Hat KI (nur) ein Imageproblem?

An „Künstlicher Intelligenz“* scheiden sich die Geister. KI-Propheten gibt es dabei auf beiden Seiten, sowohl unter den Promotoren als unter den Mahnern. Daher greift in mehrfacher Hinsicht zu kurz, wer den Bewertungsdiskurs um KI nur mit einer Imagekampagne angehen will.

1.     Epoché vs Epoche

KI markiert eine epochale Veränderung. Analog zu großen kulturverändernden Innovationen (vgl. Faustkeil, Schrift, Buchdruck) müssen Kulturkonflikte entstehen. Wer versucht, das vorschnell kleinzureden, wird weder dem historischen Ausmaß noch unserer aller Verantwortung, die daraus resultiert, gerecht. Die Einflüsse auf unsere Menschheitsentwicklung, auf unsere anthropozentrische Kultur sind unabsehbar, eine Epoché stünde uns ganz gut zu Gesicht. Es wäre arg naiv, gar manipulativ, sich kommunikationsstrategisch allein auf die ach-so-unproblematischen-feel-good-Anwendungen zu fokussieren. Zu den rhetorisch zigfach möglichen Angriffspunkten kommen Argumente in der Sache dazu: selbst die Verwendung einer Suchmaschine, so bequem es sein mag, dass sie mir favorisierte ‚zu mir passende‘ Ergebnisse liefert, zeigt im Kleinen die ganze Problematik der nicht absehbaren Folgen.

2.     Werte vs. Argumente

Was die Diskurse steuert, sind in Wahrheit nicht nur Argumente, sondern Werte. Erst aus diesen erhalten die Argumente ihre Gewichtung. Narrative können Argumente neu fokussieren, wenn sie die jeweiligen Frames, die mitschwingen gut und offen berücksichtigen. Einnehmende Versprechungen, die vorschnell zudecken oder verkaufen, entlarven sich bei der ersten misslungenen Bewährungsprobe selbst. Mit den bekannten kommunikativen Konsequenzen: auf verbrannter Erde blüht erst mal nichts mehr.

3.     Digital vs. Analog

Ja, es gibt eine, pardon, organische Nähe zwischen KI und Digitalität. Digital ist aber eben nicht identisch mit analog. Es gibt zwar schon heute mehr und mehr Formen der Verschmelzung, die eine genauere Betrachtung verdienten, weil sie eine ontologische Verschiebung mit bedeutenden Folgen beinhalten. (Ich werde versuchen, das an anderer Stelle auszuführen). Hier geht es aber vor allem darum, dass die Konzentration auf digitalaffine Kreise die Akzeptanz und realistische Einschätzung von KI verunmöglicht.

Ich habe in der Folge eines AI-Idea Sprints im Media-Lab Bayern ein Projekt für eine KI-Plattform mit dem Arbeitstitel NARRAITIVE vorgestellt. Selbstverständlich hat diese einen digitalen Hub, aber ein wesentliches Element darin, stellt ein KI-Magazin dar. Warum Print? Die Kraft des stehenden Bildes ist elementar. Sie nicht zu nutzen, ist nicht nur sträflich, sondern dümmlich. Kommunikative Images sind auch Bilder, die mitaktiviert werden und Wahrnehmungen stützen oder eben nicht. Initiativen wie der der Bundesregierung oder 1E9, fehlt meiner Meinung nach genau das. ADA und Google haben den Versuch unternommen, Print einzusetzen, allerdings mit anderen Ansätzen als mir vorschwebte.

Warum ist Print wichtig?

Die Menschen, die sehr bald von KI betroffen sein werden oder schon sind, bewegen sich nur sehr zum Teil in digitalen Magazinen, von Barrierefreiheit nicht zu reden. Print hat eine eigene Haptik und eine eigene Semantik, Papier spricht, Papier ist wie wir Menschen in Zeit und Raum, Papier eignet sich hervorragend, um Übergänge in digitale Welten – gleichsam in einem Saferaum aus Holz – experimentell erfahrbar zu machen. Wer das jetzt als total retro oder same-old-shit abtut, dem empfehle ich Künstler wie Daniel Rozin und seine Physical Pixl Daniel Rozin, Artist and Professor, Interactive Telecommunications Program, NYU, bei dem man sieht, wie Holz nicht per se ungeeignet ist, um sich modernen Fragen rund um Selbstwahrnehmung, technologische Selbsterweiterung usw. zu nähern. Hier ein schönes Video man kann ein Exponat aber auch gerade in Berlin im Museum für Kommunikation ausprobieren. Ich sah junge Mädchen, die überrascht waren, wie holzschnittartig ihre Instagram Posings in den hölzernen Pixeln wirkten….

4.     Konzeptsteuerung vs. Konzeptverhandlung

An aktuellen Fragen zu Positionierungen von Konzepten und Marken (Produkte, Arbeitgeber, Persönlichkeiten, Organisationen) sehen wir, dass einseitig steuernde Sender-Empfänger-Modelle obsolet sind. Auch Marken und Konzepte müssen ausgehandelt werden. Sehr konkret sieht man das nicht nur an Konzepten wie Klimaschutz, Mobilität, Arbeit, sondern ganz besonders an den Problemen der großen Organisationen, Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen. Wo es um substanzielle Inhalte geht, lässt sich nicht mehr ohne weiteres one-size-fits-all zusammennähen.

Was also tun, um das Bild von KI zu erweitern, mit größerer Beteiligung auszuhandeln? Denn nur das zieht automatisch eine Veränderung von Images nach sich. Fortsetzung folgt.

* Der Begriff ist in mehrfacher Hinsicht untauglich. Dier sachlich treffendere Bezeichnung der ADM-Prozesse allerdings im Alltag extrem sperrig. Für den Moment bleibe ich daher dabei.

Die Frage zu diesem Post hat @CécileSchneider auf LinkedIn angeregt. Dort erschien der Beitrag am 28.07.2019 zuerst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.