunikation gelte es Vertrauen aufzubauen. Dafür braucht es Zeit und Kontinuität, die Kanäle seien gar nicht einmal so wichtig, sagt Fuchs (@wahl_beobachter), nicht ohne Highlights der politischen Kommunikation in sozialen Diensten zu nennen.

Wer Technik anbietet, muss das Problem kennen, das er damit lösen will

Professor Dr. Armin Nassehi (@ArminNassehi), Soziologe (LMU), Autor, Kursbuchherausgeber, bot den größeren kulturhistorisch-soziologischen Rahmen. Er hinterfragte das #OGTM19-Motto Mensch statt Technik mit scharfsinnigen Analysen, spitzte es im Kontrast mit anderen sattsam bekannten Paarbildungen wie Mensch vs. Technik, Mensch und Technik zu. Sind wir zu sehr von Technik abhängig? Falsche Frage, so Nassehi. Wir merkten überhaupt nicht, wie sehr wir ihr längst vertrauten. Das Wesen der Technik sei, dass sie funktioniere. Sobald sie das störungsfrei leiste, sei sie uns so gut wie nicht mehr bewusst. Das setzt voraus: „Wer Technik anbietet, muss das Problem kennen, das er damit lösen will“.

Technik, die funktioniert: Der 7. #OGTM19 hat es konsequent versucht. Hat auf alle Wische aka Formulare zur Anmeldung verzichtet, den gesamten Prozess digital gestaltet, inklusive Livestream und Twitterwall Partizipation ermöglicht. Die Pausen und das Get-together waren dann aber ganz analog.

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