Künstliche Intelligenz (KI) und kindlicher Spracherwerb

Kinder sind keine Erwachsene. Nicht mal en miniature. Genau das macht sie für Künstliche Intelligenz so interessant. Paradox: Jahrtausende erschienen Kinder als unreif und unfertig. Unbrauchbar für die Welt der Wissenden. Heute, erst recht Morgen oder Übermorgen, spielen die Kleinen in der Welt der Großen.

Weit entfernt, die Sprösslinge als defizitär aufzufassen, interessieren sich KI-Forscher für Kinder, gerade weil sie die erwachsenen Denkmuster noch nicht etabliert haben.

Der Grund liegt im Lernverhalten der Jüngsten: Messerscharfe Logik, bestechende Schlussfolgerungen, überraschende Wortneuschöpfungen und nachvollziehbare Auffassungen – Kindermund tut Wahrheit kund. Und zeigt jede Menge sprachlicher Phantasie.

  • Opa ist am Kopf barfuß.
  • Wenn wir kein Geld mehr haben, kaufen wir uns eins.
  • Papa, ich hab dich soo lieb!« »Das ist aber nett, dankeschön. Sag das doch auch mal zur Mama, die freut sich bestimmt auch.« »Mama, ich hab den Papa soo lieb!
  • Mama, Torsten auch Kuchen bügeln.
  • Opa hat Krebs. Vielleicht wird er ja wieder gesund, wenn wir den Krebs ins Wasser setzen.

Wie das kindliche Gehirn sich die Welt erschließt, ist im Kontext maschinellen Lernens wertvoll. Denn die Taxonomien, Begriffe, Zuordnungen oder Schlüsse, die es bildet, geben auch Aufschluss über Mustererkennung. Beim kindlichen Spracherwerb zeigt diese sich im Wortsinn status nacsendi. Informatiker, Neurologen, Sprachwissenschaftler und andere erkennen Analogien, die sie zur Verbesserung maschinellen Lernens und künstlicher Intelligenz mindestens heuristisch einsetzen können.

Kinder sind Kinder

Es dauerte, bis Philosophie und Pädagogik Kindheit anders als vom Konzept des miniaturisierten Erwachsenen betrachteten. Das hatte Einfluss auf die Sprache. Das Grimmsche Wörterbuch hält fest:

„In neuerer zeit wird kindisch von kindlich so unterschieden, dasz es nur tadelnd gilt (wie weibisch im verhältnis zu weiblich u. a.). dieser unterschied ist nicht alt; scharf ausgeprägt erscheint er erst im 18. jh. und auch da noch nicht durchgeführt.“

Jean Jaques Rousseau war daran maßgeblich beteiligt. Er erkannte früh die Spezifik und im Laufe des 18. Jahrhunderts entstanden genuin kindgerechte Räume, reale wie metaphorische. Ob es gut ist, Kinder aus der Welt der Erwachsenen zu isolieren, ist zwar umstritten, doch dass sie auf ihre Weise lernen und sich die Welt aneignen, nicht. Ansteckend, die kindliche Freude, mit Sprache zu experimentieren. Damit meine ich nicht das lautliche Lernen und Brabbeln, dessen Bedeutung für Spracherwerb unverzichtbare Voraussetzung ist. Ich meine den Erfindungsreichtum, wenn es darum geht, sich neue Worte auszudenken, gerne Komposita, die die schlimmsten aller kindlich denkbaren, weil von den Erwachsenen gerne tabuisierten, fäkalen Schimpfworte betreffen.

Kinder sind Spracherfinder

Je älter Kinder werden, desto seltener zeigt sich dieses Vermögen. Hier stellt sich die Frage, ob der Verlust latent ist, und wie ein untrainierter Muskel reaktiviert werden kann, oder als quasi-absolut, gelten muss. Im Sinne der Piagetschen Entwicklungsfenster wäre die Kompetenz nur sehr viel schwerer oder gar nicht mehr erlernbar.

Je besser Kinder Sprechakte beherrschen, desto seltener finden sprachliche Experimente statt. Der Grund ist relativ einfach. Abweichungen von der Norm gestalten sich als weniger effektiv. Reduziert auf das „schnelle“, „exakte“, „alltägliche“ Sprechen und Verstehen, kurz Kommunizieren, erweist sich dieser Erfindungsreichtum als unbrauchbar.

