Lost in Sound-Space. Was KI von sich hören lassen sollte, wenn sie uns dienlich sein will

Auf der Sommerleseliste der Stiftung Neue Verantwortung fand ich einen Link zu einem akustischen Museum, das ich jedem zu besuchen empfehle. Ergänzt um einige Gamification-Elemente basteln Geeks daraus schnell ein Top-Altersprognosetool für die sozialen Netzwerke. To be honest, ich kannte ziemlich viele der Sounds noch im Originalbetrieb.

Veränderungen in Gesellschaften, (digitale) Kulturgeschichte, verstanden nicht als Faktenhuberei, sondern als Narrativ-Feld, ermöglicht Wertschöpfung. Denn es erlaubt Szenarioanalysen. Nicht nur rückwärts betrachtet, sondern auch vorwärts in die Zukunft.

Vor einiger Zeit hatte ich bei einem Kundenauftrag zum Thema Markenführung einen Flash. Übertragen auf das Feld unserer KI unterstützte Gesellschaft stellte sich mir die Frage:

Wie klingt KI?

Noch genauer: Wie klingt eine KI, die den Menschen respektiert? Ihn also nicht pseudo-naiv vereinnahmt, aber auch nicht metallen-mechanistisch abstößt?

Was zunächst oldfashioned anmuten mag, erwies sich spätestens im März dieses Jahres als virulent. Die Welt debattierte, wie eine künstliche Stimme klingen solle. Wenn die KI-Stimme „Q“ körperlos ist, warum klingt sie dann wie eine Frau? Die Agentur Copenhagen pride schuf Abhilfe, bekannte aber auch: sie glaube nicht, dass diese sich durchsetze.  

„Sehr sicher bin ich mir aber, dass wir auf absehbare Zeit keine geschlechtsneutrale Stimme als Standardeinstellung bekommen werden. Das widerspricht dem Geschäftsgedanken der Konzerne.“

Erschwerend kommt hinzu, dass eine Mehrheit der Menschen weibliche Stimmen als herzlicher empfinden.

Regulieren oder machen lassen?

Was also tun? Aufklären, freistellen, laufenlassen, vorschreiben aushandeln…

In unseren absehbar virtuell (mindestens angereicherten) und elektronisch neu mobilisierten und organisierten Mega-Städten werden wir neue Soundwelten erleben. In einem Ausmaß, das wir uns noch nicht vorstellen können.

Wer je eine Intensivstation besucht hat, weiß, was uns bevorsteht. Selbst Ärzte und Pfleger bekennen, dass die Signaltöne ein krankmachendes, ja irreführendes, weil unabgestimmtes Ausmaß angenommen haben. Jeder Hersteller entwickelt nach Können und Gusto das, was dort als „Warnton“ empfunden wird.

Auch Sounds sind Narrative. Als solche können sie wertstiftend oder wertmindernd, akzeptanzerhöhend oder -verringernd sein.

Städte, Dörfer, Häuser, Wohnungen, Menschen prägt ein charakteristisches Klangbild. Menschen aus dörflichen Umgebungen oder ältere Menschen kommen mit den Sounds der Zukunft oft nicht mehr klar. Überall fiept, surrt, tönt, läutet, piept, dingdongt was.

Brauchen wir ein Ministry of Sound?

Ja, die Digitalisierung betrifft als Querschnittthema alle Ministerien. Angesichts der Komplexität und Vielfalt der bevorstehenden Aufgaben ist es gleichwohl nachvollziehbar, dass zahlreiche Verbände und Initiativen in einer Petition eine/n Digitalminister/in (m/w/div) forderten

Was pars pro toto am hier gewählten Beispiel Sound deutlich wird, weckt allfällige Fragen – ausgelöst von der Neuerfindung der Gesellschaft in Zeiten von Digitalisierung und KI.

Zwischen der Deutschen Industrienorm, dem Krümmungsgrad der europäischen Gurke und dem Faustrecht des Wilden Westens liegt eine Zone, die es klug für die digital befähigte Gesellschaft zu besetzen gilt.

Wie könnte eine ver­nünftige digitale Information aussehen, die nicht nervt, sondern lotst, aufklärt oder berät? Wie soll ein niedrigschwelliger, wie ein wichtiger Warn­hinweis klingen? Sollten Sounddesigner an einer internationalen Soundkultur arbeiten, um Standards zu etablieren? Oder sollte jede Marke ihre eigenen akustisch-stimmlichen Bibliotheken ent­wickeln? Diese und andere Fragen werden künftig eine Rolle spielen. Ohne, dass die Entwicklung vorhergesagt werden könn­te, ist doch zu erwarten, dass es zu Neuer­findungen und Wie­der­belebungen kommt.

Spätestens seit Büchern wie Das große Orchester der Tiere oder Das geheime Leben der Bäume wissen wir, wie wichtig und prägend Klang-Habitate sind.

KI muss nicht alle Fehler der Industrie 1.0 – 4.0 wiederholen

Die Beschwerdegeschichte über Lärm ist so alt wie die der Vergesellschaftung. Einst richtete es sich gegen die Schläge der Schmiede, Schlosser, Kufner und den Lärm der Droschkenräder. Später, mit  der Mechanisierung, gegen das Rattern der Webstühle, das Zischen der Dampfmaschinen, das Pulsen der Kolben in Fabriken, die elektrischen Eisenbahnen und den Automobilverkehr.

Es ist in hohem Maße unwahrscheinlich, dass das Internet of Things – konsequent zu Ende gedacht – ohne Nebenwirkungen bleibt, akustische oder interferenzelle. Wenn wir schon auf dem besten Wege sind, eine Forecast-Society zu werden, dann doch bitte auch im Blick auf die möglichen Lösungen für die realen Probleme.

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