Offenheit für KI beginnt im Gehirn. Digitale Transformation, Hirnareale und Sprache.

Ganz gleich, wo die verschiedenen Modelle zur digitalen Reifemessung beginnen – Struktur, Führung, Kundenkontakt, Produktion, Vertrieb – ein entscheidendes Gebiet lassen alle außer Acht: unser Gehirn. Das ist nachlässig. Gerade, wenn es um sogenannte Künstliche Intelligenz geht. Fakt ist, zu allen Veranstaltungen, bei denen sich Menschen für neue Technologien, digitale Tools, Lernumgebungen und agile Prozesse öffnen sollen, bringen sie nun einmal auch ihr Zwischenhirn mit.

Das kleine Gebiet oberhalb des Hirnstamms ist zuständig für die Vermittlung von Sinneseindrücken. Nerven und Hormone kommen in ihn zusammen und bilden eine Art emotionaler Türsteher. Dieser checkt und scannt, wer oder was in sein Zentrum vorgelassen werden will. Ein ausgeklügeltes System mit mehreren Zugängen erlaubt, jeden Neuankömmling gleich mal mit einigen Proteinen zu tracken. Blöd, wenn sich daraus „Vorsicht, Gefahr!“ ergibt, denn, auch Kleinhirn und assoziativer Kortex vertrauen den im Zwischenhirn gemachten Tracking.

Das Kleinhirn, das unsere motorischen Fähigkeiten steuert, ist ebenfalls an kognitiven Leistungen beteiligt, wir sind uns dessen nur nicht bewusst. Beim Sprechen, Erinnern und beim sozialen Verhalten arbeitet es mit. Bleibt das Großhirn, wo sich der assoziative Kortex befindet. Auch er ist zuständig sowohl für sinnliche als auch für geistige Verarbeitung.

Technikoffenheit braucht mehr als Technologie

Wenn man Technologieakzeptanz fördern möchte, darf man nicht nur auf technologische Erfahrungen setzen. Das verschränkte Ineinander unserer Hirnregionen, besonders im Blick auf Sprache und Empfindungen verlangt mehr.

Nur weil die Digitalisierung mit den Metaphern des Gehirns arbeitet oder genauer, wir unsere Sprachbilder zum Gehirnverständnis auf die Digitalisierung übertragen, ergibt sich daraus noch keine innere Entsprechung. Es ist sogar so, dass die sinnliche Mehrdimensionalität des Menschen sich mit der nur digitalen Welt schwerer tut. Kaum zufällig simulieren virtuelle Welten inzwischen 3D. Das passt viel besser zu der jahrmillionenalten Spezies, die wir sind. Wenn es stimmt, dass zwischen dem schwindenden Körpervermögen von Kindern und ihrer Nutzungsdauer von Digitalem ein Zusammenhang besteht, wäre dies ein hoher Preis.

Was folgt daraus?

Akzeptanz für Technologiesysteme zu schaffen, beginnt kommunikationsstrategisch bei den ersten Eindrücken. You never get a second chance for a first impression ist ein feines Bonmot, nur beim Thema Technologiekompetenzerwerb besteht die Gefahr, es dabei zu belassen.

Unternehmen, Kommunen, Schulen, Unis, Krankenhäuser, Kirchen, Vereine usw. mögen sich wünschen, dass wir alle das Neue einfach mal ausprobieren würden. Nur leider hat im Laufe der Jahrmillionen Jahre, in denen unser Gehirn sein heutiges Format gewann, einfach mal ausprobieren nicht funktioniert. Ein komplizierter Mechanismus aus neurochemisch und symbolisch vernetzten Steuerungssystemen sorgte in der Evolution dafür, dass wir heute mit natürlicher Intelligenz über künstliche sprechen können.

Das sollten wir nicht ignorieren, vielmehr klug zu Nutze machen. GestalterInnen von Transformationsprozessen sollten sich darüber klar werden, dass sie Menschen auf mehreren Sinnes- und Gehirnebenen ansprechen. Eigentlich geht es bei der Frage, wie Menschen auf KI reagieren, um Technologiewahrnehmung: Einmal im Sinne von Beurteilung, dann aber auch im Sinne von Nutzung oder Verwendung.

Sieben Empfehlungen zur Förderung persönlich stimmiger Technologiewahrnehmung

  1. Sinnliche Erfahrungen im äußeren Raum schaffen

Wo ich ein Informationstreffen (Kick-off) veranstalte, hat erheblichen Einfluss auf alles, was TeilnehmerInnen damit verbinden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, oft genug nicht zu Ende gedacht, weil an den Kosten für die Location gespart wird. Am falschen Ende, denn die Folgekosten, die sich aus der verpassten Chance ergeben, innere und äußere Räume für Technikakzeptanz zu erzeugen, sind höher. Dabei spielen Sinneseindrücke genauso eine Rolle wie Bewegung oder Temperatur.

  1. Sinnliche Erfahrungen im inneren Raum ermöglichen

Einen gemeinsamen Raum für positive emotionale Wahrnehmung zu schaffen, darf die inneren Räume nicht vernachlässigen. Berechtigt sind ja sowohl Sorgen oder Befürchtungen als auch Ungeduld und Experimentierfreude. Gute Teams bringen die technologieskeptischen mit den technologieoffenen TeilnehmerInnen in ein – nachhaltig – gutes Miteinander.

  1. Sprachliche Erfahrungen erzeugen

Narrative, Begriffe und symbolische Präsentationen sind entscheidend für die Wahrnehmung von Technologien.  Wie also sprechen, damit Technikoffenheit entstehen kann? Einiges habe ich dazu bereits an anderer Stelle gesagt.

  1. Vom Menschen aus Technik wahrnehmen

Statt die Technologien und technologische Szenarien den Menschen vorzusetzen, empfiehlt es sich, diese vom Menschen in den Blick nehmen.

  1. Kontextualisierungen schaffen

Technologien fallen nicht vom Himmel. Sie werden gemacht.

  1. Raum für Selbstdeutung ermöglichen

Egal, wie ich mich mit einem so wichtigen Thema auseinandersetze, es erschließt mir meine Welt. Wir kreieren Selbstdeutungen. Je vielfacettiger, desto variabler. Kunst leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Denn Kunst schafft immer Auseinandersetzungen auf mehreren Ebenen, sie wirkt per se entgrenzend, im besten Sinn subversiv und avantgardistisch, wenn sie nicht nur plakativ oder dekorativ sein will. Zu allen Zeiten hat die Kunst die Wirklichkeit befragt und überflügelt, das Mögliche und das Unmögliche perspektiviert. Wie stark die Künste längst mit Algorithmen oder Code experimentieren, ist noch gar nicht voll erfasst. Angefangen von Algoraves, über selbstlernende Bilder bis hin zu sozialkritischen Happenings.

  1. Bilder, Illustrationen, Filme etc. zur Wirkungsverstärkung einsetzen

Stimmige Bildwelten ermöglichen eine leichtere Aufnahme, stärkere Merkfähigkeit und höhere Glaubwürdigkeit.

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