In what do we trust? Die Fujitsu Social Media Night 2019

Warum veranstaltet ein Unternehmen wie Fujitsu eine Social Media Night zum Thema Trust in the Age of Fake News? Warum widmet es dem Thema Human Centric Innovation – Driving a Trusted Future einen ganzen Kongress? Weil Vertrauen die Grundlage von Austausch ist. Ohne Vertrauen kein Geschäft. Klingt simpel, doch Virtualisierung und Künstliche Intelligenz (KI) stellen Vertrauen auf mehr als eine Zerreißprobe.

Zwei Keynotes gaben dem Thema einen eigenen Twist: Kate Russell, britische Journalistin und Tech-Bloggerin (BBC, SKY) ging auf die Suche nach den Ursprüngen von Falschnachrichten, unterschied Kategorien. Sie plädierte für mehr Bildung, bessere Technologie, stärkeres Monitoring und kritischeres Denken. Sie empfahl, den Begriff Fake News nicht zu verwenden, da er durch andauernde Wiederholung als etwas Faktisches geadelt würde. Alternative Facts lautet ja auch der Anspruch. Ein öffentlicher Diskursraum brauche Vertrauen, Transparenz, Schutz, robuste Freiheitsrechte, Aufbrechen von Echokammern – und Offenheit für Wandel in den Medien wie in der Gesellschaft. Kate Russell präsentierte eine Initiative, um Fake News früher zu entlarven.

Der norwegische Philosoph Anders Indset („Quantenwirtschaft“, „Wildes Wissen“) hinterfragte, ob es diesen öffentlich steuerbaren Raum so überhaupt noch gebe. Er schaute über die aktuell eher belanglose Nutzung von Social Media hinaus und stellte die berechtigte Frage, wie eine wirklich reife digitalisierte Gesellschaft aussehen solle. Sichtlich vergnügt verbreitete er Störgefühle, in dem er ein Szenario jenseits von Insta-Glossiness, snackable Twittercontent und Fingerfood in den Raum warf: Welche Antwort hätten die hier Versammelten, immerhin die fittesten und worldbest Smoothieversorgten überhaupt, auf diese Zukunft: eine Gruppe junger achtsam-spiritueller Menschen trifft auf wütende junge Männer um die 30, die das System hassten. Der alte, an Adam Smith orientierte Begriff von Wirtschaft und Kapitalismus sei tot und kehre auch in der neuen Welt nicht wieder. Wie also könne er, mit den Worten des Dalai Lama weiterentwickelt werden? Das sei die Aufgabe, allem voran eine Denkaufgabe im Übrigen. Er empfahl allen, sich eine tägliche Denkstunde im Kalender freizuhalten. Indset plädierte dafür, sich auf das zu besinnen, was wesentlich für Menschen mit einem europäisch geprägten Wertehorizont ist. Freiheit, Würde, Autonomie, Humanität, Erfahrung zum Beispiel. Seine Entscheidungen selbst in die Hand zu nehmen, Erfahrungen von Güte und Menschlichkeit im Kleinen zu ermöglichen. Dazu gelte es, aus den Grundannahmen des Systems auszusteigen, um einen Systemwechsel durchzuführen.

In der anschließenden Diskussion, erweitert um Joseph Reger, Chief Technology Officer Europa (Fujitsu) und Paul van der Lingen, Program Manager (NetApp), zeigte sich, dass die Lösungen nicht mit Händen zu greifen sind. Obwohl die Teilnehmenden mitunter auf verschiedenen Diskussionsebenen argumentierten, lag es daran nicht. Das Thema selbst hat zahlreiche Dimensionen, nicht für alles passt ein und dieselbe Antwort. Hinzu kommt: Es ist eine Operation am offenen Herzen. Das Herz der Demokratie schlägt – und soll zugleich über sich hinausschlagen.

Mit drei einfachen Fragen und Antworten lässt sich das ganze Dilemma umreißen.

Wem trauen wir am meisten?
Uns selbst.  

Wem danach?
Allem, was unseren Werten entspricht.

Welche Form verleiht Vertrauen Ausdruck?
Die, an die beide am meisten glauben: Kuss, Handschlag, Vertrag, Blockchain, Sensoren, Quanten….

Dass wir uns selbst – und unserem freien Urteil – trauen, könnte eine bloße Vermutung sein. Wie und warum sie funktioniert, lässt sich philosophiegeschichtlich (Kant, Freud, Nietzsche, Lacan usw.) und neurowissenschaftlich nachlesen: #Zerstörung #Subjekt.

Dass wir anderen trauen, die unsere Werte teilen, hat nicht nur die Neurowissenschaft bestätigt. Werte, in denen wir uns wiedererkennen, führen zur Ausschüttung von Bindungshormonen. Sie funktionieren daher wie ein Mittel zur Stressreduktion, in dem sie Komplexität reduzieren. Nur: die Gefahr aller geschlossenen (Werte)-Systeme – Selbstreferentialität, Hierarchiebildung, Machtmissbrauch etc. – droht eben auch hier. Die Filterbubble verstärkt das Problem allerdings massiv.

Zugleich erweist sich, dass Werte weder historisch noch absolut ein konsistentes Gut sind. Gerade, wenn wir über deren Erweiterung oder Veränderung durch KI nachdenken, gehören Werte, wie wir sie kennen, zu disponiblen Faktoren.

Unsere Lösungsstrategien gegenüber Fake News beinhalten fundamentale Entscheidungen, die die Frage „Wie wollen wir in Zukunft leben und wirtschaften?“ berühren. Zugespitzt stehen uns drei Optionen zur Wahl:

  • Mehr Information, gleichsam die kommunikationshomöopathische Lösung, bekämpfe Gleiches mit Gleichem
  • Mehr Experiment, gleichsam die spieltheoretisch-systemsprengende Lösung, denn nur jenseits des Systems können neue Wege entstehen
  • Mehr Überzeugung/Setzung (Religion, Ideologie, Ideation, Utopie), gleichsam die ideell-dezisionistische Lösung, denn nur, was als wahr gilt, kann verbindlich für Orientierung und Halt sorgen.

Welches Modell wir für Öffentlichkeit und Privatheit anstreben, welche Rolle Autonomie und die Freiheit des Menschen im Zeitalter Künstlicher Intelligenz spielen, hat tiefere Konsequenzen als manche wahrhaben wollen. Die Frage, unter welchen Vorannahmen (also Setzungen) Bewusstsein möglich ist, hat erheblichen Einfluss: auf Wahrheit, Ethik, Bildungskonzepte, Gemeinwohl, Öffentlichkeit, Politik und gesellschaftliche Willensbildung. Selbst wenn das Ziel ein hehres sein soll, eine Welt ohne Krieg, Hunger, Krankheit, Alter, Tod, dass der Mensch, wie wir ihn heute kennen, darin noch dieselbe Rolle spielen wird, darf bezweifelt werden.

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