Neue Narrative für neue Technologien: Der Auftakt zu #KINarrative am 26.7.2019 in Berlin

Neue, positive Narrative für Künstliche Intelligenz finden – darf man das bei einer so kontrovers diskutierten Technologie? Ja, man darf. Vielleicht muss man es sogar, damit Menschen sich ein besseres Urteil bilden können.

Denn zur Bildung von einem Urteil – ich meine das etwas altmodisch anmutende, wohlbedachte Urteil, das Zeit braucht, das vor und zurückläuft, das gleichsam mäandert wie ein wilder Fluss, und nicht das schnell rausgehauene, stark vereinseitigende Vor-Urteil, das am liebsten aus jedem Gewässer einen Kanal machen würde  – zu diesem Urteil gehört eben auch, die guten und die schlechten Seiten zu sehen. Die Initiative, die kluge NetzwerkerInnen im Nachklang zu einem Microsoft KIFestival angestoßen hatten, versammelte am Freitag in Berlin 50 Menschen mit verschiedenen Ideen und Zugängen zu dem Thema.

Wo ganze Gesellschaften betroffen sind, sollten möglichst alle dazu beitragen, dass ein breiter gesellschaftlicher Diskurs geführt wird. Mit dem Wissenschaftsjahr 2019 verbinden sich viele gute Auftakte, aber es kann nicht schaden, wenn sich auch darüber hinaus weitere Spin offs in und aus Institutionen und Unternehmen engagieren. Insofern eine sehr gute Initiative, an der ich sehr gerne teilgenommen habe. Bevor sich die Teams selbst organisierten, um Zukunftsnarrative zu entwickeln, gab’s aber noch mal ordentlich Input: Eine Diskussion, moderiert von Gastgeberin Lena Rogl (Microsoft), mit Christiane Brandes-Visbeck (Speakerin und Autorin), Thomas Bendig (Forschungskoordinator Fraunhofer), Stephan Dorner (Chefredakteur T3n) und Pina Meisel (Kommunikation Microsoft). Christine Oymann schuf ein Graphic Recording, das die wichtigsten Dinge auf Strich und Punkt brachte. Der Impuls von Christiane Brandes-Visbeck begann treffend:

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen.

Erwachsenen zum Aufwachen.

Aufwachen hat gerade bei Thema KI eine schöne Doppeldeutigkeit, nämlich einmal im Sinne von wach werden, vielleicht sogar erschrecken, dann aber auch im Sinne von wach werden, aufwachen für die Möglichkeiten, die KI bietet.

Narrative sind Erzählungen, die auf Werten basieren und die Wahrnehmung leiten. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Beispeil: Im Narrativ von „KI nimmt uns die Arbeit weg“ steckt neben der Sorge um die künftige Arbeit eben auch Angst vor Kontrollverlust und Sinnverlust. Dass KI den Menschen aber entlasten kann, weil durch sie womöglich stupide, schwere und gefährlich Arbeit übernommen wird, so dass mehr Zeit für wirklich sinnvolle und menschenangemessene Arbeit bleibt, kommt in dem Narrativ „nimmt Arbeit weg“ zu kurz.

Und darum gings in den Sessions: Jedes der Teams nahm sich sein bevorzugtes Narrativ vor, diskutierte dessen mutmaßlichen Ursachen, lotete seine angrenzenden Felder aus und versuchte dessen auch enthaltene positive Seite zu formulieren. Möglichst in Twitterkürze.

Im TeamPink – mit Kathrin Bischoff, Katja Diehl, Cécile Schneider, Matthias Wrede und Topteamerin Dajahna Laube – zu dem ich gehören durfte, ging es um die Grundopposition von künstlicher versus natürlicher Intelligenz. Denn in ihr stecken verdeckt sogenannte Frames wie „unvereinbar“, „artfremd“, „unmenschlich“, „Intelligenzbestie“ usw.

Versteht man KI dagegen als eine von Menschen erdachte Kulturtechnik, die in einer langen Tradition medialer Technologien steht, ändert sich auch die Wahrnehmung: Angefangen vom Faustkeil, über die Schrift bis hin zum Buchdruck dienen diese dazu, die Welt zu erschließen. Dass jedes Medium auch Einfluss auf die Erschließung hat, wird niemand bestreiten. Zugleich erlaubt der größere kulturhistorische Zoom, die Technologie besser einzuordnen. Zum Vergleich:

Schrift

Ja, es stimmt, die Schrift nimmt dem gesprochenen Wort etwas von seinem Klang, seiner Kraft in situ, aber die Schriftsprache hat die Art und Weise unserer Welterschließung auch vergrößert.

Buchdruck

Ja, die Papyrosrollen hatten andere Qualitäten, sie ent-rollten ihre meist heiligen Weisheiten im Ritus (vgl. Thora), mit den ersten handgeschriebenen Kodizees zum Blättern verschwand ein Teil dieser Aura, dafür wurden diese multipler und leistungsfähiger. Vollends im Buchdruck, der ja sehr schnell gänzlich unsakrale, weltliche Stoffe vervielfältigte.

Kurzum: Das Werkzeug/Medium ist bekanntlich auch die Message.

Daher ist es wichtig, alle Medien der eigenen Zeit zu kennen, ihre Wirkweise zu verstehen und möglichst selbstbestimmt mit ihnen umgehen zu können. Im Altertum war das Schreiben besonderen Personengruppen vorbehalten. Noch im Mittelalter gab es in den Klöstern Schrift-Gelehrte und noch im 19. Jahrhundert war in den sogenannten illiteraten Ländern der Besuch bei einem Scriptor erforderlich, der wichtige Dokumente für einen verfassen konnte (Vorläufer der Notare) oder Briefe für analphabetisch aufgewachsene Menschen in einer Schreibstube schrieb. Heute sind es die Coder, die zum Beispiel die Apps schreiben, weil die Technologiesprache Code bisher nur von einer kleinen Gruppe beherrscht wird. Auch der Code prägt die Weltsicht. Es ist wichtig zu verstehen, dass Codes nicht „die Wirklichkeit“ wiedergeben, sondern sie strukturieren.

Es dürfte ein langer Weg sein, um die Kulturtechnik, mit Codieren Daten aufzubereiten und unsere Welt besser zu erschließn, vollumfänglich von uns verstanden wird. Erst recht, wenn wir mehr und mehr abgeben und Algorithmen selbst neue Algorithmen schreiben. Auf dem Weg dahin wird sich KI einfach entwickeln, genau wie Schrift bereits zum Einsatz kam, noch bevor sie in der Breite kundig verwendet werden konnte. Aber als die Mehrheit endlich schreiben konnte, hat sie von ihrem Recht auf persönliche Welterschließung Gebrauch gemacht. Und selbst Geschichte geschrieben.

Mir sind etliche Fragen gekommen und ich habe etliche Antworten mitgenommen. Herzlicher Dank an alle Menschen und Maschinen, die dazu beigetragen haben.

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