Technologie-Narrative. Was KI von der Elektrifizierung lernen kann

Es sind Bedeutungszuschreibungen, kurz Narrative, die beeinflussen, was wir von neuen Technologien halten. Narrative beinhalten Werte und Emotionen, genau deshalb sind sie so stark, persönlich wie gesellschaftlich. Nehmen wir als Beispiel die Elektrifizierung. Der historische Abstand hilft klarer zu erkennen, wo wir mit KI stehen. Ich unterscheide idealtypisch drei Phasen:

  1. Das Narrativ wird ge- bzw. erfunden und präfiguriert
  2. Das Narrativ wird markt- bzw. machtpolitsch konfiguriert
  3. Das Narrativ wird gesamtgesellschaftlich rekonfiguriert.


„Elektrisches Licht macht unabhängig von der Natur“
Phase 1 Narrativpräfiguration

Deutschland um 1850: In den Häusern und auf den Straßen ist es abends dunkel, nachts zappenduster. Kerzen, Kienspan, Petroleumfunzel und Gasleuchte blieben gefährliche, rußende, umständliche und unzuverlässige Leuchtmittel. Noch 1830 lautete eine Polizeianweisung: „Jeder […] Schankwirth muss des abends, sobald es dunkel wird, […] eine Laterne brennend unterhalten.“ Es gab Beschwerden beim „Beleuchtungscommissair“ (Aldrian). Elektrische Beleuchtung war demgegenüber sauber, gefahrlos, störungsfrei. Zunächst allerdings teuer. Dennoch, die Glühlampe erlaubte, die Nacht zum Tag zu machen und von der Natur unabhängig zu machen. Das ist der narrative Kern der Elektrizität. De facto veränderte sie alsbald sowohl den Rhythmus als auch die Dauer der menschlichen Arbeit.


„Elektrisches Licht ist eine Chiffre für urbane Modernität
Phase 2 Narrativkonfiguration

Politik und Industrie erkannten die Chancen sofort. Elektrisches Licht wurde „symbolisches Kapital“ (Binder). Dieses trieb die Industrialisierung massiv voran. Aus Berlin wird „Elektropolis“ (Mori), die Messestadt Frankfurt veranstaltet die Internationale Elektrotechnische Ausstellung (1891). Trotz konkurrierender Systeme (Gleichstrom/Wechselstrom, Hoch-Niederspnnung) entstehen immer neue – kapitalisierbare – Anwendungen. In Fabriken, auf öffentlichen Plätzen, auf den Trottoirs, in den Schaufenster, an Litfaßsäulen, in Straßenbahnen leuchtete es nun auch nachts taghell. Der Schaufensterbummel und die Kunst des Flanierens kommen in Mode. Vorher waren sie schliecht nicht möglich. Elektrifizierung entwickelt sich zum „Urbanisierungsprozess“ (T. Mori). Technische Infrastrukturen verändern das Städte-, Dorf- und Landschaftsbild.


„Der helle Kopf oder Elektrizität unterscheidet den aufgeklärten Bürger vom Michel“
Phase 3) Das Narrativ wird rekonfiguriert

Anfangs noch Luxus für wenige („Festbeleuchtung“, Binder), gilt Licht unter Gelehrten bald als „hygienisch, bequem, billig“ (Mori). Besonders die fortschrittlich eingestellten bürgerlichen Kreise umarmen das neue Licht früh. Elektronische Diademe, leuchtende Krawattennadeln und musikalische Geldbörsen sind die Gimmicks jener Jahre. Fahrrad- und Stirnlicht gibt es noch heute.

Teilsysteme wie Kunst, Architektur, Mode, Lebensart, Medizin oder Verkehr entwickeln Narrativerweiterungen. Je konkreter sie Elektrizität erleben und anwenden, desto akzeptierter wird sie. Nun heißt es ganz überwiegend: Elektrizität erleichtert das Leben und befreit von mühsamen oder stupiden Arbeiten. Erfindungen wie Fön, Bügeleisen, Elektroherd sind erst der Anfang, Elektrizität wird zur „Dienerin“ im „Privathaushalt“ (Binder).