Heißt erwachsen dann also weniger innovativ, weniger explorativ in Bezug auf Sprache? Lohnenswert ist die Frage nach dem Zusammenhang von Spracherwerb, sprachlicher Horizonterweiterung und Weltsicht in jedem Fall. J.G. Herder, W.v. Humboldt, L. Wittgenstein bilden die Vordenker des späteren Linguistic Turn, auch, wenn bei allen Denkern sehr verschiedene Motive, Erkenntnissinteressen und Theoriegebäude zugrunde liegen. Das Wittgensteinsche Theorem, dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt sind, hat der Sprachwissenschaft, genauer gesagt, der Linguistik, zu neuen Ehren in Digital Humanities und Informationswissenschaft verholfen.

Viele Sprachen, viel Welt

Es gibt aber Felder, in denen wir sehr schnell merken, dass die eigene Sprache nicht das einzig mögliche Spracherfassen ist.

  1. In einer fremden natürlichen Sprache
  2. In einer Geheimsprache
  3. In nicht ausschließlich nutzen- oder funktionaler Sprache

Letzteres umfasst den gesamten Bereich des künstlerischen Sprechens – also Literatur, Theater, Liedtexte oder Poesie. Nicht von ungefähr sind Sprachbilder oder Metaphern der Ort besonderer Erfahrbarkeit sprachlicher Kühnheit, aber nicht nur. Alle Eigenschaften, die Sprache inhaltlich, strukturell und formal ausmachen, also etwa Lexeme, Morpheme, Rhythmus, Klang etc. eignen sich zum Experiment. Dass der Dadaismus sich auf die früheste kindliche Erkenntnislautung – das Da, da – bezieht, kann insofern nicht überraschen.  

Im Spracherlernen zeigen Kinder – genau wie alle anderen Jungtiere – Neugier, Spieltrieb, Experimentierfreude, Wagemut. Diese Eigenschaften sind eine unverzichtbare Eigenschaft, um den Status quo zu überschreiten und in die Welt des Möglichen vorzudringen. Manchmal unter Verzicht auf rasche Vereinheitlichung.

Auf die Frage „Kommst du mit spazieren?“ bekommen Fragende schneller eine Antwort als auf den Sprachakt: „Komm in den totgesagten Park und schau/der Schimmer ferner lächelnder Gestade/der reinen Wolken unverhofftes Grau“ usw.

Etwas abweichend vom Akzeptierten oder Gewohnten zu sagen, kann nicht nur zur Poetisierung der Welt beitragen. Ganz im Gegenteil sehen wir ja gerade, wie schnell sprachliche Experimente irritieren und zum Streit führen können: nicht nur das Gendersternchen lässt grüßen. Die Beispiele, in denen Sprechhandeln zu Ablehnung, ja Kriegen führen können, beginnen oft schon beim bloßen Namen eines Landes. Dennoch lässt sich Sprache nicht festhalten. Denkmuster sind immer auch Ausschluss von Neuem, Anderen, vielleicht Besserem, womöglich Schlechterem.

Veränderung kann als deviant, als abweichend von der Norm erfahren werden. Doch ohne Normabweichung keine Veränderung. Kinder lernen ja nicht ohne Bezug auf die etablierte Sprache sprechen Die historisch katastrophalen, ethisch verwerflichen Experimente an Kindern, die man ohne Sprache aufwachsen ließ, weil man herausfinden wollte, welche Sprache sie „von selbst“ sprechen, zeigen das deutlich.

In diesem Sinne ist nicht-Erwachsen-Sein beides: Unfertig, aber eben auch un-fertig (virtuell). Kinder als Erwachsene im Pilotstadium aufzufassen, würde ihrer genuinen Eigenständigkeit nicht gerecht. Gleich, von welcher Seite man sich mit dem Konzept „Kind“ beschäftigt – dekonstruktivistisch, neurowissenschaftlich, biologisch, anthropologisch, pädagogisch, ideengeschichtlich, sprachwissenschaftlich, mystisch, religiös – mir scheint, was uns am Kindlichen fasziniert, ist etwas Dialektisches. Etwas, das uns zugleich gegeben ist und genommen wird. Paradoxerweise liegt im Konzept des Kindlich-Virtuellen eine Art Zukunftsgegenwart.

Die Bibel ist übrigens nicht ganz unbeteiligt an der besonderen Stellung, die dem „Kind“ zukommt. Sie tradiert sowohl die alte Linie des noch-Unfertigen (Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war. Einheitsübersetzung 1 Kor, 13,11) als auch des (eschatologisch) ganz Neuen (Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder Mt, 18,3)

Dieser Beitrag erschien zuerst in meinem Blog NatürlichKünstlich.

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