Wie Fotografen Künstliche Intelligenz (KI) inszenieren und was in Wirklichkeit Sache ist (Teil 3).

KI verhilft uns zum Schlaraffenland. Denn die algorithmisch aufgeschlaute Maschinen übernehmen alle anstrengenden, zeitraubenden und gefährlichen Aufgaben. Im Land, wo Milch und Honig fließen, fliegen uns die frisch gebraten Hühnchen bald auf Zuruf in den Mund. Frieden, Frohsinn und Ausgelassenheit gehören auf jeden Fall im Garten Eden dazu. Fragt sich, wie setzen Fotografinnen und Fotografen das ins Bild? Mit kindlichen Paradiesen! Teil 3) meiner Befunde aus Bildagenturen: Wichtel und Spielzeuge.

Welche Narrative entstehen rund um KI? Was sagen sie über den Stand unserer Beziehung zur neuen Technologie aus? Neben Sprache formen Fotografie und Film als wichtige Quelle den Diskurs um KI ästhetisch mit. In Bezug auf Leistungsfähigkeit und Akzeptanz von KI scheint das Spiel offen. In einem starken Narrativ inszenieren Momentaufnahmen die Roboter als Wichtel oder Spielzeuge.

Industrie 4.0 auf Retro. Quelle: iStock

Wichtel und Spielzeuge

Gebaut aus Kartons, Metallfundstücken oder Elektroschrott orientieren sich Fotografinnen und Fotografen am aufziehbaren Blechspielzeug und an mechanisierten Pappmachefiguren um 1900. Bewusst oder unbewusst berufen sich beide Varianten auf die Anfänge der Automatisierung, auf die Industrie 1.0. Begeistert von den neuen Möglichkeiten reagierten auch damals die Spielzeuge auf die massenhafte Mechanisierung durch Dampf- und Wasserkraft. Mit dieser beinahe schon nostalgischen Reminiszenz schaffen die Fotokünstler einmal den Bezug zur Industriegeschichte, stellen sich in die Tradition des Fortschritts. Zum anderen zitieren sie die unschuldige Variante der Technologie.

Die Gestalt des pfiffigen Tüftlers, der drollige aber visionäre Roboter zusammenschraubt, ist weit davon entfernt, bedrohlich zu sein. Sehr viel Phantasie und noch mehr Wohlwollen ist erforderlich, um über die konstruktiven Mängel und Fehler der Kreaturen hinwegzusehen. Er scheint ein ewig kindlicher Bastler und Hobbyerfinder zu sein, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Hierzu gehören auch die vielen Kinderforscherbilder.

In der Inszenierung Spielzeug vereinen sich zwei Linien. Die eine Linie führt zu den Robo-Helferlein. Sie werden überwiegend für einfache Dienste eingesetzt und sind die Heinzelmännchen des Hightechzeitalters. Sie reinigen Böden, mähen Rasen, säubern Reinräume, reparieren Maschinen, transportieren Lasten, liefern Pizza – kurzum, sie können gar nicht böse sein. Ihre Ahnen sind Robbi Rob 344-66/3A (aus der Sendung Robbi, Tobbi und das Fliwatüt, 1967), der Astromech-Droide R2-D2 (aus Starwars, 1977) und der Müllroboter WALL-E (aus dem gleichnamigen Film von Andrew Stanton, 2012).

Die andere Linie führt zu den begehrenswerten, unerschwinglich teuren Spielzeugen, die sauber aufgereiht und glänzend im Regal stehen. Sie sind die heimlich ersehnten Objekte der kindlichen Begierde und erinnern die Betrachter an vergangene Zeiten, in denen sie sich sehnsuchtsvoll die Nase an einer Schaufensterscheibe plattdrückten. Je unerreichbarer es aus der Kinderperspektive scheint, umso mehr gewinnt es an persönlichem Wert. Hier wurzeln alle spät realisierten (Konsum-)Träume. Endlich, als Erwachsener kann man sich gönnen, was einem als Kind so lange verwehrt blieb. Das Narrativ in dieser Linie ist „Endlich, ein Traum wird wahr!“

Die Inszenierung von KI als Spielzeug oder prägt das KI-Narrativ mit Assoziationen wie:

  • Niedlich, drollig, gewitzt
  • nützlich, mühelos, arbeitserleichternd
  • ungefährlich, harmlos, spielerisch
  • Konstruktionsfehler als Anfängerschwierigkeiten
  • Ersehnt und wohlverdient.

Fazit

Spielzeuge und Wichtel führen uns zurück ins Märchenland der Phantasie. Hier kann ein Pappkarton ein Luxusflugroboter sein und zwei Blechbüchsen bilden ein Walky talky zu Außerirdischen. In aller Regel ist der Kontakt zu fremden Intelligenzen durchweg positiv. Damit bedienen die Spielzeug- und Wichtelinszenierungen einen uralten Menschheitstraum – die Rückkehr ins Paradies. Hier ist alles wohlgesonnen, ja friedfertig, es gibt keine bösen Absichten und schon gar nichts, das technisch außer Kontrolle geraten kann. „Der will doch nur spielen!“ scheint über allem zu stehen, man muss nur genügend kindliche Phantasie haben, um es zu sehen.

Dürfen wir Erwachsenen uns also auf ein dolce vita freuen?

Kinder sind ein beliebtes Motiv des Spielzeug-Konzepts, mehr als Erwachsene, scheint es. Im Kontext von KI kann das nur teilweise überraschen. Warum? Erstens sind Kinder jung, das heißt, ihre Zukunft wird eine andere als die vieler heutiger Entscheider sein. Zweitens zeigen Kinder naturgemäß zwei Haltungen, die einen chancenorientierten Umgang mit KI fördern: Spieltrieb bzw. Neugierde und Offenheit bzw. Unvoreingenommenheit. Hierzu zählen auch all die Bilder, die Kinder, Softwaredesigner oder Ingenieure an halbfertigen oder zerlegten Bauteilen zeigen. Sie sind Garanten im Narrativ: alles eine Frage der Perspektive. Die Antwort auf die Frage nach dem süßen Leben ist vermutlich stark auslegungsbedürftig. Sie lautet: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.

Zu Teil 1) Demiurg und Alter Ego geht es hier.

Zu Teil 2) Beste Freunde geht es hier.

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