Zwischenfazit

Die fortschrittliche helle Stadt gegen das tranfunzelige Dorf, der aufgeklärte Bürger gegen den rückständigen Deutschen Michel, dieses Narrativ setzt sich durch. Evident, dass es einen Zusammenhang zwischen bürgerlicher Mediennutzung, symbolischen Zugängen und Diskurserzeugung gibt. Zwar können Narrative lange dominant sein, doch systemisch gesehen bleiben sie beweglich. Sie bewahren ihre ursprüngliche Ambivalenz, die später Ausgangspunkt von neuen Rekonfigurationen sind.

Einige Narrativ-Ambivalenzen halten sich bis in unsere Tage:

  • Verkehrung des natürlichen (Bio-)Rhythmus
  • Zerstörung gewachsener Strukturen
  • Verschandelung des natürlichen und des öffentlichen Raums
  • Echter (wahrer) innerer und falscher (oberflächlicher) äußerer Schein oder Glanz
  • globale Hochleistungsgesellschaft (High Voltage) gegen das nationale-regionale-ländlich-dörflich entspannte Miteinander

Es ist verblüffend, wieviel Ähnlichkeiten sich zu heutigen Technologie-Narrativen ergeben. Wenn auch seinerzeit eher als ein Frust über den ‚neuen‘ Schmutz trotz sauberen Lichts, so warf die Ökologiebewegung schon damals ihre Schatten voraus.

Was folgt daraus?

Künstliche Intelligenz braucht Narrativanalysen

Bei angemessener Analyse lassen sich Narrativausprägungen für künftige Erfindungen vorhersagen. Das betrifft das Internet of Things, neuartige Mobilitäts-, Lebens- und Arbeitskonzepte und erst recht die auf Algorithmen basierende Künstliche Intelligenz.

Wir befinden uns im Fall von KI mitten in Phase zwei und am Übergang zu Phase drei. Es darf also vermutet werden, dass immer konkretere Anwendungsbeispiele zu Narrativerweiterungen führen. Doch die vermeintlich rationalen Argumente basieren auf Werten und Emotionen. Solange diese nicht in Ausgleich kommen, wird sich kein Narrativ entwickeln und gesellschaftlich aushandeln lassen, das Aussicht auf langfristige Stabilität bietet-

Das lässt sich aus Kultur-, Alltags- und Technologiegeschichte lernen

  • Verschiedene Wertorientierungen im Diskurs über Künstliche Intelligenz in einem Teilsystem können auf Narrative in einem anderen Teilsystem überspringen und es so schwächen oder stärken.
  • Es empfiehlt sich, von Anfang an klug über die in einem Narrativ eingeschriebenen Bedeutungsinhalte nachzudenken. Das gilt besonders für seine Kontexte. Was in einem Umfeld von Routinearbeiten positiv als Entlastung von Entscheidung wahrgenommen werden man, kann in dem Umfeld komplexer medizinischer oder rechtlicher Aufgaben als bedrohlich empfunden werden.
  • Wer ein Interesse daran an, ehrlich über die Chancen und Risiken von KI zu informieren, sollte vermeiden, erkennbar spaltende Narrative zu wiederholen. Wir sind sowohl im internationalen Vergleich (globalen wie europäisch) als auch im nationalen Vergleich längst dabei, Ausgrenzungen zu produzieren: Begriffe wie Vorreiter vs. Nachzügler, datenaffin vs. datenrückständig schüren Ängste, was wenig hilfreich ist, sofern man sich für Technologieoffenheit einsetzt.
  • Symbolische Codierungen in Narrativen sind Bestandteil ihrer DNA und quasi unkaputtbar. Latenzen können unerwartet neue Virulenz erhalten.
  • Neu entstehende Produkte und neue Technologie bieten Chancen zur Narrativ-Prägung. Die technologielastige Auslobung von Narrativelementen kann aber später zu Irritationen und ungewollten Reaktionen führen.
  • Gerade Start-Ups sind in der Ausarbeitung ihrer Narrative oft unberaten und vergeben schon am Anfang Chancen.
  • Organisationen, Parteien, Verbände und Länder scheitern auch daran, dass sie ihre Narrative nicht kennen, nicht aushandeln wollen, nicht finden oder nichts dafür tun, sie in Phase drei zu bringen.

U.a. verwendete Literatur: Wilhelm Aldrian, Als in Meppen die Lichter angingen, 1994, Beate Binder, Elektrifizierung als Vision, 1999, Takahito Mori, Elektrifizierung als Urbanisierungsprozess, 2014,  Dorothea Zöbl, Siemens in Berlin, 2008.

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